Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die politische Revolution im Aufschwung

Inprekorr Nr. 176/77, Sondernummer, Januar 1986 · S. 10-13 · 3.956 Wörter

Stalinismus und Bürokratie Polen Gewerkschaften und Streiks Jugend und Studenten

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Die politische Revolution —die selbstverwaltete und unabhängige Gewerkschaft Solidarość —haben die fortgeschrittensten Errungenschaften der bisherigen im Aufschwung Massenbewegungen weit überholt: die von den Streikkomitees geführten Bewegungen in der DDR 1953, die von Arbeiterräten geführten Bewegungen in Ungarn und Polen 1956 und die der Tschechoslowakei 1968/69.

Von allen politischen Revolutionen, in denen sich Arbeiterinnen und Arbeiter gegen die totalitäre Macht der Bürokratie in den bürokratisierten Arbeiterstaaten aufgelehnt haben, ist die polnische Revolution vom August 1981 dasentwickeltste Beispiel. Auch wenn esfalsch Die antibürokratische Revolution in Polen 1980/81 hat sich unter ist anzunehmen, daß es eine lineare Entwicklung eines jeden revolu- Bedingungen entwickelt, von denen einige spezifisch sind und einen tionären Aufstands in den Arbeiterstaaten gibt, so ist doch klar ihre unleugbaren Einfluß auf den Verlauf der Revolution hatten: aufsteigende Entwicklung erkennbar, ihre Tendenz, in der Praxis die a) Der hohe Industrialisierungsgrad Polens und die entsprechende Frage der Machtergreifung und des Sturzes der bürokratischen Herr- Formierung der Arbeiterklasse, deren entscheidende Rolle und soziaschaft zu stellen. le Stärke sich auf eine starke betriebliche und regionale Konzentra- In keinem früheren Fall — vielleicht mit Ausnahme von Ungarn tion stützt (gewisse Betriebe beschäftigen einige zehntausend Perso- 1956 — haben die Arbeiterinnen und Arbeiter sich die Aufgabe 'nen). Das massive Einströmen von ehemaligen Landarbeitern in die gestellt, die wirtschaftliche und politische Macht direkt in ihre Hände Industriebetriebe hat im Gegensatz zu den Erwartungen der Bürozu nehmen. kratie nicht dazu geführt, das politische Erwachen der Arbeiterklasse

Nie zuvor wurde so breit über Möglichkeiten und Taktiken zur zu bremsen. Stattdessen hat die Gesellschaft insgesamt einen Proleta- Erreichung dieses Zieles diskutiert. Gewiß, dieses Reifestadium risierungsprozeß durchlaufen, der der bürokratischen Herrschaf! wurde erst in den letzten sechs Monaten, ja erst in den letzten das Grab schaufelt.

Wochen vor der Einführung des Kriegsrechts erreicht. Die Führung b) Die Tradition und die Erfahrung, welche die Arbeiterklasse in von Solidarność ist nicht dazu gekommen — auch in den Stundenvor den bisherigen Kämpfen und Aufständen gegen die bürokratische der Einführung des Kriegsrechts nicht — eine Strategie der Machter- Macht gewonnen hat (in Poznan 1956, Gdansk und Szczecin 1970, greifung zu entwickeln. Aber Arbeiterinnen und Arbeiter sowie die Radom und im Werk Ursus bei Warschau 1976) haben ihr Bewußtsein Führung der Massenbewegung haben erkannt, daß sich die Machtfra- gestärkt und bewirkt, daß sie ge stellt, und haben begonnen, darüber zu diskutieren, wie dieses jegliches Vertrauen in die Bürokratie oder in einzelne ihrer Problem gelöst werden kann. Fraktionen verloren hatte und nicht mehr glaubte, daß diese die Diese historisch wichtige Tatsache unterscheidet die polnische Interessen der Arbeiterklasse vertreten könnte. Der Mythos vom Revolution von den bisherigen und stellt einen qualitativen Fort- „Mann der Vorsehung", wie er in der Vergangenheit durch W. schritt in der Entwicklung der politischen Revolution insgesamt dar. Gomulka (1956 - 1970) und E. Gierek (1970 - 1980) dargestellt wurde, Die polnische Massenbewegung und ihre wichtigste Organisation ist zerronnen.

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- aus der eigenen Erfahrung die Grenzen einer spontanen Bewegung und die Notwendigkeit der Selbstorganisierung erkannt hat; zu einer neuen Kampfform übergegangen ist: dem Massenstreik mit Betriebsbesetzung. Die Erfahrungen mit den Selbstverwaltungsbewegungen der Arbeiterinnen und Arbeiter von 1944/45 und von 1956/57 hatten eine Tradition des Kampfes um Arbeiterkontrolle und Selbstverwaltung in den Betrieben geschaffen. Diese Erfahrungen haben es der Revolution 1981 erleichtert, den Weg der Arbeitermacht in den Betrieben und im Staat zu finden.

c) Die relative Schwäche der Herrschaft der Bürokratie, die nicht nur einer starken und erfahrenen Arbeiterklasse gegenüberstand, sondern darüberhinaus auch in der Gesellschaft ihre Hegemonie nicht mehr durchzusetzen vermochte. Polen ist ein Land, woestrotz der Zwangskollektivierung nicht gelungen ist, die Bauernschaft der bürokratischen Macht zu unterwerfen.

Der bäuerliche Familienbetrieb ist der wichtigste Sektor der polnischen Landwirtschaft. Er gibt beträchtlichen Spielraum und erleich tert den Widerstand gegen den Staat. Zudem haben die Stärke unc der Einfluß der katholischen Kirche ein dauerhaftes Widerstandspo tential geschaffen, mit dem die Bürokratie einen Kompromiß anstreben muß, der sich auf einer ebenso instabilen wie ständig neu auszuhandelnden Grundlage bewegt.

Zwischen 1971 und 1980 — vor allem nach der Arbeiterrevolte von 1976 - versuchte die Kirchenhierarchie, den Rückgang ihres gesellschaftlichen Einfluß dadurch zu bremsen, daß sie sich eine Basis in der Arbeiterklasse aufbaute. Die Bauernschaft als traditionelle Basis Katholizismus schmolz in einer sich schnell industrialisierenden & verstädternden Gesellschaft rasch dahin. Das Episkopat ging deshalb zur Verteidigung von Arbeitern über, die der Repression des Regimes zum Opfer gefallen waren. Es unterstützte in mehreren Fällen Demokratisierungsforderungen und griff Bestrebungen zur Anderung der Arbeitsgesetzgebung auf (speziell die Forderung nach geregelten Arbeitspausen, für das Recht auf Bildung unabhängiger Gewerkschaften usw.).

Diese Politik förderte das Wiedererstarken des Katholizismus, weil die Kirche nun als Bündnispartnerin und Unterstützerin der Unterdrückten erschien. Die Stärke der katholischen Kirche, die so als politisches und ideologisches Gegengewicht zur Bürokratie erschien, förderte auch die Entwicklung einer Vielzahl von Weltanschauungen und erleichterte die Verbreitung kritischen unabhängigen Gedankenguts in der Gesellschaft.

Doch auch wenn die fehlende monolithische Kontrolle über die Gesellschaft die Entfaltung autonomer Bewegungen erleichtert hat, hat die grundsätzlich konservative Rolle der katholischen Hierarchie dennoch den revolutionären Prozeß gebremst.

d) Eine immer enger werdende Zusammenarbeit der Bürokratie mit gewissen kapitalistischen Kreisen. In den 70er Jahren wurde die polnische Wirtschaft finanziell und technologisch immer stärker on Imperialismus abhängig, was dazu führte, daß Teile der Bürokraenge Beziehungen zum ausländischen Monopolkapital knüpften und sich dadurch korrumpieren ließen. Auch haben Teile der Bürokratie enge Beziehungen zu gewissen Sektoren der mittleren Bourgeoisie in Polen selbst aufgenommen, die durch Spekulation bedeutendes Handelskapital akkumulieren konnten.

Ebenso hat die Bürokratie die Entwicklung eines kapitalistischen Sektors in der Landwirtschaft begünstigt, mit dem sie enge Beziehungen unterhält. Sie hat sich ein gesetzliches Erbrecht an einigen ihrer Privilegien gesichert. (1972 wurde eine Einkommens- und Rentengarantie bis in die dritte Generation für die Personen geschaffen, die in Staat und Partei eine leitende Funktion einnehmen.) Die Bürokratie hat sich mehr und mehr den Werten der bürgerlichen Gesellschaft angepaßt und die Propaganda für das Modell einer Konsumgesellschaft vorangetrieben. Sie erwies sich als unfähig, dieses Modell zu einer dauerhaften Realität zu machen und verstärkte damit Frustrationsgefühle in der Gesellschaft.

Eine unvorhergesehen schwere Wirtschaftskrise in der Geschichte der bürokratisierten Arbeiterstaaten, die sich am deutlichsten in einem Rückgang des Bruttosozialprodukts um 25 % zwischen 1979 und 1981 bemerkbar machte. Diese Krise hat soziale und politische Ursachen; die technologischen Fehlentscheidungen der Regierung Gierek spielten dabei nur eine zweitrangige Rolle. Es handelt sich vielmehr um eine Krise der bürokratischen Verwaltung der Produktion. Auf der einen Seite ist der gesellschaftliche Charakter der Produktion ständig gewachsen, und riesige Produktionsmittel sind Staatseigentum. Andererseits erfreut sich eine privilegierte Minderheit eines Monopols über den Einsatz der Produktionsmittel und die Verwendung des gesellschaftlichen Mehrprodukts, wobeisie darüber im Interesse von Individuen, Gruppen und Kasten verfügt. Bürokratische Privilegien kommen mit der Besetzung von Posten, und jeder Apparatschik ist sich dessen bewußt, daß der Verlust von Privilegien mit dem Verlust von Posten einhergeht. Nur die Herstellung eines günstigen Kräfteverhältnisses — cines Bündnisses mit anderen Mitgliedern des Apparats — kann die Sicherung des eigenen Postens ermöglichen. Dieser Umstand führt zu konkurrierenden Cliquen innerhalb der Bürokratie. Um die Privilegien für ihre Seilschaft zu erhalten, müssen sich die Cliquen dauernd zu Lasten ihrer Konkurrenten stärken. Sie versuchen ein Maximum an Investitionen in diejenigen Bereiche zu lenken, die sie kontrollieren, um so die Zahl der Posten für ihre Clique zu steigern. Diese soziale Erscheinung untergräbt und sabotiert die Planung beträchtlich, weil der Plan zum Kampffeld der Interessen verschiedener bürokratischer Lobbies wird. Während das Auftreten divergierender bürokratischer Cliquen zu einer allgemeinen Erscheinung in den von einer Bürokratie beherrschten Ländern wird, erreichte sie ein besonders krasses Ausmaß in Polen. Ein wichtiger Grund dafür war die Schwäche der Regierung um Gierek, die bereits 1971 einer Welle von Arbeiterprotesten ausgesetzt war und diesem Druck nachgab (Abschaffung der Preiserhöhungen und Einfrieren der Preise nach den Streiks in Lodz im Februar 1971). Eine weitere Rolle spielte die erste Fassung des Wirtschaftsplan für die Jahre 1971 - 1975, der erst 1973 definitiv verabschiedet wurde. Die Kontrolle des bürokrazischen Zentrums über die Wirtschaft war sehr geschwächt — und so konnten verschiedene bürokratische Cliquen ihre Investitionspläne durchsetzen, indem sie von der Annahme westlicher Kredite profitierten, ihre Positionen dadurch absicherten und jede Rückkehr zum vormaligen innerbürokratischen status quo verhinderten. Die Planung wurde mehr und mehr nur formal, und die illegalen Geschäfte zwischen verschiedenen Branchen, Unternehmen und Wirtschaftsvereinigungen nahmen genauso zu wie die Lücken und Rückstände im Plan, die dessen regulierende Rolle stark relativierten. Die Zunahme von Versorgungsengpässen, die infolge der enormen Verschwendung innerhalb des Systems und der größeren Schwierigkeiten, neue Westkredite zu erhalten, auftrat, förderte die Entwicklung von pressure groups. Es wurde für ein Unternehmen immer schwieri-, ger, wenn nicht gar unmöglich, sich auf die Planung zu verlassen, wenn man Materiallieferungen und Nachschub brauchte. Die haltlose Flut von Investitionen, die Polen unter dem Eindruck der bürokratischen pressure groups heimsuchte, führte zu einem rapide sinkenden Anteil des Konsums am Nationaleinkommen zugunsten der Kapitalakkumulation. Unter den Bedingungen eines Preiserhöhungsstopps, den die Arbeiterklasse durchgesetzt hatte. führte dies wiederum zu Engpässen bei der Versorgung mit Konsumgütern. Dies hatte sinkende Produktivität und wachsende Unzufriedenheit in der Arbeiterklasse zur Folge. Die Verhandlungen über die Rückzahlung der Westkredite (die hauptsächlich in der Periode von 1972 - 1974 aufgenommen worden waren) und die teilweise aus der Wirtschaftskrise im Westen herrührende Unmöglichkeit, neue Kre. dite zu bekommen, erzwang eine Abnahme der Importe, vergrößerte die Knappheit an Rohstoffen, Industriegütern und Ersatzteilen und führte so zum Rückgang der industriellen Produktion. So begann die Spirale der Rezession. Die Regierung Gierek versuchte aus dieser Situation herauszukommen, indem sie den Lebensstandard der Arbeiterklasse angriff — sie hatte jedoch nicht die Kraft dazu, dies in eine erfolgreiche Politik umzusetzen.

f) Die Existenz von Oppositionsgruppen, deren Aktivitäten innerhalb der Arbeiterklasse die Bürokratie seit den Arbeiterrevolten von 1976 zumindest teilweise dulden mußte, spielte eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung des August 1980.

Die Gründung des „Komitees zur Verteidigung der Arbeiter" (KOR) in Solidarität mit den Streikenden von 1976 und Opfern bürokratischer Repressionsmaßnahmen ermöglichte eine dauerhafte Aktivität zur Verteidigung demokratischer Rechte, insbesondere des Streikrechts und der Organisationsfreiheit. In der Periode von 1976 bis 1980 war das KOR ein Symbol für die Möglichkeit gemeinsamer und unabhängiger Aktivitäten gegen die repressiven Übergriffe des Regimes. Das KOR hatte eine breite politische Debatte eingeleitet, aus der sich die Frage nach der Notwendigkeit einer autono-

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men Mobilisierung der Gesellschaft und vor allem ihres unterdrücktesten und aktivsten Bestandteils, der Arbeiterklasse, entwickelte. Indem es auf dem Ziel der Selbstverwaltung und auf der Notwendigkeit sozialer Selbstverteidigungsorganisationen und freier Ge werkschaften beharrte, fand das KOR trotz seiner numerischen Schwäche ein breites Echo innerhalb der Arbeiterklasse. Durch Hilfe bei der Erstellung von Arbeiterzeitungen und dem Aufbau von Untergrundgewerkschaften trug das KOR dazu bei, daß die Vielfalt der Arbeiterkämpfe in den Jahren 1976 bis 1980 in eine gemeinsame Erfahrung einer neuen Avantgarde umgewandelt wurde; - eine offene Debatte über Strategie und Taktik im Kampf gegen die Bürokratie geführt wurde und der Kampf für Tagesforderungen auf die Perspektive der Organisierung, Autonomie und Demokratie innerhalb der sozialen Bewegung ausgeweitet wurde. Zusätzlich zum KOR, das die bekannteste Oppositionsgruppe war, müssen ebenfalls die Untergrund-Arbeiterzeitungen Robotnik, Robotnik Wybreza und andere Erwähnung finden.

Die Oppositionsgruppen und -zeitungen brachen die Isolierung der kämpferischen Arbeiter auf, förderten den Erfahrungsaustausch und die Entwicklung einer Forderungsplattform und popularisierten die Idee einer freien Gewerkschaft. Sie spielten somit eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung des August 1980. Sie organisierten eine beständige Verteidigung von Arbeitern, die der Repression der Bürokratie zum Opfer fielen — oftmals erfolgreich — underleichterten so die Wiedergeburt einer Arbeiterbewegung in Polen. Schließlich spielte die Ausarbeitung eines „Aktionsprogramms der Arbeiter" gemäßigt es auch war, durch Robotnik und die Gruppe Charta für Arbeiterrechte™ eine sehr große Rolle bei der Politisierung und Vereinheitlichung der breiten Arbeiteravantgarde. . Trotzdem fand der Sieg der Arbeiter im August 1980, der über den von den Oppositionsgruppen bis dahin ausgearbeiteten strategischen Rahmen hinausging, das KOR unvorbereitet und als Nachzügler der Massenbewegung vor. Die Gruppierungen, die sich aus dem KOR entwickelt hatten und ebenso die anderen Gruppierungen der Opposition spielten nicht länger die Avantgarderolle, die Robotnik und das KOR die Jahre zuvor eingenommen hatten. Im Gegenteil, die Strategie der „Selbstbeschränkung der Revolution", die von Aktivisten des KOR und von Robotnik befürwortet und ebenso von den Beratern wie von den Führern von Solidarność unterstützt wurde, wirkte dauernd als Bremse der Bewegung und ist hauptsächlich für ihr Scheitern verantwortlich.

2.

Die polnische Revolution hat sich von Anfang an durch folgende Punkte qualitativ von den bisherigen politischen Revolutionen in Osteuropa unterschieden:

• Sie war eine Massenbewegung von enormen Ausmaßen. Fast zwei Millionen Arbeiter und Arbeiterinnen haben direkt an den Streiks von Juli und August 1980 teilgenommen. Mehr als zehn Millionen Arbeiter und Arbeiterinnen — ein Drittel der gesamten Bevölkerung Polens - haben im März 1981 aktiv an der Vorbereitung des Generalstreiks teilgenommen, der im letzten Moment abgesagt wurde. Im Herbst 1981 hat praktisch die gesamte studentische Jugend an den Universitäten gestreikt. Auch in der Bauernschaft ist es zu bedeutenden Mobilisierungen gekommen, wenn sie auch zersplitterter und weniger bedeutend waren als die in der Arbeiterschaft. Von unvermeidlichen Schwankungen abgesehen hat der revolutionäre Aufschwung lange angehalten. Erst nach 18 Monaten Revolution hat sich die Bürokratie entschlossen, zum Mittel der Gewalt zu greifen und den konterrevolutionären Militärputsch durchzuführen. Am 13. Dezember 1981 war die Revolution nicht geschlagen, und sie war nicht im Rückgang begriffen. Im Gegenteil, schon seit einigen Wochen befand sich die Massenbewegung in einer neuen aufwärtsstrebenden Phase der Radikalisierung. Das ganze Land steckte in einer revolutionären politischen Krise. Die ersten Tage nach dem Staatsstreich haben gezeigt, daß die revolutionäre Kraft der Bewegung keineswegs erschöpft war. Obwohl die Führung und die Organisationsstrukturen von Solidarność gewaltsam aufgelöst wurden, nahm der Widerstand gegen die Militärdiktatur praktisch die Form eines Generalstreiks an. Die Polizei und die Armee mußten den Streik in unzähligen Betrieben, vor allem in den Minen, mit Gewalt auflösen. • Die polnische Bewegung war vor allem eine proletarische Bewegung. Die Arbeiterklasse war nicht nur die größte treibende Kraft der Bewegung, sie war auch die führende Kraft. Diese unbestreitbare Tatsache wird von allen anderen führenden Sektoren anerkannt, die an der Revolution teilnahmen: von den aufständischen Studenten, von den demokratischen Intellektuellen vom städtischen Kleinbürgertum wie von den aktiven Schichten innerhalb der Bauernschaft. Die Industriezentren waren das Zentrum der Massenbewegung, die Fabriken waren die Festungen der Revolution. Sie gaben das Beispiel in Bezug auf die Kampf- und Organisationsformen, die Forderungen, den Rhythmus der Mobilisierung. Sie drückten der Revolution einen proletarischen Stempel auf. Alle nichtproletarischen Teile der Bewegung wußten, daß ihr eigener Erfolg oder Mißerfolg völlig von der Unterstützung der großen Fabriken abhing.

• Die Bewegung hatte einen organisierten Charakter, obwohl sie weitgehend von spontanen Tendenzen genährt wurde. Den höchsten Organisationsgrad erreichten die Lohnarbeiter: 9,4 von 13 Millionen waren Mitglieder von Solidarość. Am besten organisiert waren die Arbeiter in der Großindustrie. In den anderen sozialen Schichten war der Organisationsgrad bedeutend niedriger. So hat sich nur eine Minderheit der Bauern- und Studentenschaft organisiert, auch wenn die Studenten und Studentinnen in bestimmten Situationen ihre organisatorische Fähigkeit unter Beweis gestellt haben, etwa bei den Universitätsbesetzungen.

• Die Massenbewegung war von der Bürokratie unabhängig, sowohl vom Staats- als auch vom Parteiapparat.

Der beste Beweis dafür ist die Entschiedenheit, mit der Solidarność gegen eine Einmischung der Justiz in ihre Statutendiskussion gewehrt hat. Der hohe Grad an Autonomie der Arbeiterklasse zeigte sich schon bei den Streiks im August 1980. Statt daß sich die Arbeiterinnen und Arbeiter wie bei früheren Gelegenheiten vor den Lokalen der Vereinigten Arbeiterpartei (VPAP) versammelten, blieben sie diesesmal in den Betrieben, besetzten sie und zwangen die Vertreter der Bürokratie so, zu ihnen in die Betriebe zu kommen, um zu verhandeln. Diese Unabhängigkeit hat sich dann mit der Gründung der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosć gefestigt, der ersten und wichtigsten Forderung der Arbeiterinnen und Arbeiter. Trotzdem blieben in der Massenbewegung und in Solidarnosélange Zeit Illusionen bestehen über die Möglichkeit, mit der Bürokratie zu verhandeln und zu einem mehr oder weniger dauerhaften Kompromiß zu finden, der auf der Anerkennung einiger demokratischer Rechte der Arbeiterklasse und der Gesellschaft als ganzes beruht hätte. Ebenso bestanden Illusionen in das Wohlwollen einiger Fraktionen der Bürokratie oder Einzelpersonen. Aber die Arbeiterinnen und Arbeiter haben jegliche Unterordnung unter irgendeinen Sektor der Bürokratie abgelehnt und dieser jegliche Legitimation abgesprochen.

In diesem revolutionären Prozeß sind verschiedene Kampf- und Organisationsformen entstanden, durch die Arbeiterinnen und Arbeiter sich auf die Machtergreifung vorbereitet haben. Die erste war die Bewegung der Selbstverwaltung, die sich in der Bildung von Arbeiterräten in den Betrieben niederschlug. Diese Räte wurden zunehmend zentralisiert, zuerst auf regionaler, dann auf nationaler Ebene. Die Erfahrung der Kontrolle der Verteilung und Rationierung von lebensnotwendigen Gütern durch Solidarość hat die Arbeiterkontrolle über die Wirtschaft wesentlich gestärkt, auch wenn sie auf eine Region beschränkt war. Die Infragestellung der bürokratischen Herrschaft wurde verstärkt durch aufkeimende Formen territorialer Selbstverwaltung, die mit der Forderung der Massenbewegung nach freien Wahlen auf allen Ebenen (Gemeinde-, Provinz- und nationales Parlament) zusammenfielen. In den Tagen vor dem 13. Dezember strömten alle diese Bewegungen in den Vorbereitungen für einen aktiven Streik zusammen. Dadurch sollte die Macht der Bürokraten gebrochen werden — in erster Linie ihre wirtschaftliche Macht.

Die neue Qualität der polnischen Erfahrung, verglichen mit den Erfahrungen vorangegangener Oppositionsbewegungen in anderen osteuropäischen Ländern — ob im Ausmaß, in der zeitlichen Dauer oder Tiefe des erreichten Stands an Selbständigkeit der Arbeiterklasse — wurde letztendlich auf der programmatischen Ebene zusam.

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mengefaßt, indem die Idee der Selbstverwaltung sowohl als Ausdruck der Doppelherrschaft als auch als Embryo einer künftigen sozialistischen Gesellschaft vorgetragen wurde.

In der Vergangenheit hatte die Bürokratie zuerst die Fabrikräte entwaffnet und sie dann Schritt für Schritt abgebaut, die als wichtigste Errungenschaft der politischen Revolution in Polen im Jahre 1956 entstanden waren. Zu diesem Zweck benutzte sie das „Gesetz über die Arbeiterselbstverwaltung", das 1958 verabschiedet wurde. Es ersetzte die Ausübung der Kontrolle über die Produktion durch die Fabrikräte durch fiktive Mitbestimmungsorgane", die „Arbeiterselbstverwaltungskonferenz" (KSR) genannt wurden. Doch trotz alledem ließ sich die polnische Arbeiterklasse ihr Streben nach Selbstverwaltung nicht wegnehmen.

Die neue Qualität der polnischen Erfahrung war die Idee der Selbstverwaltung.

Sobald Solidarnośé gegründet war, trug sie den Titel „unabhängige selbstverwaltete Gewerkschaft" und drückte damit den Wunsch der Massen nach Unabhängigkeit vom Staat und den Wunsch der Arbeiterklasse nach einer Organisierung entsprechend dem Prinzip der Selbstverwaltung und Selbstregierung aus. Sobald mit der Gründung von Solidarnośé die erste Phase des Kampfes eingeleitet war, führte sie die Dynamik der Massenbewegung zu einer Konfrontation mit zwei hauptsächlichen Alltagsaspekten der Herrschaft der Bürokratie: der Anarchie von Produktion und Verteilung auf der einen Seite und der Allmacht der staatlich eingesetzten Fabrikdirektoren auf der anderen Seite. Eine der ersten Maßnahmen, die Solidarnosé spontan ergriff, war , den KSR jegliche Legitimität abzusprechen und sie zu boykottieren, um dann wirkliche Arbeiterselbstverwaltung zu fordern und ähnliche Arbeiterräte wie die von 1956 aufzubauen. Ab Januar 1981 tauchten die ersten Arbeiterräte in den Fabriken auf, die die Arbeiterkontrolle über die Produktion errichteten und mit dem Kampf für Arbeiterselbstverwaltung begannen. Die erste Forderung, die in diesem Kampf erhoben wurde, war die nach aller tht für die Arbeiter in den Fabriken. Ebenso wuchs die Zahl der Konflikte über die Nominierung von Direktoren für die staatlichen Unternehmen. Solidarność forderte, daß ihre Nominierung nicht länger eine Aufgabe des Staates, ausgeübt auf der Basis der Partei-Nomenklatur, sondern daß die Direktoren ausschließlich undeigenständig durch die Arbeiterräte auf der Basis einer öffentlichen Ausschreibung gewählt werden sollten. In einer Reihe von Unternehmen wurden die Direktoren so zwangsweise abgesetzt, und die Arbeiterräte organisierten Stellenausschreibungen für den freigewordenen Posten.

Die Arbeiterräte und von Solidarność eingesetzte Kommissionen übernahmen die Kontrolle der Fabrikverwaltung, der Lohn- und Arbeitsbedingungen und arbeiteten sogar komplette neue Pläne zur Organisierung der Arbeitsabläufe aus. Sie arbeiteten ebenso Pläne für die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Unternehmen aus sowie alternative Produktions- und Investitionspläne, die nach dem Prinzip der gesellschaftlichen Bedürfnisbefriedigung ausgerichtet Die Bürokratie versuchte, der Selbstverwaltungsbewegung die Spitze zu nehmen, indem sie die Befugnisse der Arbeiterräte beschränken wollte. Für den technokratisch-reformistischen Flügel der Bürokratie sollte die Selbstverwaltung auf ein System der Mitbestimmung reduziert bleiben, um so die Einbeziehung der Arbeiter in die Produktion zu gestatten und für ein ökonomisches Reformprojek Unterstützung zu gewinnen, das Solidarnośé marginalisieren sollte War dieses Projekt während der legalen Existenz von Solidamol völlig utopisch, so wurde es auch nach dem Putsch vom 13. Dezembe nicht völlig aufgegeben. Ein anderes eingeschränktes Konzept de Arbeiterselbstverwaltung wurde innerhalb der Reihen von Solidar nośé selbst vertreten.

Die Gründung eines Selbstverwaltungsnetzwerks im Frühjah 1981, dem die größten Unternehmen Polens angehörten, bezeugt di Verbreitung der Forderung nach wie der Praktizierung von Selbst verwaltung und die ersten Schritte hin zu einer interregionales Koordination. Sie entfaltete eine eindeutige Dynamik zur Auswei tung der Doppelherrschaft.

Das Selbstverwaltungsnetzwerk der Grofbetriebe, das eine pressu re group innerhalb von Solidarość bildete, brachte die Notwendig keit der Entwicklung von Selbstverwaltungsorganen ins Zentrumdel Strategiediskussion von Solidarość. Weil sie jedoch als Reformpro jekt ausgearbeitet wurden, das die Basis für einen neuerlichen Kom promiß zwischen Solidarnosć und Bürokratie abgeben sollte, gaber. die Vorschläge des Selbstverwaltungsnetzwerks keine Antworten aul die Fragen, die durch die Ausweitung von Selbstverwaltungsorganen aufgeworfen waren. Die mit dem _Netzwerk" verbundenen Wirt. schaftsberater, die hauptsächlich an einer Reform im Sinne des „Marktsozialismus" interessiert waren, unterstützten die Selbstverwaltungsbewegung nur soweit, als ihnen dies nützlich für ihre Pläne erschien, so von der zentralen Bürokratie Zugeständnisse in Richtung ihrer Reformvorstellungen zu erpressen. Gleichzeitig waren sie gegen die Bewegung zur Zentralisierung der Arbeiterräte, die mit ihrem Projekt des „Marktsozialismus" schwer vereinbar war, und widersetzten sich der Radikalisierung der Selbstverwaltungsbewegung, weil dies ihrem Wunsch nach einem Kompromiß mit der Bürokratie nicht entgegenkam.

Der Einfluß dieser Wirtschaftsberater und der Druck, den sie auf die Führung von Solidarność und des Selbstverwaltungsnetzwerks hinter den Kulissen ausübten, trug dazu bei, daß sich die Zentralisierung und Radikalisierung der Selbstverwaltungsbewegung nur langsam entwickelte und so die Diskussion in der Massenbewegung über die Machtfrage verzögert wurde.

Um eine Antwort auf diese Schwierigkeiten zu geben, wurde die „Lublin-Gruppe" gebildet. Sie bestand auf der regionalen Koordinierung der Arbeiterräte durch dauerhafte Strukturen, auf der Notwendigkeit, die Bedingungen für die Veranstaltung eines ersten nationalen Kongresses der Delegierten zu den Arbeiterräten zu schaffen und ein integriertes System der Arbeiterselbstverwaltung im gesamten verstaatlichten Sektor der Wirtschaft zu errichten. Die Gruppe befand es für notwendig, einen „Leitfaden für die Arbeiterselbstverwaltungsorgane" zu formulieren und vorzuschlagen, der die kurzfristigen Aufgaben beschrieb und noch weiter ausgearbeitet werden sollte.

Schließlich wurde auf dem Höhepunkt des Herbstes 1981 die Forderung nach einer „selbstverwalteten Republik" als das allgemeine Ziel der polnischen Arbeiterkämpfe in das Programm von Solidarność aufgenommen. Gleichzeitig wuchs das Bedürfnis nach realen Erfahrungen mit Selbstverwaltung. Angesichts der großen gesellschaftlichen Armut nahm die Idee, Verantwortung für die Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung durch die von Solidarnośé organisierten „Winterkommandos" zu übernehmen, Gestalt an. Weiterhin fand die Perspektive des „aktiven Streiks" als Mittelzur Ausdehnung der Selbstverwaltung der Betriebe in den Regionalkomitees von Solidarność und den Arbeiterräten der Gegend um Lodz und anderer Regionen immer mehr Zustimmung.

Die Lublin-Gruppe unterstützte diese Entwicklung energisch. Es gab ebenfalls Fortschritte in der Koordinierung und demokratischen Zentralisierung der Bewegung für Arbeiterselbstverwaltung durch die Schaffung eines „Gründungskomitees des Nationalen Selbstverwaltungsnetzwerks" (KZ-KFS), das sich auf die regionalen Koordinierungsorgane der Arbeiterräte stützte, die in mehr als 20 Regionen existierten. So bewies die Arbeiterselbstverwaltung sowohl als Handlungsanweisung als auch als allgemeines Ziel in jedem Stadium der Krise ihren vereinheitlichenden und systemüberwindenden Charakter für die gesamte Arbeiterklasse, wenn auch die politische Bewußtwerdung bestimmter Schichten gegenüber der Avantgarde hinterherhinkte.