Die guatemaltekische Revolution 26.
Reagans Ziel, den „Brand im Vorgarten der USA" zu löschen, umfaßt auch eine verstärkte Intervention in Guatemala. Der Putsch vom 8. August 1983, bei dem General Mejia Victores den Genemtrios Néontt ablöste, paßt dabei in die counterinsurgency-Pläne des Imperialismus. Am Ende des Zweiten Weltkriegs gab es in Guatemala eine breite Massenbewegung und eine Periode ungewöhnlicher demokratischer Öffnungen, verglichen mit den anderen Ländern Mittelamerikas. Dafür stehen die „Revolution" von 1944, die Regierung Juan José Arvalo (1944 - 1950) und die Regierung Jacobo Arbenz (1950 - 1954). In dieser Zeit haben sich die Massen wichtige Errungenschaften erkämpft, 1947 etwa das Arbeitsrecht. Die Industrie- und Landarbeiter, die Beschäftigten im Dienstleistungssektor und im Staatsapparat machten große Fortschritte im Aufbau ihrer Organisationen. Die Agrarreform von 1952 verordnete die Enteignung großer Ländereien. Teils wurde dafür eine Entschädigung in Höhe des zu versteuernden Werts gezahlt (den die Grundeigentümer natürlich zu niedrig angegeben hatten), teils wurde brachliegendes Land konfisziert. Betroffen von diesen Maßnahmen war vor allem der Gigant des Agrobusiness United Fruit. Trotz den Grenzen der Agrarreform wurde der dadurch ingang gekommene politische Prozeß dem US-Imperialismus und der einheimischen Oligarchie zu einer Gefahr. Durch einen Staatsstreich wurde Arbenz 1954 gestürzt.
Es beginnt eine lange Periode der systematischen Unterdrückung der arbeitenden Bevölkerung und ihrer Organisationen. Daran ist in erster Linie die Armee beteiligt. Sie nimmt immer mehr die Zügel in die Hand, vor allem ab 1970, als der Oberst Carlos Arano Osorio elementarsten demokratischen Rechte und ist ständig mit einer mörderischen Repressionsmaschinerie konfrontiert. 28.
Die Weltwirtschaftskrise hat Guatemala voll getroffen. 1982, 1983 und 1984 sackt die Produktion schwer ab. Die strukturellen Schwächen einer abhängigen kapitalistischen Wirtschaft, die stark von der Fluktuation der Preise für die Außenhandelsgüter abhängt und nur über einen beschränkten Binnenmarkt verfügt, treten schlagartig zutage.
Noch vor dem wirtschaftlichen Einbruch von 1980 setzt die Kapitalflucht aus gesellschaftspolitischen Gründen ein, die seitdem anhält. Hinzu kommen eine schrankenlose Korruption und eine staatliche Investitionspolitik, die eher der kurzfristigen Gewinnsucht der Herrschenden gehorcht als kohärenten Entwicklungsprojekten. Die Auslandsverschuldung des Staates wächst und fällt zusammen mit einer scharfen Finanzkrise, die durch das Anwerfen der Notenpresse verschärft wird. Durch die revolutionäre Krise von 1978 - 1979 und die Weltwirtschaftskrise entwickelt sich der zentralamerikanische Markt zurück. Die Devisenreserven schwinden, folglich gehen auch die Importe zurück. Dieeinheimische Produktion leidet. Die Landeswährung, der Quetzal, wird gegenüber dem Dollar abgewertet, der Schwarzhandel mit Devisen blüht, die Inflation auch. Der IWF tritt auf den Plan und attackiert den hohen Staatsanteil bei den Investitio nen. Bereits 1983 verlangt er eine Kürzung der öffentlichen Ausga ben.
Die Bevölkerung verelendet infolge der Krise noch weiter. Für einen Großteil wird das schiere Überleben zum Hauptproblem. 29.
• Position im Staatsapparat und ihren direkten Einfluß auf die Regierung, um mobiles wie immobiles Kapital zu akkumulieren. Sie werden damit Teil der herrschenden Wirtschaftskreise des Landes. Daraus folgt, daß der Staatssektor in der Wirtschaft eine besondere Rolle spielt, die herrschende Klasse sich teilweise neu zusammengesetzt hat, aber auch daß die Widersprüche innerhalb der Armee und innerhalb der herrschenden Klasse wachsen.
Charakteristisch für die Wirtschaft Guatemalas war in der Vergangenheit das Nebeneinander einer kapitalistischen Exportagrarwirtschaft, die vom Großgrundbesitz betrieben wurde, einer Rohstottindustrie in den Bereichen Bergbau und Erdöl und einer Subsistenzagrarwirtschaft vor allem in den Bergen, die sich auf die kleinen Parzellen der indianischen Einwohner stützte. Letztere führten ein fast autarkes Dasein.
Diese Struktur ändert sich mit dem Beginn der 60er Jahre ähnlich wie in den anderen Ländern Zentralamerikas auch. Dies geschieht unter dem Einfluß eines kraftvollen wirtschaftlichen Aufschwungs. der unter anderem vom Gemeinsamen Zentralamerikanischen Markt (MCCA) gefördert wird. Die kapitalistischen Produktionsverhältnisse weiten sich rasch aus, die präkapitalistischen Gesellschaftsstrukturen zersetzen sich, das gesellschaftliche Leben immer ausgedehnterer Schichten wird auf Warentausch umgestellt, Selbstversorgung nimmt ab. Infolgedessen werden die Bauern verstärkt den konjunkturellen Wirtschaftsschwankungen unterworfen. Von allen zentralamerikanischen Ländern ist das Wirtschaftswachstum in Guatemala am stärksten; 1980 erreicht es seinen Höhepunkt. „Modernisierung" der guatemaltekischen Gesellschaft hat erhebliche soziale Folgen. Das Bürgertum wird gesellschaftlich stärker; das Kräfteverhältnis zwischen Agrarbourgeoisie, Industriebourgeoisie, Finanzbourgeoisie und Militärhierarchie ändert sich. Es kommt zu inneren Spannungen, und auch die Art und Weise, wie die Bourgeoisie ihre Herrschaft ausübt, muß verändert werden. Parallel dazu wächst das Proletariat zahlenmäßig in den Industrien (Nahrungsmittel, Chemie, leichte Verarbeitungsindustrie, Grundstoffe), in der Exportagrarwirtschaft (Zucker, Baumwolle, Bananen) und in beigeordneten Sektoren. Es verfügt nicht einmal über die Der Wirtschaftsaufschwung führt Mitte der 70er Jahre zu einem neuen Aufschwung der Massenkämpfe. Vorbote dieser Entwicklung ist der nationale Lehrerstreik von 1973. Um ihn herum bildet sicheine Solidaritätsbewegung, die eine Demonstration in der Hauptstadt organisiert. Trotz der Repression der Regierung treten auch die Eisenbahner, die Tabakarbeiter und die Beschäftigten der Elektrizitätswerke in den Streik. Die Gewerkschaften radikalisieren sich. Im Mai 1976 bricht ein Streik bei Coca Cola aus. Es geht dabei um das Recht der Unternehmer, nach Belieben zu entlassen (nach dem Erdbeben von 1976 verfügen die Unternehmer wild Massenentlassungen), und um die Sicherung der elementarsten gewerkschaftlichen Rechte. Dieser Streik setzt einen Prozeß der gewerkschaftlichen Vereinheitlichung in Gang. Das Nationale Komitee der Gewerkschaftlichen Einheit (CNUS) wird gegründet, in dem über 65 Gę werkschaften zusammengeschlossen sind, darunter der Nationa Gewerkschaftsverband, der damit mit seinem christdemokratischen Ursprung bricht.
Im November 1977 organisieren die indianischen Bergarbeiter einen Protestmarsch in die Hauptstadt. Im September 1978 führt ein Streik der Busfahrer zu einem Aufstand in Ciudad Guatemala gegen die von der Regierung Lucas Garcia verhängten Tariferhöhungen. Am 1. Mai 1978 tritt die Bauernbewegung nach jahrelanger Untergrundarbeit mit dem Einheitskomitee der Bauern (CUC) politischan die Öffentlichkeit. Die revolutionären Kräfte setzen sich dabei ein dreifaches Ziel. Sie wollen die breite Masse der Bauern organisieren, ein Bündnis zwischen den Indios und dem lateinischen Teil der Bevölkerung aufbauen und die Zersplitterung der verschiedenen indianischen Gemeinschaften überwinden.
Die Regierung antwortet mit brutalster Repression. Sie läßt im Januar 1980 Dutzende von Bauern aus El Quiché lebend verbrennen, die eine friedliche Besetzung der spanischen Botschaft organisiert hatten, um gegen die militärische Repression zu protestieren. Im Februar und März 1980 organisiert das CUC einen nationalen Streik der Zuckerarbeiter, im August streiken die Landarbeiter auf den Bananenplantagen der Atlantikküste. Zugleich organisieren sich die Studenten und die Slumbewohner in der Nationalen Bewegung der Pobladores (MoNaP). Seit 1978 entfalten die christlichen Basisgemeinden eine bewußtseinsbildende Arbeit in verschiedenen sozialen Schichten. Innerhalb der Kirche kommt es zu Spannungen. Nur kurze Zeit konnte die Massenbewegung legal arbeiten. Ab
1978 verschärft sich die Repression wieder. Im Juni 1980 wird ein Teil der Führung der CNUS umgebracht. Die Massenbewegung steht daher vor dem Problem, im Untergrund arbeiten zu müssen. Darüber wird offen diskutiert. Es ist schwer, auch noch die kleinste Möglichkeit legaler Arbeit zu nutzen, um die Massenorganisationen zu stärken, und zugleich die Strukturen und Kader dieser Organisationen wirksam zu verteidigen.
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Der Aufschwung der Massenbewegung in den 70er Jahren verdankt sich auch der Aktivität der politisch-militärischen revolutionären Organisationen. Sie fassen in dieser Zeit in Guatemala langsam wieder Fuß, nachdem sie Ende der 60er Jahre fast aufgelöst worden waren. Die meisten von ihnen haben 1972 - 1978 eine beharrliche Arbeit im Untergrund geleistet, um dort ihren Apparat und ihre soziale Basis wieder aufzubauen. In einer kritischen Bilanz ihrer Geschichte haben sie ihre ehemaligen „fokistischen" Vorstellungen überwunden. Die bedeutendsten Organisationen sind die Guerilla- Armee der Armen (EGP), die Rebellionsstreitkräfte (FAR), die Bewaffnete Revolutionäre Organisation des Volkes (ORPA) und die Guatemaltekische Arbeiterpartei / Nationaler Führungskern (PGT/NDN), eine Abspaltung der Kommunistischen Partei (PGT/CC, Zentralkomitee), die 1978 über die Frage des bewaffneten Kampfes erfolgte.
Diese Organisationen arbeiten teilweise in völlig verschiedenen -gionen und sozialen Umfeldern. Die EGP versucht sich vor allem bei den indianischen Bauern in El Quiché, Alta und Baja Verapaz, Huehuetenango und Chimaltenango, in der Hauptstadt und an der Atlantikküste zu verankern. Die FAR, Nachfolgerin der FAR der 60er Jahre, ist in den Städten aktiv, vor allem in den Gewerkschaften, auf den Plantagen und an der Atlantikküste. Von 1978 an konsolidiert sie ihre Guerillafront in El Peten und Chimaltenango. Die ORA tritt erst 1979 an die Öffentlichkeit. Sie geht aus einer Spaltung des Bündnisses FAR - PGT 1971 hervor. Auch sie arbeitet unter den indianischen Massen in den Gebieten San Marcos, Quezaltenango, Solola, Totonicopan und Huehuetenango. Die PGT arbeitet in den Städten, vor allem in der Arbeiterbewegung.
Gemeinsam ist ihnen die Vorstellung vom revolutionären Volkskrieg, wobei die sozialen Triebkräfte der Revolution aktiven Anteil an der militärischen Konfrontation haben sollen. In der Konkretisierung dieser Vorstellungen haben sie natürlich zahlreiche praktische und theoretische Differenzen. 1979 beginnt jedoch ein Diskussionsprozeß zwischen der EGP, den FAR und der PGT; 1980 stößt die ORPA dazu. Im Januar 1982 wird ein gemeinsames Abkommen unterzeichnet und die Guatemaltekische National-Revolutionäre Union (URNG) gegründet. Es handelt sich mehr umeine Absichtser- Härung und allgemeine Zielvorstellungen als um ein Programm. Es rd jedoch ein höherer Grad an strategischer Ausarbeitung und Homogenität nötig sein, politisch wie militärisch, um gegen die künftige konterrevolutionäre Offensive bestehen zu können. Dennoch stellt der bisher erreichte Grad der Einheit einen Fortschritt dar. In der Zeit von 1979 bis 1981 haben die politisch-militärischen Organisationen in drei Vierteln des Landes eine militärische Front aufgebaut. Von 1981 an wird die Gretchenfrage der gesellFront aufgebaut. Von 1981 an wird die militärische Frage die Gretchenfrage der gesellschaftspolitischen Situation in Guatemala. Die Organisationen haben Fortschritte in ihrer sozialen Verankerung gemacht, den bewaffneten Kampf verallgemeinert und massenaktionen initiiert. Sie beginnen, dem Klassenfeind das Land streitig zu machen. Dennoch sind sie nur begrenzt in der Lage, die Massenbewegung in den Städten und an der Küste in die militärischen Aktionen einzubeziehen. Dieser Mangel wird auch durch die Stärke der einzelnen Organisationen nicht aufgehoben. Eher zeigen sie die Tendenz, sich an die Stelle der Massen zusetzen. Politische Fragen bleiben ungelöst: Wie soll man das politische Feld besetzen? Wie soll man eine politische Front aufbauen, die dem Regime die Unterstützung der Mittelschichten streitig macht? Wie ergänzt man Bündnispolitik und militärpolitische Perspektive? Die Gründung der Demokratischen Front gegen die Repression (FDCR) stellt einen Schritt in diese Richtung dar. Sie ist jedoch nur eine defensive Antwort auf die Unterdrückungspolitik der Regierung, kaum eine politische Front. Ihre Mängel zeigen sich rasch.
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1980 stoßen die Kräfte der Konterrevolution und die des revolutionären Volkskrieges frontal aufeinander. Die Konterrevolution trifft zuerst die Massenbewegung in den Städten und an der Küste, um die Revolutionäre sozial zu isolieren. Sie versucht, ihnen die materielle Basis in den Städten abzuschneiden und zu verhindern, daß sie Sabotageakte gegen den Agroexport verüben. Dann konzentriert sie sich auf die Schlüsselregion im Hochland, um der Guerilla die militärische Initiative zu nehmen, ihre Konzentration zu verhindern und ihre Logistik zu zerschlagen.
Um die revolutionären Organisationen zu schlagen, plant die Regierung die teilweise Ausrottuna der Bevölkerung.
Um die revolutionären Organisationen zu zerschlagen, plant die Regierung, die Bevölkerung teilweise auszurotten, auseinanderzurei- Ben und in Sonderzonen umzusiedeln, in sogenannte „strategische Dörfer", die Ernten zu verbrennen, die Wälder kahlzuschlagen und die Kulturen der einheimischen Bevölkerung zu vernichten. Sie versucht, die indianischen Gemeinden zu zerschlagen, und arbeitet dabei mit der imperialistischen Bourgeoisie, mit Israel und Taiwan zusammen. Die Folgen dieser Politik sind bisher 30 000 Tote, Massenvergewaltigungen an indianischen Frauen, die Zwangsumsiedlung von über einer Million Menschen, zehntausende nach Mexiko geflohene Bauern, die Zwangsrekrutierung von 900 000 Personen in „Zivilpatrouillen", die Aktionen der Aufstandsbekämpfung unter- „stützen sollen.
983 setzt die Armee zu einem Vernichtungsschlag gegen di evolutionären Organisationen an. Sie kann das Ziel nicht erreiche: — das spricht für die militärische Stärke der Revolutionäre, für ihre gesellschaftliche Verankerung und für die tiefe historische Krise Guatemalas.
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Die Streitkräfte sind völlig umorganisiert worden, allein auf das Ziel hin, den konterrevolutionären Bürgerkrieg zu führen. Parallel dazu hat die Regierung „Sozialreformen" eingeführt: Veränderung der Infrastruktur, Agrarprojekte unter Kontrolle der Armee in den Kampfzonen. Damit will sie den herrschenden Block stabilisieren, die Gegensätze in der Armee abschwächen und das Bündnis mit dem Imperialismus konsolidieren, dessen Bestand letztlich von den Fortschritten der Konterrevolution abhängt.
Der konterrevolutionäre Plan stößt jedoch auf eine Reihe von Schwierigkeiten. Die „Sozialreformen", so beschränkt sie sind, werden von der Wirtschaftskrise infragegestellt. Die Regierung ist zu einer Sparpolitik gezwungen, die für die Massen unerträglich ist und die Mittelschichten ins Elend hinabdrückt. Obwohl die URNG seit 1982 schwere Niederlagen hat einstecken müssen, bleibt sie ein aktiver Faktor. Es ist offensichtlich, daß die herrschende Klasse unfähig ist, einen Ausweg aus der tiefen Krise zu finden — die sozialen Folgen der konterrevolutionären Politik beweisen das. Nur die Kräfte des Volkes können ein Programm der nationalen Wohlfahrt entwickeln, das eine Alternative zur Politik der herrschenden Klassen darstellt. Ein solches Programm muß entwickelt werden, die militärische Handlungsfähigkeit der UR NG muß mit einer Perspek. tive für die Massenbewegung kombiniert werden. Die Massenorganisationen müssen in den Städten, an der Küste, selbst in den Hochburgen der Konterrevolution wiederaufgebaut werden. Dann kann der Plan der Konterrevolution, einer der barbarischsten, den es je gegeben hat, vereitelt werden. Politischer Dialog und Aktionseinheitspolitik ermöglichen einen qualitativen Fortschritt in der Vereinheitli-
chung und die Entwicklung einer politischen Antwort auf taktische Manöver wie Wahlen und strategische Fragen wie die der Massenarbeit und die des revolutionären Volkskriegs.
Die Zukunft der Revolution in Guatemala kann von der in Zentralamerika insgesamt nicht getrennt werden. Die sandinistische Revolution vom Juli 1979 wird unweigerlich ihren Niederschlag in den revolutionären Organisationen Guatemalas finden.