Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Kolonialismus besonderer Art

Inprekorr Nr. 174, November 1985 · S. 25-27 · 1.020 Wörter

Südafrika

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ren Kolonialismus (oder Kolonialismus besonderer Art) bezeichnete... Wie im SACP-Programm steht, ist die Apartheid von heute eine Fortführung und Steigerung der kolonialen Beziehungen, die vor der Übertragung der Macht seitens der Briten an die lokalen Siedler bestand. Ihre Entwicklung zu modernen Formen war auch durch viele andere Faktoren bestimmt, durch das Kräfteverhältnis zwischen Unterdrückten und Unterdrückern, die Beziehungen innerhalb der herrschenden Klasse und so weiter - aber letztenendes entstand das System der Apartheid, so wie es war, um der kapitalistischen Maxime des Profits zu dienen.

Daraus können zwei Schlußfolgerungen gezogen werden. Erstens ist es diese konkrete historische Herangehensweise, die uns zur Charakterisierung des Systems als inneren Kolonialismus führt. Ein Versuch, vor dieser historischen Wirklichkeit zu fliehen, stürzt einen in eine solche konzeptionelle Grube wie den Begriff „rassischer Kapitalismus", der die Schriften seiner Benutzer nach Subjektivismus riechen läßt. Das System wird als Produkt des bösen Geistes der herrschenden Klasse angesehen, nicht als nach der Basis der konkreten, objektiven historischen Umständen geformt. Dieses Konzept will uns auch

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glauben machen, daß die nationale Unterdrückung keine antagonistischen Widersprüche birgt, die nur mit dem Mittel der Revolution beseitigt werden können, sondern die herrschende Klasse Arbeit sichern. Und am Kampf zur Vernichtung des inneren Kolonialismus nehmen alle Klassen und Schichten, die unter dessen Unterdrückung leiden, aktiv Anteil...

Helga Ballauf vielmehr, falls erwünscht, diese Widersprüche selber aufheben könne! [...] Wie schon gesagt, ist das Entwicklungsniveau der Produktivkräfte in Südafrika längst in Konflikt mit den Produktionsverhältnissen getreten. direkte soziale Folge ist der scharfe Gegensatz von Arbeit und Kapital. Es gibt keinen Zweifel, daß die materiellen Voraussetzungen für den Sozialismus in Südafrika vorhanden sind: ein gewisses Maß an Industrialisierung, sozialökonomische Widersprüche und eine Kraft, die die Revolution durchführen kann (die Arbeiterklasse).

Jedoch, wie schon gesagt, besteht der besondere Charakter des kapitalistischen Systems in Südafrika in seinen kolonialen Wurzeln. Produktionsverhältnisse bedeuten hier mehr als bloße ökonomische Verhältnisse; sie widerspiegeln auch die politische Stellung der verschiedenen Sektoren der Gesellschaft. Für einen schwarzen Arbeiter ist der Umfang seiner Lohntüte längst festgelegt, wenn er auf den Arbeitsmarkt tritt. Bei der Arbeit ist der Boß weiß, und die Stellung des schwarzen Arbeiters gegenüber seinem weißen Gegenstück ist schon nach der Hautfarbe im Regelbuch festgeschrieben. Also äußerst sich die Natur der Ausbeutung zuallererst im Zusammenhang mit [des Arbeiters] Stellung im Rassenvergleich, in der besonderen Art, in der die Produktionsbeziehungen sich unter dem inneren Kolonialismus äußern. Er sieht seine Stellung im Betrieb also nicht nur durch das koloniale Raster, sondern identifiziert sich auch mit allen anderen seinesgleichen, die einer niedrigeren „Kaste" angehören. Dies ist kein falsches Bewußtsein, sondern ein Ausdruck des unmittelbarsten Widerspruchs der südafrikanischen Gesellschaft — des zwischen unterdrücktem Volk und dessen Herrschern. Damit wollen wir nicht sagen, daß die täglichen ökonomischen Kämpfe der schwarzen Arbeiter automatisch einen politischen Gehalt annehmen. Für sich betrachtet stellen diese einen Versuch dar, innerhalb der bestehenden Kolonialbeziehungen mehr für den Verkauf der Arbeitskraft herauszuholen. Klassenkampf im politischen Sinne ist jedoch kein abstrakter, „reiner" , Kampf gegen einen abstrakten Kapitalisten, sondern er wird unter Bedingungen geführt, und deshalb ist der Kampf des schwarzen Arbeiters für die Besserung seiner Lage unvermeidlich mit dem Kampf für nationale Emanzipation aus kolonialer Unterdrückung verbunden. Nur dieser Kampf kann der Arbeiterklasse die nötigen Bedingungen zur Emanzipation der Für jede revolutionäre Bewegung ist eine korrekte Analyse des Charakters des Systems auf das Ziel gerichtet, die Kräfte des Wandels wie diejeniegen, gegen die sie Sturm laufen müssen, zuidentifizieren. Das System der nationalen Unterdrückung in Südafrika (innerer Kolonialismus) hat wie jedes andere antagonistische System „nicht nur die Waffen geschmiedet, die es zerstören werden, sondern auch die Menschen, die diese Waffen führen werden." Dies sind vor allem die schwarzen Arbeiter, die die dynamischste und revolutionärste Kraft stellen, die landlosen Bauern, die schwarze Kleinbourgeoisie und die anderen Mittelschichten. Am Boden der Pyramide steht die Masse des afrikanischen Volkes, „die unterdrücktesten und ausgebeutetsten von allen. " Auf der anderen Seite unterstützen die meisten nichtkapitalistischen Sektoren der Weißen das System und verteidigen es aktiv, da sie von ihm materiell profitieren, wenn es auch, wie das Programm der Kommunistischen Partei sagt, nicht in ihrem langfristigen Interesse liegt. Einige wenige weitsichtige Individuen unter ihnen haben sich mit dem unterdrückten und kämpfenden schwarzen Volk zusammengetan.

Das politische Leben Südafrikas befindet sich im Schwebezustand. Die unabhängige historische Aktion der demokratischen Kräfte hat die herrschende Klasse aus der Balance gebracht; und der lang sich hinziehende Prozeß des Auseinanderbröckelns alter Bündnisse in der herrschenden Klasse und ihren Unterstützern scheint sich einem Kulminationspunkt zu nähern. Eine Diskussion über „Kolonialismus besondere Art" kann diesen historischen Prozeß nicht außer Acht lassen, besonders nicht die eventuellen Effekte auf die nichtkapitalistischen Teile der weißen Bevölkerungsgruppe. Die Steigerung der bewaffneten und der Massenaktionen der demokratischen Mehrheit zwingt das Regime zu noch autoritäreren Herrschaftsmethoden gegenüber der weißen Gesellschaft.

Was werden langfristig die Folgen davon bei dieser sein — ein Rückzug in Bothas laager? Was bewirkt die Anziehung eines Spektrums von Liberalen bis zu Revolutionären in die Reihen der United Democratic Front? Haben wir voll den Sinn der Parole der UDF verstanden, „Die UDF vereint, Apartheid trennt"? Ist es richtig, Aktionen eines Teils der Weißen für Demokratie als „Solidaritätsaktionen" zu bezeichnen (oder im Falle von Arbeitern als Akte des „proletarischen Internationalismus")? [...] Wir alle sind Nicaragua

Helga Ballauf gehörte einer Gruppe Münchner GEW-Mitglieder an, die Ende 1984 nach Nicaragua fuhren, um in dem kleinen Dorf Diriomito eine Schule bauen zu helfen.

In Interviews mit den Einwohnern, Bauern und Milizionären, Anhängern der Volkskirche, Frauen und Jugendlichen erleben wir die jüngste Geschichte Nicaraguas. Aus dem Munde der Protagonisten der sozialen Umwälzung erfahren wir von den Konsequenzen der Agrarreform, den wirtschaftlichen Schwierigkeiten und der großen Hoffnung dieses Landes.

isp-pocket 12 130 Seiten 9,80 DM soeben erschienen

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