Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die Freiheitscharta

Inprekorr Nr. 174, November 1985 · S. 11-12 · 1.348 Wörter

Südafrika

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Wir, das Volk von Südafrika, erklären vor dem ganzen Land Das Volk soll den Reichtum des Landes und der ganzen Welt, unter sich aufteilen!

Der nationale Reichtum unseres Landes, das Erbe aller Süd- • daf Südafrika allen gehört, die dort leben, Schwarzen wie afrikaner, soll dem Volk zurücküberstellt werden. Weifen, und dafs keine Regierung zu recht Autorität fürsich Die Bodenschätze, die Banken und die Monopolindustrien beanspruchen kann, solange sie sich nicht auf den Willen des sollen in des Eigentum des ganzen Volkes übergehen. ganzen Volkes stützen kann; Alle anderen Industrien und der Handel sollen unter Kondaß unser Volk seines Geburtsrechts auf Land, Freiheit trolle stehen, damit sie dem Wohlergehen des Volkes dienund Frieden durch eine Regierung beraubt worden ist, die auf lich sind. Ungerechtigkeit und Ungleichheit gründet; Alle sollen ein gleiches Recht haben, wosie wollen, Handel zu • daß unser Land nie frei sein wird und erblühen kann, treiben oder zu produzieren und freien Zugang zu allen solange nicht unser ganzes Volk in Brüderlichkeit lebt und Branchen, Sparten und Berufen haben. sich gleicher Kechte und Chancen ertreut:

• daß nur ein demokratischer Staat, gegründet im Willen des ganzen Volkes, dessen Geburtsrechte ohne Unterschei- Das Land soll unter denen geteilt werden, die es bearbeiten!

dung von Hautfarbe, Rasse, Geschlecht oder Glauben sicherstellen kann.

Und deshalb nehmen wir, das Volk von Südafrika, Schwar- Einschränkungen von Landbesitz auf rassischer Basis sollen ze und Weiße zusammen - als Gleiche, Landsleute und beendet werden und das ganze Land unter denen, die es Brüder — diese Freiheitscharta an. Und wir verptlichten uns bearbeiten, aufgeteilt, um Hunger und Landmangel zu vervoreinander, gemeinsam zu kämpten, ohne dabei Kraft und nichten.

Mut zu sparen, bis die demokratischen Veränderungen er- Der Staat soll den Bauern mit Zubehör, Saatgut, Traktoren reicht worden sind, die hier umrissen werden. und Dammbauten helfen, um den Boden zu schonen und den Ackerbau zu fördern.

Das Volk soll regieren! Freinzügigkeit soll allen, die auf dem Lande arbeiten, garantiert sein.

Jeder Mann und jede Frau soll das Recht haben, für alle Alle sollen das Recht haben, Land dort zu besetzen, wo sie Körperschaften zu kandidieren, die Gesetze verabschieden, wollen. bzw. bei den Wahlen seine/ihre Stimme abzugeben. Niemand soll seines Viehs beraubt werden, und Zwangsar- Alle Menschen sollen das Recht haben, an der Verwaltung beit und Farmgefängnisse sollen abgeschafft werden. des Landes teilzuhaben.

Die Rechte der Menschen sollen ohne Rücksicht auf Rasse, Alle sollen vor dem Gesetz gleich sein! Hautfarbe oder Geschlecht die gleichen sein.

te, Stadträte und Behörden sollen durch demokratische Or- ich une der in der der date aus et freiheit eingeschränkt werden ohne einen fairen Prozeß. Niemand soll verhaftet, deportiert oder in seiner Bewegungsgane der Selbstverwaltung ersetzt werden. Niemand soll auf Anordnung irgendeines Regierungsbeamten verurteilt werden können.

Alle nationalen Gruppen Die Gerichtshöfe sollen repräsentativ für das ganze Volk sollen die gleichen Rechte besitzen! sein.

Gefängnisstrafen soll es nur bei schweren Verbrechen gegen In den Staatseinrichtungen, Gerichten und in den Schulen das ganze Volk geben und sollen auf Resozialisierung, nicht sollen alle nationalen Gruppen und Rassen den selben Status auf Rache ausgerichtet sein. haben. Die Polizei und die Armee sollen für alle auf gleicher Grund Alle Menschen sollen das gleiche Recht haben, ihre eigene lage offen sein und sollen Helfer und Beschützer des Volkes Sprache zu sprechen und ihre eigene Volkskultur und Ge- sein.

bräuche zu entwickeln. Alle Gesetze, die aufgrund von Rasse, Hautfarbe oder Glau- Alle nationalen Gruppen sollen vom Gesetz gegen Beleidi- ben diskriminieren, sollen wiederrufen werden. gungen ihrer Rasse und ihres Nationalstolzes geschützt werden. Alle sollen sich gleicher Menschenrechte erfreuen!

Das Predigen und Praktizieren von Diskriminierung und Geringschätzung von Nationalitäten, Rassen oder Hautfar- Das Gesetz soll allen ihr Recht auf freie Rede, auf Organisieben soll ein bestrafenswertes Verbrechen sein. rungs-, Versammlungs- und Veröffentlichungsfreiheit, ihr Alle Apartheid-Gesetze und -Praktiken sollen beseitigt wer- Recht zu predigen, Religion auszuüben und ihre Kinder zu den. erziehen, garantieren.

Nr. 174, November 1985 Seite 11

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Die Sicherheit des eigenen Hauses vor Polizeidurchsuchungen soll vom Gesetz geschützt werden.

Alle sollen ohne Einschränkung vom Lande in die Stadt, von einer Provinz in die andere und von Südafrika ins Ausland reisen dürfen.

Paßgesetze, Aufenthaltsbeschränkungen und sonstige Gesetze, die diese Freiheiten einschränken, sollen abgeschafft werden.

Es soll Arbeit und soziale Sicherheit geben! Alle, die arbeiten, sollen die Freiheit haben, Gewerkschaften zu bilden, ihre Vertreter zu wählen und mit ihren Arbeitgebern zu verhandeln.

Der Staat soll das Recht und die Pflicht zu arbeiten für alle anerkennen, sowie das Recht auf eine umfassende Arbeitslosenunterstützung.

Männer und Frauen aller Rassen sollen gleichen Lohn für gleiche Arbeit beziehen.

Es soll eine 40-Stundenwoche geben, einen nationalen Minimallohn, bezahlten Jahresurlaub, Krankenurlaub und Mutterschaftsurlaub für alle arbeitenden Mütter bei voller Bezahlung.

Bergarbeiter, Hausangestellte, Landarbeiter und Beamtesollen die selben Rechte wie alle anderen, die arbeiten, haben. Kinderarbeit, die Zusammenfassung von Arbeitskräften in Lagern, nur pauschal bezahlte Arbeit sowie Leiharbeit sollen beseitigt werden.

Die Tore zum Lernen und zur Kultur sollen geöffnet werden!

Die Regierung soll zur Bereicherung unseres Kulturlebens nationale Talente entdecken, fördern und ermutigen. Die gesamten kulturellen Schätze der Menschheit sollen für alle geöffnet werden durch den freien Austausch von Büchern, Ideen und Kontakten mit anderen Ländern. Das Ziel der Erziehung soll es sein, der Jugend die Liebe zum . eigenen Volk und seiner Kultur, den Respekt vor der menschlichen Brüderlichkeit, der Freiheit und dem Frieden nahezubringen.

Die Schulbildung soll kostenlos, obligatorisch, universell und gleich für alle Kinder sein.

Höhere Bildung und technische Ausbildung sollen über staatliche Zuwendungen und Stipendien auf der Grundlage von Leistung zugänglich gemacht werden.

Der Analphabetismus bei Erwachsenen soll über einen staatlichen Massenbildungsplan beendet werden.

Lehrer sollen die gleichen Rechte wie alle anderen Bürger auch haben.

Die Trennung nach Hautfarbe im Kulturleben, im Sport und in der Bildung soll abgeschafft werden.

Es soll Wohnraum, Sicherheit und Wohlergehen geben! Alle Menschen sollen das Recht haben, dort zu leben, wo sie wollen, das Recht auf eine anständige Wohnung und das Recht, ihre Familie in Wohlstand und Sicherheit zu ernähren.

Ungenutzter Wohnraum soll allgemein zugänglich gemacht werden.

Mieten und Preise sollen gesenkt werden, Nahrung soll es im Überfluß geben, und niemand soll hungern.

Eine Gesundheitsvorsorge soll vom Staat betrieben werden. Allen sollen medizinische Versorgung und Krankenhausaufenthalt kostenlos sein, unter besonderer Berücksichtigung von Müttern und Kleinkindern.

Slums sollen zerstört werden und neue Vorstädte gebaut, die für alle Nahverkehr, Straßen, Beleuchtung. Spielplätze. Kinderkrippen und Kommunikationszentren sicherstellen. Die Alten, die Waisen, die Behinderten und die Versehrten sollen vom Staat versorgt werden.

Ruhe, Muße und Erholung sollen aller Recht sein. Umzäunte Siedlungen und Ghettos sollen beseitigt werden und Gesetze, die Familien voneinander trennen, abgeschafft. Es sollen Frieden und Freundschaft herrschen! Südafrika soll ein völlig unabhängiger Staat sein, der die Rechte und die Souveränität anderer Nationen respektiert. Südafrika soll sich um die Erhaltung des Weltfriedens bemühen und die Beilegung aller internationalen Auseinandersetzungen auf dem Verhandlungswege — statt durch Krieg — unterstützen.

Frieden und Freundschaft unter allen unseren Völkernsollen durch die Aufrechterhaltung von gleichem Recht, gleichen Chancen und gleichem Status für alle gesichert werden. Die Völker der Protektorate - Basutoland, Betschuanaland und Swasiland* - sollen für sich frei über ihre Zukunft entscheiden.

Das Recht aller Völker Afrikas auf Unabhängigkeit und Selbstregierung soll anerkannt werden und soll die Grundlage einer engen Zusammenarbeit bilden.

Laßt alle, die ihr Volk und ihr Land lieben, nun sprechen, wie wir es hier tun:

„Für diese Freiheiten werden wir kämpfen, Seite an Seite, unser ganzes Leben lang, bis wir unsere Freiheit gewonnen haben!"

Diese Freiheitscharta wurde auf dem „Volkskongreß" in Kliptown bei Johannesburg am 25./26. Juni 1955 einstimmig angenommen.

Der Kongreß war vom ANCzusammen mit dem South African Indian Congress, der South African Coloured People's Organization und dem Congress of Democrats (einer Organisation weißer Unterstützer der Befreiungsbewegung) einberufen worden. 2888 Delegierte aus dem ganzen Land nahmen daran teil. Ein Jahr später wurden 155 Führer dieser Organisationen verhaftet und des Verrats angeklagt; nach einem vierjährigen Prozeß wurden sie jedoch freigesprochen.

• Diese drei Länder waren damals noch nicht unabhängig und wurden von Südafrika beansprucht, weil sie aufbzw. an ihrem Territorium lagen. Betschuana. land ist Botswana.