Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Indochina

Die Lektion des Volkskriegs

Inprekorr Nr. 17, 15. Juli 1972 · S. 21-22 · 965 Wörter

Vietnam und Indochina

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INDOCHINA: QUANG TRI - DIE LEKTIONEN DES VOLKSKRIEGS -++++++ +++++++++++++++++++++++ Die Marionetten von Saigon haben mit Unterstützung der B-52, die Bombenteppiche legten, eine frontale Offensive in die Provinz Quang Tri gestartet. Diese Provinz wurde vor jetzt 3 Monaten von den revolutionären vietnamesischen Kräften befreit. Der Offensive gingen in den letzten 3 Wochen mehrere Handstreiche mit Hubschraubern voraus. In Stärke von zwei Divisionen ( nur Elitetruppen: Rangers, Fallschirmjäger, Marinefüsiliere), d. h. etwa 15 000 bis 20 000 Mann, rückten die Marionetten ziemlich langsam zur Hauptstadt der gleichnamigen Provinz vor.

Die Provinz Quang Tri, unmittelbar südlich des 17. Breitengrads, war am Anfang der Offensive sehr schnell erobert worden. Die Marionetten waren von den revolutionären Streitkräften, die vom Norden und vom Westen angriffen und über Panzer und eine sehr starke Artillerie ver fügten, einfach umgeworfen. Solide Marionettenstützpunkte wie Dong-Ha oder Camp Carroll waren von den Befreiungskräften sehr rapid ohne Schußwechsel besetzt worden. Sie bekamen dort eine beträchtliche Beute in die Hand; im Camp Carroll zum Beispiel übernahmen sie die mit denen Nordvietnam regelmäßig bombardiert worden war, völlig vier 175 mm Kanonen, intakt. Sofort wurden in der ganzen befreiten Provinz, die seither dauernden massiven Bombardi erungen seitens der US-Luftwaffe ausgesetzt ist, Strukturen der revolutionären Macht errichtet. Das Zentrum der Bodenkämpfe verlagerte sich indes gegen Südwesten in die Umgebung von Hanoi, wo eine Anzahl von Vorposten wie Bastogne erobert wurden. Zusammen mit dem Kampf um Kontum auf der Hochebene und der Schlacht um An Loc wurden die Kämpfe im Norden zum dritten Fixierungspunkt für die Saigoner Elitetruppen. An diesen drei Punkten erschöpfen sich ohne offensichtliches konkretes Ziel die besten Saigoner Truppen, die einzigen, die für große Kämpfe einsetzbar sind. Wogegen sich die revolutionären Kräfte in dieser Zeit auf dem Lande ausbreiten. Nur ein Beispiel: In der Küstenprovinz Binh Dinh kontrollierten die revolutionären Kräfte vor der Offensive (nach amerikanischen Quellen) 19 Dörfer, jetzt kontrollieren sie 320. Das Mekongdelta ist zum großen Teil befreit. Und dagegen sind die Marionetten und der US-Generalstab machtlos: ihre besten Truppen werden in den Kämpfen um die drei oben erwähnten Städte festgehalten.

Das, was um Quang-Tri geschieht, ist eine sehr gute Demonstration der in Südvietnam angewandten Strategien. Hinter den Bombenteppichen der B-52 rückten die Marionetten auf einer notwendigerweise schmalen Front vor, deren Breite durch das bestimmt war, was die US-Luftwaffe belegen konnte: sie stieß en so 20 bis 30 km vor und kamen bis an die Tore von Quang Tri, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen. Die Historiker des revolutionären Krieges in Vietnam werden sich sicher über die Bedeutung dieser Bewegung fragen. Wollte man am Vorabend der Wiederaufnahme der Pariser Gespräche einige spektakuläre territoriale Trümpfe in die Hand kriegen? Das ist möglich und sogar wahrscheinlich. Die ersten Seiten der amerikanischen Presse waren voll von den "Siegen" der Marionetten in Quang Tri, ein Beweis für die gute Gesundheit und die Angriffslust der Saigoner Truppen und für den Erfolg der Vietnamisierung• Aber die Kommentatoren der bürgerlichen Presse zeugen in ihrer Mehrheit von großem Unverständnis der Prinzipien des revolutionären Krieges. Der Volkskrieg kennt keine Front, hier wird der Terrain nicht um des Terrains willen besetzt. Es ist offensichtlich, daß die vietnamesischen Revolutionäre seit dem Beginn ihrer Offensive nicht die militärische Eroberung klassischen Stiles im Auge hatten. Nochmal: Ihr Hauptziel ist die Vernichtung der Saigoner Elite- Kampftruppen und vor allem ihre politische, administrative und militärische Verwurzelung in den augenscheinlich von Saigon kontrollierten Gebieten.

So gesehen ist die Offensive der Marionetten, um Quang Tri wieder einzunehmen, indem unter den taktisch ungünstigsten Bedingungen 20 000 Mann festgehalten werden, ein Kardinalfehler, dessen Konsequenzen schnell an den Tag traten. Alles spielt sich so ab, als ob die vietnamesi-

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schen Revolutionäre ein neues An-Loc schaffen wollten, diesmal im Norden. Die Umstände sind die gleichen: in einer zerstörten Stadt Festgehaltene Truppen, die fortwährend unter Beschuß stehen und gezwungen sind, Nahkämpfe einzugehen, die also nicht aus der Luft unterstützt werden können dabei. Vor allem sind die Nachschublinien in die Länge gezogen, wo zu Flankenangriffen geradezu herausfordert, die sehr bald unternommen werden. Schon Ende dieser Woche (zweite Juliwoche) haben die US- und Marionettenkommentatoren ihren triumphierenden Ton wieder fallen gelassen. Auch die beschränktesten Militärexperten merken, daß die Thieu-Truppen in eine Falle geraten sind. Die Befreiungskräfte versuchen, sie noch tiefer hineinzuziehen. Hat die Presseagentur von Hanoi nicht eine Reportage ihres Kriegskorrespondenten vom Schauplatz selbst veröffentlicht, der von sich behauptete, ruhig in den Straßen der befreiten Stadt spazieren gegangen zu sein, während in den Zeitungen von Saigon zu lesen war, daß die Stadt von den Fallschirmjägern der Marionetten wiedererobert worden war! Und in derselben Zeit fanden verstärkte Angriffe in der Umgebung von Hue stat auch hier im Rücken der Streitkräfte, die in die aussichtslose Offensive geschickt worden ware Quang Tri wird nicht zu einem neuen Dien Bien Phu für die Marionetten werden. Es geht nid darum, in einer isolierten Festung eine beträchtliche Anzahl imperialistischer Elitetruppen zu vernichten oder gefangen zu nehmen. Die Situation gleich eher einem anderen revolutionäre Sieg im Indochinakrieg: der Schlacht von Cao Bang, an der nördlichen Grenze, vier Jahre vo Dien Bien Phu, oder aber an die Situation im südlichen Laos vor einem Jahr! Aber dieser Sie wird von noch größerer Bedeutung sein, weil er unter so schwierigen Bedingungen erreicht w massive Luftwaffenunterstützung der Vereinigten Staaten, intensive Bombardierung Nordviet nams, Gefahr für die Deiche, Verminung der Häfen, diplomatische Pressionen und Ungewissh über die Antikriegsbewegung in den USA.

Wir sagen voraus, daßQuang Tri, obwohl es als Beweis für wiedererstarkte Kampfkraft der M rionetten hingestellt wurde, obwohl es nur eine Teilschlacht und vielleicht nicht die bedeute ste darstellt, zu einem glänzenden Sieg des Volkskriegs wird, der eine große Bedeutung für anderen Kampfgebiete der heldenhaften indochinesischen Revolutionäre hat. (Alain PETERSEN. Aus ROUGE Nr. 166 vom 15. 7.2