Weißes Haus - Kartenhaus aus Lügen aus Militant, 11.11.83 Ernest Harsch
In der Bemühung, die Tatsache zu verstecken, daß die US-Invasion auf Grenada die Errungenschaften der dortigen Revolution rückgängig machen soll, haben die Propagandamühlen des Weißen Hauses Überstunden geschoben.
In einer im ganzen Land ausgestrahlten Fernsehrede am 27.10. brachte Präsident Reagan drei zentrale Rechtfertigungen für die Invasion vor:
Sorge, die 1000 Bürger der USA auf Grenada, 800 von ihnen Studenten der medizinischen Fakultät der Universität von Grenada, könnten „verletzt oder als Geiseln gehalten werden."
Ein „dringendes Ersuchen" verschiedener karibischer Regierungen, ihnen „in einer militärischen Operation beizustehen, um Ordnung und Demokratie wiederherzustellen." • Die Behauptung, Grenada sei eine sowjetisch-kubanische Kolonie, die zu einer größeren Militärfestung ausgebaut wird, um von dort aus Terror zu exportieren und die Demokratie zu unterminieren." Die angebliche Gefahr für US- Bürger in Grenada war eine der ersten Lügen, die in sich zusammenbrach. Nur zwei Tage, bevor die UStruppen zum Sturm auf das Land ansetzten, versammelte sich der Vizekanzler der medizinischen Fakultät mit den Studenten und stellte fest, daß nur 10 % von ihnen Grenada verlassen wollten.
Am 25.10. teilte ein amerikanischer Amateurradiobetreiber in Grenada (sic!) in einer Sendung mit: Ehrlich gesagt, es hat nie auch nur irgendwelche Drohungen gegenüber auch nur einem Amerikaner gegeben." US-Sprecher haben behauptet Ausländer, die Grenada verlasser wollten, hätten dies nicht tun könnten, da der Flugplatz geschlossen worden sei. Jedoch noch am Tag vor •der Invasion hoben mehrere Charterflüge ohne Schwierigkeiten ab. Solche Enthüllungen haben die Regierung der USA und die kapitalistischen Medien jedoch nicht davon abgehalten, die Geschichte am Kochen zu halten. Unter Ausnutzung der Tatsache, dais viele US- Medizinstudenten durch die Invasion wirklich um ihr Leben fürchten mußten, haben Presse und Fernsehen mit ihren Äußerungen der Erleichterung. nachdem sie die Insel verlassen hatten gespielt.
Außerdem behaupteten Sprecher des Weißen Hauses am 27.10., US- Kräfte hätten Dokumente gefunden, die bewiesen, daß die Regierung Grenadas — natürlich in Zusammenarbeit mit kubanischen Beratern - US-Bürger als Geisel zu nehmen. Doch schon am nächsten Tag nußte ein Beamter des Pentagon zugeben, daß ein solches Dokument nicht existiert.
Die Reagan-Regierung wollte die Invasion dadurch als legal darstellen, daß ihre Truppen von karibischen Regierungen „eingeladen" wurden. Erstmal hat keine dieser Regierungen irgendein Recht, um eine US- Intervention zu bitten oder eigene Truppen zu senden.
Aber abgesehen davon waren es die Imperialisten, die bei der Aufstellung der karibischen Interventionsstreitmacht initiativ waren. Ein höherer Regierungsbeamter Jamaikas sagte der Washington Post, daß Vertreter der USA seit Monaten versucht haben,die karibische Gemeinschaft (CARICOM) dazu zu bringen, Grenada „zu isolieren" und sich Gedanken über eine militärische Aktion zu machen.
Das dann am 23.10. erfolgende Ersuchen durch die Orgánisation Ostkaribischer Staaten (OECS) kam auf Drängen der USA zustande; Folgendes schreibt Bernard Gwertzman am 30.10. in der New York Times: „Der Wortlaut des formellen Ersuchens wurde in Washington aufgesetzt und den karibischen Führern durch amerikanische Sonderbotschafter überbracht."
Das Weiße Haus hat behauptet, Kuba stecke hinter Sturz und Ermor dung Maurice Bishops. Dieser Vor wurf wird immer noch wiederholt, obwohl schon am 20.10. eine Stel lungnahme der kubanischen Regierung den Mord an den grenadischen Führern verurteilte. Am 26.10. hatte auch Staatssekretär Shulz immerhin zuzugeben: , Wir haben keine direkte Information", daf die kubanische oder sowjetische Regierung hinter der militärischen Machtübernahme in Grenada steckte — aber dieses Eingeständnis wurde in der Presse nurauf den hinteren Seiten vergraben berichtet.
Einige Tage nach der Invasion, in der Rede vom 27.10., teilte Reagan mit, die US-Truppen hätten eine „komplette" kubanische Basis auf Grenada und Lagerhäuser voller Waf. fen und Munition ausfindig gemacht. Basis besuchten, stellten fest, daß das die dann die angebliche eine Lagerhaus Traktoren enthielt, das andere Reis und sonstige Lebens mittel. Und die Hauptwaffenhalle dann, so berichteten sie, war nur zu einem Viertel voll mit einigen modernen, aber vor allem mit überalterten Waffen, darunter sogar Marlin 30-30 Karabiner aus dem Jahre 1870. Eine der wildesten Anschuldigungen erfolgte am 28.10. US-Offiziere machten in Grenada zusätzlich zu den 600 gefangenen 800 bis 1000 weitere Kubaner aus, die sie noch nicht gefunden hätten, die sich nämlich in die Hügel verzogen hätten, um von dort aus mit einer Guerilla gegen die US-Streitmacht zu beginnen. Auch dieses Lügengebilde war am
folgenden Tag schon zusammengebrochen. Die kubanische Regierung veröffentlichte in erschöpfenden Details ihr auf Grenada befindliches Personal, sogar die Namen. Die Gesamtzahl betrug demnach 784, davon 43 Mitglieder der Streitkräfte. Die Hauptmasse der Kubaner sei gefangengenommen, und die Mehrzahl der verbleibenden sei getötet worden oder in die kubanische Botschaft geflohen.
Unfähig, Beweise zur Zurückweisung der kubanischen Stellungnahme beizubringen, „revidierte" das Pentagon seine Schätzung auf 700 bis 750, was ja in etwa den Angaben Kubas entspricht.
InPreKorr, Nr.158, 10.11.8j BRENADA