anti bürokratische Opposition • von Laetitia Cavaignals, 1. Juli 1982 Am Dienstag den 6. April 1982 wurde in Moskau durch die beiter (siche kasten). Diese fund Unbekannten sind me Agenten der sowjetischen Bürokratie eine ziemlich große Arbeiter (siehe Kasten). Diese fünf Razzia im Moskauer Gefängnis Le fortowo eingesperrt und werden wahrvaren 12 Verhaftungen und etwa 50 Hausdurchsuchungen scheinlich nach dem $ 70 des sowjetischen Strafgesetzbu- Daß diese repressive Aktion in Westeuropa nicht aufgegrif- ches angeklagt, was bei einer ersten Verurteilung ansonten wurde, zeigt, daß die Zeit der heuchlerischen Beteue - sten ungewöhnlich ist: sie laufen Gefahr, zu Sträfen bis rungen über Menschenrechte, in deren Namen man die Op- zu sieben Jahren Gefängnis und fünf Jahren Verbannung verposition in der UdSSR bemitleidete, vorbei ist. urteilt zu werden. Vielleicht kann man dieses Schweigen auch damit erklären, Die Entwicklung innerhalb der Opposition und die Repres daß unter den Verhafteten nur unbekannte Namen, die nicht sturzung der demokratischen Bewegung in der UdSSR uber sion, mit der sie konfrontiert wird daß die Unterauf der Liste der "prominenten" Dissidenten wie Sacharow stehen, zu fin den sind. So handelt es sich z. B. um Andrej die humanistische und moralische Begründung hinaus eine Fadin, Tschemiski, bei denen massenhat Literatin ge- sion trifft nicht einfach Menschen. reale politische Notwendigkeit darstell anders denken . Denn die Repres- Vladimir Tschemitski, funden und beschlagnahmt wurde: einige Nummem der Sa- (wörtliche Übersetzung des russischen Wortes "Dissidenz"), m'zdat-Zeitschrift Sozialismus und Zukunft", ein Appell sondem zugleich solche die für einen Sozialismus ohne dieser Zeitschrift an die KP Italiens, Dokumente über l Anführungsstriche kämpfen. Ihr beispielhafter Kampf muß ein Inverview der französischen Zeitschrift "L' Alter- also von einer beispielhaften Solidaritätskampagne unternative" mit Redaktion der Zeitschrift "Varianten", die stützt werden. Ein paar Zeilen haben manchmal mehr Bedeutung als eine lange Rede oder eine spektakuläre Aktion. So z.B. der "Appell an die polnischen Arbeiter", der hier abgedruckt ist.
Dieser beispielhafte Appell - Botschaft und Solidaritätserklärung zugleich erweckt nicht nur Begeisterung und Erstaunen. Er sagt und drückt mehr aus, besonders über die sowjetische Realität, nach der man in den Massenmedien vergeblich sucht. Die Zeilen allein reichen schon aus, um die ganze "Wissenschaft" der Sow jetologen. der sogenannten "Kreml-Astrologen und die überkommenen westlichen Ansichten von der Dissidenz über den Haufen zu werfen.
Beginnen wir mit einer posthumen Bilanz, die von dieser Opposition nach ihrem angeblichen Ableben gezogen wurde. Die Opposition in der UdSSR wurde in demselben Sarg begraben wie die Entspannungspolitik, uni da bei gab es in der Breschnew -Periode nie eine so systematische Repression wie heute: Verhaftungen und Verurteilungen sind fast zum Alltag geworden. Im Westen hat die Gleichgültigkeit prompt die Krokodilstränen abgelöst. Dieses schweigen, mit dem die Oppositionellen in der UdSSR nunmeht übergangen werden, ist zweimal relevant: erstens zeigt sich, wie weit es mit den "humanistischen " Sorgen eines Jimmy Carter her ist: diese Feil- Forath li scherei zwischen den Staaten, fur die sie früher als Objekte dienten, ist heute nicht mehr gefragt. Vor allem aber beweist das stillschweigende Übergehen die totale Un fähigkeit,
das Phänomen der Dissidenz zu analysieren. Dieses Phänomen besteht nicht in dem Auftauchen einer bestimmten und begrenzten Zahl bewußter Individuen, sandem in der Tatsache, daß es reale und tiefe Prozesse innerhalb der sowjetischen Gesellschaft widerspiegelt. so geseher kann es auch nicht dauerhaft zerschlagen werden. Wenn man dies nicht begriff, konnte man auch nicht voraus- Stempeln entzogen hätten, die die Aufprägte, Es wire falsch, sie zu le- Geschichte den sowjetischen Bürgem pischen Disseidenten zu machen. würde die neue Arbeits- und Erschei- ser Appell - die Widerspiegelung einer nungsformen notwendig machte: die- neuen Oppositionsströmung in der SU er Appell an die polnischen Arbeite - stellt fn Wirklichkeft eine Bilanz ist der faßbare Beweis dafür. dar. Und wer Bilanz sagt, sagt Erfah- Bruch mit der dezimierten Distden- Wenn diese neue tengeneration der sebziger Jahre er- EINE NEUE OPPOSITIONELLE STRÖMUNG Liest man den Aufruf, dann steht man, daß indes der offensichtlichste Bruch auf der politischen Ebene liegt, was die Sichtweise relativiert, dfe sowjetische Opposition, von fünfzig Jahren Stalinismus gezeichnet, tendiere dahin, alles, was mit dem Wort Soziaismus zu tun hat abzulehnen. Diese Auffassung, die sich einem durch da Echo in den westlichen Medien lelcht sition, einem Programm der moralischen Erneuerug oder auf einer freiwilliger Selbstbeschränkung auf die Verteidisen Namen " (Solschenitsin, Sacharow) zu verbinden, ist heute nicht mehr möglich.
Außerdem war es gerade diese einseitige Betrachtungsweise, die zu einem entstellten Bild von "Polen aus sowjetischer Sicht" führte. Auch hier wurde keine altemative Strömung wahrgenom men. Entweder erwähnte man eine Welle von Sympathie, die aber wie mit einem Femglas die polnischen Ereignisse zu betrachten schien (Polen ist ein anderer "Planet" •hat eine andere Geschichte, eine andere Arbeiterklasse, die Erfahrungen haben also wenig Bedeutung fur die Sowjetunion). Oder man sprach von Feindseligkeit und Wut, weil man in der SU auf die nationalistischen und "Lebensmittelversorgungs"-bedingten Argumente der Machthaber reinfiel (die Polen streiken, und wir sind gezwungen, sie zu emähren: deshalb sind natürlich unsere Lãden leer).
Diese sowjetischen Dissidenten erklären aber hier nicht nur ihre Solidarität mit den polnischen Arbeitem, sonder sie "hoffen und glauben" an sie. In diesem Zusammenhang muß man ein wichtiges Detail erwähnen, das mit dem Bruch. welchen der Appell enthält, zusammen hängt: es handelt sich darum, daß er bewußt anonym unterzeichnet wurde. Gewöhnlich hatten wir es mit Äußerun gen der Opposition zu tun, die einen allgemeinen Wert hatten und mit bekannten Persönlichkeiten - "großen Namen " - verbunden waren; stattdessen finden wir hier einen kurzen, eindeutigen und engagierten Text, aber einen Text ohne bekanntes Gesicht. Man soll diese Tatsache nicht nur als eine Taktik oder Technik gegen die Repression der letzten Jahre interpretieren. Es ist der Ausdruck eines neuen politischen Willens.
Es ist interessant, all diese Züge zu schied zu "traditionellen untersuchen, die eindeutig im Unter- Oppositionsvorstellungen stehen, gerade well sie neu und ungewöhnlich erscheinen. Eins ist wichtig: man soll das Ungescheint, so wäre es doch falsch, in Gegensatz zu dieser zu stellen: wöhnliche nicht mit dem "Zufall" ver- dieser Bruch konnte nur aufgrund einer wechseln. Es wäre falsch, aus diesen Bilanz der Erfahrungen der siebziger Namenlosen außerordentliche Indiví- Jahre erfolgen, Diese Bilanz - eine duen zu machen, die durch ein Wun - wahre Geburtsurkunde für diese Ströder sich den Regeln, Gesetzen und