Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Dokument I

Wir Arbeiter … Wir spürten die Konfrontation kommen, waren aber vom Ausmaß überrascht

Inprekorr Nr. 3 (142), 4. März 1982 · S. 9-11 · 2.135 Wörter

Polen Gewerkschaften und Streiks Sowjetunion

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"... WIR SPÜRTEN DIE KONFRONTATION KOMMEN, WAREN ABER VOM AUSMASS ÜBERRASCHT" - Eine Diskussion kommt in Polen innerhalb des Widerstan ds schaftsführem stammen, sind sie nicht gezelchnet. ingang über die Bilanz von fünfzehn Monaten legalen Kamptes der Solidamosc. In den meisten Artikeln, die aus Polen zu uns gelangen und die sich nicht um blosse Information drehen, wird der Versuch einer Bilanz gemacht. erschien, sowie die ausführliche Resolution des Vereinig- Nachfolgend veröffentlichen wir zwei Artikel, die für die ten Sekreteriats der Vierten Intemationale, die demnächst Polarisierung, Wie sie sich derzeit im Widerstand abspielt, in "die internationale" , der theoretischen Zeitschrift der bezeichnend sind, Wie die meisten der Texte. GIM, erschei nen wird.

von bekannten - und von der Polizei gesuchten - Gewerk- In der Nacht vom I2. zum 13. Dezember 1981 erlitt die Gewerkschaft Solidamosc eine Niederlage, von der sie sich nicht mehr erheben wird, zumindest in ihrer ursprünglichen Form. Da für gibt es zumindest zwei Grün de : - Erstens war Solidamosc eine soziale bewegung, Hermungen aller Seichen der Gesellschaft ihre organisatorischen Strukturen wurden durch diese Tatsache bestimmt. Es stellte sich heraus, Es ansparenz hrer Aktivaten, vor s eine gute sache an sich angesehen wurschafte che semokrate und davon ab- die unbeschränkte innergewerkgeleitet das Fehlen einer zentralisierten Exekutive der Gewerkschaft sowie eines Kommunikationssystems und einer nicht -öffentlichen Leitung. dass diese Faktoren ausserordentlich begünstigten, dass die Führung der Gewerkschaft von der Militär- und Parteidiktatur binnen weniger Tage zerstört wurde.

- Dann sind die politischen Umstände etzt ganz anders. Zweifelsohne haben lie Militär-Partei-Behörden die Absicht, die Gewerkschaft wieder zum sie mente seite energe e schränkt (z. B. die Organisation von Ferienaufenthalten und die Verteilung der Winterkartoffeln), all das auf die Fabriken beschränkt, wobei die den alten Namen der Gewerkschaft, ihr Wahrzeichen, ihre Symbole usw. beibehält. Das kann man daran sehen, dass mit gewissen Gewerkschafter Verhandlungen geführt werden, insbeson dere mit solchen, die nicht intemiert can er Sat ehren untereiben sowie damüssen, dass sie sich verpflichten, Solidarosc zu verlassen.

Wir Kollegen von Solidamosc haben aus der Lektion vom Dezember folgen de Schlussfolgerung gezogen: die Existenz von freien Gewerkschaften in einem totalitären System sowjetischer Art ist schon von der Definition her nicht mit dessen Natur vereinbar und deshalb unmöglich. Wir harten che in Polen dee listorische Experiment gelingen würde, dass das sentlichen Fragen konzentrieren. Wir System sich so umwandeln würde, dass spürten, dass die Konfrontation, die zwar die führende Rolle der Kommunis- von den Machthabem so systematisch tischen Partel bewahrt und die Bünd- gesucht wurde, kommen musste. Aber nisse der Republik Polen mit der Sow- der ausgesuchte Zeitpunkt, ihr Ausmaw jetunion und den anderen Ländem des und ihre unglaubliche Brutalität uber- Warschauer Paktes nicht berührt wür- raschten uns. Als Konsequenz aus aber es möglich sei, allem musste Arbeiterblut fliessen. schaftliche Kontrolle über das Wirt- Weil man uns monatelang mit einer die Produk- sowjetischen Intervention und dem Verlust unserer Unabhängigkeit gedroht hatte (militärische Manöver, sieren, die freie Enttaltung des kultu- klärungen der Kommentatoren von rellen Lebens zu ermöglichen und eine Brief des ZK der kommunistirichtige territoriale Selbstverwaltung schen Partel der Sowjetunion usw,), zu schaffen. Wir hofften, damit einen erwarteten wir den Einmarsch russischer dritten Entwicklungsw Citemative schaft zu öffnen, eine Truppen. In Wirklichkeit gehörte das zu den Plänen der Militär-Partelsowohl für das westliche Modell kapitalistischer Konsumgesellschaft wie für Machthaber, Dass die Frage mit den dogmatischen Sozialismus sowjetischer Art. Dieses Experiment ist fehlgeschlagen, und es war, erst jetzt sieht, von Anfang an zum Meinung im Westen, sondern auch Scheitem verurteilt. einen Teil der polnischen Gesellschaft. Dazu sollten auch solche Elemente wie dass die Nationalfahne neben die rote Fahne auf dem Gebäude des Zentralkomitees der PVAP genung der Vereinbarungen von Gdansk, hisst wurde, dass die traditionellen Szczecin und Jastrzebie (wie man das Schirmmützen für die Ehrengarde der z. B. an dem Zeitpunkt, zu dem Ma- Armee wieder eingefuhrt wurden, dass General Jaruzelski im Fernsehen mit terial gegen innere Unruhen bei japa- der Fahne der polnischen Armee im nischen Firmen bestellt wurde Hintergrund auftritt, usw. Heute ist kann), und sie wurden im Laufe des die Situation klarer, und niemand Sommers 1981 vor dem Kongress der kann mehr Zweifel haben über die ei- PVAP forciert, als die Bewegung der zentlichen Urheber der Ereignisse von "horizentalen Strukturen" in liquidiert wurden. Damit wurde der Teil der PVAP-Mitglieder am Aufbau eines neuen Modells von der aktiv Wie sieht die Zukunft aus› Es ist Sozialismus mitarbeiten wollte, ver- schwer, eine genaue Antwort auf diese drängt. Nach dem Kongress fing die rage zu geben. Denn viel hängt vor der Entwicklung der inneren Situatia Welle von Provokationen an, (z. B. den wirtschaftlichen Problemen) zum letzten Dezember anhalten sollte. Die Machthaber versuchten, die Kon- nationalen Situation ab Aber eines der inter- Stretes aus nebensicht chen Geinden nationalen Situation ab. kann man sagen: auch wenn Solidar- (z. B. wegen der freien Samstage, we- nosc als Organisation zerstört worden en Einzelpersonen, indem korrupte ist, so waren die letzten fünfzehn Moirektoren auf ihrem Posten belasser nate doch nicht umsonst. Riesige Umwurden usw.). Diese Interventionen wälzungen fanden im gesellschaftlichen waren technisch ganz einfach und fuhr- Bewusstsein statt, so dass es keine Rückkehr mehr zum Pseudo-Sozialisten sehr rasch zur gewünschten Radikalisierung der Masse der Solidamosc- mus aus der Zeit vor dem August 1980 Mitglieder, zur Isolierung der gem ässig- zeben kann. Darin liegt unser sieg. Berater ung zur Schwächung der Kein politischer sieg. denn wir haben Position von Lech Walesa. mit dem Zusammenbruch des Mythos, dass 10 Millionen Mitglieder von Soli- Gegenüber all diesen Vorkommnissen damosc unbesiegbar seien, eine Niederkonnte die Gewerkschaft, eben weil lage erlitten, sondem ein Sieg auf der sie so wenig zentralisiert war und weil Ebene des Bewusstseins und derMoral sie keine Disziplin hatte, nicht reagie- der Gesellschaft. Solidarität erlaubt ren; sie konnte sich nicht auf die we- es heute, dass Untergrun daktivitäten

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begonnen werden, dass Kooperationsnetze geschaften werden, dank derer wir das retten können, was wir in den fünfzehn Monaten unserer Aktivität geschaffen haben: unsere soziale Solldarität, Diese bleibt den Militär-Partel-Machthabem im Halse stecken, wenn sie im Namen der Devise "Telle und herrsche! " es gerne mit einer zersplitterten Masse zu tun hätte, die keinen eigenen Willen mehr hat. Diese unsere Solidarität müssen wir mit allen Mitteln verteidigen, denn wenn wir sie verlören, dann ginge uns auch - für lange Jahre - die Hoffnung, dass wir eine bessere Zukunft erobern werden, verloren.

Die heute von den Kollegen der Solidamosc geknüpften Netze im Untergrund spiegein nicht die alten Organi ationsstrukturen der Gewerkschaf Wieder, denn die ist ja den Behörden nen sie dazu, Informationen zu sammein und zu verteilen, die Untergrundspublikationen zu verteilen unc Jen passiven Widerstand auszuweiter und zu strukturieren. Bei diesen Aktivitäten stärkt und hilft uns die Haltung der verhafteten Gewerkschaftsführer mit Lech Walesa an ihrer Spitze sehr, wie auch die Untergrundaktivität der rgionalen Führer, die entkommen konnten (Zbigniew Bujak in Warschau und Fraynluk in Wroclaw) und auf die Kopfprämien ausgesetzt wurden, als waren es ganz gewöhnliche Banditen. Politische Differenzierungen werden e in treten. Bis zu Ihrer Zerschlagung vereinte Solidamosc Leute mit sehr unterschiedlichen Ideologien und politischen Positionen, eben weil es keine politische Organisation, sondem ein e soziale Massenbewegung war. Es var also klar, dass diese Beweguns ines Tages auseinanderfallen und den Weg frei machen würde für Strömungen, die politisch homogener sind.

Mehrere Faktoren werden auf die Entwieklung der künftigen Situation in Polen Einfluss haben.

INNERHALB DER PVAP

Zweitens die Lage Innerhalb der kommunistischen Partel, Ste ist nicht klar, aber anscheinend Ist es möglich, dinige charakteristische Züge aufzuzeigen. Vor allem ist einerseits zu beobachten, dass die Leute massiv austreten (einschllessiich alten Gründungsmit glieder), sicher einige Hunderttausen: de: andererseits werden progressive Elemente ausgeschlossen, die für die Umsetzung der Idee einer wirklichen nationalen Entente eintraten (ein Beispiel, das für sich spricht, ist das des Professors Samsonowicz, des demokratisch gewählten Rektors der Universitắt von Warschau). Automatisch bleiben da in der PVAP nur noch die dogmatischen Stalinisten, die Opportunisten verschiedener Couleur und die Angsthasen.

Unter solchen Umständen scheint es doch paradox, wenn die Macht in den Händen von gemässigten Punktionären wie Jaruzelski, K. Barcikowski oder DIE WIRTSCHAFTLICHE SITUATION Erstens die wirtschaftliche Situation. Die derzeitige Regierungsmannschaft Von stat were nachen ein be stimmt; dennoch wird sie gewisse Ele- Sende mosc ausgehandelt worden sind. Eine solche Reform kann keinen Erfolg haben, denn die Behörden werden es lich autonom sind; sie wird das System der Wirtschaftslenkung, das auf zentraldiktierten Orientierungen und auf einer zentralisierten Verteilung basiert, beibehalten. Das hängt zum Tell auch von den objektiven Bedingungen ab, vom Mangel an Rohstoffen und Energie. Ein weiterer Grund dafur, dass die wirtschaftlichen Perspekan der Apathie und vor allem am passiveten. Das sind sehr wichtige Faktoren, die zusammen mit dem fehlenden Vertrauen in die Massnahmen der Junta in der Lage sind, deren gesamte Politik zu torpedieren. Es ist also damit zu rechnen, dass die industrielle Produktion weiter absinkt und sich so der endemische Krisenzustand der Wirtschaft noch verschärft. Zu erwähnen sind auch die über zwanzig Milliarden Dollar Auslandsschulden und dass Polen eventuell zahlungsunfähig erklärt wird, Dazu kommen in naher Zukunft riesige Probleme der Woro Polen eront eine regelrechte Hungersnot, die zu verzwelfelten Massenexplosionen führen kann, welche die militär-polizeiliche Macht der Junta im Zaum zu halten nicht in der Lage sein wird. Das könnte unmittelbarer Grund für eine sowjetische Intervention sein.

das Kriegsrecht !!.* "Sie verletzen (Dessin de PLANTU.)

10• Mieczyslaw F. Rakowski bliebe, Früher oder später wird es zu einem Konflikt kommen zwischen diesen Leuten und der Gruppe, die man den "Beton" nennt, Leute wie Stefan Olszowski (der selbst im Führungsorgan der Junta sitzt, dessen Funktion aber nicht erläutert wird), Kociolek oder Tadeusz Grabski dakn alt Polen zurie in oberhand, stalinistische Periode: die Repression wird noch viel stärker werden, und das könnte natürlich das Wesen des Widerstands der Gesellschaft, die derzeit gemässigte und friedliche Mitte. gewählt hat, andem.

DIE INTERNATIONALE SITUATION Drittens die intemationale Situation. Ihre Elemente im Detail aufzuzählen, ist nicht sehr nützlic bekannt. Aber denn diese Dinge sind am besten man muss den Politikem recht geben, die meinen, dass sie am emstesten seit dem Zweiten Weltkrieg ist und dass Polen einen der wichtigsten Faktoren darstellt. Deshalb ist die internationale Unterstützung für die soziale ewegung in Polen und für Solidam osc (oder fur die Ideen, die Solidarosc schuf) für uns von erstklassiger Bedeutung.

Die Lage in Polen kann kurz so zusammengefasst werden: wir müssen vor allem auf unsere eigenen Kräfte zahlen, aber die Unterstützung in all Ihren Formen ist für uns von sehr grosser Wichtigkeit. Wir konnten diese Erfahrung vor allem in den ersten Tagen nach Ausrufung des Kriegszusenen Poliker en masterssozialen Demonstrationen wir uns schneller von dem Schock, den wir erlitten, erholen konnten.

Anfang Januar 1982 *

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Dokument Il:

« Wir von der Intelligenz...»

...WIR WIR HATTEN NICHT DEN MUT, DIE RADIKALISIERUNG ZU BREMSEN" Der polnische Krieg von 1981 geht seinem Ende zu 'Wie im September (1939) halten sich noch einige isolierte Bastionen, aber auch sie werden fallen. Die Gesellschaft wird aus sich heraus keine neuen Kräfte sammeln können, um Ihnen zu Hilfe zu ellen, So steht es. Die Besetzung beginnt. Heute merken wir, wie gross die Fehler waren, die wir begangen haben, und von welchem Punkt an wir - Militante und sympathisanten von Solidamosc - für dieses Desaster mitverantwortlich sind. Es wird uns teuer zu stehen kommen.

Einige unter uns schwelgten in der naiven Annahme, dass ein langfristiger Kompromiss möglich sein könnte Die Mehrheit von uns war überheblich, weil wir unserem Gegner unterschätzten und den Zeitpunkt gekommen sahen, ihm die Bedingungen der Kapitulation zu diktieren. Die klügsten Stimmen innerhalb der Gewerkschaft - die von Kuron, Geremek, von Mazowiecki und der Anwälte Olszowski und Sila-Nowicki - von den Leuten. die nicht erst seit einem Jahr, son dern seit Jahrzehnten gegen diese Macht kämpfen und die in realistischer Einschätzung, des Kräfteverhältnisses an die Selbstbeschränkung der Revolution und an die Konsolidierung der erreichten Positionen appellerten, diese stimmen wurden nicht emst genommen. Und dies nicht nur von den radikalen Militanten, sondern von allen. Wir alle haben mit Resolutionen die von der Nationalen Kommission von Solidamosc gewählte Taktik unterstützt, und wir wollten nichts wissen von dem drohenden Gewitter, das sich am einfachsten von der gewerkschaftlichen Basis her betrachten liess. Innerhalb von Solidamosc hat die radikale Arbeiterlinie sich durchgesetzt: es waren die jungen militanten Arbeiter der Grossbetriebe, die den Ton angaversöhnlerischen Geist an den Rand ge- ben. Die Experten wurden wegen ihrem der avaten stein der T. Landeten kongresses yon Solídarosc zum Ausdruck.

WIR. DIE INTELLIGENZ..•