Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Der Widerstand unter dem Militärstiefel, 8. Februar 1982

· Inprekorr Nr. 3 (142), 4. März 1982 · S. 4-5 · 1.605 Wörter

Gewerkschaften und Streiks Polen

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Der Widerstand unter dem Militärstiefel — von Jacqueline Allic , 8. Februar 1982 Wie man aus dem Ablauf der Ereignisse sehen konnte, war der Gewaltstreich vom 13. Dezember 1981 von der polnischen Bürokratie von langer Hand vorbereitet worden. Mit den massiven und systematischen Verhaftungen schon von Samstagabend (12. Dezember) an und mit der Intemierung von Tausenden der aktivsten Kollegen von Solidarnose und eines Teils derer, die offen die Gewerkschaft unterstützten, testgehalten werden, sind die Lebensbedingungen alles andere als beneidenswert. Die Gefangenen sind oft zu 12 in einem Raum von 18 Quadratmetem. Sie haben täglich nur eine halbe Stunde Hofgang, das Essen ist sehr kalorienarm, und vor allem gib Anlal zur Sorge, daß jegliche ärztliche Betreuung fehlt.

"Es gibt Kranke, darunter einen alten Mann von 72 Jahren, um die man sich dingungen zu protestieren. Dabei wurde deutlich gemacht, daß die Behörden zwar auf Intellektuelle und auf die bekannten Führer von Solidamosc gewisse kucksicht nenmen, gegen Areiter aber, die viel schlechter behandelt wurden, mit physischem Zwang vorgingen.

Soll man deshalb den Schluss daraus ziehen, daß die polnische Arbeiterklasse zerschlagen worden ist, und in und warfen das bis dahin herrschensie alle Mittel, die in ihrer Macht standen, einsetzten, um die Bevölkerung zu terrorisieren versuchen. Ausgehsperre, Verbot von Reisen innerhalb des Landes, Authebung der telenicht kümmert(...). Wir haben fest- Seien heranlauten dis in den mien ausbrechen können" , kann man in einem Zeugenbericht lesen (3). Am 4. Januar organisierten die Gefangenen einen fungerstreik, um gegen die Verschlechterung ihrer Existenzbedem Konzert mitmachen, die die Probleme nur in Form humanitärer Hilte sehen und die politische Revolutior in diesem Land bereits begraben haben? Der Widerstand, der vom Tage des Gewaltstreiens an organisiert wird, 1st so breit, daß er das Gegenteil bezeugt. fon verbindungen, Razzien, Durchsuchungen, endlose Verhöre von zufällig SPONTANER WIDERSTAND aufgegriffenen Leuten, Verbreitung höchst alarmierender Gerüchte über die Internierungsbedingungen von Verschwundenen, Verbot jeglichen Kontakts mit dem Ausland: alle diese Maßnahmen zielen darauf ab, jede rebellische Ansicht schon im Keime zu ersticken. "Vierzehn Stunden am Stück mußten wir dort stehen bleiben in einer grausamen Kalte: Minus 15 Grad, Sie hatten uns Handscheller angelegt, manchen auf dem Rücken" erzählte ein Zeuge, der in der Nacht vom 12. zum 13. Dezember in der Umgebung von Gdansk testgenommen worden war. Des weiteren berichtete er, wie sie dann ins Gefängnis Bialoleka bei Warschau überführt wurden und dort eine weitere Nacht zusammengepfercht verbringen mußten, "bei Redeverbot, ohne Essen und Trinken, nichts; und nach wie vor mit Handschellen. Mitten in der Nacht kamen weitere Gefangene an. Ich konnte sie sehen. Etliche waren brutal geschlagen worden. Manche wurden bewußtlos hergeschleppt... vielleicht gab es auch Tote...(1)"

Die Internierungsbedingungen in den provisorisch organisierten Lagen Die Zahl der internierten Leute im zanzen Lande schwankt zwischer 50.000 und 100.000 je nach Quelle. Regierungsversion: 5, 000, davon kaum mehr als 360 in Warschau (2)* . Selbst im Gelangnis von Bialoleka, dem "Schaufenster" , das man den Aus lănedem zeigt und wo zahlreiche bekannte Führer und Experten von Solidamosc Spontan beschloßen die Arbeiter zahlloser Fabriken, Ihr Werk von der Ausnales Streikkomitee" aus Solidaritäts- Führem, die noch in Freiheit waren, einen Aufruf zum Generalstreik heraus. Hunderte von Betrieben folgten ihm, darunter eine große Anzahl von Fabriken, die von Dienstag 14. Dezembe an militarisiert worden waren, wodurch Streik mit der Todesstrafe geahndet werden konnte.

Vor allem in den Bergwerken nanmen die Besetzungen einen dramatischen Verlauf: oft weigerten sich die Arbeiter, wieder an die Oberfläche zu kommen: In der Zeche Piast drohten die Arbeiter damit, das Dynamit, das sie an ihre Körper befestigt hatten, explodieren zu laßen; bel ihrer Besetzung hielten sie unter außerst schwierigen Uberlebensbedingunger bis zum 28. Dezember, das warer 13 Tage, aus (s. Inprekorr 1/82, S.8). In der Zeche "Wujek", wo die Arbeiter den Betrieb, der in unmittelbarer Nähe von Wohngebieten legt, in die Luft zu jagen drohten, war der Einsatz von 40 Panzem, 5 schweren Maschinengewehren und von Hubschraubem versprühtes Lahmgas nötig, um den Bergarbeitem beizukommen, sowie die Menge von Frauen und Kindem der Arbeiter zu zerstreuen, die sich vor dem Bergwerk versammelten, um Ihnen zu helfen. Nur die Spezialeinheiten der Miliz gegen innere Unruhen - die ZOMO - nahmen an der Operation teil, die elt Tote kostete; die soldaten blieben passive Beobachter im Hintergrund (s. Inprekorr 1/81, S. 7) Bei der Zeche Baildon dagegen gelang es den Frauen der Kumpels, zu verhindern, daß die Miliz das Werk einnahm, indem sie alle vor das Tor zusammenkamen.

Auch in den Stahlwerken, vor allem in den großen Komplexen von Krakau und Warschau, zeigten die Arbeiter, alle die "Besetzer" nannten, alle ene lesetze sie nannten, eniderstand leisten. Bel Huta Katowice verbarrikadierten die Arbeiter sich im Werk und drohten, die Hochöfen mit Hilfe der Oxygen- und Azetylen-Lager in die Lutt zu sprengen. Die Streikenden hatten sich auf einer solchen Streik mit Betriebsbesetzung vorbereitet und verfügten über be- (1) "Liberation" vom 28. Dezember 1981.

(3) Informationsbulletin des Koordina- 7. Januar 1982, tionskomitees der Gewerkschaft "Solidarnosc" in Frankreich, Nr. 2

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trächtliche Reserven an Lebensmitteln sowie Eisenstangen und Molotow- Cocktails; sie mußten aber vor der Drohung mit Maschinengewehren beigeben, nachdem Panzer aufs Werkgelände eingedrungen waren. Der Widerstand an der Ostaceküste schließlich war besonders hart, nicht nur in den Betrieben, sondem in der samen die Miller die Armeen- In Gdansi heiten, die vom Zeltpunkt, wo der Toren der Betriebe versammell hatten, die sich vor der fratemisierten, Ste wurden durch Sondereinheiten der ZOMO abgelöst. Panzer aufs Werftgelände dringen. erst am Freitag 17. Dezember konnten Dabel gab es Tote, An diesem Abend, dem Jahrestag der Unruhen an der Ostseeküste von 1970, versammelten sie ihn mit den blossen Händen nicht sich an die 100.000 Leute in der vertel digen. Bahnhofsgegend, errichteten Barrikaden und zündeten alles an, was In den meisten Fällen zogen die Kolsich ihnen als Hindemis entgegen- legen und Führer von Solidamac erst stellte. am Vorabend des Gewaltstreichs, nachdem General Jaruzelsld mit dem Die Repression auf dlé ersten Widerstan dsformen war brutal und forderte rote nicht nur inGdansk son dem von Militärs stießen, die in luch in Wroclaw (etwa fünfzehn): triebe in der Absicht geschickt wordort eroberten Panzer die Waggon- den waren. die Industrie zu militarifabrik Pafawag und rissen deren sieren, die Direktiven aus den Schub- Mauem ein. Münter Gewalttigkeit, Die Arbeiter laden, die anlißlich der Auseinandersetzungen von Bydgoszcz im März der Ursus -Filiale von Gorzow zum 1981 ausgearbeitet worden waren, um Beispiel mußten zwischen zwel Relhen sie auf den neuesten Stand zu bringen. von Militär Spfessruten laufen: dabei wurde zahllosen Arbeitern Zahne Aber auch in Niederlagen lemen die Arme und Beine gebrochen. Nach Massen aus ihren Erfahrungen; und die Zeugen aussagen konnte man noch • Informationen, welche die Bulletins mehrere Stunden nach diesem Blut- der Solfdamosc im Untergrund ver bad grosse Blutlachen vor der Fabrik daB man jetzt sehen.

Milizionären klarzumachen, daß sie gegen fhre Mitbürger von der politi- AUF SOWAS WAR SOLIDAR NOSC NICHT VORBEREITET Das Hauptproblem für Solidamosc in diesen ersten Tagen des Widerstands gegen den Gewaltstreich vom 13. Dezember lag darin, daß man völlig un vorbereitet war auf jegliche Perspektive einer Konfrontation mit der Zentralmacht, insbesondere mit den bewaffneten Kräften, "Wir waren zu allem bereit, auch zu sterben" erzählte ein Arbeiter der Lenin -Gie- Berel, "aber wir hatten nicht die Mittel , um eine Schlacht zu liefem. Wir besaßen nur Elsenstangen, aber niedaß man sie Mit wenigen Abweichungen spielte sich oben beschriebene: Szene nach dem ersten Moment, wo man wild entschlossen war, auf Teufel-kommraus zu kämpfen, in den meisten Untemehmai ab, wo die Arbeiter sich verschanzt hatten, um besser Widerstand zu leisten. Wozu soll es auch gut sein, sich sozusagen mit nackten Handen zu schlagen, wenr relassen hat ist noch nicht aus dem Gedächtnis der polnischen Arbeiter denen der Feind bestimmt als Sieger hervorgehen mußte, vermeiden wollte.

Daß sich eine große Anzahl von Fuhrem der Solidamose sehr lange darum herumdrückten, das Problem der Arbeit, welche die Gewerkschaft gegenüber der Armee hätte untemehmen müssen, in Angriff zu nehmen, liegt vor allem daran, daß jeder viele Monate lang Angst vor der Möglichkeit einer sowietischen Intervention hatte. Die Linie der Mehrheit der Solidamosc-Führung war ja die der Selbstbeschränkung: "Man darf den schlafenden Bären nicht wecken I" Aber wenn diese Politik zu Beginr vielleicht als taktische Orientierung gerechtfertigt war, weil sie der Gewerkschaft ermöglichte, Zeit zu gewinnen und sich Grundlagen zu schaffen, so stellte sie sich sehr schnell Beendigung der Streiks mit Betriebsals Hindemis für die Bewußtwerdung besetzungen begann, die Frage der der Werktätigen heraus, als die Ent- Selbstverteidigung und die Problemawicklung der Massenbewegung eine tik der Machtübemahme- mit allem, Refhe von Aufzaben wie die der was damit zusammenhängt - in den Selbstverteidigung und der Ausein- Diskussionen der Widerstandsbewegung an dersetzung mit dem Militärapparat Me jetzt im Untergrund aufgebaut wird aufwarf. eine große Rolle spielen. So konnten die Werktätigen bel der "Die Konterrevolutionäre haben nicht Ausrufung des Kriegszustands, wie auf ihre finsteren Pläne verzichtet, Sie das die Kumpels der Zeche Jastrzebie vertellen noch ihre schmutzigen Fluggetan hatten, noch so sehr "alles blätter und verbreiten Gerüchte. Das untemehmen, was sie seit dem Au- Gift des Hasses auf die Behörden muß gust 1980 gelemt hatten": die Tore neutralisiert, die Leute müssen von umachen, ein Streikkomitee wähler der historischen Legitimität der mit zwei Ersatzkomitees. wenn da Prinzipien des Sozfalismus überzeugt erste verhaftet werden sollte), eine werden " schrieb "Iswestia" Organ der sowjetischen Regierung am 14. Januar 1982, Miliz den Betrieb eroberte, konnten