Verwirren die Ökonomen „Der Weise sprach:
Wenn die Situation der Wirtschaft mich beunruhigt, steige ich auf den Gipfel des Berges und treffe dort den Großen Ökonomen... „Mein. Lehrer", sage ich zu ihm, was geht in diesem Augenblick in der Wirtschaft des Landes vor? Gesegneter Weiser, ich erwarte Eure Antwort."* „Wir müssen die Zahne zusummenbeißen... dies ist die einzige Lösung. Dabei dürfen wir aber keinesfalls das Kind mit dem Bade ausschütten. Wir müssen das Steuer fest in der Hand behalten, bis der Sturm sich gelegt hat, auch wenn das bedeuten kann, daß alle den Gürtel enger schnallen müssen. "
Großer Meister, ich wußte, daß Ihr um die Antwort nicht verlegen wäret", antworte ich mit Tränen in den Augen... Er wandte sich ab, ging in seinen Keller, um sein Steak in die Pfanne zu legen. Als letzte Worte gab er mir auf den Weg: „Natürlich kann ich mich auch täuschen." (Art Buchwalt in International Herald Tribune vom 8. Juni 1979).
Die Prognosen in den USA geraten ins Schleudern
Der höchste aller Weisen, Paul Samuelson, hat des öfteren sein Vertrauen in die „Wirtschaftswissenschaften " in den Ausgaben seines Handbuches Economics" bekundet, die in Millionenauflage verkauft werden. Auch hatte er in einer 1970 verfaßten Erklärung seinen Glauben in die Zukunft des wirtschaftlichen Systems bekannt, wonach die industriellen Zyklen der Vorkriegszeit, diese Dinosaurier, den Eidechsen der Wachstumszyklen nach dem Krieg gewichen sei. Dennoch genügte eine einfache Pressekonferenz, die Carter überraschend zum 1. November 1978 einberief, um Samuelson zu überzeugen, daß man nicht nur einen einfachen Rückgang der Wachstumsraten,sonder eine,richtiggehende Rezession" zu erwarten habe. (Financial Times, 30. Dez. 1978). Im von ANDRE GUNDER FRANK
April 1979 fügte Samuelson Folgendes hinzu: „Die Wirtschaftswissenschaften sind so ungenau und die Zukunft dermaßen unvorhersehbar, daß es arrogante Spinnerei wäre, Genaueres vorhersagen zu wollen... "(American Economics Institute, Nr. 6, 1979).
Wie die wirtschaftliche Vorhersage (und die Ausarbeitung einer darauf gegründeten Wirtschaftspolitik derzeit aussieht, das faßt Samuel Britton in der altbekannten Formel zusammen: „Unwahrheiten, Lügen und Prognosen wie bei einer Wette, wo man ein Geldstück in die Luft wirft" (Financial Times, 19. Dez. 1979). Und Business Week (16.Jan. 1979) zögert nicht, von einer Wissenschaft zu sprechen, die „den intellektuellen Bankrott ausdrückt... sie ist vage wie ein griechisches Orakel". Beispiel: der amerikanische Finanzminister Blumenthal erklärte im März 1977, ,der Wiederaufschwung werde nicht von Dauer sein " und im April 1977, ,wir haben mindestens drei Jahre Prosperität vor uns" (International Herald Tribune vom 3. März 1977 und United States News sowie World Report vom 4. April 1977). Im Verlauf des Jahres 79 hat sich die Konfusion bei den Wirtschaftsvorhersagen noch verschlimmert: „Die mit Wirtschaftsprognosen beschäfrigten Leute haben beim Versuch, eine Geldpolitik zu entwerfen, den Kompaß verloren. Sie merken überhaupt nicht, bis zu welchem Punkt die Wachstumsrate der Geldmenge, die in wirkliche Transaktionen involviert ist", sich verlangsamt hat... und zwar nicht von 8,3% auf 2,5%, sonder höchstwahrscheinlich von 8,3% auf minus 1%. Voraussagen zu machen ist also für die Monetaristen zu einem Spiel mit dem Zufall geworden. Und das hat zur totalen Verwirrung geführt" (Business Week, 7. Mai 1979).
Wie sehr sich ökonomische Voraussagen und die Erarbeitung einer Wirtschaftspolitik auf total entgegengesetzte Erklärungen und Einschätzungen stützen - Blumenthal war ein richtiger Experte darin - wurde von ebendiesem Blumenthal „geklärt", als er nach seinem Ausscheiden aus dem Kabinett Carter folgendes Gesetz formulierte: „Die Leute, welche gerade die wichtigsten Volkswirtschaften der Erde leiten, haben keine Ahnung, was sie da machen. Von allen Prognosen über Wachstum und Arbeitslosigkeit, die wir erhielten, hat sich nicht eine als richtig erwiesen. " (Financial Times, 19. Okt. 1979)
Wenn dem so ist, und wenn man berücksichtigt, daß wir sehr unterschiedliche Quellen aus Wissenschaft, Geschäftswelt und Presse konsultiert haben, dann ist vielleicht ein gewisses Maß an Unklarheit in den Vorhersagen der Wende 1979- 80, der Entwicklung hin zu einer neuen Rezession, verständlich und vielleicht sogar entschuldbar. Time Magazin hatte schon Ende 1978 eine Rezession für 1979, wenn auch von kurzer Dauer, vorhergesagt; sie würde sehr beschränkt sein und zu Preissenkungen führen (vgl. die Nummer von 25.12.78). Business Week dagegen kam zum Schluß, es würde sich einfach um einen Einbruch der Wachstumsrate und eine beschleunigte Inflation handeln, und allerhöchstens im schlimmsten aller Fälle um den Beginn einer Rezession (25. Dez. 1978). Aber im April 1978 wagte International Herald Tribune zu behaupten: ,Es riecht überhaupt nicht nach Rezession in der Geschäftswelt in den USA " (26. April 1979).
Der amerikanische Index der „wichtigsten wirtschaftlichen Daten", der allgemein benutzt wird, um die Wirtschaftsentwicklungen „vorherzusagen" *, hatte sich auf einen Rückgang für Ende 1978 eingerichtet. Im April 1979 war er während fünf der sechs Monate gefallen, mit dem stärksten Rückgang im genannten Monat: - 3,3%. In der Zwischenzeit hatte man die Rückgänge „neu berechnet".
Während des Restes des Jahres 1979 ging der Index und mit ihm die dauernd nachfolgenden Korrekturen rauf und runter wie eine Achterbahn, was ihn für eine Analyse, um nicht zu sagen für eine Prognose, unbrauchbar machte. Diese Tatsache sowie einige andere mit ihr zusammenhängende Dinge haben dazu beigetragen. daß alle von politischen Vertretern und anderen aufgestellten Behauptungen uber die wirtschaftlichen Perspektiven so konfus waren, daß manchmal ganz unver- ECONO ständliches Zeug dabei herauskam. Am Vorabend des stärksten Einbruchs des Index „der wichtigsten wirtschaftlichen Daten" behauptete Präsident Carter: Ich glaube, unsere Wirtschaft ist sehr stabil. Ich denke nicht, daß es eine Rezession geben wird. Und das meint auch keiner meiner Wirtschaftsberater". (Inter- la s national Herald Tribune vom 7. Mai 1979). Man hat den Kongreß offiziell ge warnt mit der Behauptung, daß man sich noch Im Juli kündigte der Budgetausschuß im Verlauf des Jahres auf eine wirkliche des Kongresses eine „mäßige Rezession" Rezession einstellen müsse, die auch den an und sah „die wirtschaftliche Zukunft größten Teil des Jahres 1980 bestimmen weniger pessimistisch als drei private werde (International Herald Tribune, 11. Wirtschaftsagenturen, aber pessimistischer Juni 1979). Ende Juni behauptete Carter, als die Regierung" (New York Times, 12. die durch die OPEC vorgenommene Er- Juli 1979). Aber zum großen Unbehagen höhung des Rohölpreises „mache eine von Carter schlug sich ein Teil seiner Rezession viel wahrscheinlicher als zuvor" eigenen Regierung auf die andere Seite: (International Herald Tribune, 2. Juli 79). „In einer am 12. Juli 1979 vertraulich abgegebenen Neueinschätzung der wirt- Selbst die Carter-Regierung und das schaftlichen Aussichten durch die Admi- Budget-Komitee des Kongresses haben bei nistration sehen die führenden Ökonomen der Angabe ihrer Ziele und Vorhersagen der Regierung für dieses Jahr eine tiefer- Bockspringen gespielt und dieses Spiel gehende Rezession und für 1980 einen den ganzen Sommer über fortgesetzt. ,blutleeren Wiederaufschwung" voraus, Jede Quelle hatte die Tendenz, die eigenen was zu einer Steigerung der Arbeitslosen- Angaben und die der anderen immer rate auf 8,2% zum Zeitpunkt der Präsipessimistischer zu revidieren, während die dentschaftswahlen im November (1980) Carter-Regierung wie üblich versuchte, führen würde" (New York Times, 2. sich an die relativ optimistischen Positio. August 1979). nen anzuhängen - die sich als die am wenigsten realistischen herausstellten. Zwischenzeitlich häufen sich die Spe- Dies zeigt die folgende Tabelle sehr gut: kulationen darüber, welche Auswirkungen Unterschiede bei den wirtschaftlichen Voraussagen der Regierung der Vereinigten Staaten (während des ersten Halbjahrs 1979) Quelle der Voraussage Wirtschafts- Inflationsrate Arbeitslosenrate wachstum 79 | 80 79 80 79 80 Regierung im Januar 2,2% 3,2% 7,4% 63% 6,2% 6.2% Regierung am 12.7. -0,5% 2,9% 10,6% 8,3% 6,6% 6,9% Budgetkommission des Kongresses Juli 0% - -2% 2,9% 10,9% 6,9% 7,2% Budgetkommission des Senats -1,0% 2,9% 10,9% 8,9% 6,9% 8,9% Vertraul. Bericht der Regierung 8,8% 9,2% Quellen: National Journal, 25.8.1979, New York Times 12.7. und 2.8.79 MX
IMPORTS eine Rezession in den Vereinigten Staaten auf den Rest der kapitalistischen Welt haben kann und wie die Perspektiven der Wirtschaft besonders in Japan und Westeuropa aussehen: .Die OECD schätzt, daß die Wachstumsrate des BSP (in ihren Mitgliedsländern insgesamt) von 3.25% (dem augenblicklichen Jahreswachstum) auf ungefähr 2,75% im ersten Halbjahr 1980 fallen wird, und zwar vor allem im Hinblick auf die Entwicklungen in den USA " (OECD. Perspektiven der Wirsschaft, Juli 1979).
Aber auf zwei nicht-nummerierten Seiten, die im letzten Moment der gerade genannten Veröffentlichung vorangestellt wurden, sind diese Voraussagen nach unten revidiert worden: Angesichts der von der OPEC in Genf getroffenen Maßnahmen und der Ergebnisse des Gipteltreffens in Tokyo... wird sich die Wachstumsrate des BSP womöglich eher auf 2% verringern als die vorausgesagten 2,75% erreichen. nufgrund der Verluste, wie sie sich bei der Veränderung der Außenhandelsbedingungen (terms of trade) ergeben, wird das reale Einkommen noch langsamer, nämlich etwa 1.5% wachsen. "
Der Jahresbericht des Internationalen Währungsfonds, veroffentlicht im September 1979, sieht eine „lange und harte internationale Rezession " voraus,,, welche zu Beginn des kommenden Jahres aufgrund der Wirtschaftsschwäche in den USA beginnen wird". Auf der Tagung des IWF im September 1979 wurde diese Einschätzung für 1980 nochmals nach unten korrigiert.
Nicht weniger düstere Aussichten für eine Reihe der europäischen Länder ür Großbritannien stehen die Ausachten besonders schlecht: Eine kurz aber strenge Rezession für das nächste Jahr.... sieht Cambridge Econometrics voraus" (Financial Times, 29. Okt. 79). Der frühere Schatzkanzler Healy glaubt an eine sich weiter verschärfende Rezession" (Financial Times, 21. Nov. 79). „Für 1982 ist mit 2 Millionen Arbeitslosen zu rechnen" (Financial Times, 16. Nov. 1979). Es wird einen Rückgang der Produktion um ungefähr 5,5% bis Ende 1980 geben, wenn die Ziele von Sir Geoffrey Howe (dem jetzigen Schatzkanzler). realisiert... werden sollten. Gemäß den Ergebnissen dieses Modells würde die Arbeitslosigkeit bis Ende 1981 bei 9,5% der Beschäftigten liegen und die Investitionen um 85% unter das schon ungenügende Niveau von 1978 sinken. Bine solche Rezession hätte einen Sinn, wenn sie dazu führen würde, a) die in Großbritannien schrecklich hohe Inflationsrate zu senken... b) Ressourcen aus unrentablen Bereichen abzuziehen, um sie für rentable Branchen freizumachen. Aber alle Welt weiß, daß die Rezession derzeit nichts derartiges bewirkt" (ECO, 20. Okt. 1979).
Übrigens gibt die Situation keinen Grund für mehr Optimismus her. In ihrer Nummer vom 17. Dez. 1979 veröffentlichte die Financial Times einen Überblick über Europa: „Wenn es ein Thema gibt, welches in der Maschinenbauindustrie vorherrscht, dann ist es die Verschärfung der internationalen Konkurrenz... Sowohl Deutschland wie Großbritannien haben einen Teil ihres weltweiten Exportmarktes verloren... Die Schiffswerften plagen sich mit einem kontinuierlichen Rückgang der Bestellungen herum... Die Textilindustrie braucht Hilfe, um zu überleben... Die Stahlindustrie muß sich auf ein schwieriges Jahr einstellen... sie-muß damit rechnen, daß der Verbrauch an Stahl in der EG 1980 um vielleicht 2% fallen wird... während die Ausfuhren in Drittländer (von 32 Millionen Tonnen) auf 28 Mio. t zurückgehen werden... Das bedeutet eine Verminderung der Stahlund Eisenproduktion um insgesamt 6 Mio t in Westeuropa im Vergleich zum für 1979 angestrebten Niveau von 140 Mio t Stahl. Auch der Bereich der Chemie ist beunruhigt...; nachdem er gerade wieder nach einer langen Periode von Überproduktionskapazitäten, schwachen Preisen und geringen Profiten Land zu sehen begann, muß er jetzt der Bedrohung durch wachsende Konkurrenz in Form von billigen Einfuhren aus den. USA begegnen. Angesichts der Herausforderung durch schärfere Konkurrenz bei chemischen Grundstoffen - nicht nur von Seiten der Vereinigten Staaten, sondem auch von Staaten des Mittleren Orients und des Ostblocks - laufen die Perspektiven der europäischen Industrie für die kommenden 10 Jahre auf grundlegende Rationalisierungen hinaus...
Nur die elektronische Industrie und die „erhöhten Ausgaben im Kommunikationsbereich" scheinen der allgemeinen Tendenz der industriellen Rezession zu entgehen.
Gewiß stellt dieselbe Nummer der Financial Times auch Varianten der ökonomischen Entwicklung in Europa vor, und zwar Land für Land. Bei den großen Ländem ist die Situation in Westdeutschland noch relativ günstig, wo „eine starke Rezession vermieden werden könnte", obwohl „ein Rückgang der Nachfrage in den Partnerländem Frankreich, Großbritannien und - vielleicht - den USA schwierig zu kompensieren wäre. " Die Perspektive der franzö. sischen Wirtschaft (für 1980) ist zwar nicht brilliant aber doch noch lange nicht dramatisch... " Österreich zeigt die beste und besindruckendste Wirtschaftsleistung der westlichen Welt - aber die Perspektiven für 1980 lassen eine Verlangsamung der Expansion envarten. " ,Schweden.. hat einen Mini-Boom erlebt, der mit der Abwertung im August 1977 begann und sich auf einen gemäßigten Lohnabschluß 1978 stützte". Aber in einem anderen Bericht steht (Financial Times, 11. Dez. 1979): „Es gibt jetzt beunruhigende Tendenzen, die sich in der (schwedischen). Wirtschaft abzeichnen, da die Inflationsrate und andere wirtschaftliche Indizien alle in die falsche Richtung zeigen. Viele Unternehmen bremsen mit ihren Investitionsprojekten."
Im übrigen Europa sind die Aussichten viel düsterer. In Belgien hat das Barometer im selben Tempo zu fallen begonnen, wie es im ersten Halbjahr 1979 gestiegen war. Für die belgische Wirtschaft wird das kommende Jahr mit auf 2% reduziertem Realwachstum mager ausfallen. In den Niederlanden wird sich das Wachstum auf 2%-2,5% reduzieren, vergleichsweise waren es 1979 2,75%. In der Schweiz ist nach einem Wachstum von wahrscheinlich weniger als 1% 1979 , eine langsame wirtschaftliche Expansion " vorgesehen. „In Spanien vertieft sich die Rezession und wird ein noch geringeres Wachstum bringen, selbst im Hinblick auf die jetzige Rate (von 2%), wobei die Nachfrage auf dem Binnenmarkt weiter stagnieren und Vertrauen in Investitionen weiter fehlen wird."
Italien erwartet für nächstes Jahr einen Rückgang des Wachstums, und dies in einem Klima eines starken inflationistischen Drucks. Das BSP soll 1980 um 1,5% wachsen. „Die türkische Wirtschaft befand sich in einer scharfen Rezession, die sich auch allem Anschein nach zu Anfang der achtziger Jahre Jortsetzen wird."
Die am wenigsten ungünstige Situation ist noch die Japans „Die innere Nachfrage erweist sich als kräftig, obwohl es auch viele Unsicherheitsfaktoren gibt". (Financial Times, 26: Nov. 1979 - Anzeige). Aber mit der Entwicklung der Rezession anderswo, vor allem in den Vereinigten Staaten, stehen die japanischen Exportaussichten auch nicht besonders günstig. Vor allem ist es „die japanische Automobilindustrie (die) ihre weltweite Stellung wird überprüfen müssen" (Financial Times, 29. Okt. 1979): Die Gefahren für die Automobilindustrie
Tatsächlich ist die gesamte kapitalistische Autoindustrie von neuem mit einer schwerwiegenden strukturellen Krise konfrontiert, in dem Maße wie die neue Rezession in die industrielle Entwicklung der Länder einschneidet. Schon während der Rezession 1974-75 war der drittgrößte Automobilhersteller, Chrysler, vom Bankrott bedroht. Zu diesem Zeitpunkt beliefen sich die Verluste von Chrysler auf 250 Mio Dollar pro Jahr. In diesem Jahr werden die Verluste-zwischen 700 Mio und 1 Milliarde Dollar betragen. Der Konzern hat, um an flüssiges Geld zu kommen, nach und nach seine Filialen in Frankreich an Peugeot-Citroen, in Brasilien an Volkswagen und dann seine Aktien von Peugeot an das Mutterhaus dieses Monopolisten verkauft. Nicht nur Chrysler, sondern alle Automobilhersterller und -Verkäufer in den Vereinigten Staaten hatten während des Sommers 1979 damit zu kämpfen, daß sich die Halden türmten (New. York Times, 31. Juli und 29: August 1979). Der Absatz der neuen Modelle von 1980 hat im Oktober 79 auf einem um 17% niedrigerem Niveau begonnen als im Oktober 78. Die Produktionspläne liegen um 20% unter denen vom vorigen Jahr. In Japan schätzt man, daß die Produktion 1979 um 1% unter der von 78 liegt, vor allem aufgrund eines Exportrückgangs. 1980 soll die Produktion um 5,5%, der Export um 8% zurückgehen (Financial
Times, 29: Okt. 1979): British Leyland ist schon wieder von der Pleite bedroht, und man spricht von einer völligen Einstellung der Produktion. Selbst die stabilste Automobilproduktion der kapitalistischen Welt, die der Bundesrepublik, nimmt für 1980 einen Rückgang der inländischen Neuzulassungen um 10% an. Für die weltweite Automobilproduktion, die zwischen 1970 und 1978 um 43% gewachsen ist, erwartet man für die Zeit zwischen 1978 und 1985 nur noch ein Wachstum von 8% (Economist Intelligence Unit, zit. in: Financial Times vom 2. Juli 1979). Allein im kapitalistischen Europa beträgt die Produktionskapazität 1979 etwa 12 Millionen Autos. Zwischen 1982-83 dürfte sie 13 Millionen erreichen, während 1979 der. Absatz auf dem Binnenmarkt bei 10,5 Millionen lag. davon 8,9 Millionen innerhalb der EG. Diese neue Rezession in der Autoindustrie - die womöglich die in der Industrie allgemein noch übertreffen wird - kommt in einem Moment, wo der Wiederaufschwung nach der Rezession von 1974-75 sich sehr ungleich entwickelt hatte. Die Produktion hat den Stand von 1973 in Deutschland, Frankreich und zuletzt auch in Japan übertroffen. Aber •in den Vereinigten Staaten und vor allem in Großbritannien und Italien hat die Produktion nie mehr den höchsten Stand vor der Rezession erreicht. In keinem industrialisierten kapitalistischen Land mit Ausnahme von Schweden - und begrenzt vielleicht Frankreich - hat sich die Beschäftigung in der Automobilindustrie von den im Verlauf der Rezession vor 1977 gemachten Rückgängen erholt, auch nicht in Japan.
In den Vereinigten Staaten lag das Beschäftigungsniveau 1975 um 20% unter dem von 1973 und erreicht nur 90% des vorjährigen Niveaus. In der Automobilindustrie stieg die Produktivität im Durchschnitt überall um 20% und in Japan sogar um 30%, mit Ausnahme von Großbritannien und Italien (Financial Times, 4. Dez. 1979). Die beiden am wenigsten produktiven Länder sehen sich einem Niedergang und drakonischen Reorganisationsmaßnahmen gegenüber.
Gegenwärtig gehen die amerikanischen und europäischen Autohersteller zur Produktion von „europäischen" und „Welt". autos über mittels einer integrierten Produktion und dem Austausch von Einzelteilen zwischen den in den verschiedenen Ländem errichteten Fabriken; dies schließt für FIAT Italien, Brasilien und Polen ein, für Volkswagen die BRD, die Vereinigten Staaten, Brasilien, Mexiko und vielleicht auch die Volksrepublik Strukturelles Gewicht der Autoindustrie Land Zahl der % der gesamten % des Wertes 1% des ind. Beschäftigten Industriearbeiter der ind. Produkt. Exports Frankr. 250.000 5% 5,9% 10% BRD 600.000 8% 6,9% 12,5% Großbrit. 480.000 6,3% 5,9% 10% Italien 200.000 4% 5,2% 10% USA 6% Quelle: Le Monde vom 3.7.79 China (Financial Times, 17.12.79). Sol- liche und soziale Auswirkungen, die weit che Projekte der Reorganisation und Pro- über das eigene strukturelle Gewicht in duktionsverlagerung stellen sich auch für der Wirtschaft hinausgehen. Was die wichdie großen Konzerne der japanischen tigsten Länder Europas angeht, so können Automobilindustrie. Diese ist besonders die Wirkungen aufgrund der nebenstehenvon ihren Exportmärkten in den USA den Zahlen beurteilt werden (s. Tabelle). und Europa abhängig (die zwischen 1965 und 77 um das 30-fache gewachsen sind). Neben den mehr als 1:5 Millionen Be- Aber diese sind selbst im Niedergang be- schäftigten, die direkt in der Autoprogriffen und verstärken ihre protektioni- duktion arbeiten, gibt es etwa 2 Millionen, stischen Maßnahmen, die besonders auf die Einzelteile oder für die Montage der die japanischen Importe abzielen. Außer- Autos benötigte Teile fertigen (Schätzung dem haben die japanischen Autoexporte des Autors aufgrund der Angaben für unter dem steigenden Wechselkurs des 1975 des oben zitierten Inprekorr-Arti- Yen gelitten, zumindest bis zur kürzlich kels). Selbst ein mäßiger Einbruch in erfolgten Umkehr dieser Tendenz. Ange- diesem Industriezweig kann also • weitsichts der Bedeutung der Automobil- reichende Konsequenzen hervorbringen industrie nicht nur für die Stahlindustrie, - ohne von den Auswirkungen einer die Gummindustrie und andere Zweige, schweren Krise und dem Wiederauftaudie Grundstoffe oder Ersatzteile liefern, chen einer strukturellen Krise zu reden sonder auch für die „aufs Auto gegrün- (die Konsequenzen werden im oben gedete Gesellschaft" allgemein hat eine nannten Inprekorr-Artikel erörtert sowie Rezession in der Autoindustrie wirtschaft- in Morthly Review vom September 79). Weitere Faktoren, die die Krise verschärfen Es gibt noch weitere sehr wichtige den Wolf am Eindringen ins Haus zu Gründe dafür, daß die kommende Rezes- hindern, in so • spektakulärer Weise gesion in mehrerlei Hinsicht noch schlimmer wachsen, daß ein neuer Auftrieb der Verals die von 1973-75 sein könnte. Einer schuldung das Risiko eines Zusammender Gründe ist, daß sie -vom Kapital noch fallens dieses Kartenhauses, welches besser aufgenommen und noch nötiger ist schon jetzt außerordentlich wacklig ist, als die vorangegangene, die noch nicht mit sich brächte. Das bereitet den Bankgenügend Unternehmen in die Pleite ge- direktoren schlaflose Nächte, macht sie trieben hatte, um das Haus des Kapitals noch vorsichtiger und stärkt den wirtzu „säubern", und der es nicht gelungen schaftlichen Konservatismus. war, der Organisation und Kampfkraft der Arbeiter das Rückgrat zu brechen. Zur gleichen Zeit haben sich die Deshalb werden die kapitalistischen Staa- finanziellen und institutionellen Ressourten diesmal noch weniger tun, um diese cen, die früher zur Verfügung standen, um Rezession mithilfe einer Steigerung der eine intemationale Ausweitung der Reinneren Nachfrage zu bekämpfen, wie sie zession zu bremsen, etwa die Entwicklung dies das lezte Mal getan haben. des Euro- oder Asia-Devisen-Marktes und als Gegenstück dazu (um die verheeren- Die auf „Verschuldung gegründete den spekulativen Auswirkungen zU Wirtschaft", wie sie Business Week begrenzen) die Einführung von flexiblen treffend genannt Wechselkursen und die Anstrengungen, treffend genannt hat, ist beim Bemühen, über internationale Wirtschaftsgipfel zu
einer internationalen Koordinierung der Käufe betrüchtlich eingeschränkt. Um die rechnungen von Seiten der Autoren der Wirtschaft zu kommen, weitgehend er- noch verfügbaren Absatzmärkte gibt es offiziellen und institutionellen. Vorausschöpft oder sind total gescheitert. einen scharfen Konkurrenzkampf, nicht sagen unfähig sind, diese Faktoren zu nur von Seiten der Vereinigten Staaten, berücksichtigen, wenn sie ihre im allge- Im internationalen Maßstab schließt sondern auch von Seiten Japans und von meinen zu optimistischen Projekte aussich das Sicherheitsventil, das die „soziali- sich entwickelnden Ländern wie Südkorea führen - oder vielleicht diese Faktoren stischen" Länder und die Länder der und Indien. Die Hoffnung, China könnte einfach nicht berücksichtigen wollen OPEC dem Kapital geboten hatten Osten als expandierender müssen wir es der Vorstellungskraft aufgrund ihrer gesteigerten Nachfrage Markt für die europäischen Exporteure überlassen, welche Höhe die wirkliche nach Importgütem aus dem Westen, in ablösen, ist im Verlauf dieses zu Ende Arbeitslosigkeit in den industrialisierten signifikanter Weise und wird eine weit gehenden Jahres zerronnen. 1980 werden kapitalistischen Ländern ausgehend von geringere Rolle spielen als im Verlauf der zwar mehr Bestellungen eintreffen, aber der augenblicklichen Zahl von 17 Millioletzten Rezession. Schon nach der letzten in keiner Weise im vor zwei Jahren erwar nen erreichen wird, ebenso wie die Tiefen, Rezession hat die beschränkte Kapazität, teten Umfang" (Financial Times, 17.12. auf die die Investitionen, die gerade den solche Einfuhren zu bezahlen und/oder 79): So scheint es, daß gleichzeitig die Stand von 1973 etwas übertroffen haben, aufzunehmen, zu Binschränkungen von Nachfrage der Verbraucher, die Investitio- im Verlauf der neuen Rezession zurück- Seiten dieser Länder geführt. Diese Volks- nen und die Ausfuhren im Verlauf der gehen werden. Morgen müssen wir das wirtschaften werden dem westlichen neuen Rezession beschränkt sein werden. erreichte Niveau nochmals überprüfen, Kapital nicht mehr so einfach zu Hilfe genauso wie die neuen dem Welthandel kommen, wie sie es nach 1973 getan Wie dem auch sei; beginnt die neue auferlegten Zwänge. Mit einem Wort, wir haben: Was die Märkte der OPEC Rezession mit einer Arbeitslosenrate, die sind von neuem mit einer Rezession konbetrifft, war der Wegfall des iran als vor allem in Europa und Japan bedeutend frontiert, die sich als noch schwerer als Kunde für Maschinen und andere europä- höher liegt als die in der alten Rezession die von 1973-75 erweisen könnte und die ische Produkte ein sehr schwerer Schlag. 1973-75. zu einem Zeitpunkt einsetzt, wo die wirt- Andere Länder des Nahen Ostens haben schaftlichen, politischen und sozialen angefangen, im Hinblick auf die Industria- Das Niveau der Investitionen hat gera- Ergebnisse und Auswirkungen der letzten lisierung eine vorsichtigere Haltung einzu- de wieder dasjenige von 1973 erreicht. Da Rezession in keinster Weise völlig übernehmen, und auch Nigeria hat seine die ernsthaften wissenschaftlichen" Be- wunden sind. Die neue SOGEPO ist da!
Sozialistische Gewerkschaftspolitik
In Kürze erscheint Nr. 2:
Aus dem Inhalt:
SoGePo.
• Gewerkschafter diskutieren über Strauß und Für kampfstarke Gewerkschaften. Für klassendie Bundestagswahlen: bewußte und demokratische Gewerkschafts • Uberblick über die Tarifrunde in IGM, OTV. politik.
DruPa und HBV:
• ein Interview mit einem Westberäner SoGePo.
Druckerkollegen über die Rationalisierungen Ist überparteilich und steht allen Gewerk. in der Druckindustrie; schaften offen. Ein Forum der Diskussion • eine Bilanz der Beschlisse der letzten IGM- von Kolleginnen und Kollegen für Kolleginnen Gewerkschaftstage; und Kollegen.
* Berichte über die Situation der Gewerkschaften in Nicaragua; SoGePo.
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