Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Interview mit Paulo Skromof

Inprekorr Nr. 111, 25. Oktober 1979 · S. 13-14 · 1.454 Wörter

Gewerkschaften und Streiks Brasilien

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Führer der Ledergewerkschaft von Sao Paulo - Wie sieht die Situation in Brasilien nach So sieht, grob umrissen, die Lage des den Wahlen vom November 1978 aus? Landes aus. Die Massen haben ihre Kämp fe gegen das Regime begonnen, ohne - Das wesentlichste Element der Lage in über ein geeignetes politisches Ausdrucks- Brasilien liegt im Aufschwung der Arbei- mittel dafür zu verfügen. Das erlaubte ter- und Massenkämpfe; diese bedingen dem Regime bis jetzt, einen friedlichen und beschleunigen die Krise des Regimes. Übergang zu einer anderen Herrschafts- Am 12. März 1978 brach mit dem Streik form einzuleiten, bei der die polizeiliche von „Scania" in San Bernardo ein andau- Repression - die Folter zum Beispiel ernder Prozeß von lokalen (sektoriellen) nur zweitrangige Hilfsmittel wären. Streiks, von Streiks bestimmter Kategorien und auch Streiks, die gleichzeitig in - Könntest Du uns dieses Projekt einer mehreren Branchen ausbrachen. Rasch „Arbeiterpartei" genauer erklären? erfaßten sie das ganze Land. Heute erleben wir Kämpfe auch in Minas Gerais, - Bis heute hat die brasilianische Arbeiund außerdem begrüßen wir, daß die terklasse noch nie den Prozeß der unab- Arbeiter der Provinz Rio Grande do Sul hängigen Organisierung als Klasse gekannt. in Kampf getreten sind. Die Krise der Ihre politische Erfahrung mußte sie bisher Diktatur verschärft sich derart, daß sie immer - mit Ausnahme eines kleinen dem Repressionsapparat schon nicht Teils, der in die Reihen der Kommunistimehr effektiv einsetzen •kann. Auf jede schen Partei trat - in den bürgerlichen repressive Maßnahme erfolgt heute eine Parteien sammeln. Das ist der Grund Antwort der Massenbewegung. Meiner warum wir die Aufgabe anpacken, die Ansicht nach haben die Wahlen vom Arbeiterpartei aufzubauen. November 1978 untergeordnete Bedeutung gegenüber der Krise des Regimes und Die dem Dezember 1978 folgenden dem Aufschwung der Arbeiterkämpfe in Monate entsprachen der Etappe der Brasilien. „Bewegung für die Arbeiterpartei" • einer Bewegung, die sich im wesentlichen aus Aber diese Wahlen haben klargemacht, den .Führungen der offiziellen Gewerkdaß wir in einem zweideutigen System schaften zusammensetzte. Zwar sind diese leben. die Wahlen hatten plebiszitären- in der Gewerkschaftsstruktur nur eine Charakter, die Arbeiter hatten eigentlich kleine Minderheit, aber eben die Tatsache, nur zwei Möglichkeiten, um ihre Ableh- daß sie aus diesen Strukturen stammen, nung der Diktatur gegenüber auszudrük- ist sehr wichtig. Als Lula, der Präsident ken, entweder ungültig abzustimmen oder der Metallarbeiter von Sao Bernardo, den für die MDB abzustimmen. Die Bedeutung Vorschlag dieser Partei aufbrachte, gelang dieser Wahlen erlosch auch schon mit es ihm gleich, die Zustimmung der Metaldem Wahlakt selbst. Wieder einmal hat ler von Santo Andre, Osasco (Industriedie Regierung eine Niederlage erlitten. vororte von Sao Paulo) sowie der Erdölarbeiter der Stadt Campinas zu bekom- Aber erst jetzt kann man auch mit einers men. Jetzt, wo wir den Beitritt der klaren Alternative rechnen: mit der alten infrage kommenden Gewerkschaftsführer Fahne der Arbeiterbewegung, dem Kampf erreicht haben, verlassen wir Sao Paulo um eine unabhängige Arbeiterpartei/ und suchen neue Führungen. In Rio de Diese Alternative wird von einem sehr Janeiro zum Beispiel wird die Koordinabedeutenden Teil der Gewerkschafts- tion der Bewegung im wesentlichen von führer in Angriff genommen: die „Partei den gewerkschaftlichen Oppositionen" der Arbeiter"; die Idee dazu wurde im geleistet. Auch in Minas Gerais haben die Dezember 1978, gleich nach den Wahlen, Oppositionen im vergangenen Monat die lanciert, und sie nimmt jetzt Gestalt an. Führung dieser Bewegung in der ganzen Provinz übernommen. In Sao Paulo können wir nach dem Beitritt von Jose Ibrahim, einem ehemaligen Gewerkschaftsführer von Osasco, der nach den Streiks von 1968 ins Exil gehen mußte, sicher sein, daß die konsequentesten Teile der gewerkschaftlichen Opposition zu uns kommen.

Wir sind dabei, die „Bewegung für die Arbeiterpartei" zu gründen, und sie strukturiert sich wie eine Partei. Wir rechnen damit, den Gründungskongreß innerhalb von sechs Monaten abhalten zu können, auch wenn wir noch keinen Termin gesetzt haben.

Andererseits versuchen wir, Kerne in allen Regionen zu gründen. Wir machen jede Woche drei öffentliche Versammlungen. Jetzt beschränken wir uns nicht mehr darauf, die Idee der Arbeiterpartei nur zu propagieren, wie wir das bislang taten. Am Ende einer jeden Versammlung organisieren wir Kerne von Aktivisten. Wir haben schon einen Plan, die Arbeiterpartei mit einer großen Demonstration auf der Praca da Se, dem traditionellen Ort der Arbeiterbewegung, der Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Die traditionelle Linke zeigte sich widersprüchlich, je nach dem mit welcher Strömung oder Gruppe man es zu tun hatte. Die Maoisten sind der Arbeiterpartei nicht beigetreten mit Ausnahme der „Ala Vermelha do PC do B" (= „Roter Flügel der Kommunistischen Partei Brasiliens"). Diese Kreise schlagen vor, eine Partei zu schaffen, in der man eine Volksfront zusammen mit Teilen der Bourgeoisie aufbauen kann. Die Gruppierungen trotzkistischen Ursprungs unterstützen alle das Projekt der Arbeiterpartei mit Ausnahme der Posadisten und der lambertistischen Sektion OSI, die dem CORQI angeschlossen ist. Was die KP angeht, so behauptet sie, daß die Arbeiterpartei schon seit 57 existiert, nämlich daß sie sie sei. Was die anderen Teile der Linken, die

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von den Linkskatholiken bis zu den nationalistischen Bewegungen reichen, angeht, so haben sie allgemein die Tendenz, die Arbeiterpartei zu unterstützen.

Aber diese Gruppen trauen der Sache noch nicht so recht; sie verstehen nicht, welche Rolle die Arbeiterpartei spielen kann. Sie können sich den Aufbau einer leninistischen Partei nur ausgehend von einer Handvoll Intellektueller aus vorstellen, denen sich dann Tausende von Arbeitern in einem Prozeß organischen Wachstums anschließen. Sie sehen nicht, daß selbst die Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei vor der Zentralisierungsphase (1903) eine Periode breiter Dezentralisierung kannte, die wir heute nachmachen müssen.

- Wie sehen die Perspektiven seit den letzten Streiks aus?

- Bis in die letzte Zeit brachen Streiks nur ausgehend von den Gewerkschaften aus, die von den Führern der Arbeiterpartei geleitet werden. Heute geht der Mobilisierungsprozeß weit darüber hinaus, und man kann mit Fug und Recht behaupten, daß die Arbeiterpartei der Reflex aller Kämpfe der Arbeiterklasse ist.

Die Streiks, die nicht von den Gewerkschaften koordiniert werden, wie das zum Beispiel in Belo Horizonte der Fall ist, identifizieren sich völlig mit der Arbeiterpartei. Als der Präsident der Bauarbeitergewerkschaft den Streik schamlos verriet, rief das Streikkomitee die wichtigsten Gewerkschaftsführer von Sao Paulo zusammen, das sind die wichtigsten Aktivisten der Arbeiterpartei, damit sie an den Streikversammlungen teilnähmen und ein Gegengewicht gegen die bürgerlichen Politiker der MDB bilden, die mit der - Die Brasilianische Arbeiterpartei" Bewegung nichts zu tun haben. Durch die war der stärkste Trumpf, den die herr- Präsenz der Arbeiterpartei war in einem schenden Klassen in den letzten Jahrgewissen Sinne die Kontinuität zehnten einsetzten. Dann kam ab 1964 Kampfes gesichert, gewannen die Arbeiter die Militärdiktatur, und diese versucht wieder volles Vertrauen, um den Kampf jetzt, sich in eine formale beschränkte an der Seite der Arbeiterpartei in Richtung Demokratie zu verkleiden, den Ausschluß auf eine Arbeiterregierung zu führen. der Arbeiterklasse aus der Politik aber aufrechtzuerhalten.

In der Periode des Präsidenten Vargas war die gewerkschaftliche Struktur verti- Heute läßt man diese Brasilianische kal an den Staat angeschlossen worden. Arbeiterpartei wieder auferstehen. Diese Und diese Periode ist immer noch in Nostalgiker wollen sie zum größten Kraft. Hindernis für die Arbeiterklasse aufbauen, damit sie sich nicht frei ausdrücken kann Jüngst gab es die große Bewegung der und damit der vertikale Gewerkschaftsgewerkschaftlichen Oppositionen sowie apparat nicht auseinanderfallt. Wenn es die Herausbildung von kämpferischen Ge- der Bourgeoisie gelingt, diese Partei werkschaftsführern, um eine autonome aufzustellen, wie das bei der zweiten Gewerkschaftsstruktur zu schaffen. Diese Rückkehr des Peronismus in Argentinien Aufgabe ist meiner Ansicht nach das der Fall war, dann bleibt keine präzise wichtigste für die Arbeiterbewegung. Alternative für die Arbeiter. Eine Brasilianische Arbeiterpartei, wie sie heute unter Ein politisches Instrument ist notwendig, der Führung von Brizola oder von Ivete ) um diese Aufgabe konkret anzupacken, Vargas (der Tochter des Ex-Diktators um die Arbeiter innerhalb der offiziellen Vargas, eine heimgeschickte Ex-Abgeord- Gewerkschaften zu organisieren in der nete) konzipiert wird, ist ja trotz aller Absicht, sie der staatlichen Kontrolle zu Selbstkritik „der „vergangenen Irrtümer" entreisşen, die gewerkschaftliche Steuer noch viel suspekter. Ich glaube nicht, daß aufzuheben, die Statuten frei erstellen, die Brasilianische Arbeiterpartei heute ein die Finanzen der Gewerkschaft kontrol- nationalistisches Programm entwerfen lieren und schließlich die Kämpfe um kann, das sich dem Imperialismus widerbestimmte Forderungen führen zu setzt; das ist Peron genausowenig gelungen können. Es geht um den Aufbau eines wahrend seiner zweiten und letzten einheitlichen Gewerkschaftsbundes. Die Rückkehr an die Macht. KP will etwas anderes: sie schlägt vor, daß sich die derzeitigen Gewerkschaftsführer Schließlich fällt auch auf, daß, als das zusammenschließen. Das muß Ergebnis Projekt der Arbeiterpartei lanciert wurde, eines großen Arbeiterkongresses sein, auf die Brasilianische Arbeiterpartei ihrerseits dem jede Kategorie, jede Fabrik vertreten nicht einmal eine nennenswerte Gewerksein muß. schaftsführung zu gewinnen in der Lage war.

- Und die Brasilianische Arbeiterpartei" (PTB), welche Rolle wird sie spielen?