Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die Pläne der Landwirtschaft

Inprekorr Nr. 110, 11. Oktober 1979 · S. 24-25 · 994 Wörter

Mittelamerika

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Die Pläne für die Landwirtschaft

Dieses Interview mit Nicaraguas neuem Minister für Agrarreform, Jaime Wheelock, wurde von Fred Murphy in Managua am 6. August gemacht. Wheelock, ein Mitglied des Vereinten Direktoriums der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront, erläutert die Schritte, welche das neue Regime unternimmt, um die Bedürfnisse der Bauern und Landarbeiter Nicaraguas zu erfüllen und um die landwirtschaftliche Produktion neu zu gestalten. Dieses Interview ist dem „Militant" vom 24: August entommen.

Sination der Landisent cher der Diktatur der vergangenen Jahre beschreiben?

Antwort (= A): Wir haben zwei grundsätzlich verschiedene Produktionstypen: zum einen die Getreideproduktion für den einheimischen Markt, zum anderen die Produktion für den Export. Die meisten der in der Exportproduktion beschäftigten Arbeiter waren einen großen Teil des Jahres arbeitslos. Die Exportproduktion diente in der Hauptsache dem Wohle einer sehr kleinen Schicht von Großgrundbesitzern. Zwei Familien - die Somozas und die Pellas - kontrollierten mehr als 500.000 acres Baumwolle, über 250.000 acres Kaffee, etwas mehr als 35.000 acres Zuckerrohr, (1 acre = 4047 Quadratmeter) und 200.000 Stück Vieh. Große Tabakund Reisplantagen wurden hauptsächlich von den Somozas kontrolliert. Entsprechend der Einteilung der Produktion in Export und Eigenverbrauch im Lande ist auch die Landwirtschaft in Sektoren unterteilt, nämlich in einen hochkapitalistischen und in einen, welcher die armen und mittleren Bauem umfaßt.

Die Somoza-Familie kontrollierte zwischen 4060% der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Rechnet man den Besitz Interview mit Jaime Wheelock der Somozas hinzu, so erhöht sich die Zahl auf 70%. Das restliche Land teilten sich ungefähr 60.000 Kleinbauern und etwa 100.000 Bauern, die sowohl Lohnarbeit machen als auch ihre kleinen Güter bewirtschaften. Viele, sogar mittlere Bauern mit Familienbetrieb, mußten während der Aussaat oder Erte auf den Großbetrieben arbeiten.

Allein in den Baumwollplantagen sind zum Zeitpunkt des Pflückens mehr als 250.000 Landarbeiter beschäftigt. Während der Hochsaison benötigen die Kaffeanbauer 150.000 und die Zuckerrohrbetriebe 15.000 Arbeitskräfte. Das bedeutet, daß es in der Landwirtschaft ein saisonales Proletariat gibt, das in den Baumwollplantagen, dann in den Kaffee- und schließlich in den Zuckerrohrplantagen arbeitet.

Militant/Fred Murphy

JAIME WHEELOCK

Der kapitalistische Exportsektor und die herrschende, verschwenderische Großgrundbesitzerschicht verdrängten zusammen die Kleinerzeuger, die Kleinbauern von ihrem Land.

Beispielsweise ist in Chinandega beinahe die gesamte landwirtschaftliche Nutzfläche mit Zuckerrohr, Baumwolle und Bananen bebaut; die Bauern sind von ihrem Land vertrieben worden. Die Bauern führen ein elendes Leben in den ländlichen Gebieten. Die Elendsviertel, welche zunächst am Rande der Städte entstanden sind, gibt es auch auf dem Lande. Es ist unglaublich. Man findet Menschen auf dem Lande, die ein unbeschreiblich armes Dasein führen, regelrecht umkommen.

F: Welche Maßnahmen sind zur Lösung dieses Problems ergriffen worden? A: Im nördlichen Teil des Landes gibt es keine Straßen, keine Infrastruktur und das Land ist nicht ertragsreich. Wir haben die Absicht, den Landbesitz der Bauern zu vergrößern, und werden außerdem technische und Aufbau-Hilfe leisten. Dagegen haben wir in der Mitte des Landes - im Managuatal, in Masaya und Carazo, strenge Monokultur. Wir werden das Problem dadurch beheben, daß wir das Land den Bauern geben.

Aber in anderen Teilen des Landes, wie beispielsweise in Leon, Chinandega und Rivas, planen wir, das Land nicht an die Bauern zu übergeben. Dort werden wir große landwirtschaftliche Betriebe aufbauen, die gleichzeitig die Basis für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Gebietes sein sollen. Je nach Lage werden wir den landlosen Bauem Grundbesitz geben oder sie in die Produktion eingliedern, während des ganzen Jahres feste Arbeit geben und mit hohen sozialen und wirtschaftlichen Leistungen versorgen.

Was die indianischen Gemeinden mit ihrer traditionellen Anbauweise betrifft, so wird das Land nicht dem Einzelnen sondem der ganzen Gemeinde gegeben. Sie werden ausreichend Boden erhalten, um ihre Produktion zu vergrößern und ihren Lebensstandard zu heben. F: Welche Form der Verwaltung haben Sie für die großen landwirtschaftlichen Betriebe geplant?

A: Die Arbeiter dieser Betriebe werden an der Verwaltung beteiligt und helfen die wichtigsten Entscheidungen zu treffen.

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Aber ein großer Teil der Erträge jedes Betriebes ist für die Entwicklung im Sozialbereich: Gesundheits-, Bildungs-, Wohnungswesen usw: bestimmt und zwar nicht nur für diese Arbeiter, sondern für das ganze Gebiet.

Nehmen wir das Beispiel von Rivas, wo eine große Zuckerrohrfabrik, Dolores genannt, steht. Ein Teil ihrer Produktion wird wahrscheinlich für die Beseitigung eines solchen Problems - in der ganzen Provinz fehlen Krankenhäuser - verwendet.

Wir hoffen, daß wir den Arbeitern dies bewutst machen können. Sie werden sehen, dab mit Hilfe ihrer Produktion Krankenhäuser• und Wohnungen für das ganze Gebiet gebaut, sowie Programme zur Beseitigung des Analphabetentums und Programme zur Bildung eingerichtet werden können. Ziel ist es, die Arbeiter als Produzenten, bei den Entscheidungen sowohl im Betrieb als auch in der Gesellschaft sozial einzubeziehen. F: Vor einigen Tagen brachte die Barricada* einen Artikel, der von einigen Bauern berichtete, ich glaube es war in Leon, die Waffen zur Durchsetzung ihrer Ziele verlangten. Werden Sie die Bildung von Bauernmilizen unterstützen? A: Ja. In der Tat, es gibt schon Bauermilizen. Sie wurden während des Krieges aufgestellt und ein hoher Prozentsatz Bauern ist in unserer Armee. Deshalb müssen wir sie gar nicht erst aufbauen. F: Können Sie die Rolle, welche die Bauern im Kampf gegen Somoza und bei der Revolution spielten, erklären? A: Viele Jahre haben die Bauern direkt im Kampf für Demokratie und Freiheit, für Fortschritt in Nicaragua teilgenom- Das war so seit der Zeit von General Sandino. Die Bauern waren die zahlenmäßig stärkste Kraft in diesem Kampf für nationale Befreiung. Aber auch in diesem neuen Stadium bildete sich mit Unterstützung der Bauern der erste Kem der Sandinistischen Front in den Bergen. Die Bauern hier waren die soziale Schicht, welche am härtesten von den Schlägen der Repression getroffen worden ist. Die Somoza-Banden töteten Tausende von Bauern. Aber dennoch blieben die Bauern an kämpferischen und patriotischen Aktivitäten beteiligt. Aus diesem Grunde schulden wir den Bauem große Ehre. Mehr noch. die Bauern sind die treibende Kraft dieser Revolution und sie sind die ersten Nutznießer davon.