Die Frauenbewegung im Widerstand Interview mit Silvia.
Mitglied der AMPRONAC munikationsmittel. Zu diesem Zeitpunkt haben wir Ampronac als Organisation zur Verteidigung der Menschenrechte gegründet. Unsere Rolle damals bestand darin, die Verbrechen der Diktatur zu denunzieren. zum Beispiel das Verschwinden von 360 Bauernfamilien. indem wir Informationen zusammensuchten und sogar ins Ministerium gingen. um eine Antwort uber das Schicksal dieser Familien zu forder. Das war im September 1977. Wir sind diesen ganzen Prozeb der Denunziation und forderung hindurchgegangen. Dann im Januar 1978 besetzten wir das Buro der UNO. Das haben wir gemacht. um die Verbrechen der Diktatur bekannt zu machen und cinen Aufruf für die Aufhebung des Kriegsrechts und des Ausnahmezustands zu lancieren. Bei dieser Besetzung wurden wir mit Tranengasgranaten und Kugeln angegriffen: zwei Genossinnen wurden verlet/t. Das hat uns sehr bekannt gemacht. und zahlreiche Frauen aus dem Volke wollten dann der Ampronac beitreten. Hier in Nicaragua sind die landlichen Gegenden am armsten dran, am meisten marginalisiert und ausgebeutel. Deshalb haben wir einen Marsch organisiert. den wir „Hungermarsch" nannten, in der Zone von Carazo. wo wir alle Bauern der Ungebung versammelten. Es war zur Zeit der Kalfee-Ernte. + Wer hat das organisiert?
Ampronac. Bei der Ampronac gibt es Arbeiterinnen und Bauerinnen. Wir haben diesen Marsch organisiert als Antwort auf die Erklärungen Somozas während einer internationalen Pressekonferenz. Er hatte behauptet. in Nicaragua gabe es keinen Hunger. die Bauern würden sich all ihrer Rechte erfreuen, es gabe genügend Arbeit. kurz. alles stunde zum besten. Mit dem Marsch haben wir das Gegenteil he wiesen und aufgedeckt. wie es wirklich in Nicaragua aussieht. Auch diese Aktion ist von der Nationalgarde unterdrückt worden, und es gab Verletzte. Einer Genossin, die jetzt hier mit uns arbeitet, wurde der hintere Teil eines Fußes mit einer Kugel weggeschossen. Es war schrecklich. aber das hat uns nicht aufhalten können. * Gab es dort nur Frauen, oder waren auch Männer dabei?
- Es war von Frauen organisiert. aber für alle. Bauern und Bäuerinnen. Danach entfesselte die Diktatur die Repression gegen Ampronac. Die Nationalgarde verfolgte die Stadtviertel. wo es Ampronac- Komitees gab.
Während des Aufstands im September (1978) arbeiteten unsere Genossinnen aktiv mit und organisierten in jedem Häuserblock Erste-Hilfe-Trupps. Das war im wesentlichen ihre R "le: die Verletzten versorgen und sie zu verstecken. Manche haben auch mitgekämpft. Etliche Genossinnen sind wahrend des Aufstands getötet worden.
Danach haben wir die Situation analysiert: welche Linie sollen wir weiterverfolgen? Wir beschlossen auf einer Ratssitzung durch Abstimmung. die Volksorientierung zu unterstützen. Von da an organisierten wir uns fester. Statt der Erste-Hilfe-Trupps richteten wir Volksgesundheitszentren ein. Sie hatten zwei Funktionen: die erste. in der Zeit vor dem Aufstand der Bevölkerung im Stadtviertel zu helfen: die zweite, als Zuflucht in Kriegszeiten zu dienen. In der Tat waren während des letzten Aufstands diese Kliniken von großem Nutzen: es war dort, wo man die Verletzten versorgte. Es gab auch einen mobilen Sanitätstrupp, der in die verschiedenen Kampfabschnitte ging. In diesem Trupp arbeitete unsere Genossin Erlinda Lopez, als sie zusammen mit einem Arzt bei einer Hilfsexpedition gefangen genommen wurde. Sie wurde vergewaltigt. gefoltert und getötet, und der Arzt auch. Sie war die
Verantwortliche für den Gesundheits. dienst im ganzen Stadtviertel Sankt- Judas. in dem wir uns befinden, und wir haben diesem Lokal ihren Namen gegeben. Eigentlich nahmen organisierte Frauen auf allen Ebenen teil: die einen waren verantwortlich für den Sanitätsdienst. die anderen übernahmen Propaganda-Aufgaben, weitere besetzten Beobachtungsuder Uberwachungsposten oder bereiteten Essen vor und brachten es den Kämpfern РГО ПАС in den Schützengräben. Wieder andere schlieflich, die sich militärisch_haben ausbilden lassen, nahmen die Waffen und zogen in den Kampf. So kann man sagen. daß die Beteiligung von Ampronac am Kampf aktiv und entscheidend war. Keine Isolierung, jede hatte ihre Aufgabe gemäß ihrer Fähigkeiten. In der Stunde des Aufstands stand jede auf ihrem Posten, nachdem sie aus Sicherheitsgründen den Ort gewechselt hatte.
+ Kommen die Frauen, die heute in der Armee sind, von der Ampronac oder haben sie sich unabhängig engagiert? - Viele von ihnen kommen von der Ampronac. Andere wurden in der Sandinistischen Front ausgebildet. Wenn man uns zu den verschiedenen Fronten (Nord. Süd usw.) schickte, erfüllten wir dort politische Aufgaben, trugen zur Organisierung der Massen in den befreiten Gebieten hei. und in gewissen Fällen kämpften wir mit. So sieht also im groben die Teilnahme der Frauen aus. In einer jeden von uns steckt eine selbst erlebte Erfahrung. Die Frauenbewegung heute Interview mit Gloria vom Exekutivkomitee der Ampronac + Wir haben in der Zeitung gelesen, daß Ampronac in mehreren Städten Nicaraguas ihren Namen geändert habe...
- Nein, die Organisation hat offiziell ihren Namen nicht geändert. Aber wir haben darüber diskutiert. Wir sind der Meinung, daß dieser Name geändert werden muts, weil er einer Situation entsprach, wo die Frauen mit dem nationalen Problem konfrontiert waren, während in der jetzigen Situation die Frauen sich nicht wegen dem nationalen Problem organisieren. Wir möchten, daß der Name unserer Organisation der positiven Situation entspricht, mit der wir es jetzt zu tun haben.
Aher hevor wir den Namen ändern. müßten wir Ampronąc (als eigenständige Organisation) wieder aktivieren in den Städten, wo sie existierte, und ihre Basis wieder mobilisieren. Denn während des Aufstands waren alle Volks- und Massenorganisationen in dem Sinne aufgelöst, als sich allles auf den bewaffneten Kampf konzentrierte und das einzige, was funktionierte, die militärische Struktur der Sandinistischen Front war. Was nicht heißt, daß wir Frauen von Ampronac nicht am Kampf auf verschiedene Art und Weise und auf unterschiedlichen Ebenen teilgenommen hätten. Wir waren der Meinung, daß nach dem Aufstand die Frauen, die in der Ampronac aktiv gewesen waren, wieder zurückkommen würden. Also haben wir wieder begonnen, Kontakt mit diesen Frauen in den verschiedenen Städten aufzunehmen und
unsere Organisation auf die Beine zu die verschiedenen Gegenden geht, daf stellen. Das wichtigste, was zu tun war, man die Leute ausbildet. Es gibt schriftwar zur Unterstützung des revolutionären liches Material, höchst kompliziertes Prozesses zu mobilisieren. So bestätigten audiovisuelles Material. aber das. was wir wir noch einmal. wie wichtig die Teil- brauchen, das ist Kreide und eine Tatel. nahme der Frauen an der Revolution ist. Wir haben überhaupt nichts. Wir haben keine Schreibmaschinen, keine Tonband- Wir beriefen ein nationales Treffen ein, geräte und keine Plattenspieler. Wenn wir auf dem wir die Situation und die Auf- Tonbandgeräte hätten, könnten wir gaben diskutierten. Auf der Grundlage Reden aufnehmen und sie überall verdieser Diskussionen setzten wir Kommis- breiten. Nichts haben wir. Das gehört sionen ein. Zum Beispiel gründeten wir auch zu den Problemen der Erziehung eine Kommission für soziale Arbeit, die und der sozialen Promotion der Frauen vorher nicht existiert hatte und die zur Aufgabe hat, verschiedene Vorhaben zur Wir wollen auch kleine Werkstätten sozialen Promotion der Frau in Angriff für Frauen einrichten, damit sie dort zu nehmen und die Frauen in die ver- arbeiten können und eine Ausbildung schiedenen Bereiche dieser Aktivitäten. erhalten. Wir wollen Nahwerkstätten für dem Gesundheitswesen, der Erziehung. Frauen gründen, zum Beispiel Handwerksder technischen Ausbildung usw. zu betriebe, wo die Frauen etwas produintegrieren. In dieser Kommission wird zieren können, weil wir dringend nötig man sich auch um die objektiven Bedürf- haben, daß in diesem Land die Produk nisse kümmern, welche die Frauen spezi- tion wieder aufgenommen wird, und wir fisch haben, damit sie an den verschiede- wollen. dab alle an der Produktionsnen sozialen Aktivitäten besser teilneh- aktivität teilnehmen. Die Kaufkraft in men können: Einrichtung von Kinder unserem Lande ist sehr schwach. Wir gärten und von öffentlichen Wäschereien. stellen uns das so vor: diese kleinen Werk um nur die wichtigsten dieser Bedürfnisse stätten der Frauen könnten mithilfe der anzusprechen. Eine andere Sache, die wir Frauenorganisationen anderer Länder und für wichtig halten, ist die Einrichtung von anderer hilfsbereiter Organisationen diese Volkskantinen, aber das ist ein bißchen Produkte im Ausland verkaufen, denn wir komplizierter derzeit. Das wären Orte. brauchen Geld. Die Waren könnten im wohin die Leute gehen könnten, um dort Rahmen einer Kampagne der Solidarität zu einem mäßigen Preis zu essen. mit Nicaragua verkauft werden zu Preisen, die den Notwendigkeiten in diesem Lande + Was habt ihr hinsichtlich der interna- entsprechen. tionalen Solidarität am meisten nötig? Vor allem von den Frauenbewegungen in den USA und in Europa?
- Na, also es scheint. daß diese Bewegungen in diesen Ländern stark sind und über erhebliche materielle Mittel verfügen. Wir erhoffen von ihnen aktive Solidarität. denn wir sind eine Organisation vea Frauen, die für die Promotion der Frauen in diesem Lande kämpfen. In einem gewissen Sinn erwarten wir eine Art besondere Solidarität unter den Frauengruppen. ansonsten erwarten wir die gleiche Art von Hilfe wie von sonst jemandem. Wir haben konkrete Vorstellungen über das. was wir machen wollen: die gesellschaftliche Promotion der Frauen, die Gesundheit der Frauen und der Kinder, die Volkskliniken und die Hygiene-Programme. Diese Bewegungen könnten uns auch bei der Erziehung und Ausbildung der Frauen helfen. Ich habe von der Rolle der Frauen in der Gesellschaft in Nicaragua gesprochen, von der Art, wie sie am derzeitigen Prozeß mitmachen und von der Bedeutung, welche dieser Prozeß für sie hat. Wenn wir alles verwirklichen wollen, dann heilst das, daß eine beträchtliche Arbeit der Mobilisierung der Bevölkerung geleistet werden muß, daß man in + Welche Projekte habt ihr hinsichtlich der Geburtenkontrolle und der Abtreibung?
- Das ist kein unmittelbares Problem für die Frauen heute. Diese Probleme tauchen eher im Rahmen einer entwickelteren, fortgeschritteneren Gesellschaft auf, wo die Rolle der Frauen nach fortgeschritteneren Vorstellungen erfaßt werden kann. Wir müssen vom Zustand unserer Gesellschaft ausgehen. Das Problem der Frauen von Nicaragua ist eher. Nahrung für ihre Kinder zu finden oder die Mittel, um sie zu behandeln, wenn sie krank sind; dann erst kommen die Probleme der Abtreibung und der Geburtenkontrolle. Ich denke, daß diese Forderungen in dem Maße, wie sich die Gesellschaft entwickelt, in den Vordergrund treten werden. Solange wir nicht unsere elementarsten Probleme gelöst haben, können wir nicht wirklich ernsthaft die Probleme angehen. die ihr angerührt habt.
+ Gestern sahen wir viele bewaffnete Frauen bei der Militärparade. Glaubst du, daß das nur eine Antwort aus einer Notsituation ist, oder daß diese Frauen in die permanente Struktur der Armee integrier! werden?
- Die Frauen haben eine große Rolle in der Gesellschaft zu spielen, sie müssen also auch auf allen Ebenen der Gesellschaft integriert sein. Für uns ist die Armee eine dieser Ebenen. Die Frauen müssen dort so lange sein können, wie sie es wollen. Am wichtigsten ist. dab die Frauen von der militärischen Dimension der Dinge betroffen sind, nicht unbedingt meiner Meinung nach, daß sie in der Armee sind. Jetzt wandelt sich die Armee in eine permanente Armee um, und das bringt eine gewisse Anzahl von objektiven Problemen mit sich. Für eine Frau wird es schwierig sein, in der Armee zu sein und eine Familie zu haben. Aber jedes Individuum wird auf diese Probleme seine Antwort finden. Ich weiß nicht, vielleicht findet ihr weniger Frauen in gewissen Einheiten. Aber ich denke. das wichtigste ist, daß die Frauen sich von diesem Problem betroffen fühlen, daß sie ihre Meinung über die Armee haben, daß sie an der Ausarbeitung der Entscheidungen zu diesem Problem teilnehmen. Die Integration der Frauen in der Armee wird nicht an der Zahl der Frauen, die dort integriert sind, gemessen, sondern an der Teilnahme der Frauen bei der Lösung der Probleme, die die Armee aufwirft. Diese Interviews wurden von Korrespondenten von ROUGE und MILITANT aufgenommen. (Aus Rouge 885 vom 21. September :^