Über die Rolle der Trotzkisten in der kubanischen Revolution von ANGEL FANJUL
Liche Conosch. Das waren nicht nur meine Ideen und Vorhersagen, das waren die Vorhersagen Ich babe eben einen Durchschlag des und Schlußfolgerungen, wie sie von einer Brie es bekommen. den der Genosse ganzen lateinamerikanischen Mannschaft Aco to Gilly dem Genossen Jack Barnes geteilt wurden, von den lateinamerikaniem 2. Februar dieses Jahres schickte schen Trotzkisten, die unter der Leitung wegen der Rede, die dieser am 31. des damaligen Internationalen Sekretariats Dezember zum Thema „Kuba - 20 Jahre arbeiteten. Revolution " gehalten hatte (beide Texte in Inprekorr Nr. 105 vom 14. Juni 1979). In dieser Zeit unternahm das Latein- Der Genosse Gilly erwähnt in seinem amerikanische Büro der Vierten Interna- Erier mein Zeugnis über die Aktivitat der tionale große Anstrengungen und schickte Trotzkisten und meine eigene Rolle in einige seiner führenden Genoss/inn/en den ersten Monaten der kubanischen nach Kuba, den Genossen Ortiz und die Revolution. Ich fühle mich politisch ver- Genossin Miranda, um zur Unterstützung pflichtet, noch einmal Zeugnis abzugeben: der kubanischen Revolution und, was die einerseits, weil das von Gilly aufgeworfene wesentliche Grundlage dieser Unterstüt- Thema so wichtig ist, dann zur Schulung zung bildete, zum Aufbau der revolutio. der Tausenden von jungen Genossen, die när-marxistischen Partei, der kubanischen heute in unsere Ränge eintreten: und Sektion der Vierten Internationale beizuschließlich weil ich eine der Hauptperso. tragen. nen, bei den infrage stehenden Sachen war. Ich sage. daß ich noch einmal Zeug- Aber es ist falsch zu glauben, die Neunis abiege. denn ein detaillierter Bericht organisierung des Trotzkismus in Kuba über die Arbeit der Trotzkisten in dieser hätte erst mit unserer Ankunft begonnen. Sache wurde damals (Oktober 1960) dem Es gab in Kuba eine alte, traditionelle Lateinamerikanischen Büro und dem trotzkistische Bewegung. Gilly erwähnt Sekretariat der Vierten Internationale einiges davon. Auch der Genosse Livio abgegeben.
zen zur Geschichte des Trotzkismus in Zu der Zeit, als in den Bergen Kubas • Lateinamerika", auf die ich verweise. noch gekämpft wurde und Batista noch die Insel beherrschte, starteten wir Trotz- Ein Teil dieser alten Bewegung hat die kisten eine Kampagne zur Unterstützung Lange Nacht Batistas überlebt. Und das des Guerillakampfes in Kuba. In einem nicht in Form von isolierten Grüppchen, Artikel, den ich unter dem Titel Der von Kämpfern, die ihre Fahne aufbewahrt Sturz Batistas beschleunigt sich" in der hatten. sondern von Genossen, die an , Voz Proletaria" veröffentlichte, ich den verschiedenen Fronten sich aktiv glaube. es war Mitte 1958, entwickelte eingesetzt hatten. Aus Gründen der ich den Gedanken, daß sich in der „Bewe- Sicherheit, weil wir nicht wissen. wo und gung des 26. Juli" und im Guerillakampf wie etliche dieser bewundernswerten eine widersprüchliche Dialektik entwik- Genossen heute leben, möchte ich nur kelte, welche die Marxisten definieren die aufführen. die in Kuba öffentlich müßten, wenn ich sagte, daß in dieser bekannt oder die nicht mehr am Leben Bewegung Genossen mit kleinbürgerlichen sind. Tendenzen, die für die Humanisierung des Kapitalismus kämpften, mit objektiv bol- Eines ist sicher: mit oder ohne dem schewistischen Kadern zusammenkamen. Lateinamerikanischen Büro, mit oder die eine sozialistische Lösung anstrebten. ohne dem Internationalen Sekretariat ist der Trotzkismus in Fleisch und Blut des kubanischen Proletariats eingeschrieben. Ist es nötig. an Mella zu erinnern, einem Opfer des Stalinismus, an Sandalio Cujas und so vielen anderen?
Und niemand spricht von Medina. der in den Gefängnissen Batistas, weil der den Trotzkismus verteidigte, an Tuberkulose starb. Die Genossen wissen, daß Pablo Diaz, offizieller Herausgeber unserer Zeitschrift, bevor diese von Batista verboten wurde, der wichtigste Oppositionsführer in der kubanischen Gewerkschaft Wissen die Genossen auch, daß Pablo Diaz einer der zwölf Überlebenden der Granma war, denen es gelungen war, durch die Reihen der Batista-Armee zu kommen und die Sierra Maestra zu erreichen, daß er heute Kommandant der kubanischen Armee ist und die Operation gegen die konterrevolutionären „Gusanos" in der Camaguey zu seinen Leistungen zählt? Wissen sie, daß der Genosse Pablo Diaz der Verantwortliche des Finanzapparats der Guerilla gewesen war? Junge und Alte haben an der Guerilla teilgenommen. Ich erinnere mich noch an Mirella, fast noch ein Kind, und an Juan und Idalbertico Ferrera; ersterer war Maschinengewehr-Unteroffizier und der zweite Gefreiter an der Ost-Guerillafront. Der Genosse Antonio Torres war Vorsitzender der „Hermandad Ferrocarrilera* - Eisenbahnergewerkschaft - von Havanna, ich habe selbst in der Zeitung dieser Gewerkschaft viele Artikel gelesen von der Vierten Internationale, sogar des „Militant", der damals dem „Internationalen Komitee" angehörte. All diese Genosse haben standhaft auf sehr wichtige Posten des Klassenkampfes um das Programm der sozialistischen Revolution. die Arbeiterdemokratie und gegen die Bürokratie gekämpft.
Andere Genossen, deren Namen ich jetzt nicht nennen kann, die ich aber sehr gut kenne, haben auf sehr wichtige Posten in der städtischen Sabotage zur Unter. stützung der Guerilla beigetragen. Als ich in Kuba ankam (zum Jugendkongreß 1960), wurde ich offiziell von der kubanischen Regierung empfangen und am Sitz des Kongresses untergebracht. Dort versammelte ich mich mit dem Rest der trotzkistischen Delegation. die der Genosse Gilly schon aufgezählt hat: ich verweise dafür auf seinen Brief und mochte noch hinzufügen, daß auch ein Delegierter der chilenischen POR und ein peruanischer Genosse dabei waren. Von Anfang an spürten wir dicke Luft und daß sich ein Gewitter entladen würde. Der stalinistische Apparat war entschlossen, sämtliche Mittel einzusetzen, um die Trotzkisten zum Schweigen zu bringen. Sofort nach unserer Ankunft wurden wir zusammen mit den anwesenden Delegierten in einem Zug mitgenommen, der „Zug der Freiheit" hieß und zur Sierra Maestra fuhr, wo der Kongreß eröffnet werden sollte. Diese Reise ist mir in unvergeßlicher Erinnerung. Der Zug hielt in jedem Dorf und jedem Weiler, wo die Arbeiter und Bauern ihn umringten und forderten, daß die Delegierten Reden zur kubanischen Revolution halten sollten. In diesem Zug reisten Luis Naguil von Uruguay, Felipe Galvan von Mexiko und ich, der ich aus Argentinien kam. Wir kamen nicht rechtzeitig zur Eröffnung des Kongresses, weil uns die Massen viel mehr aufhielten, als wir vorausgesehen hatten. In den improvisierten Reden überbrachten wir die Grüße des Internationalen Sekretariats der Vierten Internationale und verteidigten den permanenten Lauf der sozialistischen Revolution in Kuba gegen alle Formen der Aussöhnung mit dem Kapital. gegen die Koalition mit der Bourgeoisie. für die Selbstorganisierung der Arbeiter, für die Arbeiterkontrolle sowie für die Enteignung und Planung der Wirtschaft. Wir riefen die Arbeiter und Bauern auf, dauernd aktiv und wachsam zu bleiben, und wir erinnerten sie immer wieder an Guatemala. Wir forderten sie auf, die Macht direkt in die Hand zu nehmen.
Als wir nach Havanna zurückkehrten, hatte der Kampf bereits begonnen: die stalinistische Führung war entschlossen. unsere Delegiertenmandate infrage zu stellen und uns das Rede- und Abstimmungsrecht zu entziehen.
Es handelte sich nicht nur um einen Konflikt zwischen dem Stalinismus und uns, es war ein Konflikt im Laufe der kubanischen Revolution selbst: ein Konflikt zwischen den Klassen der kubanischen Revolution, zwischen dem bürgerlichen Staat oder dem Arbeiterstaat. Wir wußten genau, daß das die Alternative war und keine andere. Der Lateinamerikanische Jugendkongreb war nur die schwache Widerspiegelung einer Auseinandersetzung, die in der Führung der kubanischen Revolution ablief.
Angesichts dieser Sachlage zögerte die trotzkistische Deiegation Keinen Augenblick. Wir druckten das Manifest, das wir als Thesen dem Kongreß vorlegen wollten, in 3000 Exemplaren und verteilten es massiv an alle Delegierte des Kongresses, an die kubanische Führung, an die politischen, gewerkschaftlichen und Massen-Organisationen und an alle offiziellen und privaten Publikationen. Leider habe ich aus Sicherheitsgründen, wie schon erwahnt, kein einziges Exemplar dieses Manifests aufbewahren können; aber ich habe es selbst redigiert und erinnere mich an den Inhalt in seinen Grundzügen. Auf alle Fälle ist es in den wichtigsten Auszügen damals in der kubanischen und lateinamerikanischen Presse veröffentlicht worden. Ich verweise also darauf Demgegenüber leiteten die Stalinisten, als sie uns nicht zum Schweigen bringen konnten. eine neue Intrige ein. Ich wurde öffentlich beschuldigt. ein Agent der CIA zu sein Das war eine heikle Situation Die Anschuldigung erschien auf der ersten Seite in allen kuvanischen lages/eitungen. Alle unsere Namen wurden aufgefülırt, der von Naguil, von Galvan, der meine und weitere. Wir waren alle Agenten der CIA. Ich stand an erster Stelle auf der Liste.
Das hat uns nicht zunichte gemacht. Im Gegenteil, das stärkte nur unsere Überzeugung, wie notwendig es war und wie wichtig, daß wir intervenierten. Von diesem Zeitpunkt an gab es eine Provokation nach der anderen. Der Delegierte einer christlichen Organisation aus Chile. der ein persönlicher Freund von mir war, sorgte sich ehrlich um mein Leben und bot mir an, mich sofort an die chilenische Botschaft zu bringen, um dort Asyl zu beantragen, damit, wie er sagte „du morgen nicht mit dem Rücken zur Wand stehst". Wir haben entschlossen jeden Gedanken daran, in den Untergrund zu gehen oder wie auch inumer Zuflucht zu suchen, von uns gewiesen. Die in Kuba anwesenden Trotzkisten waren einhellig der Meinung, daß sie sich der Anschuldigung stellen, einem Urteil unterziehen und das bürokratische Manöver vereiteln müßten; wenn wir die Schlacht verlieren sollten, so waren wir bereit, einem solchen Prozeß standzuhalten für die Verteidigung der Internationalen und Kubas.
Hinter dieser Provokation stand nicht nur die stalinistische kubanische Jugend. Die Führungen der stalinistischen Bürokratie der westlichen Kommunistischen Parteien von Duclos bis Blas Roca hielten zur gleichen Zeit eine Konferenz in Havanna ab. Und auf dieser Versammlung beschloß man - nach dem, was in Hoy, der Tageszeitung der PSP (kubanischen
KP), stand - eine anti-oligarchische und anti-imperialistische Regierung auf Kuba zu befürworten.
Die ganze Rechte, alle Tendenzen des Reformismus und alle Stalinisten hatten Interesse daran, die Trotzkisten zum Schweigen zu bringen, denn sie erschienen als die konsequenten, mit einem detinierten Programm bewaffneten Sprecher eines mächtigen Flügels, der sich in der revolutionaren Bewegung und in der kubanischen Gesellschaft für eine sozialistische Lösung aussprach. Wir haben der Provokation standgehalten, und wir haben an der ersten Sitzung , des Kongresses teilgenommen, wo ich im Namen der gesamten trotzkistischen Delegation den Charakter der Verschwörung denunzierte und die Bildung eines Tribunals forderte, das über die revolutionäre Moral der Trotzkisten zu Gericht sitzen sollte.
Ich führte aus, daß ich diesem Tribunal unser revolutionäres Verhalten zur Beurteilung unterwarf, aber gewiß nicht unser Programm noch unsere Politik, die als solche von den Massen gewogen und beurteilt und von der Geschichte, nicht von einem Tribunal unter Beweis gestellt werden müßten. Ich beantragte auch, daß in dem Fall. wo wir uns als unschuldig erweisen würden vor dem von mir geforderten Tribunal hinsichtlich unseres moralischen Verhaltens, daß man dann über die urteilen solle, die die Verleumdungskampagne gegen uns angezettelt und vorangetrieben hatten und daß sie wegen Verleumdung von Revolutionären verurteilt und aus dem Kongreß ausgestoßen werden sollten.
Diese Intervention war gar nicht so leicht. Als ich mich zu Wort meldete, standen der Kongreß und ein Teil des Publikums auf und schnitten mir das Wort ab mit den Rufen: ,,Cuba si, yankis no". Ich schätze, daß dieses gegen uns gerichtete andauernde Gebrüll mehr als zehn Minuten anhielt. Wir haben uns nicht unterdrücken lassen. Ich behielt das Mikrophon fest in der Hand und wiederholte meine Ausführungen, so oft es nötig war, um die Stille wieder herzustellen. Als es klar wurde, daß man uns nicht zum Schweigen bringen würde, konnte ich sprechen. Man gestand mir nur fünf Minuten Redezeit zu. Ich sprach fast eine halbe Stunde in absoluter, in Grabesstille. Als ich fertig war, gab es langanhaltenden Beifall vom Publikum, vor allem vor der Gewerkschaft der Elektriker und der Volksschullehrer von Mexiko sowie von revolutionären Gruppen der Karibik. Der Präsident des Kongresses, Genosse Nunez, Mitglied des chilenischen Gewerkschaftsbundes, ergriff das Wort und forderte mich auf, meinen Antrag auf Bildung eines Tribunals zurückzuziehen, weil er sich auf Denunziationen und Unterstellungen bezog, die außerhalb des Kongresses gemacht worden waren. Er stellte die Frage, ob jemand unter den Delegationen die Beschuldigung, gegen die ich mich wendete, aufrechterhielt. Wenn nicht, dann sei der Fall abgeschlossen, und der Kongreß stellte klar, daß er zu keinem Zeitpunkt die trotzkistische Delegation mit Taten oder Worten angegriffen hätte. Da niemand sich zu der Verleumdung bekannte, war diese erste Episode zu Ende.
In derart dramatischen Augenblicken sind die Gesten und Worte revolutionärer Genossen von besonderer Bedeutung. Ich möchte drei Beispiele geben. Das erste: ein Kongreßordner der Bauernmiliz sprach mir, als der Angriff gerade stark zunahm, Mut mit den Worten: Auf gehts, mein Kleiner, vorwärts!" Das zweite: ein Führer der kubanischen Tabakarbeiter-Gewerkschaft ließ mich wissen, daß wenn der Kongreß diesem Zwischenfall gegen uns kein Ende bereite, seine Delegation sich zurückziehen würde. Sie ,,haben die Revolution nicht gemacht, damit die Lüge wieder anfängt". Und das dritte Beispiel betrifft das Verhalten von Trotzkisten, die nicht Mitglieder der Delegierten waren, vor allem das von zweien unter ihnen: der Genosse Juan Ferrera verteilte in seiner Uniform eines Gefreiten der Rebellenarmee persönlich jedem Delegierten einen Text, auf dem die Verleumdung verurteilt wurde. Und eine sehr junge nordamerikanische Genossin, die Mitglied der SWP- Jugend war, kletterte über die Barriere, die das Publikum von den Delegierten trennte, und setzte sich, ohne ein Wort zu sagen, an den Tisch der trotzkistischen Delegation, und das in einem Augenblick, wo die Rufe „Cuba si, yankis no" dröhnten.
Jedenfalls wurde eine Art revolutionäres Tribunal gebildet unter dem Vorsitz des Generalsekretariats der CTC (des kubanischen Gewerkschaftsbundes), das sich zusammensetzte aus Mitgliedern der „Bewegung des 26. Juli" ; der PSP, der Chomon-Bewegung" und noch weiteren Leuten, an die ich mich nicht mehr erinnere. Zwei Trotzkisten nahmen an der Sitzung teil: Galvan und ich. Während dieser Zeit setzten sich die anderen Mitglieder (unserer Delegation) gegenüber den Kongreßdelegierten in den zahlreichen Versammlungen und Vorträgen voll dafür ein, um das stalinistische Manöver zu vereiteln. Die „Gerichtssitzung" dauerte mehrere Stunden. Der Stalinist war der „Ankläger", ich der „Verteidiger" Im Verlauf des Prozesses wurde deutlich, daß dem stalinistischen Manöver von einer hohen Persönlichkeit ein Strich durch die Rechnung gemacht wurde. Die Sitzung wurde durch einen Telefonanruf unterbrochen, und nach diesem Anruf änderten sich die Dinge. Man garantierte mir das Recht auf Verteidigung, und dies wurde eingehalten. Meine Ausführungen über die Zukunft der lateinamerikanischen Revolution und die sozialistischen Aufgaben der kubanischen Revolution dauerten zwei Stunden. Im Verlauf der Sitzung setzte der stalinistische „Ankläger" *; der zeitweilig den Saal verlassen hatte, seine letzte Karte ein, eine offensichtliche Erpressung: sie seien bereit, jegliche Kampagne gegen die Trotzkisten einzustellen, wenn wir damit einverstanden waren, daß unsere Thesen für den Kongreß zurückgenommen werden. Als man mir diesen Vorschlag machte, war klar, daß wir die Schlacht gewonnen hatten. Meine Antwort war kategorisch: weder die weltweite Kraft des Imperialismus noch die Angriffe der sowjetischen Bürokratie mit ihren Verfälschungen und Moskauer Prozessen hatten die Trotzkisten zum Schweigen bringen können; glaubte der Genosse „Ankläger" vielleicht, daß er das mit einer derart armseligen Erpressung fertigkriegen würde? Ich bekräftigte vor diesem „Tribunal", daß wir diese Thesen propagieren, verteidigen und weiterentwickeln würden, solange wir noch die physische Möglichkeit dazu hätten, und daß, wenn wir die Möglichkeit nicht mehr hätten, dies andere in unserem Namen tun würden. So endete die „Gerichtssitzung". Der Präsident der Jugend des Gewerkschaftsbundes stellte klipp und klar fest, daß diese Kommission der Meinung war, daß es keinerlei Grund gäbe und keine Beschuldigung gegen die Trotzkisten aufrechterhalten werden könne und daß der Kongreß unsere physische und moralische Unversehrtheit garantieren würde. Aber was stand in den Thesen, von denen so viel die Rede war? Nochmal, ich habe den Text jetzt nicht vor mir, aber sie bestanden nur in der nochmaligen Formulierung des Ubergangsprogramms der Vierten Internationale für Lateinamerika. Wir kämpften dafür, daß: alle imperialistischen Unternehmen sowie alle nationalen Unternehmen von öffentlichem Interesse entschädigungslos enteignet und der Arbeiterkontrolle unterstellt werden, daß die Wirtschaft geplant wird, daß die Agrarreform und die Agrarrevolution durchgeführt werden, daß alle Organe des bürgerlichen Staates aufgelöst und sie durch eine Arbeiter- und Bauernregierung
auf der Grundlage von frei gewählten und abberufbaren Arbeiter- und Bauernräten ersetzt werden, daß bewaffnete Arbeiterund Bauernmilizen aufgestellt werden, daß sämtliche wirtschaftlichen, kommerziellen, politischen, kulturellen und militärischen Pakte, die Kuba an den Weltimperialismus und vor allem an den Yankee-Imperialismus banden, aufgekündigt werden, daß mehrere Arbeiterparteien zugelassen werden usw. Insbesondere legten wir auf folgende Punkte Wert: a) Ausweisung des Kuomintang-Vertreters und des Botschafters von Nationalchina Tschiang Kai-scheks sowie Anerkennung der Volksrepublik China durch Kuba, da dies bislang noch nicht geschehen war; b) Anerkennung der algerischen Exilregierung (wir erinnerten die Genossen daran, daß der Befreiungskampf in Algerien: noch voll im Gange war und daß sich die Regierung schon im Exil gebildet hatte mit Ben Bella und Ben Yusuf Ben Khedda); c) Denunzierung der ,,Organisation Amerikanischer Staaten" als imperialistisches Piratennest und Einberufung eines Kongresses der Völker Lateinamerikas durch Kuba mit Vertretern der Gewerkschaften, der politischen Parteien, der Jugend- und Bauernorganisationen usw. zur Bildung der Permanenten Versammlung des lateinamerikanischen Volkes.
Unter den Punkten, die am meisten Skandal hervorriefen, war neben den bereits erwähnten einer, der ausdrücklich die „Ausweisung der Marinebasis von Guantanamo, dem Herzen der Konterrevolution" forderte. Zu keinem Zeitpunkt ist zu irgendeinem Marsch gegen diese Basis oder irgendeine andere aufgerufen worden. Die Stalinisten, die sicher mehr hellhörig sind, legten den Akzent auf unsere Losungen zur Enteignung der nordamerikanischen, englischen und französischen Zuckerraffinerien, zur Kollektivierung der Ländereien usw. Sie wußten nur zu gut, daß die Verteidigung des Privateigentums die Grundlage für die Klassenversöhnung bildete.
Dieses Manifest, daß wir in einer Auflage von 3000 Exemplaren gedruckt hatten, wurde schließlich zu Hunderttausenden verteilt, denn es wurde in der ganzen Presse mit seinen wesentlichen Teilen, die ich angeführt habe, wiedergegeben. Das hat eine große Sympathie unter den Massen für unsere Positionen hervorgerufen.
Wie jeder Beobachter ohne Schwierigkeiten voraussagen konnte, wurden unsere Thesen von einer überwältigenden Mehrheit abgelehnt. Wir beschlossen also, jeden der Punkte aus den Thesen einzeln in Form von Zusatzanträgen vorzulegen. Wir haben uns zu diesem Vorgehen entschlossen, weil unsere Thesen nur unsere fünf Stimmen bekommen hatten. Als wir bei den langandauernden Sitzungen unsere Zusatzanträge einen nach dem anderen vortrugen, wandelte sich das Klima auf dem Kongreß so nach und nach, und einige unserer Anträge wurden durch Akklamation angenommen. Ich erinnere mich an zwei davon: zum einen die Anerkennung der Provisorischen Algerischen Regierung im Exil und zum anderen die der Volksrepublik China. Wir haben objektiv den Verlauf des Kongresses geändert. Vorgesehen gewesen war nur, daß er zwei Sitzungen lang dauern würde und daß die Abstimmungen durch Akklamation, mit geschlossenen Texten und ohne Diskussion erfolgen sollten.
Die kleine trotzkistische Delegation hat durchgesetzt. daß ehrlich. loyal und offen diskutiert wurde. Der Kongreß hat sich sehr in die Länge gezogen; ich glaube, daß er fast zehn Tage dauerte, mit langen, erschöpfenden Sitzungen. In den letzten 48 Stunden gab es keinerlei Unterbrechung mehr, und die trotzkistische Delegation schlief nicht. Man diskutierte leidenschaftlich und Entschließungen wurden gefaßt auf der Linie des proletarischen Internationalismus.
Ich möchte nicht behaupten, daß alles korrekt war. daß wir überhaupt keinen Fehler machten, daß man nichts hätte besser machen können. Natürlich ist das nicht so. Die trotzkistische Delegation hat getan, was sie tun konnte, und niemand hat sich, so weit ich mich erinnere, dort unten vorgestellt im Namen unserer Internationale, um es besser zu machen als wir. Während des Kongresses berief die Regierung Fidel Castro eine Massenversammlung ins • Nationalstadion von Havanna am Abend des 6. August 1960 ein. Als Mitglieder des Kongresses waren wir zur Versammlung eingeladen. Wir diskutierten, ob wir daran teilnehmen sollten oder nicht, denn auf einer Massenversammlung war es nicht schwer, neue Provokationen gegen uns zu lancieren. Nach Hin und Her beschlossen wir, hinzugehen. Es war eine denkwürdige Nacht. Fidel Castro denunzierte die „Orgenisetion Amerikanischer Staaten" und teilte mit, daß alle Zuckerraffinerien und die wichtigsten imperialistischen Unternehmen entschädigungslos enteignet waren. Die Revolution war wieder in Gang; sie nahm den Lauf, um den wir gekämpft hatten. An diesem Abend wurde der erste Arbeiterstaat Lateinamerikas geboren, und die Trotzkisten haben an seiner Geburt teilgenommen.
Schließlich hat Castro nach diesen Vorrängen am heißen Nachmittag des 2. September 1960 auf dem Platz Havannas, der damals Zivilplatz hieß - jetzt heißt er, glaube ich, Platz der Revolution den Bruch aller Militärpakte, die Kuba an den nordamerikanischen Imperialismus banden, aufgekündigt, die Ausweisung der Vertreter Tschiang Kai-scheks und des Kuomintang sowie die Anerkennung der Volksrepublik China. Ich blieb lange auf dem Platz, und als ich wegging. hörte der Beifall immer noch nicht auf. Die trotzkistischen Vorschläge, die als unausweichliche Notwendigkeiten im permanenten Lauf der Revolution eingeprägt waren - hatten materielle und legale Form angenommen.
Und wie Gilly ganz richtig in Erinnerung ruft, hatten wir das Privileg, nach dem stalinistischen Thermidor die erste trotzkistische Delegation zu bilden, die offen und legal in einem Arbeiterstaat auftritt.
Nach dem Kongreß erhielt ich Anweisungen des Internationalen Sekretariats über eines seiner damaligen Mitglieder, den Genossen J. Posadas: ich sollte der kubanischen Regierung den Gruß und die Unterstützung der Vierten Internationale überbringen sowie das von ihr vorgeschlagene Aktionsprogramm der internationalen Solidarität mit der kubanischen Revolution. Das haben wir auch getan: bei einem zufälligen Zusammentreffen mit Guevara baten wir nach einer kurzen Diskussion um Audienz. Die Genossin Miranda und ich sind hingegangen. Nun war ich an der Reihe, zu sprechen. Guevara hatte angenommen, daß wir den Zwischenfall, den die Stalinisten mit ihrer armseligen Verleumdung verursacht hatten, zur Sprache bringen würden. Wir machten ihm klar, daß wir nicht diese Absicht hatten, solche Fragen würden nicht in Ministerien geregelt, sondern daß wir die Botschaft und das Anliegen des Sekretariats der Vierten Internationale überbringen wollten. Die Audienz war für eine Dauer von 15 Minuten angesetzt worden. Guevara verlängerte sie auf mehr als zwei Stunden. Entsprechend meinem Auftrag überbrachte ich ihm das Anliegen der Internationale, unsere bedingungslose Solidarität mit der kubanischen Revolution - ich konnte noch nicht von einem Arbeiterstaat sprechen, da diese • Bezeichnung noch nicht beschlossen worden war - und der kubanischen Regierung. Ich teilte ihm mit, daß wir uns um das Problem der Selbstorganisierung der Massen zur Ausübung der Macht sorgten und der Meinung waren, daß die zentralen Probleme die der Wirtschaftsplanung und der Kontrolle der Behörden durch die Arbeiter waren. Großen Akzent legten wir darauf, auf welche sozialen Kräfte man sich zur Verteidigung der Revolution stützen sollte, und wie wichtig in dieser Hinsicht die Anerkennung von Volkschina sei (diese Unterredung fand mindestens 15 Tage vor dem 2. September 1960 statt). Wir diskutierten unseren Vorschlag ausführlich. Guevara zeigte sich sehr interessiert, vor allem an unserer Einschätzung der Volksmassen-Bewegungen in Bolivien, Chile und Brasilien. Er sprach mit uns über den Prozeß der Arbeiterverwaltung und fragte uns über unsere Meinung zum beginnenden Konflikt zwischen China und der Sowjetunion. Er wollte Sachen über Jugoslawien wissen. Mehrere Male kam Hauptmann Manresa. sein Sekretär, ins Büro und erinnerte ihn daran, daß andere Treffen ausgemacht waren. Guevara verschob sie: um unsere Unterredung nicht zu unterbrechen. Er legte objektiv den Ansichten der Vierten Internationale große Bedeutung bei und verfolgte aufmerksam unsere Presse. Wiederholt bezog er sich in der Diskussion auf Artikel entweder des „Militant" oder der „Revista Marxista Latino-americana". Bei diesem Treff teilten wir Guevara mit, daß die Partei eine Rundreise organisiert hatte, die ich durch Kuba machen sollte, um die Partei zu organisieren und das Büro in Guantanamo zu eröffnen. Er sagte dazu, daß man die Bildung einer einzigen Partei der Revolution anstrebe und die anderen Parteien nicht mehr toleriert würden, aber daß ich die Rundreise durchführen könne, denn die Regierung würde mir volle Aktionsfreiheit zusichern.