Der Kampf der Kurden um Souveränität für ihre Heimat von GERRY FOLEY • Am Vorabend des Referendums vom Etwa eine Woche nach Beendigung der wie die Leute in Bowkan auf die Ereig- 30./31. März über die „Islamische Repu- Kämpfe in Sanandaj sprach ich mit Salah nisse in Sana" daj reagiert haben. Er sagte blik ", mit dem die neuen Behörden den ed-Din Muhtadi, einem Führer mir: „Jeder unn, der fähig war, eine iranischen bürgerlichen Staat wieder stabi- Kurden in der Stadt Bowkan und einem Waffe zu tragen, ging nach Sanandaj. lisieren wollten, stand die Basargan-Kho- der Mitglieder der kurdischen Delegation, nicht nur von Bowkan, sondern von meini-Regierung in Kurdistan vor ihrer die ausgesucht worden waren, um mit überall in Kurdistan. Sie halfen, die Stadt ersten explosiven Krise. Vertretern der Teheraner Regierung zu für eine Woche zu halten. Um Ihnen ein verhandeln. konkretes Beispiel zu geben für das, was Die erst kürzlich wieder aufgestellte wir taten, kann ich Ihnen sagen, daß einer iranische Armee wurde zu einer ersten Bowkan ist eine Stadt von 20-30 Tau- der Leute unseres Dorfes in Sanandaj Bewährungsprobe in Einsatz geschickt. In send Einwohnern, eine der ersten kurdi- getötet wurde." der 3. Märzwoche griff sie die kurdische schen Städte an der Straße, die von den Bevölkerung der Stadt Sanandaj, dem aserbeidschanisch-türkischen Gebieten Der Führer von Bowkan war sichtlich Angelpunkt des Militär- und Verwaltungs- nach Norden führt. Es ist eine Basar-Stadt stolz über die Tatsache, daß ein Mensch apparates des alten Regimes in Kurdistan, mit Märkten unter freiem Himmel in den von Bowkan sein Leben für die kurdische an. Hauptstraßen. Auf dem größten Platz im Sache gab. Er fuhr fort: „Die Hilfe für Zentrum steht ein großes Podest, das die Sanandaj zeigt sich in vielen Formen. Alte Den Einheiten der königlichen Garde, Statue des Schahs trug. Als ich vorbei Leute und Ladenbesitzer wollten Waren die erst wenige Wochen zuvor Aufständi- ging, bemerkte ich, daß ein großes Stor- laden und verschicken, um sie unter der sche, die in Khomeinis Namen kämpften, chennest den Monarchen auf dem Denk- Bevölkerung zu verteilen. Die Bauern niedergeschossen hatten, wurde von der mal ersetzt hat. brachten Nahrungsmittel. Vor dem Regierung des Ayatollah befohlen, wieder Krankenhaus hier bildete sich eine lange einmal auf die Bevölkerung zu schießen. Das alte Regime hat die kurdischen Schlange von Leuten, die Blut spenden Hubschrauber der Armee beschossen die Bergbewohner entwaffnet. Aber jetzt wollten. Mehr oder weniger dasselbe pas- Stadt. Hunderte von Kurden wurden wurden im Basar begeistert Gewehre sierte in anderen Städten." während der 4 Tage, vom 18. - 21. März, in denen gekämpft wurde, getötet. Ich wunderte mich darüber, daß die voller Gedichte in der früher verbotenen Leute in ganz Kurdistan so schnell von Aber die Kurden brachten den Angriff kurdischen Sprache. den Kämpfen in Sanandaj erfahren haben, der Armee zu Halten und zwangen die obwohl es keine lokale Tageszeitung gibt neue Regierung, die de facto-Kontrolle Ich wurde Muhtadi als Journalist und es auch im Radio von der nationalen der kurdischen Gebiete durch kurdische vorgestellt, der die irische nationale Rundfunkanstalt nicht viele Meldungen Organisationen anzuerkennen. darüber gab. Muhtadi sagte, daß zum größten Teil die Neuigkeiten spontan Die neustrukturierten Reste der irani- einer internationalen Leserschaft zu er- durch Tefefon und über die Straße verschen staatlichen Streitkräfte erlitten klären. Muhtadi meinte, daß der irische breitet wurden. einen empfindlichen Rückschlag. Damit Kampf in mancher Hinsicht dem kurdieröffnete der Sieg der Kurden den andern schen gleicht. Ein Teil der Organisationsarbeit, sagte unterdrückten Nationalitäten, die schon er, wurde von der „Gesellschaft für die durch den Massenaufstand, der das Schah- Das Interview fand in Muhtadis Haus Verteidigung der Revolution und Freiheit" Regime wegfegte, in Bewegung geraten unweit von Bowkan statt. Es war ein (Jamiat-e Defez-e Enqelab va Azadi) waren, neue Kampfmöglichkeiten. übliches kurdisches Bauernhaus in einem gemacht, mit der er sich identifizierte. Hof, der von einer Mauer aus Lehm und Dies ist eine der verschiedenen Organisa- Die Regierung war gezwungen, mit Stroh umgeben war. Aber die Mauer tionen in Kurdistan, die sich als breite kurdischen Organisationen zu verhandeln versperrte nicht die Aussicht auf die um- nationale Befreiungsorganisationen für die und Autonomie für die kurdische Nation gebenden Berge. Das Haus war sehr ein- Kurden verstehen. Sie ist die stärkste in zu versprechen. fach. Die Dachbalken waren abgeschälte Bowkan. Ihr politisches Profil scheint von junge Baumstämme. Ich fragte Muhtadi, Ort zu Ort verschieden zu sein.
Ich fragte ihn danach, was bei den Verhandlungen mit den Vertretern der Zentralregierung erreicht worden ist. Die Teheraner Presse behauptete, daß es eine meist harmonische Aussöhnung zwischen der Zentralregierung und den Kurden gab auf der Basis der versprochenen Autonomie. Muhtadi sagte, daß die Mitglieder der Regierungsdelegation persönlich zwar wohlwollend gewesen sind, aber kein grundlegender Fortschritt gemacht wurde. Ich fragte ihn, was nun die Perspektive wäre. Er betonte: Wir suchen eine politische und friedliche Lösung. Das wollen wir mit all unseren Kräften. Wir hoffen, daß die Zentralregierung uns nicht zwingt, eine andere Lösung zu suchen." Wie, fragte ich, könnten die Kurden Achtung für ihre Rechte im Iran erreichen? Der Schlüssel dazu, sagte er, sei ein Bündnis mit anderen unterdrückten Nationalitäten, besonders den aserbeidschanischen Türken, da sie geographisch uns am nächsten sind. "
Während des Kampfes in Sanandaj; sagte er, boten viele Aserbeidschanis Hilfe an, obwohl er von keiner organisierten Unterstützung in den aserbeidschanischen Gebieten wußte.
Der „progressive Flügel" der kurdischen Bewegung, sagte Muhtadi, hat im Hinblick auf Bündnisse entschieden, daß eine neue Herangehensweise an diese Frage notwendig ist. Die früheren Kämpfe der Kurden sind aus zweierlei Gründen geschlagen worden. Der erste war „intern" D.h. die Führung der kurdischen Bewegung wurde immer von der Feudalklasse gestellt, die von Natur aus örtlich beschränkt ist und deshalb nicht die Kräfte der kurdischen Nation vereinen konnte. Um die Zeit des 2. Weltkrieges begann sich in den kurdischen Gebieten eine Bourgeoisie zu entwickeln. Aber sie blieb sehr schwach und war unfähig, den „Feudalisten" die Führung streitig zu machen. Deshalb hat der Flügel der kurdischen Bewegung, den Muhtadi vertritt, entschieden, daß der kurdische Kampf auf der Basis der „Werktätigen" als einer Klasse aufgebaut und von einer Organisation mit sozialistischer Perspektive geführt werden muß.
Die zweite Art von Gründen für den Fehlschlag der früheren kurdischen Kämpfe war „extern" . D.h. die Kurden gingen keine Bündnisse ein mit anderen Kräften in den Ländern, in denen sie sich befinden.
„Wir stehen am Scheideweg zwischen Wahrheit und Wirklichkeit" ', sagte Muhtadi. „Die Wahrheit ist, daß die Kurden ein Volk sind, das in verschiedenen Staaten aufgeteilt ist. Die Wirklichkeit ist, daß wir in diesen Ländern leben und daß wir mehr effektive Hilfe von anderen Menschen, die in diesem Land leben, bekommen können als von den Kurden in der Türkei oder dem Irak. "
Jedoch, meint Muhtadi, daß es wichtig war, das Beispiel des Irak zu untersuchen, weil „es der einzige Ort ist, wo das kurdi- Volk einen bewaffneten Kampf führt."
Der kurdische Führer scheint nicht an ein Bündnis mit persischen Arbeitern zu denken. Allerdings kam zur Zeit unserer Diskussion der einzige aktive Massenwiderstand gegen den Versuch von Khomeini und Basargan, einen bürgerlichen Staat wieder aufzubauen, von den unterdrückten Nationalitäten. Als Reaktion hierzu neigen sogar einige Elemente, die behaupten, von einem sozialistischen internationalen Standpunkt auszugehen wie beispielsweise die Fedayin-Guerillas unter den nationalen Minderheiten - dazu, eine enge nationalistische Perspektive anzunehmen.
Muhtadi brachte ein besonders starkes Solidaritätsgefühl mit dem turkmenischen Volk zum Ausdruck - obwohl in einigen Gebieten Turkmenistans die Großgrundbesitzer und reichen Bauern eingewanderte Kurden sind, welche die Turkmenen unterdrücken. Der Unterschied zwischen Unterdrückten und Unterdrücker war ihm also wichtiger als solche nationalen Unterschiede.
Da er meinte, daß die Kurden auf die Kräfte bauen sollten, die durch die iranische Revolution in Gang gebracht wurden, zog Muhtadi nicht die Loslösung der Kurden aus dem persischen Staat und die Bildung eines eigenen Staates in Betracht. Er erklärte: ,Wir meinen, daß die Nationalitäten im Iran, gestützt auf ihre Kultur und zahlenmäßige Bedeuturg, selbst entscheiden sollten, wie sie ihre Rechte ausüben wollen. Der Iran sollte eine Republik sein, die auf gleichem Recht für alle Nationalitäten beruht. Wir wollen eine autonome Regierung für die Kurden mit wirtschaftlicher, kultureller und politischer Souveránität.
Ich fragte, was er unter Souveränität verstehe. Er sagte: „Grundsätzlich, daß wir die Herren in unserem eigenen Hause sein wollen. Wie weit es geht und welche besonderen Befugnisse das einschließen wird, hängt von der konkreten Situation ab, in der wir uns befinden - insbesondere von der Haltung der Regierung in Teheran. " Ich fragte Muhtadi, ob er die gegenwärtige Zentralregierung als demokratisch betrachte, seine Macht als legitim betrachte. Er antwortete: Wir wollen, daß die Regierung demokratische Methoden anwendet. Wir werden sie aufgrund ihrer Taten beurteilen. "
Ich fragte ihn, ob er von den Aktionen der Regierung in Sanandaj überrascht worden sei. Er sagte: ,,Wenn eine Regie- , rung eine nationale und demokratische Regierung ist, wird sie demokratische Methoden anwenden. Ein Problem entsteht, wenn eine Gruppe sich selbst aufdrängt (er meinte damit offensichtlich die schiitischen Geistlichen). Die Revolution gegen den Schah war auf viele Gruppen und Ideen gestützt. So sind
wir dagegen, wenn eine Gruppierung versucht, sich vorzudrängen." „Der erste Schritt zur Demokratie ist die Erkenntnis, daß das Volk verschiedene Ideen hat und geographisch und kulturell unterteilt ist.
Ich fragte, wie er eine demokratische Regierung sehe, die im Iran errichtet werden soll. Er sagte: Dies wird durch die Solidarität der unterdrückten Nationalitäten erreicht werden." Er erklärte weiter, daß „wir uns für eine verfassungsgebende Versammlung für den Iran aussprechen, in der alle Gruppen vertreten sind, aber wir wollen auch Kongresse der Nationalitäten, wo sie entscheiden, wie sie ihre eigenen Angelegenheiten regeln." Muhtadi gab, als wir über die verschiedenen politischen Strömungen in dem kurdischen Volk sprachen, die folgende Erklärung für die Existenz der Gruppe, die er unterstützt: „Lange Zeit gab es kurdische Untergrundorganisationen. Jetzt ist eine Zeit der legalen Arbeit angebrochen. Dies machte möglich, daß die Gesellschaft für die Verteidigung der Revolution und Freiheit geschaffen wurde. Es ist eine Gruppe, welche die nationale kurdische Frage im Klassenzusammenhang sieht, und die von der Realität ausgeht, daß das kurdische Volk ein Volk ist, egal in welchem Land es lebt. Sie vertritt den fortschrittlichen Flügel der Bewegung. "
Ich fragte, welchen Flügel er als reaktionär ansieht. Er sagte: „Es ist die DPK (Demokratische Partei Kurdistans, die Kurdische Kommunistische Partei). Sie ist reaktionär, weil sie mit den religiösen Führern, den reaktionären Stammesführern und der Zentralregierung Das Konzept der DPK zur kurdischen Selbstverwaltung unterscheidet sich von dem, das Muhtadi und andere radikale kurdische Nationalisten darlegten: die stalinistischen Vertreter definieren Autonomie in einer negativen Weise. Sie beginnen mit der Erklärung, wie bescheiden ihre Ansprüche sind, da die Unabhängigkeit, die sie wollen, alle wesentlichen Befugnisse in den Händen der Zentralregierung beläßt. Sie fangen schon zu Anfang ihrer Überlegungen an, Beschränkungen zu errichten, wie weit die kurdische Selbstverwaltung gehen kann. Im Gegensatz zu der Methode der DPK gestehen die radikalen Nationalisten in ihrer Forderung nach Souveränität des kurdischen Volkes • deren konkrete Formen von den Notwendigkeiten des Kampfes bestimmt werden müssen - der Teheraner Zentralregierung im voraus keine besonderen Rechte zu. Sie stellen die nationalen Rechte der Kurden an die erste Stelle. Die Bildung eines eigenen Staates wird zwar momentan abgelehnt, aber auf der Basis, daß es zwischen den kämpfenden Nationalitäten im Iran der Solidarität bedarf und nicht aufgrund ewiger Treue zum iranischen Staat. Die iranische stalinistische Bewegung hat historisch eine ihrer stärksten Basis in den kurdischen Gebieten gehabt, weil Moskau aus eigensüchtigen Gründen die unabhängige kurdische Republik, die im Iran unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg eingesetzt wurde, unterstützte. Aber die DPK verliert offensichtlich rasch an Boden.
Selbst die DPK-Anhänger, mit denen ich sprach, gaben zu, daß der Einfluß der Partei klar schwächer wird je weiter man von Mahabad nach Süden geht, zugunsten des Einflusses der radikalen Nationalisten Muhtadi sagte, daß die Unterstützung für die traditionellen kurdischen natioralistischen Fraktionen, die im Irak bestanden (die Barsani- und Telebani- Gruppen) im Iran nur ein Faktor am Rande seien.
Ich fragte ihn, ob die kurdischen Führer Unterstützung für ihren Kampf außerhalb des Iran gesucht hätten. Er sagte, sie hätten bis jetzt nicht viel daran gedacht, weil ihre Bemühungen darauf aus waren mit anderen Kräften im Iran Bündnisse zu entwickeln. Aber er hoffe, daß andere unterdrückte Nationalitäten ihre Sache aufgreifen würden. Insbesondere betonte er: „Es wäre gut, wenn sich Bernadette Devlin und andere irische Führer in Großbritannien zugunsten unserer Belange aussprechen würden." In Gesprächen mit anderen kurdischen Führer fand ich ein Gefühl der Isolation, daß der kurdische Kampf international nicht verstanden wird; daß es hoffnungslos ist, mit Sympathie zu rechnen. Sobald ich internationale Unterstützung erwähnte, antwortete ein kurdischer Schriftsteller in Teheran: „Die Kurden sind vollkommen allein. "
Aber nun hat die iranische Revolution den Kampf des kurdischen Volkes zu einem zentralen Punkt der Weltpolitik gemacht. Ob diese Revolution weitergeht, um den Massen, die das Schahregime stürzten, echte Freiheit zu bringen, hängt zum nicht geringen Teil vom Erfolg des kurdischen Kampfes ab. Die Arbeiterbewegung der Welt und alle unterdrückten Nationalitäten haben ein großes Interesse, das kurdische Volk gegen die Unterdrükkung der Bourgeoisie zu verteidigen und in Sanandaj im Zentrum des Kurden- zu helfen, ihre Sieg zu sichern. Geschäfte machen will "
Wie Turkmenien von der