*********+*****++*************+*++**+*+**+++++++ +++*++ Die beiden folgenden. vom Genossen Alain Krivine durchgeführten Interviews, gehen um die jetzige Situation und Funktion der in den großer. Streiks von 1969 entstandenen Fabrikräte und um die Kämpfe, die zur Zeit in den Betrieben geführt werden. Diese Bilanz ist umso notwendiger, als sich Italien an einem Wendepunkt seiner sorialen, ökonomischen and politischen bage befindet (vergl. der vorhergehenden Artikel von Livio Maitan).
Die Wirtschaftskrise hat sich verschärft. In den ersten 4 Monaten dieses Jahres ging dic industrielle Produktion um 2,3 % zurück. Die Rezession betrifft nicht nur die zurückgebliebenen Sektoren der Wirtschaft, sondern auch die Bastionen der italienischen Industrie: Fiat, Pirelli und Montedisor. Kämpfen zur Zeit mit großen Schwierigkeiten. Wieder einmal bekommen vor allem die Arbeiter ciese Krise zu spüren: Pirelli lärt mehrere Tausend Arbeiter ein, sich selbst zu entlassen; in anderen Autowerken von Mailand zwingt man den Arbeitern Kurzarbeit und Lohnkürzungen auf, und bei Zanussi, dem wichtigsten Trust für elektrische Haushaltgeräte, sind mehr als 9 000 Arbeiter "aus technischen Gründen" zur Zeit arbeitslos. Und doch hat diese "Entspannung auf dem Arbeitsmarkt" die Kombativität der Arbeiter nicht geschwächt. Sie kommt in sehr harten lokalen Kämpfen zum Ausdruck; aber weil jegliche Gesamtperspektiver fehlen, werden diese systematisch umgeleitet. Die Verantwortung dafür trägt vor allem die Bürokratie der Kommunistischen Partei und der Gewerkschaftsverbände, die in dieser Krisenzeit fest hinter der Bourgeoisie stehen, um die "nationale Wirtschaft" zu retten. So ist die einzige Forderung dieser Organisationen gegen Entlassungen die, daß sie von der bürgerlichen Regierung fordern, die kapitalistischen Betriebe, die in Schwierigkeiten sind, mit den Steuergeldern der Werktätigen zu subventionieren.
Auf diesem Hintergrund ist der Beschluß der drei Gewerkschaftsspitzen, sich zu vereinigen, zu sehen. Die Frage der Vereinigung der drei Gewerkschaften ist ziemlich wichtig, aber man kann jetzt schon sagen, daß die vereinigten Bürokratenspitzen in der jetzigen Situation eine ausschließlich konservative Rolle spielen werden. Aber auch in ihren heuen Funktionen werden aie Gewerkschaftsbürokraten unter dem Druck der kämpfenden Arbeiter stehen; diese nämlich sehen in der Vereinigung der Gewerkschaften ein Mittel, um verstärkt die kapitalistische Ausbeutung zu bekämpfen.
1.- Anläßlich des Kongresses der italienischen Sektion hat Genosse Krivine zwei Arbeitergenossen der Sektion interviewt. Der eine, Vito Bisceglie. ist Mitglied des Zentralkomitees der FIOM (Metallgewerkschaft) des CGIL- Gewerkschaftsbundes, Mitglied des FIOM-CGIL - Provinzkomitees von Turin und Fabrikdelegierter. Dieser Genosse arbeitet bei Nebiolo (1200 Beschäftigte), dem größten italienischen Werk für die Herstellung von Druckmaschinen. In diesem Betrieb existiert noch ein Fabrikrat, der die Zeitung "Centosessenta" (160, dem höchsten Akkord) herausgibt, von der 800 Exemplare jeder Numnir verkauft werden.
| Seit wann existiert der Fabrikrat, und wie ist er organisiert? Er ist während der Kämpfe vom Mai 1969 entstanden. In ihm kam der Wille der Arbeiter zum Ausdruck, die Organisierung und Führung des Kampfes selbst in die Hand zu nehmen, da die Gewerkschaften, obwohl sie in den Werk 700 Mitglieder zählten, zu bürokratisiert waren. Sämtliche Arbeiter, ob Gewerkschafter oder nicht, sird nach Sektoren organisiert (Dreher, Stanzer, Fräser usw.). Die Vollversammlung eines jeden Sektors wählt einen Delegierten, der jederzeit abwählbar ist. Es gibt mindestens 10 Vollversammlungen pro Sektor im Jahr. Jeder Arbeiter bekommt vom Unternehmer 10 Stunden im Jahr für die Teilnahme an Sektoren- oder Betriebsversammlungen bezahlt. So fanden zum Beispiel 1971 12 Betriebsversammlungen statt zur Diskussion allgemeiner Probleme (Löhne, Arbeitstempo, Lohngruppen). 42 Delegierte bil- Fabrikrat. Der ganze Fabrikrat bekommt vom Unternehmer monat-
lich 504 Stunden bezahlt; er verteilt selbst diese Stunden unter seine Mitglieder. Üter dem Fabrikrat steht ein Exekutivkomitee von 7 Mitgliedern, die alle zwei lionate ausgewechselt werden; dieses hat nur Koordinationsfunktionen. Der Fabrikrat redigiert die Zeitung, delegiert die Kollegen zu Verhandlungen mit dem Unternehmer und organisiert die Kämpfe. Wieviel Arbeiter nehmen an den Betriebsversammlungen teil? Alle. Politische Diskussionen sind erlaubt, und ich wurde zum Beispiel zum Delegierten gewällt, wobei alle meine Kollegen genau wußten, dal ich Trotzkist bin.
| | Welche Rolle spielt die Gewerkschaft im Fabrikrat?
1969 gehörte eine Minderheit der Delegierten nicht zur Gewerkschaft; heute sind elle drin. Es gibt im Betrieb keine gewerkschaftlichen Strukturen; aber die KP macht alle Anstrengungen, um den Fabrikrat in eir. Gewerkschaftsgremium umzufunktionieren. Die Gewerkschaft nimmt an Verhandlungen teil, die über Fragen von lekaler und regionaler Bedeutung z.B. geführt werden. Außerdem koordiniert die Gewerkschaft unsere Kämpfe mit denen anderer Betriebe (oder zumindest ist das ihre Aufgabe).
| Ist dieses Beispiel eines Fabrikrates eine Ausnahme im Jahre 1971? Ja, das ist wirklich eine Ausnahme. Wir stehen in einem politischen Kampf regen dic Provinzführung der Gewerkschaften. Übrigens gibt es Mitglieder des Fabrikrates, die die politische Führung der CGIL akzeptieren, und solchen wie wir, die ceine Autonomie bewahren wollen. Mar. kann annehmen, daß 1969 wehl etwa 150 Fabrikräte dieser Art in der italienischen Metallindustrie existierten. Heute bleiben davon nur noch wigefähr 30 übrig, oline jegliche Koordiration untereinander, und nur in Betrieben wie dem unsrigen, wo die Arbeiter ziemlich politisiert sind. In den meisten fallen sind die Rate 21: trielseektionen der Gewerkschaften geworden mit sehr mäßiger Beteiligung: aber bei jedem Kampf versuchen Avantgardegenossen, den Kampf remokratisch zu führen, zu politisieren und und wieder demokratische Strukturen zu schaffen.
Man muß hinzufügen, daß die Gewerkschaft vor 1969 in der Metallindustrie sehr schwach war, und angesichts dieser Schwäche konnten eben die Arbeiterkomitees entstehen.
Wie erklärst Du Dir, daß die Arbeiter die Fabrikräte in ihrer ursprünglichen Funktion nicht erhalten konnten?
kommt vor allem von der Unerfahrenheit der Mehrheit der jungen Arbeiter und vor einer gewissen vorübergehenden Entpolitisierung, die in einer Phase weniger intensiven Kampfes die Arbeiter erfaßt hat. Und schließlich haben ein guter Teil der Avantgardegruppen Rolle nd Möglichkeiten dieser Komitees nicht erkannt, da sie aufgrund ihrer spontaneistischen Konzeptionen sagten, die Spontaneität allein genüge, woraus sich ihre Parole herleitet: "Wir sind alle Delegierte". So konnten die Gewerkschaftsbürokratien für die Arbeiternilitanten als die einzigen permanenten Strukturen erscheinen. Die Vereinigung der Gewerkschaften, wie sie zur Zeit im Gange ist. an der Spitze, ohne das Recht, Tendenzen zu organisieren, fördert natürlich die Absorbierung der Fabrikräte in die Struktur der Bürokraten und in deren Logik, nämlich die der Verhandlungen und nicht die des Kampfes. Der zweite Genosse, der interviewt wurde, Raffaele Ivani, ist Arbeiter bei Fiat, Delegierter und Mitglied des Provinzkomitees der Metallgewerkschaft FIM-CISL (des christlichen Gewerkschaftsbundes).
Es wurde viel über die Basiskomitees von Fiat gesprochen... Während der Kämpfe von 1968-69 brachen spontane Streiks in den Abteilungen aus. Das Werk ist ungeheuer groß (65 000 Arbeiter in Mirafiori); aber die Kombativität der Arbeiter war so groß, daß sich der Streik der Abteilung 32 sich auf andere Sektoren ausdehnte. Die Forderungen betrafen die Arbeits-
bedingungen (Hitze. Lärm usw.). Dabei ist die Forderung nach Koordination entstanten 4 der Beschluß, während des Streiks im Betrieb zu bleiben und Unzige Ab eilung in die andere zu organisieren. Das war für die Arbeiter yon Pia neue Kampftechnik. Ganz am Anfang bestimmten die Arbeiter ihre Delegier en ohne Wahl; sie nahmen einfach die kämpferischsten ihrer Kollegen. Tae setzte die Gewerkschaften in Aufregung, die bei Fia• sehr schwach waren (4 000 Mitglieder). In Wirklichkeit wurde für die 65 000 Arbeiter die Gewerkschaft verkörpert durch jene 20 freigestellten und von Unterrehmer bezahlten Kollegen der "Internen Kommission", die bei der Basis ohne jeden Anhang und praktisch unbekannt waren. Sie haben als den Versuch unternommen, die Arbeiter zu "beruhigen". Aber in jeder Abteilung entatand ein Rat mit denselben Strukturen wie bei Nebiolo. Zwischen 800 und 1000 Delegierte wurden so gewählt, die sich jeden Samstagnacha lag trafen.
Bis Ende des Jahres 96) ließen die Verantwortlichen der Gewerkschaft (In- :erne Kommission und Provinzialführung)dies in ihrer Ohnmacht geschehen; sie schreckten nicht davor zurück, auf den Arbeiterversammlungen demagogisch linke Positionen zu vertreten.
Und wie ist es den Gewerkschaften gelungen, Ende 1969 die Komitees wieder in den Griff zu bekommen? Die Gewerkschaften spielten eine gewisse Rolle bei der Einberufung der Versanadungen for SO Dele ierten. denn sie waren die einzigen, aie die Koor- Immation im ranzen Werk übernehmen konnten. Als die Kämpfe abflauten, taten sie alles, u. lie Versammlungen der 800 Delegierten zu verhindern; stattdercen richteten sie ihre Anstrengungen darauf, Versammlungen nach Schichand dann nach Produktionssektoren zu organisieren nach dem bewährten M: "Teilen. um zu herrachen". Die Aktivität der spontaneistischen Gruppen (Lot a Continua, Potere Operaio) hat sich objektiv für die Gewerkschaf sführer günstig ausgewirkt, weil die Spontaneisten die Delegierten der Führer von Lotta Continua, Sofri, auf einer Versammlung zwischen Studenten and 300 Delegierten in der Architekturfaerklär, da3 die Delegierten die Autonomie der Arleiterklasse zerstören. und daß Gewerkschaften and Unternehmer dasselbe seien. Diese Haltung ging so weit, daß sie auf einem Flugblatt schrieben, die Streikenden hät en Recht. weil sie gegen den Unternehmer kämpften, und die Nicht-Streikenden hät'en auch Recht, weil sie gegen die Gewerkschaften kämpften... Sie unterstützen nur die "spontanen Streiks". Heute ist ihr Einfluß bei den Delegier en und bei den Arbeitern (mit Ausnahme der Karosserieabteilung) gering. Durch die Absurditäten der Spontaneisten, durch das Fehlen einer geranis terren devousenden krafturens Gewicht n organisierten revolutionären Kraft, die in der Lage gewesen wäre, die Rolle der Fabrikräte zu bestimmen, und durch das vorläufige Abflauen der Kämpfe nal sich die Gewerkschaft befähigt, das Gewicht ihres Apparats in die Waagschale zu werten und die Mehrheit der Delegierten für ihre Perspektive zu gewinnen. Die anderen, sehr kämpferischen aber wenig politisierten Delegierten. wurden demoralisiert.
Was existiert jetzt in der Fabrik?
Alle Delegierien sind in der Gewerkschaft, und die neuen Delegierten sind schnell auch eingetreten. Es gibt drei Strukturen. Die 650 Delegierten, die nach wie vor von allen Arbeitern von der Abteilung oder vom Fließband gewähit werden, unterliegen am meisten der Repression. Daneben gibt es die 550 offiziellen Vertreter der Gewerkschaft. 25 % von ihnen sind von der Gewerkschaf: designiert. der Rest ist gewählt. All diese Gewerkschaftsdeiegierierwerden einem tritten Niveau existier' das 120-k pfige Exekutivkomitee. Seine Mitglieder sind halb freigestellt und vom Unternehmer bezahlt. Theore isch werden sie aus den Gewerkschaftsdelegierten und den anderen Delegierten ausgewählt, tatsächlich auf Empfehlung der Gewerkschaftsdelegier-
So kam es, daß der Arbeiterrat jetzt überhaupt keine Role mehr spielt; er kommt nicht mehr ohne die Erlaubnis der Gewerkschaft zusammen, die die lige Kontrolje in der Fabrik wieder erlangt hat. Es gibt nur noch zwei Dut- Delegierte. die im Werk und in der Gewerkschaft um die alten Errungenschaften kämpfen. aber ohne jegliche Koordination.
Welche politische Schlußfolgerung kann man aus diesem Experiment zie- Es ist klar geworden, daß man eine revolutionäre Tendenz inrerhalb der Gewerkschaft strukturieren muß und die Aktivität dieser zwei Dutzend Delegierten koordinieren sowie die Avantgarde durch permanente politische Propaganda vereinheitlichen, was wir durch unsere Betriebszeitung "Talpa Rossa" (=Roter Maulwurf) versuchen.
Unser Ziel ist, wieder Kampfbedingungen zu schaffen. Wir haben gesehen, daß es nur in Kampfperioden möglich ist, autonome Basisstrukturen zu bilden. Wenn der Kampf vorbei ist, dann sind nur noch die politisiertesten Arbeiter bereit, permanent politisch aktiv zu sein. Damit stellt sich das Problem einer revolutionären Partei, die allein in der Lage ist, eine permanente Politisierung in der Fabrik aufrechtzuerhalten.
(Aus ROUGE Nr. 136 vom 11.12.71)