Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Korea als Probierfeld

Inprekorr Nr. 95, Januar 1979 · S. 12-13 · 771 Wörter

Japan und Korea China Sowjetunion

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Jede Seite verweist auf ihren Scan; vor dem Zitieren bitte dort prüfen.

(Le Monde, 27.Oktober 78). Die Wende auf wirtschaftlicher Ebene nimmt immer klarere und systematischere Formen an. Der neue Präsident der Akademie der Wissenschaften, Hu Chiao-mu, wie zufällig ein rehablitiertes Opfer der Kulturrevolution, legte deren große Linien in einem Artikel der "Volkszeitung' vom 16. Oktober auseinander. Alles, was gestern noch als „ideologische" Rückkehr der Sowjetunion zum Kapitalismus denunziert worden war, findet sich hier wieder. Es geht um die Produktivitätssteigerung, indem die wirtschaftlichen „Wertgesetze" inkraft gesetzt werden, indem die Arbeiter und die „Meister" direkt an den materiellen Ergebnissen der Produktion interessiert werden, indem diejenigen, deren Fabrik oder Kommune wenig produziert, bestraft werden, indem die gesetzlichen Austauschverträge zwischen den verschiedenen wirtschaftlichen Einheiten und auch selbst inner. Auch auf regionaler Ebene wird der chiensisch-japanische Vertrag Folgen haben. Dasheutige wirtschaftliche Gleichgewicht wird - sind die Schätzungen richtig - umgestürzt, und vor allem Indonesien befürchtet die Konkurrenz des chinesischen Erdöls, während Australien hofft, vom chinesischjapanischen Stahlboom profitieren zu Können.

Grundsätzlich und weitaus bedeutungsvoller wird sich aber das strategische Gleichgewicht in diesem Raum Asiens verschieben. Wie nie zuvor entwickelt sich der chinesisch-sowjetische Konflikt zum entscheidenden Faktor in der regionalen Situation. Der Freundschafts- und Kooperationsvertrag, den e sowjetunion und Vietnam Antar ovember abschlossen. Ist Ohne Zwe fel die Antwort auf den chinesisch-japanischen Friedens- und Freundschaftsvertrag: dessen Auswirkungen auf die koreanische Halbinsel sind noch schwierig abzu schätzen. Logischerweise mußte es auf Druck beider Seiten zu einer beidseitigen Anerkennung der beiden Teile Koreas fuhren, da China Nordkorea und Japan Südkorea unter ihren Fittichen haben. Eine solche Möglichkeit wurde bisher aber von Kim Il sung strikt abgelehnt. Wie auch Koreas Haltung im Konflikt zwischen Vietnam und Kambodscha gezeigt hat, steht die KP Koreas Peking naher als Moskau. Hinzu kommt, daß seit kurzem an der Spitze der KP Koreas

Seite 13

"Technokraten' von der Sorte Teng Hsiao-pings sitzen, die nach dem internationalen Bankrott des Regimes das Finanzsteuer herumreissen und hochziehen sollen. Aber Verteidigungsabkommen binden Nordkorea nicht nur an China, sondern auch an die Sowjetunion. Militärisch gesehen ist es zum größten Teil auf die sowjetische Abschirmung angewiesen. Falls nun der chinesisch-sowjetische Freundschaftsvertrag auch formell und endgültig gekündigt wird - was dann? Teng Hsiao-ping, dessen Spezialität vor allem kleine zynische Worte sind, hatte auch einige bezüglich seiner koreanischen Verbündeten, als er in Japan war: ....letztlich vereinigen sich die geteilten Länder immer. .. Werden diese Probleme nicht in 10 Jahren gelöst, so denn in 100 Jahren. Wenn nicht in einem Jahrhundert, so denn in 10 Jahrhunderten" (Far Eastern Economic Review, 3.November 78). Welche Ermutigung für Kim Il sung! Nach den Aussagen von Philippe Pons, dem Korrespondenten von "Le Monde' in Tokio, geben die Nordkoreaner in priva. tem Kreise zu, man müsse sich fragen, „wo sich ihr Land im Kopf Teng Hsiaopings befand, als er sich entschied, die Beziehung mit Japan auszubauen" (Le Monde, 26.Oktober 78).

Japan ist eine Schlüsselfigur im militärisch-industriellen Dreieck Washington - Söul - Tokio. Die gegenseitige Abhängigkeit Japans und des neokolonialen Südkoreas in Sachen Verteidigung sowie auch auf wirtschaftlicher und politischer Ebene ist so groß, daß die Koreafrage in Japan als eine "innere' Angelegenheit aufgefaßt wird. Die koreanische Halbinsel ist Bestandteil der 'unmittelbaren Sicherheitszone' des japanischen Archipels. Zudem ist es ein Grundpfeiler des militärischen Systems des Imperialismus im Nordpazifik und somit gegenüber einem Wechsel im Kräfteverhältnis der Seestreitkräfte sehr anfällig. Darum ist es auch nicht möglich, sich noch weiter mit Japan 'einzulassen", ohne die Konsequenzen zu ziehen und die Einfrierung des jetzigen Zustandes auf der koreanischen Halbinsel zu akzeptieren. Es ist natürlich wieder einmal die Bevölkerung Südkoreas, die unter der Diktatur Park Chung Hees alleine für ihre elementarsten demokratischen Rechte kämpft, die die Kosten dieser (gar nicht so neuen) Politik der friedlichen Koexistenz tragen muß. WANDZEITUNGSKRIEG

Kaum vier Tage, nachdem die erste Wandzeitung mit einer Kritik an Mao auf den Mauern Pekings erschien, brach im Handelszentrum der chinesischen Hauptstadt die Wandzeitungspolemik los. Auf einer Wandzeitung, die nach Mitteilung der Pressekorrespondenten sogleich abgerissen wurde, wurde die Verteidigung Mao Tse-tungs und Hua Kuo-fengs gegen ihre Widersacher übernommen. Auf anderen dagegen wurde die Rehabilitierung Liu Shiao-chis, der während der Kulturrevolution als 'chinesischer Chruschtschow' gebrandmarkt worden war, Peng Tehhuais, eines von Mao 1959 abgesäg. ten Marschalls, und Tao Chus, des ehemaligen Chefs des Zentralbüros -Süd der KP Chinas, während der Kulturrevolution nach einem blitzartigen politischen Aufstieg gestürzt, verlangt.

Auf anderen dagegen wurde die politische Verurteilung ehemaliger Mitglieder des Politbüros, Kang