REVOLUTION IN NIKARAGUA
Die Revolution in Nikaragua geht weiter, ohne daß angesichts der aktuellen Kräfteverhältnisse vorhergesehen werden könnte, ob sie endgültig siegen oder eine Niederlage erleiden wird. Wird der revolutionäre Prozeß aufgrund der Fehler der Führung in einer endgültigen Katastrophe für die Massenbewegung enden? Dies ist ein unbestreitbares Risiko, und das Fehlen einer revolutionären Führung erscheint angesichts dieser Möglichkeit um so tragischer. Tatsächlich war das in der Geschichte Nikaraguas bisher größte Gemetzel während der Septemberwochen bereits Ergebnis einer irrigen politischen und militärischen Führung, obwohl es noch nicht eine endgültige Niederlage darstellt.
Wir haben schon oben einen der politischen Faktoren genannt, welche die Offensive in einen falschen Zusammenhang setzten. Die Aktion der FSLN vollzog sich nur 'am Rande und bis zu einem gewissen Grad sogar zum Schaden der Aktionen, welche in der Massenbewegung keimten.
Aber selbst vom rein militärischen Standpunkt aus betrachtet war die Offensive schlecht geplant. Die Einheiten, die objektiv die Rolle der Nachhut übernahmen, behielten die Stoßtrupps, die für die Vorhut benötigt wurden, während es dieser in den Städten praktisch an Mitteln fehlte. Die Elementarregel des Krieges, nach der die eingesetzten Mittel den militärischen Erfordernissen entsprechen müssen, wurde von der Sandinistischen Front nicht befolgt. In Nikaragua hätte theoretisch das Gros des militärischen Apparats der Front in den Städten postiert sein müssen, wo mit fast lächerlich kleinen Truppenkontingenten gegen das Gros der Somoza-Streitkräfte gekämpft wurde. Tatsächlich befand sich dieser Apparat in den Grenzgebieten und trat großenteils kaum in Aktion.
Das Ausmaß der Zerstörung und des Gemetzels, das von der Nationalgarde veranstaltet wurde, wird eine intensive politische Rückbesinnung innerhalb der Front auslösen. Die "Tercerista' - Tendenz der Front rettete beinahe vollständig ihre Kader, aber es entstanden starke Widersprüche in ihrer Führung.
Gegenwärtig befinden sich alle höheren Ränge der FSLN in einem tiefen Prozeß der Neubewertung ihrer Aktionen, „Die Sandinistische Front erfreute sich solidarischer Unterstützung durch die Massen. Aber sie war nur passiv. Nur in Ausnahmefällen traten die Massen direkt in Aktion. Spontan bildeten sich keine Organisationen, nicht einmal in Ansätzen."
„Der Zeitpunkt für den Auf.
stand war von den Sandinisten willkürlich gesetzt worden."
.Die Art der Aktion eröffnete venir Rauche Bete quis.
„Selbst vom rein militärischen Standpunkt aus betrachtet war die Offensive schlecht
und Krisen sind aufgrund der entstehenden Differenzen möglich. Die Führungsgremien in den Städten geraten in Widerspruch zur nationalen Leitung, und in einigen Sektoren geht man so weit, diese Führung infrage zu stellen, die ja Produkt eines sehr komplexen historischen Prozesses ist und niemals der demokratischen Kontrolle durch die Basis unterworfen war.
Es zeichnen sich Brüche hinsichtlich der unmittelbar einzuschlagenden Politik aber, die sich um die Alternativen konzentrieren: entweder in kürzester Zeit die Fortsetzung der militärischen Offensive vorhereiten, oder den Rückzug organisieren mit einer Politik engerer Verbindung mit den Massen. Es bahnt sich eine Krise innerhalb der Führungsorgane der FSLN auf mittlerer und oberer Ebene an. Wie immer das Ergebnis dieser neuen Diskussion sein mag; die zwischen den Führungsorganen der Front laufen, ihre Handlungsfähigkeit wird hierunter zeitweilig leiden.
Die interne Lage der organisierten sandinistischen Kräfte muß uns Revolutionäre noch vorsichtiger machen, für irgendeine dieser Tendenzen unsere politische Vorliebe zu bekunden. Der Druck der Massen und der Einfluß des Klassenkampfes drücken sich ebenfalls in diesen internen ideologischen Kämpfen aus, wenn auch nur sehr vermittelt. Das kann ja auch gar nicht anders sein. Dennoch stellen wir die beauernswerte Tatsache fest, daß in diesem Prozeß kein Sektor weder seine Einschätzung des ablaufenden revolutionären Prozesses als eines bürgerlich-demokratischen noch seine avantgardistische Strategie aufgegeben hat drückt sich auch in den Reihen der Sandinisten selbst aus, welche in drei offen bekannte Teile oder Tendenzen gespalten sind: Aber die Revolution schreitet in dem Tempo voran, wie die Stützen der Machtstrukturen in Nikaragua zerfallen. Weil eine angemessene Führung fehlt, müssen die Massen einen schmerzhaften Preis bezahlen. Aber das ändert nichts daran, daß das Regime bis ins Mark hinein verfault ist und ständig die Bedingungen erzeugt, unter denen die Überwin-• dung der Krise der revolutionären Führung möglich bleibt.
Kräfte der FSLN sind tausendmal be- Die Struktur und die organisierten schränkter als der Sandinismus der nikaraguanischen Massen. Die nationalen Führer der Sandinistischen Front selbst, egal welcher Fraktion sie angehören, besitzen längst nicht das Prestige und die Anerkennung im Volk, wie sie z.B. Fidel Castro in Kuba besessen hatte. Aber der Sandinis-