Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Dokument UdSSR

Unveröffentlichter Brief von Pjotr Grigorenko (eingeleitet von seinem Sohn Andrej)

Inprekorr Nr. 81, 3. Juni 1977 · S. 19-21 · 1.721 Wörter

Sowjetunion Nahost und Palästina

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Jede Seite verweist auf ihren Scan; vor dem Zitieren bitte dort prüfen.

Paradoxerweise müssen heute diejenigen in der und der Staat, der sie verkörpert und deren Instru- UdSSR, die sich an ihre sowietischen Mitbürger rich ment er ist, die Rolle eines direkten Unterdrückers ten wollen, ihre Artikel im Ausland veröffentlichen, des arabischen Volkes und inbesondere des palästium auch nur eine geringe Chance zu haben, in ihrem nensischen Volkes in ihm gespielt und tun es immer Land gelesen zu werden. Deshalb müssen ja auch noch. Sodann erfilllt dieser Staat die Funktion eines die, die wirklich für die sozialistische Demokratie imperialistischen Brückenkopfes im arabischen sind, diesen Artikeln die größtmögliche Verbreitung Orient. Deshalb sind die zionistische Bewegung und sichern, unabhängig davon, was sie vom Inhalt dieser ihr Staat als erste für die Formen der Unterdrückure Dokumente halten. verantwortlich, gegen die Grigorenko unermüdlich gekämpft hat: die Beherrschung der Nationen, Zweitens hat die Geschichte weitgehend erwiesen, Indem die Kommunistischen Parteien Frankreichs, daß der Zionismus filr das Problem der Unter - Italiens und Großbritanniens auf diesen an sie ge- drückung der Juden keine Lösung ist. Die Unterrichteten Brief nicht geantwortet haben, zeigen sie. stützung des Zionismus ist ein völlig unwirksames was filr eine Kluft zwischen ihren Erklärungen und Kampfmittel gegen den Antisemitismus in der Soihrer Praxis besteht. Nach all ihren Erklärungen wjetunion und anderswo. Vor allem im Fall der Soaber die Freiheiten lassen sie immer noch zu, daR wjetunion wird der Antisemitismus tendenziell dadie Artikel von Grigorenko und andern Oppositionel- durch nur gestärkt, da der Bürokratie ein mächtilen auf den Index gesetzt werden, Mit derselben ges Argument an die Hand gegeben wird, nämlich Schlaffheit nehmen sie es hin, daß ihre eigenen Tex- dies: die Bewegung für die Freiheit für die Juden te und Erklärungen zensiert werden (so die Rede in der Sowjetunion steht in Verbindung zu einer Be- Berlinguers auf dem letzten Parteitag der K PdSI), wegung, die den Imperialismus unterstützt und die oder in der UdSSR einfach imoriert werden. Wie Araber unterdrückt.

lange noch wird es die KPF fir normal halten, daß der sowjetische Bürger (ber ihre berithmte "Charta der Freiheit" in Unwissenheit gehalten wird? Crigo- Weiter schneidet Grigorenko in seinem Brief das renko beschuldigt sie zu Recht, eine doppelte Spra- Problem der religiösen Freiheiten an, Hier die che zu sprechen, und weist dies mit viel Energie Fakten, auf die er anspielt. Am 3, Juli 1918 gab die und Finesse nach. Verfassungsredaktionskommission ihren Entwurf bekannt. In Kapitel 5 dieses Textes wurde der Grund- Grigorenko hat filr seine Denunziation der bürokrati- satz der Trennung von Kirche und Staat, von Schule schen Tyrannei jahrelang im Cefingnis gesessen. und Kirche bekräftigt. Außerdem garantierte dieser Entwurf - - wie übrigens die Verfassung von 1925 auch -_ "allen Bargern die Freiheit der religiösen und antireligiösen Propaganda". Am 8. April 1929 dar, die in der Sowjetunion heute schwächer ist als wurde ein Entwurf veröffentlicht, der die religiösen in den "Volksdemokratien" Vereinigungen und Gruppen anerkannte. Damit soll ten unter Androhung schwerer Strafen die gesell- Dennoch haben die Isolierung Crigorenkos und der schaftlichen, kulturellen und rekreativen Tätigkeiten schändliche Antisemitismus der Bilrokratie -- gegen der verschiedenen Kirchen untersagt werden. Im den unerbittlich zu kämpfen die elementare Aufgabe Mai 1929 bestätigte der XIV. Allrussische Kongreß, jedes Kommunisten ist -- Grigorenko dazu geführt, daß alle Bürger die "Freiheit des religiösen Claudaß er in Bezug auf den Zionismus eine völlig fal- bens und der antireligiösen Propaganda" genießen. sche Position einnimm!.

Der unveröffentlichte Brief von Pjotr Crigorenko

Der Appell, den Grigorenko zur'tinterstützung der war im Besitz seines Sohnes, Andrej, der im März jddischen Einwandererbewegung in ihre nationale 1977 in New York die folgende Einleitung dazu ge- Heimat" an alle Kommunisten richtet, beinhaltet schrieben hat.

einen tragischen Widerspruch, zumindest auf zwei Ebenen, Einmal haben die zionistische Bewegung -21-

Seite 20

In all den Jahren, in denen mein Vater, Pjotr Crigorenko. in Gefangenschaft saß. erst in einer Isolierzelle in der psychiatrischen Spezialklinik von Tscher niachowsk. die in den alten Cebäuden des Cefingnisses Insterburg aus den Zeiten Ostpreußens untergebracht ist, und später in der psychiatrischen Klinik Nr. 5 etwa 100 km von Moskau entfernt. haben meine Mutter und ich alles for seine Freilassung unternommen, was möglich war, Unablässig haben wir die Ärzte und die Verwaltung beider Kliniken nach dem Datum seiner Freilassung gefragt, Am 23, Juni 1974 antwortete uns die Oberarztin, diefir die / wangebehandlung in der Klinik Nr. 5 verantwortlich ist. Alexandra Kojemiakina : "Sofort wird es nicht gelien Die Kommission, die darüber befindet, wird erst im Herbst wieder zusammentreten.

So kam der Telephonanruf, den ich am Morgen des 26. Juni erhielt. völlig iherraschend, Einer meiner Freunde war am Apparat: er hatte iber einen ausländischen Sender in polnischer Sprache erfahren, daß Pjotr Grigorenko freigelassen worden war. Wir waren verblafft. Doch eine Stunde später klärte sich alles auf : ein Telephonanruf aus der Klinik Vr. 5 teilte uns mit, daß wir meinen Vater abholen konnten Ich glaube, das ist das erste Mal, daß eine Cesetzes @bertretung bei mir Freude und nicht Traurigkeit ausgelöst hat, Doch am folgenden Tag wurde meine lutter. Zinaida Grigorenko, vor den näclisten Milizposten geladen. Hier erwarteten sie zwei Männer in Zivil, die sich als Mitarbeiter des KCB vorstellten, und diskutierten mit ihr. Mein Vater und ich durften dieser Interredung nicht beiwohnen, die Räume der Miliz aber auch nicht verlassen, Im wesentlichen haben die Mitarbeiter des KOB meiner Mutter gesagt, da B jedes Zusammentreffen meines Vaters mit Ausländern oder selbst mit seinen alten Freunden als "Rückfall" betrachtet werden könnte. So wurde es in seinem "Krankenblatt" festgehalten, Nach der Unterredung empfahl man uns, Moskau für einige Zeit zu verlassen, Das traf sich mit unseren Plänen und so fuhren wir in die Ukraine in den Ceburtsort meines Vaters.

Bei dieser "Eintragung ins Krankenblatt" blieb es jedoch nicht. In dem Ort, der weit entfernt ist von allen Ferienzentren, hielten sich nun unbekannte Männer auf, die keiner bestimmten Beschäftigung nachgingen und die von den Dorfjungen alsbald "Bullen" genannt wurden, Wir sahen sie dann auf der Krim wieder, als wir die Ukraine verließen. D, h, das wachsame Auge der "kostenlosen Krankenfürsorge" verließ den alten Patienten nicht. Dies wachsame Auge bekümmerte weder der schwere Herzmuskel infarkt, der meinen Vater kurz nach unserer Rückkehr nach Moskau ans Bett fesselte, noch eine Frkrankung an der Prostata, die in der psychiatrischen Klinik, in der es weder Allgemeinmediziner noch l'a härzte gab, nicht kuriert worden war, noch der Verlust eines Auges, nochder Diabetes, der während seiner Haft auftrat ; nur eines interessierte es: wo war mein Vater? wen traf er? mit wem sprach er? Am 30. Januar 1976 drohte ein Offizier des KCB meinem Vater bei einem Routineverhör offen mit einer emeuten Einlieferung in die psychiatrische Klinik. Zugleich schickte die sowjetische Presse Appelle an den KCB, "psychiatrische Maßnahmen prophylak tisch" zu ergreifen, So startete Joseph Ehrlich in einer Reihe von Artikeln in der "Komsomolskaja Prawda" vom 18., 19., 20, und 21, Februar unter dem Titel "Ich hab' es satt" hinterhältige Angriffe auf die sowjetischen Dissidenten und beschuldigte sie der Verbindungen zum "internationalen Imperialismus und Zionismus". Als Beweis für diese Infamie führte dieser Journalist des KCB an, er habe im Auftrag einer russischen Emigrantenorganisation der NTS, Geld an sowjetische Bürger dhermittelt, Namentlich nannte er Natalia Gorboniewskaja und Zinaida Grigorenko. Ich glaube, es ist hier nicht nötig zu sagen, daß weder meine Mutter noch Natalia Gorboniewskaja jemals Geld von Leuten bekommen haben, die sie nicht kannten. Das Ziel dieser Artikel ist völlig klar: der Cedanke der Solidarität sollte diskreditiert und die antisemitische Hysterie geschürt werden, indem jede nicht konforme und von der Gerechtigkeit geleitete Tätigkeit als "zionistisches Manöver" dargestellt wurde, unabhängig #brigens von der Nationalist der angeklagten Personen, Die Artikel verfolgten auch noch ein anderes Ziel: meine Eltern sollten terrorisiert werden, da die andern genannten Personen schon aus der Sowietunion ausgewandert waren.

Zwei Monate später, am 22. April 1976, veröffentlichte die Zeitung "Nachrichten aus der Ukraine". die von den sowjetischen Botschaften filr die im Ausland lebenden Ikrainer herauspegeben wird, ein Interview mit Ruben Nadjarow, einem ziemlich bekannten Psychiater, In diesem Interview, das den Titel trug "Den Humanismus auf den Kopf gestell!". gab der Psychiater erst einmal zu, direkt an der Erstellung von Cutachten filr Dissidenten beteiligt gewesen zu sein. Dann erklärte er: "Die auständischen Psychiater verstehen sehr gut, daß all die aufgestellten Behauptungen jeglicher (rundlage entbehren und sich auf nichts anderes sitzen als suf die Aussagen der Kranken selbst. "Dann sagte Nadjarow, daß eine ganze Reihe von westlichen Psychiater sich bei einer Interredung mit dem "berthmten (rigorenko" selbst davon überzeugen konnten. Parallel dazu wurde mein Vater weiter ständig vom KCB verhört. Da in diesen Verhören nichts anderes als Drohungen ausgesprochen wurden, erklärte Pjotr (rigorenko im Dezember des vergangenen Jahres, er weigere sich nunmehr, noch zu irgendeiner Vorladung des KCB zu erscheinen, Am 5. Dezember. bei der traditionellen Protestdemonstration gegen die Nicht-Achtung der Menschenrechte in der UdSSR. wandten die Agenten des KCB eine neue Taktik an : sie bewarfen Pjotr Grigorenko und den Wissenschaftler Andrei Sacharow mit Erdklumpen, Fine so seltsame Methode, Geisteskranke proplylaktisch zu behandeln, könnte (berraschen, wenn nicht auch zahlreiche andere Falle davon zeugten, daß die Crenzen zwischen dem KCB und der Psychiatrie, aber auch die zwischen dem KrB und dem Außenhandel und der sowjetischen Diplomatie fießend sind und zwischen dem KCB und der sowjetischen Presse sogar völlige Einmütigkeit herrscht.

Ist diese "Mauer-Therapie", diese Art der 'Behandlung", die ein psychiatrischer Experte in der Klinik Nr. 5 während des Prozesses gegen meinen Vater für unerläßlich gehalten hat, wirklich das einzige und universelle Rezept, um alle Probleme der sozialistischen Cesellschaft zu lösen? Jedenfalls ist es wenig 22-

Seite 21

wahrscheinlich, daß man von den Moskauer Theoretikern des Kommunismus eine Antwort auf diese Fra ge bekerme reiser interessant vins est des fo munismus im Westen zu hören. Leider ist diese Frage und viele andere den Führern der französischen, italienischen, englischen und spanischen KP vergeblich gestellt worden. Doch da ich Optimist bleibe, hoffe ich, daß die Antwort auf die Fragen, die mein Vater, jotr Grigorenko, in seinem Brief gestellt hat, bald kommen wird. Ich hoffe ebenso, daß die Adressaten dieses Briefes alles in ihrer Nacht stehende unternehmen werden, damit der Verfasser des Briefes nicht wieder eine neue Dosis der "Mauertherapie" erhalt.

Andrej Grigorenko, 11ãrz 1977, New York