SPANIEN 1971: NACH BURGOS ++++++++++++++++++++++++++++++++ Letzten Sommer hatten ihre streikenden Genossen von Granada mitansehen müssen, wie drei von ihnen im Kugelhagel der Polizei fielen. Aber ihr heroischer Kampf fand ein mächtiges Echo im Metro-Streik von Madrid. Und dem Generalstreik der Bauarbeiter folgte unmittelbar der große Kampftag vom 3. November, dieser wiederum war Anstoß für die gewaltige Mobili-
sierungskampagne gegen den Prozeß von Burgos.
Das Interview mit zwei führenden Genossen der "Liga Comunista Revolucionaria" (LCR), unserer Schwesterorganisation, das wir hier veröffentlichen, wurde zu Beginn dieses Sommers gemacht. Die Analyse des Wendepunktes, den der Sieg von Burgos vom letzten Dezember für die Situation in Spanien darstellt, wirft ein helles licht auf die derzeitigen Kämpfe, die einen heißen Herbst ankündigen. Ein Auftakt sind die Streiks der Bergarbeiter in Asturien, der traditionelen Hochburg der spanischen Arbeiterbewegung. Der Sieg der Massenbewegung vom November und Dezember 1970, der Rückzug der Staatsgewalt markieren den Beginn einer neuen Phase des Niedergangs der franquistischen Diktatur, die "Abenddämmerung des Francismus". Wie hat sich diese Änderung ausgedrückt?
den allgemeinen Rahmen unserer Analyse des franquistischen Spanien nicht wieder au • Dieser ist zusammenfassend dargestellt im Editorial von "Quatrième Internationale"(1), auf das du hier anspielst. Ich will nur einige Aspekte unterstreichen oder konkretisieren, so z. B. die qualitativ neuen Aspekte, die die Mobilisierungen selbst annahmen: --die Arbeiterklasse hat Kampfformen aus ihrer heroischen aber lange zurückliegenden Vergangenheit wieder aufgenommen. So mußte die Polizei die baskische Stadt Eibar, deren Auflehnung fast Aufstandscharakter annahm, im Sturmangriff nehmen; --neben der Arbeiterklasse wurden auch die bis dahin gleichgültigen Schichten der Kleinbourgeoisie mobilisiert; --dies kombinierte sich mit einem neuen Aufschwung der Studentenbewegung, die zwar sehr bald wieder versackte, aber dennoch ein tiefgreifendes Phänomen darstellt; --schließlich gab es eine breite, fast spontane Mobilisierung der Schüler Man kann jetzt die qualitativen . Veränderungen, die es in bezug auf die situation in Spanien gegeben hat, folgendermaßen formulieren: 1.) die Massenbewegung hat einen überwältigenden Sieg davongetragen. Nachdem sie auf die Demonstranten von Erandio und Granada schießen ließ, nachdem sie den streikenden Metroarbeitern in Madrid mit dem Kriegsrat gedroht hatte, mußte die Regierung plötzlich die Eskalation der Repression abbrechen und den Rückzug antreten.
Die Krise des Franco-Regimes zeigt sich heute in seiner für alle sichtbaren Unfähigkeit, die Massenbewegung durch die Kombinierung oder die Alternative seiner zwei klassischen Methoden: Integration-Repression Herr zu werden.
In der Konfrontation hat die Franco-Diktatur ihre letzte Regierungsmannschaft verschlissen: die "einfarbige" Mannschaft, die"heilige Maffia vom Opus Dei", die "Erbfolgeregierung" hat sich unwiderruflich demaskiert. Keine Regierungskombination kann heute noch die Illusion einer eventuellen Ersatzlösung geben.
Wenn die spanische Bourgeoisie nicht mehr ernsthaft die Karte der allmählichen Entwicklung spielen kann, wenn sie nicht mehr darauf hoffen kann, breite Schichten in ein Projekt der "allmählichen Demokratisierung" des Franco-Regimes zu integrieren, was für eine Politik kann sie dann treiben ?
Ihre Politik ist klar, und sie hat keine Wahl: Verstärkung der Repression. Daher ist der Ausnahmezustand verlängert worden, neue Gesetze wurden verkündet und mehr Polizeiaktionen gemacht. Die Polizei hät die Universitäten dauernd besetzt, umzingelt .ten Fabriken....Jede Möglichkeit einer "Evolution" oder "Öffnung" ist unmittelbar abhängig von der Fähigkeit der Bourgeoisie, die Massenbewegung einzudämmen. Heute kann sie sich nur noch schützen, indem sie versucht, so schnell wie möglich einen allgemeinen Aufschwung der Kämpfe zu verhindern. Um diese Aufgabe zu erfüllen, differenziert sie die Repression, bemüht sie sich, sele tiv vorzugehen: es geht ihr darum, die revolutionären Gruppen im besonderen
und die Arbeiterorganisationen im allgemiinen zu treffen, sie dauerhaft zu zerstören; es geht ihr auch darum, die als Beispiel dienenden Kämpfe zu zerschlagen, sie zu liquidieren, sevor sie sich ausbreiten. Die Massenbewegung hat sich nach ihrem Sieg im Prozeß von Burgos schnell in eine vielzahl von Kämpfen für höhere Löhne aufgelöst. Diese Kämpfe machen die Bemühungen zunichte, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Diese "Auflösung" kristallisierte sich in einigen heißen Punkten, die eine Reihe beispielhafter "impfe auslösten: Harry Walker, Macosa, Maquinista....Diese Kämpfe, die mit bemerkenswerter Kampfkraft geführt wurden, zeigten ziemlich gut das Bewußtsein der Arbeiterklasse, einen wichtigen Sieg errungen zu haben; aber ihre relative Isolierung im Rahmen des Zurückflutens der Massenbewegung ermöglichte es der Bourgeoisie, sie konzessionslos zu brechen. Aber die Kämpfe im Frühjahr und die mächtige Boykottbewegung anläßlich der Gewerkschaftswahlen zeigen deutlich, daß der Aufschwung der Arbeiterbewegung auf einem höheren Niveau weitergeht, begünstigt durch die Enstehung einer neuen Avantgarde. ansD etwas näher auf diesen neuen Aufschwung der Kämpfe einge- Vor allem berührt er jungfräuliche Regionen. Der Kampf der Arbeiterklasse in den Betrieben greift auf die Arbeiterviertel über, in denen es zu gewaltigen Explosionen kommt: in Santa Coloma schlugen sich etwa 8 000 Demonstranten, die gegen die kriminellen Zustände in den Krankenhäusern protestierten, drei Stunden lang mit der Polizei herum. Man kann heute auch eine fortgesetzte Mobilisierung halbproletarischer und kleinbürgerlicher Schichten feststellen: eine Demonstration der Lastwagenfahrer von Saragoss , die sich organisieren, um den Verkehr lahmzulegen; ein Streik im Krankenhaussektor, der nach teilweisen Sieg führt: das entlassene Personal wird wieder eingestellt; die Mobilisierung der Lehrer, die durch die Schülerbewegung unterstützt wird...
Andererseits entsteht eine neue Arbeiter-Avantgarde auf breiter Basis, die sich politisch auf dem Hintergrund der Krise der beiden traditionellen Richtungen der Arbeiterbewegung her:usbildete, auf der einen Seite der Kommunistischen Partei, auf der anderen der christlichen Gewerkschaftsströmung. Diese neue Avantgarde beginnt, die von den revolutionären Gruppen vertretenen Kampfformen zu den ihren zu machen: Wahl von Kampfkomite s, die der Vollversammlung der Streik nien verantwortlich sind, Bildung von Selbstverteidigungsorganisationen und von Propagandatrupps. Sie war es, die mit der Mitbestimmungskampagne der Kommunistischen Partei gebrochen hatte und anläßlich der Gewerkschaftswahlen massiv die Boykottkampagne vorantrieb. Nur so sind die beeindruckenden Ergebnisse zu erklären: mehr als 50 % der Arbeiter in den großen Betrieben von Barcelona, Madrid und dem Baskenland boykottierten die Wahl ..Dieser massive Bruch mit dem reformistischen Legalismus der KP Spaniens ist umso weniger bedauerlich, als die Gruppe "Bandera Roja" in Barcelona es für gut befand, den Opportunismus auf die Spitze zu treiben, indem sie an der Seite der KP eine Kampagne für die Wahlen machte! Es ist übrigens im allg me en eine Klärung der Positionen innerhalb des Lagers der extremen Linken zu beobachten, ein Prozeß, der durch den qualitativ neuen Aufschwung der Kämpfe beschleunigt wurde.
Gut. Es ist sicher, daß die KP S niens durch diese von ihr nicht kontrollierte Arbeiterbewegung ernsthaft erschüttert wurde. Die in den Betrieben relativ isolierten Mitglieder der KP sind offensichtlich demoralisiert. Die innerbürokratischen Konflikte an der Spitze, die heftigen Angriffe der Fraktion Lister gegen die Führung Carillo haben zumindest einen Prestigeverlust der Führung mit sich gezogen. Folgende Vorgänge verursachten die jüngsten Krisen: In Madrid haben zwei Abspaltungen von der Kommunistischen Jugend (J.C.) mit ca. fünfzig Mitgliedern zur Gründung der
Gruppen "Lucia Obrera" (Arbeiterkampf) und "Union Hermanos Proletarios" (Bund proletarischer Brüder) geführt. Der Bruch fand statt, weil die friedlichen Kampfformen und die reformistische Linie des "Paktes fir die Freiheit" infrage gestellt wurden; manchmal auch wurden dabei heftige antib rokratische Kritiken zum Ausdruck gebracht. Leider fehlte eine revolutionär-marxistische Kraft, die fähig gewesen wäre, diese Strömungen zu polarisieren; der Bruch mit dem Stalinismus trägt so leicht die Tendenz in sich, auch mit dem Leninismus zu brechen, um sich dem revolutionären Syndikalismus wieder zuzuwenden.
Andererseits setzt die sowjetische Bürokratie nach dem relativen Mißerfolg des Unternehmens Lister ihre unterirdische Wühlarbeit fort, um die .P Spaniens wieder an die Kandare zu bekommen: am 1. Mai, mitten in der Gewerkschaftswahlkampagne, schickte der Kreml eine Delegation mit Künstlern und bot so der Falange-Bürokratie der CNS (=Staatsgewerkschaft) eine unverhoffte Unterstützung. Und Carillo, immer auf der Suche nach einem heiklen Gleichgewicht, versuchte seine Position zu stärken, indem er bei den Leuchten der sogenannten "liberalen Opposition" vorsprach, um dem "Pakt für die Freiheit" einen Anstrich von Wahrscheinlichkeit zu geben, während er gleichzeitig den Generalstreik vorł reitete, der diesen Pakt unterstützen sollte.
Die Mehrzahl der extremen Linken, auf diese Weise mit der Krise der KP konfrontiert, macht selbst eine ernste Krise durch. Die PCR (=Revolutionär-Kommunistische Partei) unterlag mit erstaunlicher Schnelligkeit ihrem aktivistischen Fieber. Die PCI, die von der Repression hart getroffen wurde, ist größtenteils weg vom Fenster. Die ETA, deren Führung sich im wesentlichen auf der Anklagebank von Burgos befand, mußte eine Wiederaufbauphase durchmachen und befindet sich heute in einem politischen Klärungsprozeß. Diese Unfähigkeit der revolutionären Gruppen bei der Organisierung der neuen Avantgarde hat zur Vermehrung von lokalen, autonomen, politisch konfusen Gruppen geführt, die man als revolutionär-syndikalistisch einstufen kann. Innerhalb desselben Rahmens ist die ORT (= Revolutionäre Arbeiterorganisation) entstanden, eine politische Organisation, die. use er che comunismee 8 grisene Sektion der Vieeten Interner ist. Die Gruppe "Comunismo", diga tionale, hat bedeutende Schwierigkeiten durchgemacht, und die Gründung der LCR war keineswegs eine sch erzlose Geburt...
Ja, erzähl' ein wenig aus eurer Geschichte!
Die LCR (Liga Comunista hevolucionaria, Revolutionär-Kommunistische Liga) wurde erst zu Anfang dieses Jahres gegründet; bis dahin waren wir die Gruppe "Comunismo". Aber die wahren Ursprünge unserer Organisation gehen auf das Frühjahr 1969 zurück, als wir uns als Fraktion in den Front-organisationen (FOC, FLP, ESBA) konstituierten zu einem Zeitpunkt, kurz bevor in diesen die Krise offen ausbrach. Wir haben uns organisiert in Rea tion auf den idologischen Eklektizismus und politischen Opportunismus dieser zentristischen Organisation, sowie gegen die Manöver der damaligen Führungen. Und während der anfänglichen Periode lastete unsere politische Heterogenität und unsere organisatorische Schwäche schwer auf unsere politische Arbeit: wir ma hten eine fast ausschließlich der internen Di kussion gewidmeten Phase durch, in der die Notwendigkeit der Selbstrechtfertigung und der Selbstverteidigung der Gruppe uns einen im wesentlichen sektiererischen Kurs einschlagen ließ. Wir kombinierten theoretischen Dogmatismus und politisches Ultralinkstum (Zurückweisen jeder demokratischen Forderung!); das wahre Gesicht dieses ultralinken Kurses zeigte sich in unserer ökonomistischen Praxis, als es darum ging, in den Betrieben zu intervenieren.
Zwei Faktoren sollten für unsere weitere Entwicklung entscheidend werden. Zum einen festigten wir unsere Bande mit der Ligue Communiste und brachen mit unserer opportunistisch-abwartenden Haltung, in dem wir vor nun mehr ald einem Jahr in die Vierte Internationale eintraten. Nur eine kleine Minderheit widersetzte sich diesem Prozeß und warf sich nach ihrem Ausschluß in die Arme der Lambertisten (sie betrachten sich noch heute als
die "trotzkistische Fraktion der Gruppe Comunismo"). Zum anderen sind wir durch das Feuer des lassenkampfes gegangen, der uns strenge Lektio nen erteilt hat. Die mächtigen Mobilisierungen zwangen uns, radikal mit unserer ersten ultrasektiererischen Haltung zu brechen, die uns dam ls den von der KP und den Arbeiterkommissionen organisierten Tag der Mobilisierung am 3. November boykottieren ließ. Wir haben Irrtüner aus politischem Unverständnis begangen; andere waren vor allem auf unsere politische Unerfahrenheit zurückzuführen, und einige Gruppen haben uns um so bequemer kritisieren können, als sie sich selbst systematisch von den Kämpfen fernhielten. Wieviel mußten wir dafür bezahlen, daß es keinen organisierten revolutionär-marxistischen Kern gab, der die neue Avantgarde befruchtet hätte! Wenn man die Schwierigkeiten betrachtet, die wir hatten, dann lert man umso besser die entscheidende Wichtigkeit schätzen, die die PCI (damalige französische Sektion der IV. Internationale) beim Aufbau der JCR, dann der Ligue Communiste hatte.
Und jet wie get es weiter?
In diesen zwei Jahren unserer Existenz, in denen wir uns von der Fraktion innerhalb der Frontorganisationen zur LCR entwickelt haben, haben wir einen beträchtlichen Weg zurückgelegt. Seit mehr als einem Jahr intervenieren wir in den meisten wichtigen Kämpfen, vom Streik bei AEG bis zu dem bei SEAT. Wir haben einen gewissen Einfluß gewonnen, und in den Fabriken organisieren wir eine bedeutende Zahl von Sympathisanten in den "Proletario"- Komitees. Für zwei Monate haben wir alle unsere Kräfte in der Kanpagne zum Boykott der Gewerkschaftswahlen konzentriert. Wir haben dafür Komitees in den Betrieben, den Universitäten und den Stadtvierteln gebildet. Es ist 17. Mai mit mehr als 1200 Genossen Demonstrationen in Mauns gelungen, a, drid, Barcelona, Valencia und Bilbao zu machen. In unserer Plattform sind - Lohnerhöhungen von 3000 Peseten (ca. 160 DM) für alle! - Freiheit für die eingekerkerten Genossen! Nieder mit den Sondergerichten! Keine Entlassungen! Für Streikrecit! Für Organisations- und Versammlungsfreiheit!
der Cis, der faschistischen Gewerkschaft im Dienste der Unternehmer, ihrer Polizei und ihrer Politik der Kollektivabkommen! - Nieder mit dem Ausnahmezustand! Nieder mit der franquistischen Dikatatur! Eine breite Avantgarde unterstützt schon heute diese Parolen. Wir kämpfen für die Aktionseinheit der revolutionären Gruppen, die sich Aktionsprogramm gruppieren sollen, und wir wollen Anhänger der KP, die den legalistischen Reformismus ihrer Partei infrage stellen, durch ein solches Programm mitreißen. Wir kämpfen dafür, daß die Arbeiterklasse die fortschrittlichsten Kampfformen und -mehtoden anwendet: Streikkomitees, der Streikvollversammlung verantwortlich sind, Selbstverteidigungsorgane und Propagandatrupps gegen Streikbrecher und Spitzel.
Wir kämpfen für den Aufbau einer revolutionären Partei, die allein fähig ist, die Interessen der Arbeiterklasse zu vertreten und die franquistische Diktatur durch eine sozialistische Revolution zu stürzen. Unsere zentrale Aufgabe ist es, die LCR und die Vierte Internationale aufzubauen. ANMERKUNGEN :
(1) "Le crépuscule du franquisme" (= Abenddämmerung des Franquismus), (2) PCI = Partido Comunista Internacional. Die Internationalistische Kommunistische Partei ist 1967 als Abspaltung von ca. 300 Genossen aus dem krillenischen Zweig der spanischen KP entstanden. Nach Anfangserfolgen (zeitweiliger Besetzung von SEAT in Barcelona) ist die PCI durch ultralinke Taktik, Fraktionskämpfe, die zu gegensetigen Ausschlüssen führten, seit 1969 im Niedergang begriffen.
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