Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Osttimor

Ein langer Widersand

· Inprekorr Nr. 79, 6. Mai 1977 · S. 30-31 · 1.654 Wörter

Philippinen und Südostasien USA und Kanada

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Ein langer Widerstand

P. Petitjean

Am 7. Dezember 1975 drangen indonesische Truppen gewaltsam in den östlichen Teil der Insel Timor ein. Diese militärische Invasion der alten portugiesischen Kolonie war ein Eingeständnis des Scheiterns der Timor-Politik des Suharto-Regimes. Djakarta hatte zunächst versucht, Osttimor von innen zu erobern, indem es sich auf kleine, ihm hörige Bewegungen stützte (Kota und Trabalhista, und dann Apodeti und UDT). Aber dieser Versuch scheiterte am politischen Erfolg und an der Popularität der Fretilin, am Fehlschlag des Staatsstreichs der UDT im August 1975 und an der Unabhängigkeitserklärung vom 28. November. Suharto blieb nichts anderes mehr übrig als die direkte und massive militärische Invasion, wobei er mit dem Wohlwollen der westlichen Welt, vor allem der USA und Australiens, rechnen konnte. Dem Willen der indonesischen Strategen nach sollte die Eroberung der Demokratischen Republik Osttimor rasch, brutal und gründlich sein. Aber seit Anfang 1976 stand fest, daß es der Fretilin gelungen war, einen wirksamen und dauerhaften Widerstand zu organisieren (vgl. G. Fontaine, in INPRE- KORR Nr. 51).

DER VÖLKERMORD

Die Invasion war zwar brutal, doch sie brachte weder eine vollständige, noch eine rasche Kontrolle über das Land. Dabei hatte Suharto an Mitteln, um den Widerstand der Bevölkerung zu brechen, nicht gespart. Eine Untersuchung. die ein ehemaliger austra lischer Konsul in Osttimor angestell! hat, belegt die Ungeheuerlichkeit der Verbrechen, die die Besetzertruppen begangen. Zeugenaussagen zufolge, die 1. S. Dunn unter zahlreichen Timorflüchtlingen in Portugal gesammelt hat, sind im Laufe eines Tahres indonesischer Militärinvasion vielleicht 100.000 Menschen getötet worden, d. h. etwa 15% der Gesamtbevölkerung! Flüchtlinge, die nicht der Fretilin, die dern häufig der UDT angehörten, berichteten, indonesischen Truppen haben seit ihrem Angriff auf Dili wahllos Menschen getötet. Doch ... in den Bergen war die Zahl der Opfer der Vernichtung noch weit größer als in Dili. In diesen Zonen wurden ganze Dörfer vom Erdboden getilgt, als die indonesischen Truppen ins Innere vordrangen. " Der chinesische Bevölkerungsteil auf der Insel hatte besonders unter den willkürlichen Erschießungen zu leiden. Plünderung. Vergewaltigung und Folter begleiteten das Massaker.

J. S. Dunn schloß seinen Untersuchungsbericht mit der unmißverständlichen Feststellung: "Eine Analyse der Informationen, die ich unter Timorflüchtlingen gesammelt habe, ergänzt die fragmentarischen Be richte, die in den letzten zwölf Monaten von indonesischer, chinesisch-timoresischer und Fretilin-Seite in Australien eingetroffen sind, um wichtige Elemente. Die militärischer Eroberung Osttimors durch die indonesischen Truppen war ein blutiges Unternehmen, bei dem fürchterliche Crausamkeiten an der Zivilbevölkerung verübt wurden. Informationen über das Verhalten der Indonesier in Osttimor legen nahe, daß die Vergehen an diesem Volk gegenwärtig in der Welt wohl den schwersten Verstoß gegen die Menschenrechte darstellen. Berichte, wonach 1/6 der Bevölkerung ermordet worden sein soll, lassen sich noch nicht bestätigen, aber die Tatsache, daß es solche Berichte gibt, zeigt das Ausmaß der Tragödie, die sich in Timor abgespielt hat. "

Von Fragen bedrängt, hatte das indonesische Regime die Richtigkeit dieser Schlußfolgerungen des australischen Beamten abgestritten, mußte dann aber die Fakten anerkennen. Am 30. März erklärte Außenminister Adam Malik: "Es ist möglich, daß 50. 000 oder vielleicht sogar 80. 000 Menschen im Timor-Krieg umgekommen sind. " ("East Timor News", Nr. 4 vom April 1977). So ist man offiziell von den 15% Toten in Osttimor nicht mehr weit entfernt! DER WIDERSTAND

Trotz der Ausmaße der Repression haben sich die indonesischen Truppen in einen Besatzungs- und Befriedungskrieg ohne Ende verstrickt. Das Regime hat Elitetruppen nach Timor geschickt: die Marinesoldaten KKO von Ostjava, die RPKAD-Kommandos von Zentraljava, usw. In der Demokratischen Republik Osttimor sind 45. 000 indonesische Truppen stationiert. 15 Kriegsschiffe riegeln die Insel von der Umgebung ab und richten ihre Schwerartillerie auf die Küstenstreifen. Ein Teil des Materials, das kurz vor dem Sturz des Lon Nol-Regimes nach Kambodscha geschickt werden sollte, ist nach Indonesien umgeleitet worden. Es dient jetzt zum Kampf gegen die Fretilin. Der Krieg wird weitgehend mit Bomben und Napalm geführt.

Dennoch behauptet die Fretilin, die eine Armee von etwa 15. 000 Mann, darunter ein etwa 1000 Frauen starkes Frauenkorps, anführt, heute 85% des Territoriums und eine große Mehrheit der Bevölkerung zu kontrollieren. Ein "streng geheimer" Bericht von Vertretern der Kirche (so heißt es), die das Gebiet besucht haben, kommt in Bezug auf die Popularität und die Stärke der Fretilin zu denselben Schlußfolgerungen (1); der Bericht war der australischen Presse zugespielt worden. Die Verluste der indonesischen Truppen sind sehr hoch. Dunn gibt Zeugenaussagen wieder, wonach die Befreiungskräfte 3. 000, vielleicht 5. 000 Soldaten getötet haben, Insgesamt sollen 14. 000 Soldaten außer Gefecht gesetzt worden sein. Die Besatzungstruppen kontrollieren nur einige Städte (Bacau, Dili, Same, Lospalo, Maubisse), einige der Hauptstraßen und die Küstengebiete, die direkt von ihrer Seeartillerie unter Beschuß genommen werden.

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Um der indonesischen Invasion Widerstand leisten zu können, hat die Fretilin einige Reformen durchgeführt, die kurz vor der Unabhängigkeitserklärung eingeleitet worden waren: eine Alphabetisier ungskampagne, die Errichtung eines Gesundheitsdienstes, die Organisierung landwirtschaftlicher Kooperativen, die Aufstellung von Dorfmilizen, der Aufbau eines Staatshandels, usw. Auf politischem und diplomatischen Gebiet haben vier Minister der Regierung der Demokratischen Republik Osttimor, deren Außen sitz in Maputo in Mozambique liegt, am 5. April erneut bekräftigt, welches die Vorbedingungen für eine eventuelle Verhandlung sind. Sie haben eine 5-Punkte- Erklärung herausgegeben: der bedingungslose Rückzug der indonesischen Truppen und das Recht der Bevölkerung Osttimors auf Unabhängigkeit, in Einklang mit der UNO-Resolution; die Entschlossenheit zur Verteidigung der Unabhängigkeit; Denunzierung der Manöver und Taten von Individuen, die außerhalb des Zentralkomitees der Fretilin und außerhalb der Regierung der DROT agieren; die Notwendigkeit, daß das Suharto-Regime seine Niederlage und seine Fehler auf jedem Gebiet anerkennt: die Zusammenarbeit mit allen Staaten der Region, ohne Einmischung in deren innere Angelegenheiten (aus: "Bulletin of the Campaign for an Independent East Timor" ', Sidney, 6. April).

DIE OFFENSIVE BLEIBT STECKEN 1975 war der Versuch einer "friedlichen" Eingliederung Osttimors in Indonesien gescheitert. 1976 scheiterte die militärische Invasion. Das Suharto- Regime ist nun in einen lang andauernden Konflikt verstrickt, der ihm sowohl im Innern wie nach außen teuer zu stehen kommen kann. Die Moral der Besatzungstruppen ist niedrig und es zeichnen sich Spannungen zwischen den großen militärischen Divisionen ab. Ein Teil der Offiziere scheint die Verantwortung für das Scheitern der Timor-Politik auf Suharto abwälzen zu wollen. Die amerikanische und die australische Regierung hatten mit einem raschen Sieg der Java-Truppen gerechnet, Damit ist nichts Der Bericht von Dunn ist nun in der ganzen Welt bekannt. In den USA mußte der Senat eine Untersuchungskommission einrichten und Djakarta hat Sidney heftig angegriffen, daß es seinen Beamten die Untersuchung habe führen lassen, obwohl dieser das als Privatmann getan hat.

Die Nervosität der indonesischen Diktatur ist umso erklärlicher, als die Fretilin über die Mittel zur Organisierung eines anhaltenden Widerstands verfügt. Die Besatzungstruppen haben sich die Bevölkerung völlig verfeindet. Zahlreiche Stadtbewohner sind lieber in die befreiten Gebiete gezogen, als in den besetzten Städten zu bleiben, wo die Hungersnot herrscht. In Dili haben 20. 000 Menschen sogar einen Paß nach Portugal gefordert. Mit der landwirtschaftlichen Produktion der Insel kann die Fretilin die Bevölkerung in den von ihr kontrollierten Gebieten trotz der Blockade Djakartas wenigstens minimal ernähren. Es scheint, als habe sie ihre Truppen mit dem Material ausrüsten können, das die portugiesischen Streitkräfte zurückgelassen haben; Munition scheint für die unmittelbare Zukunft ausreichend vorhanden zu sein. Die Beschaffenheit des Terrains erschwert die "Befriedungsaktion" erheblich; hier - 3 konnten während des Zweiten Weltkriegs 400 australi sche Kommandos mit der Unterstützung der Bevölkérung fast ungestraft 20.000 japanischen Soldaten schwere Verluste zufügen.

Dennoch bedeutet die Isolierung, in der sich der Befreiungskampf in Osttimor gegenwärtig befindet, langfristig eine reale Gefahr, vor allem wenn man das kleine Land und die zahlenmäßig schwache Bevölkerung berücksichtigt. Indonesien hat die Mittel, die militärische Besetzung mit all ihren erschöpfenden und leidvollen Folgen für die Massen in Timor lange aufrechtzuerhalten, Wie weit die Fretilin dieser Gefahr entgegensteuern kann, wird in erster Linie von der Art der Beziehungen abhängen, die sie mit der von ihr organisierten Bevölkerung unterhält, d. h. also vom Umfang der sozialen Maßnahmen, die sie zu ihren Gunsten ergreifen kann. Sie wird auch jede Gelegenheit ergreifen müssen, um ihren Kampf mit dem der Bevölkerung in Westtimor und dem der anderen belagerten oder bedrohten Minderheiten (Irian/Papua, Neu-Guinea, Molukken-Inseln, Kalimattan, usw. ) zu verbinden. Schließlich wird sie auf die Unterstützung der internationalen Arbeiterbewegung angewiesen sein. So dringt die Timorfrage, eine eiternde Pustel an der Flanke der indonesischen Diktatur und der amerikanischen und australischen Diplomatie, wieder auf die internationale politische Arena. Die Führer der Fretilin hoffen auf eine Hilfe der Arbeiterstaaten, der internationalen Arbeiterbewegung und der Befreiungsbewegungen Sie muß ihr gewährt werden!

(1) zit, aus: Marcel Roger, "Timor, hier la colonisation portugaise, aujourd' hui la résistance à l' aggression indonésienne", ed. Harmattan, Paris 1977.

UDT: Demokratische Union Timor. Sie stützt sich vor allem auf die assimilierten und privilegierten Klassen und wird von der portugiesischen Verwaltung unterstützt. Angesichts der Niederlage Spinolas in Portugal und der Erfolge der Fretilin in Timor hat sie sich Indonesien zugewandt.

APODETI : Demokratische Vereinigung des Volkes von Timor. Ursprünglich wollte sie sich "Vereinigung für die Integration Timors in Indosien" nennen. Sie hat niemals eine ernste soziale Basis im Land gehabt.

KOTA und TRABALHISTA : zwei kleine Grüppchen, die von Indonesien abhängig sind. FRETILIN : Revolutionäre Front für die Unabhängigkeit Osttimors; sie ist aus der ASDT (Sozialdemokratische Vereinigung Osttimors) hervorgegangen. Sie wird von der portugiesischen Linken und extremen Linken und von den Befreiungsbewegungen der ehemaligen portugiesischen Kolonien in Afrika beeinflußt. Ausgehend von ihrer studentischen Basis hat sie bei der städtischen und ländlichen Bevölkerung dank ihrer Alphabetisierungskampagne, ihrem Kampf für die Genossenschaften, für die Unabhängigkeit und gegen die indonesische Besatzung Unterstützung gefunden.

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