Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Ukraine

Brief an Breschnew

· Inprekorr Nr. 78, 15. April 1977 · S. 15-17 · 1.517 Wörter

Sowjetunion Gewerkschaften und Streiks

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Offener Brief an den Generalsekretär des Zentral- Es ist selten, daß man in den kapitalistischen Län- komitees der Kommunistischen Partei der Sowjetdern die authentische Stimme eines ukrainischen union, Leonid Breschnew, von Leonid Mykhaylovych, Arbeiters hören kann. Noch seltener ist es, aus einem Arbeiter, Bürger und Vater von sechs Kinerster Hand die Forderungen der sowjetischen Arbeiterklasse zu vernehmen. Das folgende Dokument Wir bitten Sie, unsere Ausreise in eines der drei findet daher nicht so leicht seinesgleichen. folgenden Länder : Kanada, USA, Australien, schnell wie möglich zu genehmigen. Am 16. Februar

Geschrieben wurde es von L. M. Siryi, einem ukrai- haben wir an den XXV. Parteitag der KPdSU einen nischen Arbeiter aus Odessa, der es als Offenen Brief geschickt. Wir haben darin sehr ausführlich Brief an Leonid Breschnew geschickt hat, den Gene- unsere Lebensbedingungen beschrieben und haben ralsekretär der KPdSU. Die Umstände, unter denen erklärt, daß wir uns weigern, unter solchen Bedindieses Dokument entstand, sind außerordentliche. gungen weiter zu leben. Wir haben auch geschrieben, Siryi will aus der Sowjetunion auswandern, weil daß es unmöglich ist, mit 50 Rubeln pro Person zu seine Existenzbedingungen dort ganz elend sind und leben, womit offiziell die Mindestbedürfnisse eines weil alle Proteste, die er an die Gewerkschaften Menschen gedeckt werden sollen. Aber wir besitzen und an andere offizielle Organe gerichtet hat, nichts nicht einmal so viel. Wir sind zu acht, die wir uns geholfen haben. Er hat keine andere Wahl. Aber be- in dieser Lage befinden: ich selbst, meine Frau und merkenswert ist, daß Siryi in seinem Brief im einzel meine sechs Kinder. Unser Gesamteinkommen benen eingeht auf "das Unheil, das die Partei und die trägt 195 Rubel, zusätzlich eine Familienbeihilfe Regierung durch ihre Politik angerichtet haben" für die drei Kinder unter acht Jahren von 36 Rubel Die Liste seiner Klagen ist lang. Seine Forderungen und 13 Rubel aus dem SOTBEZ (Fürsorge) für die sind zahlreich und viele davon könnten Bestandteil Kinder. Zieht man die Steuern, den Gewerkschaftseines Programms für eine politische Revolution sein. beitrag und die Miete ab, bleiben 180 bis 190 Rubel.

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Ich mag mich im allgemeinen nicht wiederholen. Aber ich habe zu verschiedenen Gelegenheiten Briefe an die Gewerkschaften, die Zeitungen, den Obersten Sowjet und an das Zentralkomitee der KPdSU geschrieben, aber Sie haben mirnicht geholfen und es nicht für nötig gehalten, mirzu antworten. Dennoch will ich von neuem einige Probleme aufwerfen. Ich bin kein Parteimitglied, ich bin Arbeiter und Mitglied der Gewerkschaft seit 1952. Ich habe offiziell erklärt, daß ich mit der Politik der Partei und der Regierung in folgenden Fragen nicht einverstanden bin:

1 )a.Die Lohnerhöhungen sind zu gering und zu selten. So steht es in unserm Lohnbüro geschrieben: " Ihr werdet nicht mehr als 140 Rubel im Monat bekommen. "

b. Die Prämien und der Stücklohn werden oft rückgängig gemacht. Dann bekommt man gerade 5-6 Rubel pro Tag, das ist der Normaltarif. Doch die Arbeitsbedingungen verbessern sich nicht. Die Technologie ist immer dieselbe und es fehlt immer an Material. Ich muß mein eigenes Werkzeug zur Arbeit bringen. Es scheint, als werde dem Arbeiter immer mehr Blut und Schweiß ausgepreßt, aber ihm immer weniger dafür gezahlt.

2) a. Seit 1960 sind die Preise in unserm Land stark gestiegen. In den staatlichen Kaufhäusern sind die Nahrungsmittelpreise um 30 bis 40% gestiegen, so z. B. Fleisch, Eier, Butter, Speck, Honig und andere Produkte.

fb. Von den einzelnen Produkten kann man folgende Rationen in den Kaufhäusern kaufen: zwei Kilo Brot, ein Kilo Mehl und Teigwaren, ein Kilo Zucker, ein halbes Kilo Butter, Fett, usw.

c. Fleisch, Butter, Kartoffeln, Karotten, Kohl und andere Erzeugnisse findet man oft gar nicht. d. Zahlreiche Lebensmittelgeschäfte haben geschlossen, dafür ist an fast jeder Ecke ein Bierund Vodka-Ausschank eingerichtet worden. Unsere Kinder werden an den Alkohol gewöhnt. 3) a. Unterstützung für kinderreiche Familien gibt es nicht. Wenn wir Schlange stehen zeigen wir unsere "Verdienstmedaille für kinderreiche Familien" Aber deswegen bekommen wir noch keine Milch. In den Geschäften sagt man uns: "Zeig mir, wo auf deiner Medaille geschrieben steht, daß du das Recht hast, Lebensmittel zu bekommen, ohne zu warten, bis du an die Reihe kommst und mehr, als die Ration vorschreibt. " Wir können nur mit den Achseln zucken. Es ist wahr! Welche Rechte hat eine kinderreiche Familie? Gar keine. Vielleicht sollen wir uns die Medaille an die Brust anheften und sie den Kindern zu bestaunen geben, statt zu essen. Was nützt sie uns? Kinderreiche Familien bekommen nicht ohne weiteres eine Wohnung, wie das Gesetz es vorschreibt. Wenn man eine bekommt, dann nur durch Korruption oder nach dem Motto: "Ich werde euch etwas geben, was kein Mensch haben will. Grundsätzlich werden diese Familien in der Schule, am Arbeitsplatz und im Alltag schlecht behandelt. b. Die ärztliche Versorgung ist mangelhaft, die Ambulanz kommt nicht, wenn man sie ruft und die Xrzte kümmern sich nicht um ihre Aufgabe. In den Krankenhäusern lat die ärztliche Behandlung mittelmäßig, wie auch die ganze Versorgung und das Essen. Es lst hier ein bißchen wie in der'Geschichte des Großinquleitore": wenn der Palient sich gut aufführt, wird er von selbst gesund. c. Es gibt keine finanzielle Unterstützung für Medikamente und Rezepte. Aber man kann nicht nur von guten Ratschlägen leben!

4) Ich bin nicht einverstanden mit der Einschränkung der individuellen Freiheiten und der Bürgerrechte. a. Wir haben die Freiheit der atheistischen Propaganda, nicht die Freiheit der Religion. Es gibt keine religiösen Publikationen, Bücher, Zeitungen, Zeitschriften oder Radio- und Fernsehsendungen. Kirchen und Klöster werden unter allen möglichen Vorwänden geschlossen, und es ist noch nie passiert, daß neue gebaut worden wären.

b. Unsere Gewerkschaften sind alle zu einer einzigen Organisation zusammengeschmolzen, die der Partei und der Regierung untergeordnet ist, obwohl es Gewerkschaften der Werftarbeiter, Fischer, Matrosen, Metallarbeiter, usw. gibt. Jede hat ihre eigener Probleme und Interessen. Die Gewerkschaften sollten die Rechte der Arbeiter vor denen der Partei und der Regierung verteidigen. Sie sollten das Recht haben, kollektiv zu protestieren und Lohnerhöhungen bessere Arbeitsbedingungen und mehr Urlaub zu fordern. Die Führungsorgane der Gewerkschaften sollten von den Arbeitern selbst gewählt und ernannt werden, und nicht vom Politbüro. Die Gewerkschaften und die Partei sollten voneinander unabhängig "sein. Das gilt vor allem für die lokalen Gewerkschaftkomitees, wo z. B. die Listen der annehmbaren Kandidaten (Lakaien, Saufbrüder) von der Partei vorbereitet und dann dem Ortsverband vorgelegt wer den. Danach wird die Illusion geschaffen, als seien sie von der Gewerkschaftsversammlung ausgewählt worden.

c. Diese Art der Wahl ohne Wahl gibt es auf örtlicher Ebene ebenso wie auf höchster Ebene. Irgendwo auf einer Parteiversammlung steht ein Freund des Chefs oder ein Lakai auf und spricht sich für seinen Chef aus. Er preist ihrüber alles und er wird auf die Liste gesetzt. Es gibt nur einen Kandidaten auf jeder Liste, und so gibt es nichts zu wählen. Und selbst wenn ein ehrlicher Abgeordneter (in den Sowjet -- INPREKORR) gewählt werden sollte, hat er nur wenig Rechte und wenig Gelegenheit, dem Volk zu helfen.

d. Unsern Bürgern wird das Recht zu demonstrie ren, zu streiken oder in irgendeiner Form zu protestieren, abgesprochen. Klagen hilft nicht. e. Bürger, die Kritik üben, werden von der Miliz, dem KGB und bei der Arbeit von den Vorgesetzten verfolgt. Das ist mir passiert. Für meine Forderung, den Lebensstandard und den Lohn so anzuheben, daß wir und unsere Kinder nicht zu hungern oder barfuß und ärmselig gekleidet herumzulaufen brauchen, und daß wir das Schulgeld zahlen und andere Bedürfnisse decken können, wurde ich verfolgt. Man hat mich nicht in die 5. Qualifikationskategorie aufgenommen. Man hat meine Frau nicht eingestellt, die Büros bei den Trockendocks zu reinigen. Man hat mir kein Visum gegeben, damit ich mit dem Schiff ins Ausland fahren darf. Man hat mich teils belustigt, teils ernsthaft als "Feind des Volkes", als "anti-sowjetisches Element" bezeichnet. Und wer sagt das? Wiederum die Bosse.

f. Die Rechte der nationalen Republiken, insbesondere der Ukraine, müssen wiederhergestellt und erweitert werden. Der Unterricht in der Schule und auf den Universitäten muß auf ukrainisch sein. Auch die Staatsorgane müssen sich des Ukrainischen als der offiziellen Sprache bedienen. Die Republiken müssen auf allen Ebenen ihre eigenen nationalen Kader haben.

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g. Die Verfolgungs- und Verleumdungskampagne die die Freiheitsrechte der Bürger garantiert und gegen zahlreiche Intellektuelle, Schriftsteller und den Aktivitäten des KGB ein Ende setzt. Der KGB Dichter muß eingestellt werden: Solschenizyn, Sa- soll lieber ausländischen Spionageringen nachstellen, charow, Twerdochlebow, Bukowski, Valentin Moroz, als dissidente Bürger aufzuspüren. N. Strokata, Dschjuba und Karawanski. Gebt ihnen b. Es müssen konkrete Gesetze über die Rede-, das Recht, auf Versammlungen aufzutreten und laßt Versammlungs-, Presse-, Demonstrationsfreiheit das Volk selbst entscheiden, ob sie recht haben oder und Streikrecht ausgearbeitet werden. nicht. Laßt die politischen Gefangenen in der Sowjet c. Es muß ein Gesetz geschaffen werden, das union frei. Hebt die Zensur der Briefe und der Publi das Recht auf Auswanderung garantiert. Nur in einem solchen demokratischen und blühenden Land wollen wir auch leben und unsere Kinder er- 5) a. Es muß eine Verfassung ausgearbeitet werden, Odessa, den 14. November 1976 L. M. Siryi

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