Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Großbritannien

Die Wirtschaftskrise und die Gewerkschaften

· Inprekorr Nr. 74, 25. Januar 1977 · S. 4-9 · 4.406 Wörter

Gewerkschaften und Streiks Großbritannien Frauen

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allem der Gewerkschaften.

Andersherum verdeutlicht dieses Grundmerkmal der Wirtschaftskrise, warum der Kampf um die Ausbeutungsrate und das Verhalten der Gewerkschaften in dieser Frage den Kern der politi schen Krise dargestelli haben. Die Fähigkeit der kapitalistischen Klasse, mit allen andern Problemen fertig zu werden. hängt ziemlich direkt davon ab, bis zu welchem Grad sie die Arbeiterklasse in eine Niederlage zwingen und damit größeren ökonomischen Spielraum gewinnen kann. Zudem nimmt bei der heutigen Lage in Großbritannien jeder größere Wirtschaftkampf fast zwangsläufig die Form einer politischen Krise an. Beim gegenwärtigen Kräfteverhältnis der Klassen kann die kapitalistische Klasse nur von der direkten Intervention des bürgerlichen Staates Siege für sich erhoffen. Das haben eine ganze Reihe von Krisen gezeigt. von der Einkommenspolitik und den Anti-Gewerkschaftsgesetzen bis zu den Konflikten bei British Leyland und Chrysler.

DIE MITGLIEDERSTÄRKE DER GEWERKSCHAF - TEN

Es ist bekannt, daß der britische Imperialismus durch politische Manöver und ökonomische Konzessionen, die durch seine enorme internationale Stärke im 19. Jahrhundert möglich waren, einen mächtigen Reformismus in die britische Arbeiterbewegung eingeführt und sie auf einem politisch unterentwickelten Niveau gehalten hat. Aber dieser Prozeß hat auch seine dialektische Kehrseite. Der britische Kapitalismus hat sich die politische Rückständigkeit und den Reformismus der britischen Arbeiterbewegung zum Preis der Bildung mächtiger Klassenorganisationen erkauft, mit denen die britische Arbeiterklasse ihre ökonomischen Interessen verteidigen konnte, Organisationen, wie keine Arbeiterklasse in irgendeinem europäischen Land sie stärker geschaffen hat. Das Problem ist, daß die Bourgeoisie angesichts des historischen Niedergangs des britischen Imperialismus diese Organisationen nicht mehr verkraften kann. Trotz der Existenz einer streng integrierten Arbeiterbürokratie ist es undenkbar, daß die Bourgeoisie heute der Arbeiterklasse eine so schwere Niederlage zufügt, wie die Krise eigentlich erfordern würde, wenn diese Organisationen zuvor nicht bedeutend geschwächt werden. Das strategische Hauptproblem für die Bourgeoisie ist also auf ökonomischer Ebene, wie sie diese Organisationen schwächen kann, ohne dabei gleichzeitig die Bedingungen zu schaffen, daß die Arbeiterklasse mit dem politischen Reformismus bricht, unter dessen historischer Herrschaft sie bislang gelebt hat. Vor diesem Hintergrund ist einer der bedeutendsten Faktoren der Krisenperiode nach 68 der, daß die Mitgliederzahl der Gewerkschaften nicht gesunken ist, sondern sogar ihren größten Auftrieb seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt hat. Dieser Anstieg der Mitgliederzahl ist umso bemerkenswerter, wenn man ihn vor dem gegenwärtigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Hintergrund betrachtet. Der Arbeitsmarkt ist in Großbritannien schon vor dem Beginn der Rezession von 1974 geschrumpft . 1966 waren 23.3 Millionen Arbeiter beschäftigt, 1971 nur noch 22 Millionen. (Alle Zahlen in diesem Abschnitt sind dem ausgezeichneten Artikel von John Hughes "Patterns of Trade Union Growth" in: "Trade Union Register, 1973" entnommen, sofern nicht anders angegeben). Besonders steil war der Beschäftigungsrückgang in der verarbeitenden Industrie und in andern Industriezweigen, die traditionell die Industrien mit dem höchsten gewerkschafilichen Organisationsgrad sind, Zudem ist gerade bei den Handarbeitern, traditionell die Hochburg gewerkschaftlicher Organisation, der Beschäftigtenanteil besonders stark zurückgegangen. und dies in allen Industriezweigen. Die Zahlen aus der jüngsten Zeit bestätigen diesen Trend voll und ganz.

Doch trotz dieser ungünstigen wirtschaftlichen Situation ist die Mitgliederzahl der Gewerkschaften seit 1968 steil in die Höhe gegangen: das zeigen die folgenden Zahlen:

Anteil der gewerk schaftlich Organi

Zahl der Gewerk- sierten an der Er schaftsmitglieder werbsbevölkerurg 1967 9.747.000 42.5% 1968 9.745.000 43,0% 1969 10.004.000 44,0%% 1970 10.685.000 47.5% 1971 10. 619.000 48.0% Hinter dem Mitgliederanstieg zwischen 1968 und 1971 verbirgt sich die Neumitgliedschaft von 600. 000 Minnern und 400. 000 Prauen. In einer Periode der Arbeitslosigkeit ist die Inzahl der Gewerkschaftsmitglieder also nicht gesunken. sondern erheblich gestiegen. Schlüsselt man die Brutto-Zah ten auf, dann wird ganz deutlich, welche Entwicklung sich innerhalb der Gewerkschaft abspielt. 1) In den Gewerkschaften der Schwerindustrie hat der Organisationsgrad an der Basis in der ganzen Nachkriegsperiode bedeutend zugenommen. insbesondere die Zahl der shop stewards (Vertrauensleute). Die Zahl der shopstewards ist in der "Amal ramated Union of Engineering Workers" - (AUE)von 1947 bis 1961 um 50% gestiegen. Die Zahl der Hand arbeiter in diesen Fabriken ist nur um ein Drittel dessen gestiegen. Außerdem hat sich dieser Prozeß beschleunigt: die Zahl der shop stewards ist von 1957 bis 1961 doppelt so schnell gestiegen wie in der Periode von 1947 bis 1956 (vgl. Marsh and

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Coker, "British Journal of Industrial Relations" Bd. 1, Nr. 2). In den späten 60er und den frühen 70er Jahren hat die shop steward-Organisation ra sche Ausbreitung in neuen Sektoren gefunden, Z. B. bei den Angestellten und im Gesundheitswesen. Während die Zahl der shop stewards zu Beginn der 60er Jahre noch auf 175, 000 bis 200. 000 geschätz: wurde, gibt es heute über 300, 000, D. h. daß die Gewerkschaft als Organisation nicht nur numerisch gewachsen ist. sondern sich überdies auch noch gefestigt und gestärkt hat.

2) Die Gewerkschaften fassen offensichtlich auch in neuen Sektoren Fuß. insbesondere im Öffentlichen Dienst, bei den Angestellten und den Arbeiterinnen. Die Mitgliederzahl der größten Gewerkschaft von Nicht-Handarbeitern, der National Association of Local Government Officers - NALGO. ist in fünf Jahren, von 1966 bis 1971, um über 100.000 (29%) gestiegen. Die Zahl der Mitglieder der größten Gewerkschaft im Öffentlichen Dienst. der CPSA, um 36.000 (24%). 1976 hatte die CPSA 220. 000 Mitglieder, die NALGO 625. 000 und die NUPE, die größte Gewerkschaft der Handarbeiter im Öffentlichen Dienst, 600. 000 Mitglieder. Im privatwirtschaftlichen Sektor kann man das Wachstum des gewerkschaftlichen Organisations grads am Mitgliederzuwachs der vier größten Gewerkschaften ablesen, die in den Zweigen Maschinenbau und Bankwesen die Nicht-Handarbeiter organisieren:

Mitgliederzahl in tausend:

1966 1971 ASTMS (Angestellte in Industrie und Handel) 72 250 APEX (angestellte Techniker) 76 118 AUEW (Techniker und Angestellte in der industrie) 73 101 NUBE (Bankangestellie) 58 93 SUMME : 279 562 Besonders stark zugenommen hat auch die gewerkschaftliche Organisierung bei den Frauen: das deckt sich mit der Zunahme der Gewerkschaftsmitglieder bei den Angestellten im öffentlichen und pri vaten Sektor, von denen ein hoher Anteil Frauen sind. Die Zahl der gewerkschaftlich organisierten Frauen ist von 1966 bis 1971 von 1, 9 Millionen auf 2, 6 Millionen gestiegen, der Prozentsatz der vollbeschäftigten, gewerkschaftlich Organisierten Frauen damit von 24% in 1960 auf über 30% in 1971. Bei den Frauen ist die Zahl der gewerkschaftlich Organisierten in den letzten zehn Jahren um etwa 1.097.000 gestiegen, bei den Männern-um 605. 000. Von den Gewerkschaften, die im Dachverband TUC (Trade Union Congress) zusammengeschlossen sind, weisen 23 vorwiegend weibliche Mitgliedschaft auf, während sich die Unterdrückung der Frau in der Arbeiterbewegung darin niederschlägt. daß nur 2% der Gewerkschaftsfunktionäre Frauen sind.

GEWERKSCHAFTLICHE KÄMPFE

Der Mitgliederzuwachs der Gewerkschaften in der vergangenen Periode ist somit bemerkenswert; doch den größten Wandel in der Situation seit 1968 hat ein zweiter Faktor gebracht: die Explosion gewerkschaftlicher Massenkämpfe. Zahlenangaben über die Arbeitstage, die wegen Streiks ausgefallen sind, beweisen dies:

Zahl der in Streiks verlorenen Arbeits tage (in tausend)

1966 2,398 1967 2. 787 1968 4,690 1969 6.846 1970 10.980 1971 13.551 1972 23. 904 1973 7.197 1974 14.750 (Quelle: Hyman, "Industrial Conflict and Political Economy", in: "Socialist Review" 1973, Angaben fir den Zeitraum 1966-72; "Financial Times", 16. August 1976, für den Zeitraum von 1973-74). Versucht man die Tendenzen, die sich hinter dieser Zahlen verbergen, genauer zu beschreiben, so stellt man zunächst fest, daß die Zahl der Streiks selbst langsamer gestiegen ist als die Zahl der in Streiks verlorenen Arbeitstage :

Zahl der Streiks 1966 1.937 1967 2.116 1968 2.378 1969 3.116 1970 3.906 *1971 2.228 1972 2,470 1973 2.873 1974 2,922 (dieselbe Quelle wie oben)

Das heißt: obwohl die Anzahl der in Streiks verlorenen Arbeitstage in den 70er Jahren 12mal höher lag als zur Zeit ihres Tiefststands in den 60er Jahren. lag die Anzahl der Streiks im Rekordjahr 1970 nur um 50% höher als zur Zeit ihres Tiefststands in den G0er Jaliren; das bedeutet, daß obwolil die Zahl der Streiks nicht zugenommen hat, diese länger geworden sind und sich mehr Arbeiter an ilmen beteiligt haben, 1972, im Jahr mit der höchsten A rheitsausfallquote wegen Streiks, haben sich doppelt so viel Arbeiter (nämlich 1. 705. 000) an Streiks beteiligt als 1967 (731. 000). Die durchschnittliche Streikdauer stieg von vier Tagen in 1967 auf vierzehn Tage in 1972. Der Streik als Kampfmittel ist somit auch in neue Arbeiterschichien vorgedrungen und die Streiks sind länger und härter geworden als in den 50er und 60er Jahren. Aber gleichgültig welches Maß man anlegt - ob das der in Streiks verlorenen Arbeitstage oder das der Anzahl der Streiks - , klar ist daß in den letzten beiden Jahren, besonders 1976, der Umfang der Kämpfe drastisch abgenommen hat. Das zeigt die folrende Statistik

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Zahl der Streiks Verlobere Arbeitstage 1975 2.282 6. 021 1976(÷) 1,800 3.000 (+) extrapoliert aus den ersten sechs Monaten. Quelle: Financial Times, 16, August 1976). Somit lag die Zahl der wegen Streiks ausgefallenen Arbeitstage in der ersten Hälfte 1976 unter dem Niveau von 1968. Betrachter man die Zahl der Streiks. dann stellt sich diese Entwicklung noch krasser dar: in den ersten sechs Monaten 1976 hat es weniger Streiks gegeben als in jedem andern .lahr seit 1953.

Aus diesen Zahlen geht klar hervor. dad die Sitation paradox ist. In der Periode vor 1963 war der Umfang der gewerkschaftlichen Kämple relatis goring. obwohl dies eine Periode der inneren Festiging der Gewerkschaften war, und der Grad der gewerkschaftlichen Verankerung in der werktätigen Bevölkerung stagnierte oder nahm sogar ah: der Anteil der gewerkschaftlich Organisierten an der werktätigen Bevölkerung lag 1948 bei 45'*. 1966 bei 41%%. Wie wir gesehen haben, war der steile Wufschwung der gewerkschaflichen Kämpfe nach 1968 begleitet von einer größeren Expansion der gewerkschaftlichen Mitgliedschah, Aher in den beiden letzten Jahren haben sich diese beiden Kurven, die der Kämpfe und die der Mitgliedschaft, völlig auseinanderentwickelt. Die Kurve der Kämpfe ist nach unten gegangen. während die der Mitgliedschaft weiter gestiegen ist. Auf seinem Kongreß im September 1976 berichiete der TUC daß die Cesamt- Mingliederzahl aller im Dachverband zusammengesehlossenen Gewerkschaften aut 11.036.000 gestiegen war (nach "Tribune" vom 10. Sepiember 1976).

Für dieses ziemlich bestürzende Phänomen gilt es zwei Erklärungen. von denen eine eigentlich auf kein historisches Vorbild zurückgreifen kann. Die erste und ungünstige ist die. daß der anhaltende Anstieg der Mitgliederzahl in den Gewerkschalten noch eine verspätele Auswirkung der vorherigen Phase harter Kämpfe ist. d.h. daß der Aurschwung der Kämpfe in dieser Periode eine Welle der gewerkschafflichen Organisierung ausgelöst hat, die noch nachwirkt, obwohl die Kämpfe selbst abgeebbt sind, Wenn diese Erklärung zutrifft. dann müssen wir damit rechnen, daß auch der Anstieg der Mitgliederzall bald nachläßt.

Die zweite Erklärung ist günstiger: sie besagt, daß im Gegenteil der anhaltende Strom der Arbeiter in die Gewerkschaft ein Ausdruck dafür ist, dall trotz eines vorübergehenden Rückgangs ihrer Aktivitfit die Arbeiterklasse im wesentlichen noch nicht geschlagen ist und die qualitative Wende nach 1968 nicht umgekehrt wurde. Diese Perspektive birgt nalürlich folgenschwere Aussagen für die Orientierung der Klassenkämpfe. Sie besagt nicht nur. daß mit einem neuen Aufsehwung der Massenkämple zu rechnen ist, sie drängt auch wichtige Schlußfolgerungen über die Bewußiseinslage der Arbeitermassen auf, Ein Arbeiter schließt sich nicht grundlos einer Organisation an. Wenn der Trend, daß immer breitere Arbeiterschichten den Gewerkschafen beitreten, anhalt, dann bedeurer dies, daß trotz einiger Rückschläge die Arbeiterklasse nicht davon überzeugt ist, daß es nicht möglich sein soll. zumindest einige ihrer Probleme vermittels der Gewerkschaften zu lösen. Die Entscheidung zwischen diesen beiden Erklärungen für das Auseinanerklaffen von Klassenkämpfen und gewerkschaftlicher Organisierung ist daher folgenschwer und von höchster Bedeutung. Ein genaueres Bild gewinnt man, wenn man die Entwicklung der Kämple seit 1968 studiert.

DIE ART DER KÄMPFE

I1s erstes muß man feststellen, daß sich hinter Wer scheinbaren Stabilisierung der Anzahl der Streiks seit 1968 stark divergierende Tendenzen verbergen, Im Bergbau gab es in den 50er und 60er Jahren eine sehr große Zahl kleiner Streiks. (In der Mitte der 50er Jahre siellte diese Art der Streiks fast 3/4 aller Arbeitsniederlegungen dar). Mit der Aufhebung der Stückarbeit Mitte der G0er Jahre nahm die Anzahl der Streiks stark ab. Mitte der 70er Jahre fanden nur noch 125 aller Streiks im Bergbau stat ("Financial Times"" vom 16.8.7Q). Hinter der scheinbar gleichgebliebenen Zahl der Streiks verbirg sich also eine bedeurende Verlage- .rung der Streikiftigkeit auf neue und breitere Schichten, wie wir schon den Zahlen über die an Streiks beteiligten Arbeiter entnommen haben. Zweitens schlug sich die Ausweitung der Arbeitskämpfe vor allem in einem starken Anstieg der Zahl der Lohnkämpfe nieder. Das kann man sich veranschaulichen. wenn man die Anzahl der Streiks überhaupt mit der Zahl der Lohnstreiks vergleicht. Zahl der Zahl der Dohnstreiks

Streiks Lolmstreiks. inider Streiks 1960 2.832 471 17 1961 2.686 458 11 1902 2,119 380 16 1963 2.068 383 19 1 116-4 2.524 540 22 1965 2.35+ 648 28 1966 1.937 431 22 1967 2.116 633 30 1961 2,378 925 1969 3.116 1.542 1970 3,906 2.162 55 1971 2.228 890 40 1972 2,470 1.216 19 Quelle: Hyman, "Industrial Confiet and Political Keonomy", in: Socialist Register, 1973). Die Zahlen über die wegen Streiks ausgefallenen Arbeitstage vermitteln ein noch deutlicheres Bild. In den frühen 70er Jahren waren etwa die Hälfte der Arbeitsniederlegungen und vier Flinftel der ausgefallenen Arbeitstage auf Lohnkämpfe zurückzu rühren. (vgl. "Pinancial Times" vom26. Juli und 16. August 1976). In anderen Worien, wenn es auch einige bedeutende Kämpfe um Pragen wie Arbeitslosigkeit, usw. gab, konzentrierte sich doch der starke Aufschwung der Arbeiterkämpfe nach 1968 sehr stark auf die Dolmfragen und bewirkte hier eine massive Explosion. Der explosive politische Charakter dieser Kämpfe leitet sich nicht aus der Qualität der erhobenen Forderungen ab, sondern aus der Tatsache, daß der hinfällige britische Ka-

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pitalismus es sich nicht leisten konnte, dem Ansturm dieser Lohnforderungen nachzugeben und der bürgerliche Staat ständig gezwungen war. mit Einkommenspolitik und Anti-Gewerkschaftsgesetzer einzugreifen. um diese Kämpfe zurückzudrängen; das verlieh den Kämpfen ihren ausdrücklich politischen Charakter. Es ist daher vollständig korrekt zu sagen, daß die massiven Lohnkämpfe und die Anstrengungen des Staates, ihnen Einhalt zu gebieten. die zentralen politischen Grundzügedieser Situation wa.en . Andererseits hat das Abebben dieser Kämpfe zur Genüge ihren beschränkten Charakter gezeigt, wenn sie auch zeitweilig die Massen vorwärts getrieben haben (d. h. nicht, daß nicht Teile der Avantgarde schon viel weiter gegangen seien). Hier zeigen sich vielmelir die Grenzen in Fortschritt des Bewußtseins der Arbeitermassen. Es ist vor allem der Rückgang der Lolnkämpfe seit dem Sommer 1975, der den Rückgang der Klassenkämpfe im allgemeinen erklärt. Das bedentet natürlich nicht, daß nicht auch andere Kämpfe abgeebbt sind. Es ist sogar sehr bezeichnend, daß es seither keinen Kampf gegen Entlassungen gegeben hat, der mit dem der Docker vom Upper Clyde 1971 vergleichbar wäre. Aber der Grund für den generellen Abschwung der Klassenkümpfe muß im Rückgang der Lohnkämpfe gesucht werden. Es ist daher notwendig. die Gründe für den Abschwung der Lohnkämpfe und den Wandel Im Klassenbewußisein der Arbeiter, der damit gegeben ist. ausfindig zu machen.

Zahl der Zahl der Zahl der verl- Jahr Arbeitslosen Streiks renen l'age (in 1,000) (in 1,000)

19:7 2433 1948 19.1 1919 E8E886EBene8e*43a80**118 1803 INFLATION UND LÖHNE

Die Faktoren, die am offensichtlichsten die Verantwortung für den Rückgang der Lohnkämpfe tragen, sind die steigende Arbeitslosigkeit und die Einkommenspolitik der Regierung. Die "Financial Times" vom 16. August 1976 beschrieb dies folgendermaßen "Unternehmer in der Metallindustrie z. B., wo die Anzahl der Streiks in der ersten Hälfte dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahr auf über die Hälfte zurückgegangen sind, glauben. daß diese Zahlen sich leicht erklären lassen: die zunehmende Arbeitslosigkeit schreckt die Aktivisten und die Einkommenspolitik zieht das Geld aus dem Verkehr. " Doch die Wirklichkeit ist nicht ganz so einfach. Es kommen noch andere Faktoren hinzu, die zur Erklärung des massiven Rückgangs der Kämpfe herangezogen werden missen. Die folgende Tabelle veranschaulicht das; dabei gibt die horizontale Linie jeweils die Wende im Beschäftigungszyklus an. Aus diesen Zahlen geht hervor, daß man nicht sagen kann, in den früheren Zyklen habe es einen eindeutigen Zusammenhang zwischen dem Umfang der Arbeitslosigkeit und der Anzahl der Streiks gegeben. Im Gegenteil. in den fint vorangegangenen Zyklen batten die beiden Spitzenjahre der Arbeitslosigkeit (1952 und 1967-63) keinen dämpfenden Einfluß auf die Zahl der Streiks, Zwei Jahre, das Jahr 1959 und das aus der Reihe fallende Jahr 1972 waren sowohl in Bezug auf die Arbeilslosigkeit als auch in Hinblick auf die Streikkämpfe heides Spitzenjahre, und nur in einem Jahr. in ()Die ausgefallene Zahl von 8. 412 Millionen Streik tagen geht vor allem auf die 4 Millionen verlorene Arbeitstage im Metallerstreik und auf die über 2 Millionen verlorene Arbeitstage im Dockerstreik zurück. Diese Streiks waren im wesentlichen Proteststreiks. Die zweite Zahl gibt die Anzahl der wegen Streiksverlorenen Arbeitstage weniger den in diesen beiden Streiks verlorenen Tagen an. (+) In zwei eintrigen Protesistreiksim Maschineniau 1962 gingen 3.5 Millionen Arbeitstage verloren. Da ihr Protesteharakter die Zahlen verzert, sind wir mit ihnen verfahren wie oben. ( In diesem Jahr fand ein eintägiger Streik im Maschinenbau statt, durch den 1.5 Millionen Arbeitstage verloren gingen. Sie sind anlich wie oben von der Cesamtsumme abgezogen worden. [Quellen: "British Economy Key Statistics". für die Arbeitslosigkeit von 1951-69; Field:"| nemplos ment, the Facts", für die Arbeitslosigkeit von 1977 his 1973; "Who's Next for the Chop", eine Veröffentlichung des Counter-Information Service. für die Arbeitslosigkeit von 1974-75.

"prish Political Facts 1900-50" Mür die Streikstatistik von 1947-60: Hyman, op. cit. für die Streikstatistik von 1961-72: "Pinancial Times" com 16. Augus: 1976 für die Streikstaristik von 1973-75: die Streikstatistik für 1976 ist aus den Zahlen der ersten sechs Monate des Talres extrapoliert worden

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1963, konnte man einen größeren Rückgang der Kämpfe bei gleichzeitiger bedeutender Zunahme der Arbeitslosigkeit verzeichnen.

Es gibt aber andere Indikatoren, die genauer über die Wirkung einsetzender Arbeitslosigkeit Aus kunft geben. Von den vier Jahren. in denen die Arbeitslosigkeit am Wendepunkt eines Industriezyklus zu steigen begann. ging in zwei von ihnen (1956 und 1966) die Zahl der durch Streiks verlorenenArbeitstage zurück, 1961 blieb sie konstant und nur 1970 stieg die Zahl der Streiktage.

Natürlich haben solche Vergleiche nur beschränkten Wert, angesichts der Tatsache. daß die Arbeitslosigkeit im gegenwärtigen Zyklus sowohl wegen ihrer Hirte als auch durch ihre Dauer viel schwerer wiegt. Dennoch kann man sagen, daß zwar eine einsetzende Welle von Arbeitslosigkeit (viel mehr als ihr absoluter Umfang) sich negativ auf die Kampfbereitschaft auswirkt, damit ist aber noch nicht bewiesen, daß der Rückgang der Kämpfe allein auf diesen Faktor zurückzuflihren ist. Die letzten Jahre mit der höchsten Arbeitslosigkeit. die Jahre 1971-72, waren auch zugleich Jahre äußerst ausgedehnter und explosiver Kämpfe. Die beiden Stadte. in denen der gewerkschaftliche Organisationsgrad am höchsten liegt. Liverpool und Glasgow, sind zugleich Stadte mit einem extrem hohen Arbeitslosenanteil. Sicherlich hat die Arbeits losigkeit auf das Maß der gewerkschaftlichen Kämpfe einen wichtigen Finfluß, aber es müssen noch andere Faktoren berücksichtigt werden, will man sich ein vollständiges Bild über die für den Rückgang der Klassenkämpfe in den letzten beiden Jahren bestimmenden Faktoren machen.

DIE EINKOMMENSPOLITIK

Der zweite Faktor ist die Einkommenspolitik. Traditionell sind Arbeitslosigkeit und Einkommenspolitik von der Bourgeoisie alternierend gebraucht worden, um die Löhne niedrig zu halten. Die bedeutendsten Maßnahmen zur Einkommenspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg waren folgende: die Lohnpause von Selwyn Lloyd 1961-62; der Lohn stop der Labour- Regierung und nachfolgend die Festsetzung der Lohnerhöhungen auf 3 1/2, dann 2 1/2 und schließlich 4 1/2% in den Jahren 1966-69; die Phasen I - III der Regierung Heath von 1973 bis Mitte 1974. Anders gesagt: in den 60er Jahren hat es nur 1963 und 1964 keine offene staatliche Lohnpolitik gegeben, und gerade in diesen Jahren .. die Zahl der Arbeitslosen in diesem Industriezyklus auf eine Rekordhöhe gestiegen, ganz wie auch die Jahre 1970-72 für den folgenden Zyklus Rekordjahre der Arbeitslosigkeit waren. Will man die Auswirkungen der Einkommenspolitik auf die gewerkschaftlichen Kämpfe ermessen, so ergibt sich folgendes Bild: 1961-62 fallen die einkommenspolitischen Maßnahmen mit einem leichten Rückgang in der Zahl der Streiks und einem kräftigen Abschwung der Zahl der Streiktage zusammen (zieht man den Streik der Metallarbeiter ab. so ist die Zahl der Streiktage über 50% gesunken ). Auch 1969 wurden die lohnpolitischen Maßnahmen von einem leichten Rückgang in der Zahl der Streiks und der Streiktage (ca. 10%)begleitet. Im Zeitraum von 1973 bis Mitte 1974 nahm die Anzahl der Streiks zwar zu, dafür ging die Zahl der Streiklage aber bedeutend zurück (um 66%; doch der Vergleich mit dem Rekordjahr 1972 gibt ein etwas verzerrtes Bild dieser Tendenz wieder). Insgesamt lassen sich bei der Einkommenspolitik eindeutigere Auswirkungen aul das Ausmaß der Kämpfe feststellen als bei der Arbeitslosigkeit. Das ist auch logisch, wenn man bedenkt, welchen Anteil gerade Lolnkämpfe an den Streiks und damit an den ausgefallenen Arbeitstagen gehabt haben. Außerdem steht die gegenwärtig betriebene Einkommenspolitik in der ganzen Nachkriegszeit einzigartig da, insofern sie gleichzeitig mit steigender Arbeitslosigkeit durchgesetzt wird, statt abwechselnd mit ihr. Diese Kombination ist zweifellos besonders wirksam und bedrohlich.

DIE FOLGEN FÜR DIE REALLOHNE

Der dritte Faktor, den es zu beachten gilt - und der sich seit der Rezession 1971-72 am radikalsten geändert hat -, sind die Folgen der Arbeiterkämpfe für die Reallöhne. Hier muß man unbedingt berlicksichtigen, daß es inden Jahren 1968 bis 1974 eine sehr reale materielle Basis fir die Explosion der Lohnkämpfe gegeben hat. Die Lohnsteigerungen. die sich die Arbeiter in dieser Zeit erkämpft haben, drückten sich in wirklichen Reallohnsteigerungen aus. Die folgende Tabelle zeigt diese Entwicklung ganz deutlich.

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Entwicklung der Reallöhne in pences in der Kaufkraft von 1963 (100p 1 Pfund) 1963-64 · 50 196-65 - 17 1965-66 144 1966-67 - 22 1967-68 120 1968-69 29 1969-70 139 1970-71 · 33 1971-72 F107 1972-73 1 69 (Quelle: Bacon and Pllis, "Britain' s Economic Problem: Too Pew Producers", S. 164) Die Zahlen über die persönlichen Ausgaben zeigen das gleiche Bild der Entwicklung. Setzt man den Standard von 1948 100, dann lag das Volumen der persönlichen Ausgaben 1968 bei 147. 1973 war es auf 172 gestiegen ("I.loyd' s Bank Review". . April 1976). Nach einer Periode der Plukluation und der Stagnation in den 60er Jahren hat die Streikwelle nach 1968 der Arbeiterklasse also sechs Jahre hindurch ununterbrochen Reallohnsteigerungen ebracht. Erst als die Tory-Regierung 1973 ihre neue Einkommenspolitik durchsetzte, fielen die Reallöhne 1973-74 um 69 pence. In den ersten sechs Jahren der neuen Kampfwelle hat sich die Kamplbereitschaft der Gewerkschaflen ganz spürbar mn den Reallölmen niedergeschlagen.

In der Periode von 1974 bis 1976 ist die Situation eine ganz andere. Nach dem Rückschlag von 1973 hat die Arbeiterklasse wieder eine neu größere Kampfoffensive cröffnet. Die Anzahl der durch Streiks verlorenen Arbeitstage war die zweithöchse seit 1926. dem Jahr des britischen Generalsireiks. Aber diese Streikwelle brachte nicht die spürbaren Reallohngewinne wie die vorangegangene. Das zeigt die nachfolgende Tabelle:

Index des Netto-Reallohns (anuar 1974 100)

1973 Oktober 105 Dezember 106 1914 Februar 99(11 April 100 Juni 103 August 1 06 Oktober 10G Dezember 108 1975 Februar 106 April 103 Tuni 99 (+) Künstlich durch die Drei-Tage-Woche gesenkt. (Quelle: Labour Research. September 1975). Die Entwicklungslinien sind klar, Der Massenaurstand, der die Regierung Healh zu Fall brachte. trieb auch die Reallölne in die Höhe. Aber eine anhaltende Expansion war das nicht mehr. Sechs Monate nachdem der Höhepunkt dieser Errungenschaften erreicht war, waren schon alle Früchte des Kampfes wieder aufgefressen, Wiederum ergeben auch die Zahlen über die persönlichen Ausgaben dasselbe Bild. Anfang 1973 lag der Index bei 172, Anfang 1974 war er auf 168 gefallen; die Kämpfe vom Winter 74/75 brachten ihn wieder auf 172 (im ersten Quartal 1975) und im 3, Quartal 1975 war er wieder auf 167 gefallen ("Lloyd's Bank Review". April 1976).

Der Grund, warum die Arbeiter nicht mehr das erringen konnten, was sie in der Zeit von 68 bis 74 errungen hatten. liegt in dem raketenartigen Ansteigen der Inflationsrate, die Mitte 1975 bei 25% (im Jabresdurchschnitt) lag und heute etwa 15% beträgt. Das Gesamtresultat ist ziemlich klar. Die massive Streikwelle von 1968-74 brachte sechs Jahre hindurcit einen ununterbrochenen Anstieg des Lebensstandards. Die großen Kämpfe von 1974-76 jedoch ließen die Arbeiter in schlechteren Bedingungen zurick. als diese die Kämpfe angetreten hatten, Das ist ein sehr realer, materieller Faktor, der den Wandel in der Kampfbereitschaft der Arbeiter bedingt. In den Jahren 1968-74 konnten die Aktivisten zu Recht sagen: "Kämpfen zahlt sich aus". Seit Mitte 1975 kann die Labour-Regierung sagen: "Käm pfen bringt nichts; man muß eine Alternative finden! Die Unterstützung, die die Labour-Regierung für ihre Einkommenspolitik hat gewinnen können. ruhle nicht nur auf Illusionen. sondern hatte eine reale Basis in der Erfahrung breiter Schichien der Arbeilerklasse. Die Situation hat sich seit 1974 nicht nur insofern gewandelt. als die Kampfbedingungen schwieriger geworden sind, sondern auch insofern. • als die kämpfe nicht mehr dieselben. Ergebnisse hervorbringen.

( Der Schluß folgt in der nächsten INPREKORR- Nummer).

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