ERKLÄRUNG DES VEREINIGTEN SEKRETARIATS DER IV. INTERNATIONALE ZUM STAATS- STREICH DER REAKTION IN BOLIVIEN !
+++++++++++++++++++++++++++++++++++ Der Sieg des proimerialistischen Staatsstreiches - ferngelenkt und koordiniert von den direkten Vertretern des amerikanischen Imperialismus und ausgeführt von seinen Hauptagenten an Ort und Stelle - ist eine taktische Niederlage der arbeitenden Massen Boliviens. Aber er bedeutet nicht das Ende des Bürgerkrieges; er leistet vielmehr erst dessen offenen Beginn ein. Vom Stadium des versteckten und zeitweiligen Bürgerkrieges geht Bolivien nun über zum Stadium des offenen und permanenten Bürgerkrieges.
Die IV. Internationale grüßt die bolivianischen Arbeiter und Studenten, die im Kampf gegen den Staatsstreich des Kolonel Banzer gefallen sind. In Erinnerung an ihre Taten wird man sie von nun an in einem Atemzug mit all jenen Revolutionären nennen, die auf bolivianischem Boden gefallen sind, vor allem mit dem hervorragendsten unter ihnen, Ernesto Che Guevara.
Bolivien ist einer der empfindlichsten Punkte eines lateinamerikanischen Kontinents, auf dem die Klassenkämpfe immer gewaltsamere Formen annehmen. Es besitzt zwar eine der reichsten Oberschichten, aber die bolivianischen Massen zählen zu den Ärmsten der Armen Lateinamerikas. Die Geschichte Boliviens weist eine fast ununterbrochene Aufeinanderfolge von Sprüngen auf. Zuerst wurde die Militärdiktatur Barrientos, dann die von Ovando durch die Aktionen der Massen gestürzt. Aber da der Kampf auf politischer Ebene nicht konsequent genug geführt worden war, übernahm wiederrum ein Militär die Macht. General Torrès bediente sich zwar gern eines linken Vokabulars, aber er ergriff keine einzige entscheidende Maßnahme. Selbstverständlich ließ er die Armee intakt und hielt besonders an Colonel Banzer fest, der an der Spitze der Militärakademie stand und sich dort vor allem mit der Vorbereitung von Staatsstreichen beschäftigte.
Unter dem Druck der Massen mußte eine "Volksversammlung" geschaffen werden, die über keinerlei wirkliche Macht verfügte. Zwar orientierte sich ein großer Teil dieser Versammlung nach links und strebte ein sozialistisches Bolivien an, aber ihr fehlte eine starke und von den Massen anerkannte revolutionäre Führung.
Diese Versammlung zeigte sich eher halbherzig als es darum ging, dem Kampf der bolivianischen Massen Impulse zu geben und ihn zu leiten. So als sie verlangte, daß die Direktion der verstaatlichten Zinnindustrie paritätisch mit Arbeitervertretern besetzt werden müsse; als sie von der Regierung Torrès die Anerkennung Kubas verlangte; als die ersten Versuche revolutionärer Organisationen in der Armee selbst auftauchten und die vom Yankee-Imperialismus unterstützte Aktion in höchster Eile den Staatsstreich durchführte, noch bevor sich eine Revolutionäre Führung hatte herausbilden können.
Unter der Führung von Colonel Banzer stehen heute einträchtig vereint die MNR von Paz Estenssoro, der, nachdem ihn die Revolution von 1952 an die Macht brachte, diese nutzte, um die Eroberungen dieser Revolution wieder rückgängig zu machen, und die Sozialistische Falange, eine Organisation unzweifelhaft faschistischen Charakters. Während des Staatsstreiches "überwachte" die brasilianische Armee die Grenze zu Bolivien und bestätigte somit ein weiteres Mal ihre Rolle als Hauptstützpunkt der imperialistischen Konterrevolution auf dem südamerikanischen Kontinent. Die bolivianische; Erfahrung zeigt damit einmal mehr die Richtigkeit der von der IV. Internationale zu verschiedensten Anlässen vorgebrachten Analyse, nach der die explosiven sozialen Spannungen und die beschränkten ökonomischen Mittel des einheimischen Kapitals, in den meisten lateinamerikanischen Ländern keinerlei dauerhafte Grundlage für ein reformistische Regime zulassen. Die Errichtung eines solchen Regimes ist nur INPREKOR R 15.9.71 S. 2
moglich, und auch das nur eine zeitlang, wenn die Massen sich passiv verhalten. Sobald diese sich aber in Bewegung setzen und die versöhnlerischen alien und neuen Führungen hinter sich lassen, gibt es nur noch zwe1 Wahlmoglichkeiten: entweder führt der revolutionäre Prozeß der Machtübernahme durch das mit der armen Bauernschaft verbündete Proletariat, vor allem durch die Zerstörung der bürgerlichen Armee únd des ganzen staatlichen Repressionsapparates der Bourgeoisie; oder zur Errichtung einer Militardiktatur repressiven Charakters, in der der Armee mehr als je zuvor die Rolle der letzten zuverlässigen bürgerlichen "Partei" Lateinamerikas zufallen wird.
Die bolivianische Erfahrung zeigt den illusorischen Charakter all jener Konzeptionen, die glauben, daß in Lateinamerika ein starker Aufschwung der Massenbewegung allein durch ihren Umfang und ihren Druck den Appetit der "Gorillas" in seine Schranken weisen könnte. Wenn diese Massenbewegung die unbedingte Notwendigkeit, sich auf die bewaffnete Konfrontation mit der Bourgeoisie vorzubereiten, sich zu bewaffnen und de Reaktion zu entwaffnen, nicht einsieht, wird sie zurückgedrangt und von der Repression vorübergehend zerschmettert werden, wie wir es gerade wieder bei der bolivianischen Massenbewegung verfolgen konnten. Die Geschichte wird einst die Verdienste unserer Kameraden von der POR, der bolıvıanıschen Sektion der IV. Internationale, anerkennen, die, in Fronistellung zu den Opportunisten à la Lechin, der Pro-Moskau KP und den Zentristen von Lora, die sich in die Führung der Arbeiterbewegung Leilien und die nun gleichermaßen die Verantwortung für die erlittene Niederlage auf ihre Kappe nehmen müssen, seit Januar 1971 unermüdlich die Notwendigkeit einer sofortigen Bewaffnung der Arbeiter, der armen Bauern und der Studenten verteidigt haben, indemºsie davon ausgingen, daß ein Militarputsch unvermeidlich und kurz bevorstehend sei. Die offiziellen Fuhrer der Arbeiterbewegung setzten dieser klaren, von den Ereignissen vollkommen bestatigten Analysen die trügerische Hoffnung entgegen, daß General Torrès im gegebenen Augenblick die Arbeiter schon bewaffnen wurde; sie vertraten spontaneistische Konzeptionen in bezug auf die Arbeiter, die dann, wenn sie reif für den bewaffneten Kampf sind, ihre Waffen schon selber finden würden und verfassten platonische Resolutionen...mıt dem Inhalt: die Armee würde die Arbeiter bewaffnen. All dies endete mıi dem August-Massaker, wo improvisorische Volksmilizen, mit alten Gewehren bewaffnet und ohne jegliche Vorbereitung oder Ausbıldung, sıch heroisch den Panzern und Flugzeugen der konterrevolutonaren Regierung entgegenstellten.
Auch dieses Mal wird sich die bolivianische Reaktion schnell als untahig erweisen, irgendeines der in Bolivien anstehenden Probleme zu lösen. Und schon fuhrt die revolutionäre Avantgarde, besonders unsere Genossen von der POR, die ELN, der Zamora-Flügel der prochinesischen KP, den Kampf fort und organisiert die Guerilla. Die bolivianischen Massen haben ihre Erfahrungen teuer bezahlen müssen, aber das wird die zukünftigen Kämpfe auf ein hoheres militärisches und politisches Niveau heben. Der Staatsstreich von Colonel Banzer wird 'nicht nur den ausgebeuteten Massen Boliviens als Lehre dienen. Aus ihm 'müssen jetzt die Massen Perus, wo an der Spitze der Regierung auch sogenannte links-"reformistische" Militärs stehen, ihre Lehre ziehen. Er muß den Massen Chiles als Warnung dienen, wo sich in den Kasernen zweifellos ebenfalls Komplotte vorbereiten, um dem legalistischen Experiment von Allende ein Ende zu bereiten. Er muß die Kämpfer und die Massen Uruguays, die Gefahr laufen, den parkamentarıschen Illusionen der "Frente amplio" zu erliegen, warnen, ebenso die Kämpfer und die Massen Argentiniens, dennen die peronistischen Reformisten die Perspektive von befreienden Wahlen für das Jahr 1973 vorgaukeln. Die gefährlichste politische Krafi, über die der Yankee-Imperialısmus und die einheimische Bourgeoisie in den sozialen und politischen Kämpfen, die den lateinamerikanischen Kontinent erschütiern, verfugen. ist die Armee. Sie ist ünempfänglich für Demokratie oder Parlamentarısmus und macht ihre Politik mit Flugzeugen und Panzern,
die sie auch gegen Universitäten einsetzt, wie das soeben noch in la Paz der Fall war.
Gegen diese Macht können die Massen des lateinamerikanischen Kontinents ihre Befreiung, den Sieg des Sozialismus, nur erreichen, wenn sie sich aut ihre Kraft als Klasse verlassen, indem sie langandauernde Kämpfe organisieren, in bewaffneten Auseinandersetzungen mit den Reppressionskräften diese zerstören und das Instrument des Sieges, die revolutionäre Partei des Proletariats, schmieden.
Die IV. Internationale ruft die werktätige Bevölkerung der ganzen Welt zur Solidarität mit den bolivianischen Arbeitern, Bauern und Studenten gegen die Reppression der Regierung von Oberst Banzer auf, um ihnen dabei zu helfen, die nächsten Schlachten vorzubereiten, die neue Militärdiktatur zu stürzen und ein sozialistisches Bolivien zu errichten als Sprungbrett für die Vereinigten Staaten von Lateinamerika.
26. August 1971 Vereinigtes Sekretariat der Vierten
Internationale