Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Revolte der Süd Molukker

· Inprekorr Nr. 51, 13. Februar 1976 · S. 28-30 · 1.375 Wörter

Philippinen und Südostasien

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Einige Tage lang haben die Niederlande im Bela- Braung de lired von tien Allenthaltorten - "entfernt" worden. Die Fersehberichterstattung wurde vorher zensiert, Pressephotographen gezwunder Rechten nach der Anwendung drakonischer Maß- "Terrorismus" zu bekämlisse für ihren Staatsstieich gedient hat. der 1967 den griechischen Militärs als Ku- Angesichts einer solchen Situation ist klar, daß die Kommando-Aktion der Süd-Molukken der holländischen Bourgeoisie Gelgenheit gegeben hat, die öffentliche Meinung psychologisch und materiell auf die Errichtung eines starken Staates vorzubereiten. Diese Ereignisse treten zu einem zeitpunkt ein, wo die Wirtschaft der Niederlande von der Weltkrise des kapitalistischen Systems getroffen ist und bemerkenswerterweise zu einem Zeitpunkt, wo sich die Regierung anschickt, eine bedeutende Anzahl von Gastarbeiter auszuweisen, In diesem Klima, das durch ein Wiederaufflacker des Rassismuş in der Bevölkerung gekennzeichnet ist und von einigen Zeitungen wie den "Telegraf" anläßlich des Einwanderestroms aus Surinam noch durch eine Anti-Gastarbeiter-Kampagne geschürt wird, erhalten die Ereignisse einen düsteren Unterton. Die Affäre der Süd-Molukken kam wie geruten, um den Anhängern der harten Linie in der Bourgeoisie als Anlaß für eine Generalprobe zu dienen. Was vor allem in der Affäre Beilen die Aufmerksamkeit erheischt ist der Widerspruch zwischen der sorgfältig vorbereiteten und vollständig gelungenen Geiselnahme und der Schwäche der "Botschaft", der die terroristische Aktion zur Unterstützung dienen sollte. Die fast-militärische Aktion verlief aber auf politischer Ebene fehlte völlig hen in der Zeit und den Ursprung der weitgehend unbekannten Bewegung der Süd-Molukken untersuchen. Dieser historische Rückgriff erlaubt, den kolonialen Hintergrund des Süd-Molukken-Problems zu erhellen und verdeutlicht, wie sehr ihr Schickal bestätigt, daß die Repression in den Kolonier len Angriff auf die demokratischen Rechte in der Metropolen vorbereitet.

ZUNAECHST EIN HARKIS-PROBLEM

Die Entwurzelung der Sud-Molukken hat ihren Ursprung in der Kolonisierung des holländischen Ostindiens, besonders der Insel Amboina. Die Ausbeutung der Sud-Molukken datiert in der Tat seit der Epoche der Dutch East Indies Company (Gewürzhandel), genauer seit der kapitalistischen und westlichen Durchdringung des indonesischen Archipels Das Ergebnis davon war die Herausbildung einer besonderen Kultur, die traditionelle Zuge und importierte Kulturmodelle miteinander verband. Die christianisierten Amboinesen, deren Besonderheiten sorgtältig gepflegt worden sind, haben dem holländischen Kapitalismus als Speersp itze gedient. Unter ihnen wurden die einheimischen Schock- Truppen der Kolonialrepression (die KNIL) rekrutiert. Sie waren das Instrument der kolonialen Schlächtereien auf dem gesamten indonesischen Archipel. Ihrem ursprünglichen Milieu entwurzelt, den indonesischen moslemischen Massen entfremdet erieten die protestantischen Amboinesen in die Abhängigkeit der Kolonialmacht.

Die Teilnahme der "treuen" Sud-Molukken an der militärischen Repression des indonesischen Nationalismus nach 1945 hat sie endgültig in den Augen

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lonialtruppen (KNIG) sich selbst überlassen, bilde- ten sie mít leicht zu erratender Komplizenschaft einen kurzlebigen neo-kolonialen Staat, die Republik der Sud-Molukken (Republik Maluku Selatan - RMS). Die in Java stationierten süd-molukkischen Milítärs wollten in die RMS zurückkehren. Aber unterdessen hatte Den Haag mit dem Sukamo- Regime einen Modus vivendi abgemacht. Die Streitkräfte der KNIL konnten nicht in Java demobilisiert Lyncht zu werden. Die neue hollandische Poflek werden, da sie dort Gefahr gelaufen wären. schloß ebentalls aus, daß sie Ceram im Archipel der Molukken erreichen konnten, um dort den Kampf gegen die indonesische Republik fortzusetzen.

le Weise gelöst.

holländische Schiffe verfrachtet und in die Niederlande deportiert, wo man nichts besseres wußte, als die alten süd-molukkischen Kämpfer und ihre Familien in alte Nazi-Lager zu stecken. Hier beginnt das Drama der Sud-Molukken Sie waren vom Archipel der Sud-Molukken völlig abgeschnitten, wo die RMS inwzischen ruhmlos untergegangen war. Sie waren administrativ und unter entsetzlichen Bedingungen zuerst in zweckentfremdete Lager, dann in für sie eigens errichtete Ghettos abgeschoben worden. Ihre verständliche Bitterkeit nahm lie Form des Wunsches an, den völlig irrealen Traum einer RMS zu verwirklichen. (Die Judenlager für"verschleppte Menschen" nach 1945 waren zu ihrer Ze it auch Treibhäuser für die Verbreitung der zionistischen Ideologie.). Dieser weltliche Messianismus wurde von der holländischen Rechten noch gezielt gefördert, die nicht mude wurde, den Separatismus in West Irian, den Molukkischen Inseln und anderswo zu schüren, um den Sturz Sukamos herbeizuführen, oder das Regime zumindest zu schwächen.

Abgeschoben in ihre Viertel und auf das Ideal der RMS konzentriert sind die Süd-Molukken völlig von der holländischen Gemeinschaft abgeschnitten. Die steife und militärische Atmosphäre, die in den Familien herrscht, wo die patemalistische Macht sich noch mit einem "Unteroffiziers"-Klima umribt, desorientiert die Jugend schließlich vollends. letztere werden von der Bevölkerung zurückgesto- Ben (die Süd-Molukken sind noch weniger beliebt als die Einwanderer aus Surinam), ihnen wird die niederländische Nationalität entzogen (die Eltem hielten an ihrer fiktiven süd-molukkischen Nationalität fest) und so suchen sie einen psychologischen Ausgleich in der Aggressivität, der Kriminalität, selbstmörderischem Verhalten, Fluchtreakionen (die Sehnsucht nach der RMS ähnelt etwas einem Wachtraum).

Als der Putsch der Generile das Sukamo-Regime in einem Blutbad ertrankte, verloren die separatistischen Bestrebungen der Sud-Molukken jeden Reiz für die holländische Rechte. Aber es war nicht so eintach, den Mohr, der seine Schuldigkeit getar hatte, zu entlassen Mehr als 30.000 Sud-Moluk- ‹en vegetieren in ihren Vierteln dahin und klammem sich mit tragischer Gewalt an ihre mythische RMS. Die Jugendlichen ersticken, eingezwängt zwischen die reaktionäre und autoritäre Vergangenheitssehnsucht ihrer Eltein und die Feindseligkeit ihrer holländischen Umgebung. Sie sind nicht mehr gewillt, zahm den alten Vorbildem nachzueitem. Sie litten unter dieser schweren Situation. Sie hatten mit Bitterkeit die Zwangszerstreuung erlebt, den Entzug der Militärpension ihrer Väter, die brutale Repression der Aufständischen in den Internierungslagem für Molukken. Sie erlebten ihrerseits nun die koloniale Repression.

DIE REVOLTE

Diese kollektive Frustration explodierte in der Besetzung der Wohnung des indonesischen Botschafters in Wassenaar 1970. (Andere spektakuläre Aktionen folgten). Aber diese Aktion bedeutet nicht nur einen Bruch mit der Vergangenheit. Sie ist unverständlich, wenn man nicht die Wirkungen der polidas Suharto-Regime auf die süd-molukkische meinschaft mitbedenkt. So erklärt sich der politische Aktivismus der jungen Sud-Molukken aus einer seltsamen Kombination von kolonialer Nostalgie und sensibilität gegenüber der Kolonialrevolution ! So untersreicht E. Virecht (De Groener Amsterdammer, 19.12.1970), daß die Süd-Molukken eine "black power"-Mentalität an den Tag legen. Im Gefängnis verlangen die jungen Sudmolukken Bucher von E. Cleaver, Che Guevara und Mao. 1971 gründen die befreiten Kampfer mit anderen süd-molukkischen Jugendlichen eine sud-molukkische Befrelungsfront, lie auf ihre Gruppenbesonderheiten abhebt und die indonesischen und holländischen Massen aufruft, sich ihnen in einem gemeinsamen anti-imperialistischen und antikapita• istischen Kampf gegen das Suharto-Regime unc ie niederlandische Regierung anzuschließen, tur ie Befreiung der Süd-Molukken, aber auch für die Befreiung aller Völker Indonesiens (vgl. De Groener Amsterdammer, 18.12.1971).

Das Einbrechen der Sud-Molukken in die holländische politische Szene hat eine scharfe Repression zur Folge gehabt. Die Polizei knüppelte wild Demonstranten und Flugblattverteiler. In ihren Vierbesonders in Isseloord wurden Polizeirazzien mit Bajonettenspitzen durchgeführt. Die Entdeckung eines Plans zur Entführung der Königin säte end- Molukken sich versammelten, "Ordnungskräfte" . Als 5000 um den 25.Jahrestag der todgeborenen Sud-Molukkischen Republik zu feiem,. waren 2.650 Polizisten zur Stelle und Hubschrauber überwachten die Versammlung. Umzingelung süd-molukkischer Viertel durch Polizisten in Begleitung von Spürhunden und Panzerwagen ist zu einem gängigen Bild geworden - Ulster in den Niederlanden.

Kurzum, in ihren Vierteln besteht ein regelrechter Kriegszustand und außen heurum allgemeine Indifferenz.

Das ist der Hintergrund für den sud-molukkischen Terrorismus. Man muß hinzufügen, daß diese uneinheitliche Bewegung sehr empfindlich registriert hat, wie sehr sich die Terroristen-Aktionen der Palästnenser in Bezug auf Offentlichkeit in den Massenmedien "lohnen"

Es bleibt abzuwarten, ob die Kampfbereitschaft der Sud-Molukken und ihre kollektive Frustration in die Klassenkämpfe in den Niederlanden eingereiht werden können, ob ihre Bereitschaft zur revolutionären Tat von der revolutionären Avantzarde realistischen Zielen zugewandt werden kann, ob ihre Bewegung sich aber die indonesische und/ oder holländische Wirklichkeit aussprechen kann. Das setzt natürlich voraus, daß sich in ihren Reihen ansatzweise ein kritisches Bewußtsein über den a-historischen und zutiefst reaktionären Charak ter des Wunsches nach Wiederbelebung der RMS entfaltet.

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