Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Ceylon

Erste Bilanz

Inprekorr Nr. 5, 15. Juli 1971 · S. 9-14 · 3.221 Wörter

Indien und Südasien China Jugend und Studenten Großbritannien

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CEYLON : ERSTE BILANZ +++++++++++++ *+++++ +++• ++ Seit mehr als zwei Monaten wurden blutige Unterdrückungsmassnahmen gegen die Janata Vimukti Peramuna (die Font der Befreiung des Volees - J.V.P.) durchgeführt. Jetzt haben die Honoratioren der herrschenden Klasse Ceylons ihren Schlaf wiedergefungen - sie atmen auf. Sie haben alles wieder unter Kontrolle: ihre imperialistischen Meister sind zufrieden; letzten Endes werden sie von der Massenschlächterei profitieren.

In einer Zeit, in der man fast überall in der Welt der Pariser Kommune gedenkt, ohne Interesse, einen Vergleich zwischen der Pariser Kommune und dem Verteidigungskampf der J.V.P. zu ziehen. Dae trägt dazu bei, die Bedeutung des Bürgerkriegs in Ceylon zu begreifen und eine Prognose für die Zukunft zu versuchen.

Die Auigaben, mit denen die Kommune konfrontiert war, haben sie erdrückt; • gie haben durch ihre Kompliziertheit. die vorherrschende Desorganisation und Kopflosigkeit verschärft. Mut allein genügt eben nicht.. Und dennoch hat die Kommune das experimentelle Modell für kommende Kämpfe des internationalen Proletariats abgegeben. Genau hundert Jahre später, im gleichen Monat, am gleichen Tag, hat sich die revolutionäre Jugend Ceylons erhoben, und ihr Kampf hat ebenso lange gedauert wie der der Pariser Kommune. Ihre Kraft und Entschlossenhitdie große Zahł derer, die auf der ganzen Insel hineingezogen wurden, reichten nicht aus , um diesen revolutionären Aufschwung zu einem siegreichen Ende zu führen. Dennoch werden wir aufzeigen, dass die Partie unentschieden endete und dass der scheinbare Sieg der imperialistischen Regierungskräfte erhebliche Risse hat• In dem Augenblick, in dem die Regierung der "Volksfront der Linken" , die sich aus den bürgerlichen Ministern der. SLPP von Frau Bandaranaike, ihren wiedergefundenen Brüdern der ISSP und dem stalinistischen Minister der pro-Moskau KP zusammensetzt, den Entschluss fasste, die entstehende revolutionäre Bewegung zu zerschlagen, schuf sie eine Lage, in der die Initiative auf politischem Gebiet in ihre Hände überging. Die Initiative wurde der revolutionären Avantgarde, die fast überall in einem allerdings noch brodelndem und unfertigem Gärungsprozess war, entrissen. In fast neun Monaten "linker" Regierungszeit war diese Koalition unfähig gewesen, auch nur die geringste soziale oder politische Massnahme durchzuführen, die sich zugunsten des Volkes, der städtischen Arbeitermassen, des Landproletariats oder der Jugend, die in der ceylonesischen Bevölkerung die Mehrheit bildet, ausgewirkt hätte. Wenn diese Regierung heute noch in den Ledersesseln sitzt, die ihre imperialistischen Herren ihnen hinterlassen haben, so verdankt sie das vor allem iden Schwächen der revolutionären Avantgarde. Der Minister, der als der starke wann der ceylonesischen Regierung gilt, hat dies indirekt in einem Intervien nit einem Journalisten der britischen "Sunday Times" 6.Juni 1971) selbst zugegeben.

Felix Bandaranaike ist eine der wichtigsten Figuren des Regierungsclans der Ministerpräsidentie, der sehr ehrenwerten Frau Bandaranaike. Er ist der Innenminister. Dieser Mann sieht klar, er ist ein bürgerlicher führer, der seine Klasse verteidigt. Er sagt: "...Obwohl der 5.April für den Aufständ festgesetzt gewesen zu sein scheint , haben 2 Gruppen ihre Waffen hervorgeholt und in der Nacht des 4. April zwåe kleine Polizeiposten auf dem Lande angegriffen. In beiden gab es nur eine Nachtwąche. Die Aufständischen, etwa 20-bis 30 Leute, machten sie nieder und raubten die Waffen des Polizeipostens, die im allgemeinen aus einer Sterling-Maschinenpistole und 12 oder 15 Gewehren bestehen....Die Regierung begriff dass es sich um den Beginn einer landesweiten Revolte handelte. Sie ging nicht das Risiko ein , Colombo seiner Verteidigungskräfte zu entblössen, sondern beschloss, dass die Polizeipostenfsich, koste es was es wolle, verteidigen sollten. Als die Aufständischen in der, ( Nacht des 5 April angriffen, wurden die kleinsten Posten nur von 6 Offizieren, die grösseren von 25 Offizieren kommandiert. Die Aufständischen schnitten die elektrischen Kabel durch und drangen mit Pistolen und handgemachten Gr naten

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in den Posten ein.

In den folgenden zwei Tagen wurden 90 Posten angegriffen, einige sogar mehrmals. Zwée fielen den Aufständischen in die Hände, die anderen widerstanden und bradhten ihnen schwere Verluste bei. Ihre Zelle in Colombo wurde verhaftet und zweg eine habbe Stunde bevor sie ihren Aktionsplan durchführte: der auch die Ermordung von Frau Bandaranaike vorsah.

Aber am Ende des zweiten Tages brach die Krise aus. Die Munition für die Sterling-Maschinenpistolen ging aus. Die Gewehre, die aus der Zeit zwischen dem Buren- und dem Ersten Weltkrig stammten, funktionierten sehlecht. Zur grosse: Betrübnis der Regierung war ihr Düsenflugzeugteschwader von "Provost"- Maschinen unbrauchbar geworden. Ihre drei Hubschrauber hatten nur noch Benzin für hundert Flugstunden. Die Regierung hatte keine andere Wahl als sich von den kleinen Polizeiposten zurückzuziehen und ihre Kräfte in wichtigeren Gebiene zu konzentrieren. Das verschaffte den Aufständischen einen be- „eutenden psychologischen Sieg , denn für die örtliche Bevölkerung stellte sich dies als Flucht der Regierung dar.

Schleunigst stellte die Regierung eine liste für die notwendigsten Waffenkäu: = zusammen. Sie brauchte Munition, Granaten, Helikopter für den Nachschub, ( denn die Aufständischen kontrollierten zu diesem Zeitpunkt die wichtigsten Strassen) und Düsenbomber, die über den Küsten patroullieren mussten, um jeden Versuch , für die Aufständischen Material zu landen , zu vereiteln. Jetzt trug Ceylons Politik , sich keinem der beiden Weltlager - weder dem Westen noch dem Osten - anzuschliessen, såline Früchte. Grosspritannien schickte aus Singapur Waffen und Munition auf dem Luftwege. Die USA lieferten einige Helikopter , Indien und Pakistan schickten ebenfalls welche. Die UdSSR lieferte fünf Mig-17 mit Instruktoren, die nur solange bleiben sollten , bis die ceylonesischen Piloten ausgebildet sind. China gewährte eine zinslose Anleihe in Dollar oder in englischen Pfund Sterling im Gegenwert von 150 Millionen Rupien.

Um den 30. April hatten Polizei und Armee das gesamte , von den Aufständischen eroberte Gebiet , wieder besetzt. Bei diesen Operationen wurden keine Ausländer eingesetzt. Die Regierung verlor 120 Mann, meist Polizisten. Die Verluste der Aufständischen schätzt man auf 500 bis 600. Zwischen dem 1. und 5. Mai erliess die Regierung einen Aufruf an die Aufständischen, die Waffen niederzulegen. Ungefähr 6000 beantworteten ihn und ergaben sich. Fast 1500 sind noch in Aktion, aber die Regierung glaubt, dass der Monsun, der jetzt kommen wird und der hangel an Nahrungsmitteln und Munition sie zwingen wird, sich zu ergeben und dass Säuberungsoperationen nicht nötig sein werden. Die lokalen Führer werden abgeurteilt und die Regierung hofft, die übrigen wieder in das gesellschaftliche Leben eingliedern zu können..." So sielt es einer der starken Männer dieses Regimes, •Wenn also die Koalition der internationalen Konterrevolution vom China Maos' bis zu den Vereinigten Staaten Nixons nicht interveniert hätten, hätten diese Regierung hinweggefegt werden können.

DIE SCHWÄCHEN EINES KAMPFES

Die Tatsache, dass der bewaffnete Widerstand sich auf die Provinzen mit überwiegend singhalesisch - buddhistischer Bevölkerung begrenzte, wo er überall gleichzeitig ausbrach genau jene Provinzen, in denen die SLFP von Frau Bandaranaike im Juni 1970 die grössten Wahlerfolge erziehlt hatte, war von besonders grosser Bedeutung. Gerade idies verbreitete nämlich hinter den Kulissen der "Volksfront " eine solche Panik.

Obwohl die Regierung erklärte , in der Nacht vom 5.April ein Komplott verhinder zu haben und obwohl sie über den Rundfunk das "Geständnis" eines "Terroristen" verbreitete, dass in der Nacht des 5.April 1971 die Ministerpräsidentin Frau Bandaranaike "tot oder lebendig " gefangen werden sollte, gab es in diese Augenblick weder in Colombo noch in der gesamten Westprovinz , der volkreichsten der Insel, überhaupt keire Anzeichen, die die von dem oben zitierten Schergen vorgebrachten Behauptungen hätten stützen können.

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Die Vorstellung einer "Revolution, die an einem einzigen Tage gemacht wird", oder auch in einer Nacht, ist die Erfindung hirnrissiger "linker" ceylonesischer Bourgeois. Es scheint jetzt im Gegenteil viel klarer, daß der bewaffnete Widerstand der J.V.P. von der Führung dieser Organisation zwar zurecht vorbereitet werden mußte, weil die Volksfront-Regierung einen kapitalistischen und pro-imperialistischen Charakter hat, daß er aber als Folge eines überraschenden Angriff der Regierung ausbrach. Es war dies eine Gegenoffensive, in der es um Leben oder Tod ging. Die Regierung wollte die J.V.P. rasch undgründlich vernichten; die J.V.P. konnte nichts anderes tun, als Widerstand zu leisten, und sie ist dieser Aufgabe nicht ausgewichen. Die J.V.P. ist politisch noch roh und unausgegoren. Man kann unmöglich eine wirklich revolutionäre Organisation von solch gewaltigem Ausmaß wie die J.V.P. ihre bedeutendsten Führer nicht Mitte März verhaftet worden wären (insbesondere Rohan Wijeweera), wenn nir massiven und systematischen Haussuchungen der Regierung sowie die Verhaftungen und "Verhöre", die zu diesem Zeitpunkt unaufhörlich folgten, frühzeitig genug aufgehört hätten, kein bewaffneter Widerstand ausgebrochen wäre. Und das, obwohl der hohe Organisationsgrad und die tatsächlichen Erfolge gegen Polizei und Armee zu Beginn der Kämpfe bewiesen haben, daß die Mitglieder der J.V.P. sich offensichtlich auf "außerparlamentarische Kämpfe" vorbereiteten.

Als die wütenden Angriffe von der Regierung gegen sie ausgelöst wurden, hatten die J.V.P.-Mitglieder keinen anderen Ausweg, als sich in den Gebieten, in denen der Widerstand ausbrach, zu ihrem eigenen Schutz auf einen Kampf um Leben und Tod einzulassen. Das war schon deshalb unvermeidlich, weil die J.V.P. über keine Massenbasis in den Plantagen oder in der West-Provinz verfügte, wo die Arbeiterklasse und die städtischen Mittelschichten vorherrschen, und weil sie keine Möglichkeit hatte, einen bewaffneten Aufstand in Colombo, ja nicht einmal in den Provinzzentren auszulösen. In dieser Lage befand sich die J.V.P. in dem Augenblick, in dem die Regierung ihre Offensive zu zerschlagen, und dies unter der rechtlichen Deckung der In mancher Hinsicht gibt es tragische Parallelen zur Pariser Kommune, So hais ben die Mitglieder der J.V.P. - trotz ihrer gefährlichen Isolierung - versucht, in den Gebieten, die sie nach der lokalen Aussschåatung von Polizei und Armee hielten, eine revolutionäre Verwaltung aufzubauen. Sie verteilten aus den Läden der landwirtschaftlichen Genossenschaften oder aus den Beständen privater Großgrundbesitzer Nahrungsmittel an die Bevölkerung. Die Regierungspropaganda behauptete natürlich das Gegenteil. Hätte man die Wahrheit verbreiten können, dann hätte dies eine elektrisierende Wirkung augunsten des revolutionären Widerstandes in einem Augenblick gehabt, in dem die Regierung gezwungen war, sich durch ausländische Hilfe retten zu lassen. Die Widerständler erhielten von der Bevölkerung in den von ihnen kontrollierten Gebieten Unterstützung. Und wenn sie sich jetzt auch in den nahegelegenen Dschungel zurückziehen mußten, um sich gegen die Angriffe der Regierungsstreitkräfte, gegen luftangriffe und Artillerieüberfälle zu schützen, so ist die in diesen Kämpfen gewonnene Erfahrung und Basis in der Bevölkerung beträchtlich, und sie wird nicht so schnell zusammenschmelzen. Jetzt kündigt sich eine Phase an, in der man die Verbindung zur Landbevölkerung neu organisieren muß, in der geheime Organisationsstrukturen geschatfen werden und die für den revolutionären Kampf gewonnenen Massen politisiert werden müssen. Jetzt geht es darum, begangene Irrtümer zu analysieren und die Ursachen zu erforschen, warum die Arbeitermassen in den Städten und insbesondere in Colombo sich nicht sofort mit der J.V.P. solidarisch gezeigt haben.

Nach allen Kenntnissen, die wir jetzt haben, ist nicht zu bezweifeln, daß ein kombinierter Aufstand der städtischen Arbeiter mit dem Widerstand der J.V.P. in den ländlichen Gebieten die Unterdrückungskräfte der Regierung zerschlagen und den Weg für eine revolutionäre Macht in Ceylon geöffnet hätte. Weder die J.V.P. noch die revolutionäre städtische Avantgarde waren sich dessen

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bewußt und natürlich noch weniger hierzu bereik Das. aber hätte auch eine. morgahische und Ideologische Verbindung zwischen den revolutionären Kräften bedeutet, die in den dynamischen Prozeß der ceylonesischen Revolution eintreten, also der städtischen Arbeiterklasse und zumindest des landproletariats. Diese Verbindung hätte eng genug sein missen, um die Kampffronten koordinieren zu können. Dieser Prozeß war nur auf der Ebene der Führungen eingeleitet, aber nicht auf der Ebene der Massen. Wäre letzteres der Fall gewesen, dann hätte sich daeiProletariat trotz seiner historischen Rückständigkeit, die es politisch keinzeichnet, auch auf den Plantagen in Bewegung setzen können.

So wird völlig klar, daß die Ungleichmässigkeit der Entwicklung der einzel*o nen Sektoren, aus denen sich die ceylonesische Avantgarde zusammensetzt, dazu beigetragen hat, ihre Unterdrückung zu ermöglichen. Einerseits gibt es eit junge Avantgarde ländlichen Ursprungs, die mit bedeutenden Schichten der Gymnasialjugend und von Studenten verbunden ist, deren politischer Entwicklungsrythmus mindestens ebenso rasch war wie der anderer Jugendsektoren in der Welt angesichts der Krise des Imperialismus; andererseits gibt es eine Arbeiterklasse, die fast völlig auf Colombo und seine Umgebung konzentriert ist, deren wirtschaftliche und soziale Lage weitaus besser ist als die der stiefmütterlich behandelten Landbevölkerung. Die Gewerkschaftsorganisa- all der Fadheit, der äußeren britischer Art" tionen dieser Arbeiterklasse, die nach britischem Muster - hat zweifelsohne während der Periode des Widerstandes der Politur und dem reformistischem Gift "typisch s de oale Lage gewirkt ist - mit J.V.P. auf die Solidarität mit ihr und den Kampf gegen die Unterdrückungsmaßnahmen der Regierung verheerende Auswirkungen gehabt. Durch viele Jahre des Paternalismus und dank der verräterischen und reformistischen Aktion jener Führer der "traditionellen" Linken, die die ceylonesische Arbeiterklasse als unabhängige und organisiert Kraft geformt haben, die augenblicklichen LSSP- Minister Leslie Goonewardena, Colin R. da Silva, N.M. Pereira, ist Gewalt der ceylonesischen Arbeiterklasse größtenteils fremd geworden. Die neue Arbéiterorganisation, die sich teilweise in den Reihen der CMU (Ceylon Mercantile Union) sammelt, ist von den reformistischen Schlacken und den Traditionen der Vergangenheit noch nicht genug Kampforganisation als eine "klassische, gereinigt, obwohl die CMU eher eine Gewerkschaft ist. Angesichts der allgemeinen Passivität der Arbeiterklasse war es absolut unmöglich, zu riskieren, eine Teil der noch zerbrechlichen und für eine militärische Auseinandersetzung in der Stadt absolut nicht vorbereitete Avantgarde aufs Spiel zu setzen. Es ist durchaus bezeichnend, daß die große Masse der Arbeiterklasse, die von den Regierungsgewerkschaften kontrolliert wird, den Lügen und: Verleumdungen der Regierung auf den Leim gegangen ist. Gewiß, das Klima des relativen Terrors und das Ausgehverbot in den Städten, darunter auch in Colombo, haben dazu beigetragen, daß keine Mobilisierung erfolgt ist, aber entscheidend bleibt, daß die Arbeiterklasse sich absolut stumm verhielt. Es bleibt also das Problem, wie man die Einheit in der Aktion zwischen den beiden politischen und sozialen Sektoren herstellen kann, die in ihrer gegenseitigen Ergänzung eine der Grundbedingungen für den revolutionären Kampf bilden: einerseits eine kulturell und bis zu ihren Formen und ihren Aktionsarten ziemlich "europäisierten" Arbeiterklasse, und anderersetis eine ländliche Avantgarde und eine intellektuelle Jugend, deren politische Züge und deren Verhalten sie den revolutionären asiatischen Traditionen nahebringen. Hinzufügen muß man noch, daß dieser Radikalisierungsprozeß ohne Tradition unvermeidlich eine maximalistischen Charakter hat, schon allein darum, weil er historisch jung und darum zwar mächtig, aber auch ungeformt ist, weil er infolge der Degenerierung der traditionellen Linksparteien, die nur die europäische Linke nachäffen und dem Muster der Linksparteien der imperialistischen Metropolen (im Falle Ceylons Großbritannien) geschaffen wurden, sich selbst überlassen blieb.

Welche Antwort man in der Praxis hierauf geben wird, entscheidet auch über den Wiederbeginn der revolutionären Aktion in Ceylon. Erfolgt diese Antwort nicht, dann wird die ceylonesische Revolution noch mehr vom Entwicklungs- INPRE KORR 15.7.71 S. 12

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rythmus der durch Bengalen beschleunigten indischen revolutionären Krise abhängig sein. Nach dem Beispiel Kubas ist es wenig wahrscheinlich, daß sich ein revolutionäres Regime auf Dauer in Ceylon installieren und an der Macht halten kann, wenn es nicht teilweise oder ganz mit der indischen Re.. volution verbunden ist.

Eines ist auf jeden Fall für den kommenden Verlauf des revolutionären Kampfes auf der Insel sichergestellt. Die ceylonesische Avantgarde und insbesondere die J.V.P. or r jene, die in ihren Reihen noch Illusionen hinsichtlich des übernatürlichen Glanzes der Ideen des großen Verschleierers Mao Tse-tung hatten, sind jetzt geheilt vom Maoismus. Die iffentlich gezeigte Haltung der chinesischen Regierung gegenüber der revolutionären Bewegung vernichtete im Keim den Einfluß des Maoismus als Faktor, als nacheifernswertes Modell der revolutionären Mobilisierung. Die ISSP- und SLFP-Minister können sich jetzt ohne Schwierigkeiten als Maoisten ausgeben. Etwas delikater dürfte dies für den Minister sein, der gleichzeitig Sekretär der mo kautreuen KP ist!

Man muß nur den vollständigen Text der Botschaft Tschu En-lais an Frau Bandaranaike lesen, der in den regierungsfreundlichen Blättern Ceylons wiedergegeben wurde (siehe auch INPREKORR Nr. 4 vom 15.6.71), um sich hierüber in klaren zu sein. Für die chinesische Diplomatie bedeutet dies nach Bengalen den großen Sprung. Die Hilfe Chinas für die Regierung erinnert stark an jene andere Hilfe, die von der Sowjetunion unter Stalin Ischiang Kai-schek gegen Mao gewährt wurde!

NEUEN KÄMPFEN ENTGEGEN

Wie zur Zeit der Pariser Kommune Frankreich erfaßte der Sturm der Revolte Ceylon. Er ging über den simplen Rahmen einer arbeitslosen Jugend der ländlichen Gebiete hinaus. Daß es der Regierung gelang, die lage wieder zu meibedeutet keineswegs, daß nur ein vergeblicher, zweckloser heroischer Versuch unternommen wurde. Ebensowenig wie vor der Bürgerkriegsperiode verfügt jetzt die Regierung über wirtschaftliche und finazielle Mittel, um eine Wirtschaft ingang zu setzen, die vom Imperialismus im allgemeinen und vom Tee-Markt im besonderen abhängt, dessen Kurse für die ceylonesische Wirtschaft katastrophal sind. Man muß also betteln und fallt deshalb 1mmer ein wenig mehr in den politischen Herrschaftsbereich des Imperialismus. Umsomehr, als man jetzt für etwas wird bezahlen müssen, was bisher weder eine rechte noch eine linke ceylonesische Regierung als wichtige Aufgabe hatte: die Schaffung eines Repressionsapparates, die Umformung Staatsapparates von Grund auf, um in zukünftigen Phasen des Kampfes in den Städten wie auf dem Lande sich halten zu können. Das ist ruinös; man braucht Material, muß es erneuern und unterhalten, Leute ausbilden, um es zu bedienen. Denn dank der Verschlechterung der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Arbeiterklasse als Folge des findziellen Bankrotts der Regierung und ihrer daraus herrührenden Unfähigkeit, selbst zu investieren oder auch nur die ausländischen Investitionen zu kontrollieren, wird - ch zweifellos die Arbeiterklasse - und vor allem ihre Avantgarde - in Bewegung setzen und lernen, gemeinsam zu kämpfen, allerdings auch mit einem neuen und für das politische Leben Ceylons permanenten Faktor: die Aufrechterhaltung und die Aktivität bewaffneter revolutionärer Gruppen. Diese Guerillakerne werden als Stachel dienen und ein gespanntes soziales und politisches Klima aufrechterhalten; sie sind die Flamme eines revolutionären Volkswiderstandes, eine Art permanenter Aufruf zum Kampf. Die Regierung kann während einer recht langen Zeit diese Kerne, die etwa 2000 Widerständler zählen, die sich in den Dschungel flüchteten, nicht zerstören. In der Zwischenzeit kann sich die Lage auf der Insel erhellich fortentwickeln. Es bedarf vieler Monate, bis sich eine feste revolutionäre Partei herausbildet, aber ihr Weg ist abgesteckt und die strategische Linie vorhanden. In gewissen Tei en der Arbeiterklasse wurde den militanten Mitgliedern der J.V.P. Sympathie bezeugt. Ihr Beispiel strahlt Kraft aus und jeder Schlag der Repressionskräfte wird ihr neue Sympathien eintragen. Das ist ein unab-

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änderliches Gesetz, das sich in mehr als 20 Jahren revolutionärer antikolonialistischer und antiimperialistischer Kämpfe bewahrheitet hat. Auch Teile der ceylonesischen Armee haben auf die eine oder andere Weise eine gewisse Sympathie für die J.V.P. und ihren Kampf verraten. Die J.V.P. hatte ihren Widerstandgruppen den Befehl gegeben, vor allem die Söldner-Polizei anzugreifen und einen politischen Kontakt zur Armee zu suchen. Das drückt sich auch darin aus, daß die Verlustziffern für die Polizei sehr viel höher siu als die der Armee. Auch erklärt dies den Hilferuf, den die Regierung ans Ausland richtete.

Die vielen Jahre, die die ceylonesische Regierung benötigt, um vorerst nur hypothetisch die kapitalistische Wirtschaft ingang zu setzen, liegen in einer Periode, in der sich die revolutionären Kämpfe in der Welt ausbreiten und vor allem in einer Zeit, in der die indische Revolution ausbrechen un? tange andauern wird. Die Zukunft der ceylonesischen Revolution, die vödl} mit der indisch-pakistanischen Revolution zusammenhängt, zeichnet sich jetzt bereits in ihren Umrissen ab.

7. Juni 1971 Gérard Vergeat (Aus ROUGE Nr. 118 vom 14. Juni 1971;