Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

'Unfruchtbare Polarisierung'?

Inprekorr Nr. 45, 13. November 1975 · S. 24-30 · 2.908 Wörter

Sowjetunion Stalinismus und Bürokratie Trotzki und Geschichte Portugal

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"Die Diskussion um dieses Hauptthema breit zu entfachen (nämlich das der Perspektiven der Revolution in Europa) ist eine wichtige Aufgabe vor allem der italienischen revolutionären Linken gegenüber der europäischen revolutionăren Linken, da sie am engsten mit der Realität und dén Erfahrungen des Klassenkampfes verbunden ist und die Gefahr besteht, daß sich innerhalb der revolutionären Linken eine unfruchtbare Polarisierung zwischen einem "marxistisch-leninistischen" und einem trotzkistischen Flügel herausbildet."

Es ist tatsächlich wichtig, alle Fragen zu diskutieren, die Lotta Continua in ihrem Artikel angeschnitten hat. Andere Themen müßten zu den das Problem des gerade die poriges she B- das gerade die portugiesische Erfahrung wieder auf den Plan gebracht hat, nămlich die Frage nach den Bewegungskräften der sozialistischen Revolution, ihren Instrumenten und nach der Art der Machtergreifung. Es ist eine Tatsache, daß eine ganze Zeit lang (jetzt nicht mehr so sehr) die extreme Linke in Italien die Illusionen der portugiesischen Linken in die MFA als Garanten des revolutionären Prozeßes geteilt hat und ihre Hoffnung besonders auf die wortgewaltigen MFA-Sprecher setzte, die sehr "progressive" Interviews gaben, gegen Empfang enthusiastischen Beifalls. Dies war nicht einfach eine Fehlanalyse, sondern das Resultat einer radikal falschen Konzeption. Man hat praktisch einer vom Proletariat unterschiedenen Kraft, die keine revolutionäre Partei war und dies auch nicht sein konnte, die Rolle des Motors der Bewegung und der Führerin im revolutionären Kampf zugesprochen. Die Erfahrung hat schnell, aber leider auf Kosten eines Stillstands der Revolution gezeigt, daß die Varianten eines revolutionären Prozeßes Zwar unvorhersehbar sind, aber das, was variieren kann, ist maximal die Art und der Zeitraum, ir dem die revolutionäre Führung aufgebaut wird. Die Aufgabe der Revolutionäre ist es, hinter außerordentlichen Erscheinungsformen die Substanz des Entwicklungsprozeßes zu erkennen; "besondere" Wege, Ausnahmen, Verkürzungen, "Originalität" sind weder möglich in Bezug auf die Funktion der Arbeiterklasse als der einzigen hegemonialen Kralt der Bewegung, noch in Bezug auf die Notwendigkeit der Organisierung der Arbeiterklasse in ciner leninistischen Partei. Wer das nicht versteht, der hat nicht genügend über die chilenische Tragödie nachgedacht und auch nicht über die jüngsten Ereignisse in Portugal.

Die Auseinandersetzung ist also notwendig und sie muß pünktlich, ehrlich und offen sein. Da hilft es auch nichts, solche Formeln wie die der "unfruchtbaren Polarisierung" zu gebrauchen, die sich innerhalb der europäischen revolutionăren Linken abgezeichnet hätte. Wer sich vor Etiketten scheut, der lasse sie beiseite, der diskutiere über die Theorien, die Konzeptionen, die eine Antwort darstellen wollen auf all diese Probleme und die an der Basis der politischen und organisatorischen Differenzen sind. Der "Marxismus-Leninismus" sagt der Maoismus hat ein zahles Leben; einer- oder besser geseits ist er unter gewissen Umständen oline weiteres in der Lage, Haltungen wie Dogmatismus, Sektierertum und Abenteurertum hervorzubringen, andererseits erhält er direkt oder indirekt Stärkung von der Macht, die der chinesische Staat darstellt und dem Prestige, das er weiterhin hat. Der Trotzkismus ist seinerseits eine Wirklichkeit, an der niemand so leicht vorbeigehen kann. Auch Lotta Continua wird lernen, die trotzkistischen Positionen zu analysieren und ihrem wirklichen Gehalt nach zu beurteilen,

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statt sie durdı schlaue Manöver unter dem Vorwand ihres heute noch geringen Eintlules zu umgehen. Ebenso können die Positionen, die die kommunistischen Parteien einnehmen, die ja immer noch eine bedeutende Strömung in der internationalen Arbeiterbewegung darstellen, nicht einach durch ablalige Bemerkungen abgetan werden, sondern müssen in ihren theoretschen und strategischen Aussagen widerlegt und in ihren praktischen Konsequenzen denunziert werden.

Lotta Continua scheint in der revolutionären Linken eine Initiative zu ergreifen ; die der Tendenz zur "unfruchtbaren Polarisierung" entgegenarbeitet. Es steht außer Diskussion, daß die italienische revolutionäre Linke einen ausreichenden Rang hat, um sich Gehör zu verschaffen und daß sie Erfahrungen gesammelt hat, über die die Genossen, wahrscheinlich aller Tendenzen in andern Ländern, noch zu wenig nachgedacht haben. Dieser Erfahrungsschatz kann dazu dienen, eine ganze Reihe von Proble men tiefer zu erfassen, er wird aber deswegen nicht "neue" oder "besondere" Wege der Lösung eröffnen. Uns scheint, daß in den Ausführungen von Lotta Continua im Unterton ein gewisser nationaler Messianismus mitschwingt, der unabhängig von der Absicht der unterzeichnenden Genossen nur bedingt positiv bewertet werden kann. Die italienische Arbeiterbewegung hat in verschiedenen Perioden mehrfach andere Züge angenommen als die Arbeiterbewegung in andem Ländern Westeuropas. In den ersten 20 Jahren dieses Jahrhunderts hatte die PSI innerhalb der II. Internationale eine besondere Stellung inne und hat auch nach dem Fall des Faschismus eine andere Haltung eingenommen, als die andem europäischen Sozialdemokratien. Auch die KPI kann eine eigene, "nationale" Physiognomie geltend machen, die sie von ihren Bruderparteien unterscheidet. Auch ein Gebilde wie díe PSIUP in den 60er Jahren kennt nichts Vergleichbares in den andern Landern. Diese Besonderheiten haben Z.B. da- . Weltkrieg nicht so schändlich kapitulierte wie die übergroße Mehrheit der Arbeiterparteien vieler anderer Länder; sie haben auch bewirkt, daß die PSI sich den reaktionären Manövern der anderen sozialdemokratischen Parteien während Ähnlich haben es die Besonderheiten der KPI laubt, die klassischen stalinistischen Schwenks in kürzerer Zeit und weniger krasser Form durchzumachen und die sterilsten Formen der Abhängigkeit von der Sowjetbürokratie eher zu überwinden. Jedoch haben sich als Gegengewicht dazu stärker zentristische, eklektische und sonstige Zwischenpositionen herausgebildet, auf verschiedenen Stufen und zu verschiedenen Zeiten. Dies hat Mißverständnisse, Doppeldeutigkeiten und Illusionen geschürt (man denke nur an die PSI, die sofort nach dem 1. Weltkrieg der III. Internationale beitrat und auf einem Kongreß für die Diktatur des Proletariats stimmte I), hat die notwendigen Klärungen, die notwendige Bewußtseinsbildung hinausgezögert und daher auch einer revolutionären leninistischen Partei. Selbst der kritische Reflexionsprozeß, der ın der KPI 1956, früher als in den andern KPs und sequenzen, die noch 20 Jaze danach sparbar Kon- danach spürbar sind. Mit der Durchsetzung einer immer stärker "verfassungsorientierten" und gradualistischen Linie hat sie einer starken Stalinismus-Kritik von rechts den Boden bereitet, die heute in der Partei die Mehrheit hat. Gleichzeitig sind viele von denen, die nicht bereit waren, die reformistische Perspekzielle sozialemena tiening der parise eiden- tive zu akzeptieren, in die Arme des orthodoxen Stalinismus, des Neo-Stalinismus und des Maoismus getrieben worden.

Die extreme Linke muß daher vermeiden, ihre jetzigen Besonderheiten als notwendiges Resultat ihres größeren Erfahrungsschatzes zu betrachten, akkumuliert in der anhaltendsten der politischen und sozialen Krisen deskapitalistischen Europa, daraus ihre Überlegenheit gegenüber der europaischen extremen Linken abzuleiten. Sie muß dagegen immer mehr mit einer internationalen Perspektive arbeiten, d. h, sich mit allen Tendenzen auseinandersetzen, Position beziehen gegenüber allen großen Problemen der Arbeiterklasse der ganzen Welt.

Dies ist zugleich ein unumgängliches theoretisches und praktisches Erfordernis.

20. September 1975

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DIE KRISE DER

ETTORE SALVINI

SOWJETISCHEN

LANDWIRTSCHAFT

Die Nachrichten aus der Sowjetunion über die Getreideernten werden von Tag zu Tag pessimistischer. In jedem Fall ist klar, dass die landwirtschaftliche Produktion in diesem Jahr nicht nur weit unter dem Plansoll liegen wird, sondern auch die Vorjahresproduktion beträchtlich unterschreitet (sie erreicht vielleicht das Niveau des verheerenden Erntejahres 1972, oder unterschreitet dieses noch).

Mehr als 20% (1) des nationalen Einkommens stammen aus landwirtschaftlicher Produktion, 3/4 der Konsumrüter sind landwirtschaftlicher Herkunft. Die Bedeutuns ler Lage der Landwirtschaft für das Wachstum des nationa len Einkommens ist daher offensichtlich. Die sowjetische Landwirtschaft ist immer schon die Achillesferse der Wirtschaft dieses Landes gewesen. Die landwirtschaftlichen Krisen bestimmen den Rhythmus der Geschichte der sowjetischen Wirtschaft und Gesellschaft: 1921 die Hungersnot in den Wolgagebie. en, währendder Falle von Knnibalismus verzeichne wurden, 1931-32 Hungersnot in der Ukraine, die Krise der Landwirtschaft zu Beginn der 50er Jahre und, in den letzten Jahren, Mißernten, von denen die bekanntesten in die Jahre 1963-64 und 1970 fallen.

Das Verhältnis der sowjetischen Führung zur Bauernschaft ist, wie schon immer, ein zentrales und ungelöstes Problem. Der Industrialisierungsprozeß hat das Antlitz ler sowjetischen Republiken geändert, aber obwont er las spezifische Gewicht der landwirtschaftlichen Produktior und der Bauern im Leben des Landes verringert hat, hat er es nicht vermocht, die Probleme zu lösen -- und konnte dies auch nicht auf Grund der Art und Weise, wie die Industrialisierung vollzogen wurde.

die de sowjem ehe Bureate von 1929 bis 1982, die Kollektivierung der Landwirtschaft durchführte, bildet sicherlich den Kern der landwirtschaftlichen Probleme dieses Landes. Es möchte fast scheinen als ob die Bauern, mit Gewalt expropriiert, zum Teil verschleppt, alle aber an den Rand des gesellschaftlichen Lebens des Landes gedrängt, sich heute noch rächten für das, was vor 45 Jahren geschah.

Aber die Dinge stehen nicht so einfach.

Die Politik der Bürokratie gegenüber den Bauern war schon immer ständigen Schwankungen unterworfen, die im Zusammenhang standen mit der Frage nach individuellem Besitz an Bodenparzellen. In der Tat hat die Kollektivierung :zu einer doppelten Struktur auf dem Lande geführt: auf der einen Seite wurden kollektive Felder geschaffen, die entweder dem Staat (Sowchosen) oder den Genossenschaften (Kolchosen) gehörten, auf denen die Produktion aber zentral geplant wurde und deren Erträge an die staatlichen Lagerhäuser abgeliefert wurden; andererseits blieben individuelle Bodenparzellen bestehen, deren Produkte Privateigentum des Bauern waren,

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Formell sollten die individuellen Bodenparzellen -die heute ungefähr 3% des bearbeiteten Bodens ausmachen -- nur dazu dienen, den Eigenunterhalt der bäuerlichen Familie zu sichern. In Wirklichkeit kommen heute noch 9% der für den Verkauf bestimmten landwirtschaftlichen Produktion (aber 34% der Kartoffeln) und 15% des für den Verkauf bestimmten Viehbestands (aber 19% des Fleischs) von diesen winzigen Parzellen, die von den Bauer intensiv, aber ohne technische Hilfe bearbeitet werden. Vor dem Krieg fiel das Verhältnis für den kollektivierten Sektor noch ungünstiger aus: 53% der kommerziellen landwirtschaftlichen Produktion und 54% der kommerziellen Viehproduktion kamen aus dem privaten Sektor. Das bedeutet, daß die Produktivität im kollektivierten sektor sehr niedrig ist, obwohl sich hier alle Maschinen und Investitionen konzentrieren; dagegen wird auf den privaten Feldern, nur von Hand bearbeitet werden, ein extrem hohe Die Reaktion der Bürokratie durchlief hintereinande Die Reaktion der folgende Schwankungen:

der privaten Parzellen: Senkung der globalen land- Einschränkung der Nutzung (und der Oberfläche) wirtschaftlichen Produktion; Konzessionen für die Nutzung privater Parzellen; Wiederaufschwung der landwirtschaftlichen Produktion; Entwicklung des privaten Sektors: erste Schwierigkeiten im kollektivierten Sektor, Einschränkungen usw.

In der Zwischenzeit stagnierte die Landwirtschaft. Der Teufelskreis beruhte ökonomisch auf lächerlich niedrigen landwittschaftlichen Investitionen und politisch auf einer völlig autoritären Führung sowohl der Sowchosen als auch der Kolchosen. Die Politik Chruschtschows hat sich von dem oben beschriebenen klassi schen Modell Stalins nicht wesentlich abgehoben. Es stimmt, daß er in größerem Maßsystematischer als je zuvor Konzessionen gewährt hat. Aber der Kreis schließt sich wieder mit den neuen Einschränkungen, die zu Antang 6oer Jahre verhängt wurden und mit der landwirtschaftlichen Katastrophe von 1963 (2).

Breschnews Agrarpolitik

Das, une dakol an, die Beschränkungen, Che deschows individuellen Parzellen von seinem Vorgänger auferlegt worden waren, wiederaufzuheben und den Bauern eine Reihe von Konzessionen zu machen: lie Preise für die Agrarprodukte wurden angehobe ind die Bauern von der Zwangsabgabe an die staatlichen Vorratslager befreit. Dies war eine äußerst emäßigte Politik, die in der zweiten Hälfte der S0er Tahre auch ihre Früchte zeitigte. Die Neuheit in der Politik Breschnews besteht darin, daß sie auf die schlechte Ernte von 1969 und die noch schlechtere von 1972 nicht durch den traditionellen Rückgriff auf Beschränkungen des landwirtschaftlichen Privatsektors reagierte, sondern durch eine Umverteilung der Investitionen zugunsten der Landwirtschaft.

Dies ist eine sehr wichtige Neuheit in der sowjetischen Wirtschaftspolitik, die die Landwirtschaft immer als einen Sektor betrachtet hat, den man auf koloniale Weise ausbeuten konnte. So lagen die produktiven Investitionen im Agrarsektor 1961 bis 1965 bei durchschnittlich 15,4%, in den Jahren 1966-73 bei durchschnittlich 16,9%; aber sie erreichten 20, 3% 1972 und sollten durchschnittlich 21 im 9. Fünfjahresplan 1971-75 betragen. (3) Diese Politik war schon von Chruschtschow verfolgt worden, indem er die in der Stalin-Ära fast inexistenten Investitionen im Agrarsektor (11, 7% von 1946 bis 1950) anhob. Dennoch ist es Breschnew, der diese Politik systematisch und bis zu Ende durchgeführt hat. Andererseits machte die bedeutende Verringerung der landwirtschaftlichen Bevölkerung eine Intensivierung der Investitionen dringend notwendig, wenn die Verfügbarkeit über Konsumguter steigen sollte. Parallel dazu ist das Lebensniveau der Bauern stark angehoben worden, und zwar, was noch wichtiger ist, stärker als das Lebensniveau in den Städten. Außerdem sind zum erstenmal in der Sowjetunion auf dem Land soziale Errungenschaften wie das garantierte monatliche Mindesteinkommen und Renten für Kolchosenmitglieder eingeführt worden, Auf diese Weise sind die Voraussetzungen geschaffen worden, die traditionelle Abdrängung der Bauernschaft an den Rand der Gesellschaft, aufzuheben.

Dennoch zeigen die Ergebnisse dieses Jahres und noch mehr die von 1972, daß all diese Bemühungen sich als unzureichend erwiesen haben.

Sicherlich arbeitet die sowjetische Landwirtschaft unter ungünstigen klimatischen Bedingungen und vor allem unter schlechteren als die Vereintgten Staaten. (4) Sicher war die Politik des Getreideexports in der zaristischen Periode, aber auch in den Jahren 1920-50 nur möglich auf Grund des allgemein geringen Lebensniveaus der Bevölkerung.. Aber trotzdem stellt die Mißernte in diesem Jahr eine richtiggehende Niederlage dar, deren Ausmaße dann besonders schwerwiegend sind, wenn der Ernteertrag von Getreide, dem wichtigsten Anbauprodukt, unter 168 Mio. Tonnen liegt, d.h. unter dem Ertrag der mit der Mißernte von 1972 erreicht wurde und der vom Fünfjahresplan als unterste Grenze angegeben ist. Die Ziele des neunten Plans waren in Bezug auf den Agrarsektor, wie auch sonst, sehr vorsichtig abgesteckt: im Vergleich zu einem durchschnittlichen Ernteertrag von 167 Millionen Tonnen Getreide im Zeitraum 1966-70 sah er eine Steigerung um 15% vor, d.h. durchschnittlich 195 Millionen Tonnen Getreide von 1971-75.

Die Mißemte von 1972 hat dieses Ziel schon gefährdet; die Mißernte von diesem Jahr begräbt es endgültig. Dies hat, wie wir noch sehen werden, negative Konsequenzen auf die sowjetische Wirtschaft als Ganzes, was seinerseits wahrscheinlich politische Konsequenzen nach sich ziehen wird Es ist daher wichtig, die Gründe für die Niederlage der Agrarpolitik Breschnews zu verdeutlichen. Wir haben gesehen, tischen landwirtschaft zu durchbrechen, indem wie Breschnew versucht hat, den Teufelskreis er hier eine wesentlich höhere Investitionsrate als in der Vergangenheit durchsetzte.

Aber auf politischer Ebene ist nichts getan worden, um die Bauern an der Leitung der landwirtschaftlichen Fabriken, seien sie in den Händen der Genossenschaften oder des Staates, zu beteiligen. Die einen und die andem, und sie gleichen sich einander immer mehr an, den genauso autoritär geführt wie vor 30 oder 40 Jahren mitten in der Stalin-Ära. In dieser Situation könner die "materiellen Anreize". um den sowjetischen Sprach-

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UDSSR gebrauch zu verwenden, keine entscheidende Rolle spielen, sondern im Gegenteil nur völlig unzureichende Ergebnisse hervorbringen.

In der Tat ist eine autoritäre Unternehmensführung völlig vereinbar mit einer marktwirtschaftlichen Ordnung, wo die Logik des Profits genügt, um die größte mit diesem System verträgliche Effektivität zu sichern. Dort, wo es keinen Markt gibt und keine Profitlogik, wie in der sowjetischen Wirtschaft, wird der Mangel an wirtschaftlicher (und politischer) Demokratie jedoch zu einem mächtigenBremsklotz der Entwicklung, und die globalen okonomischen Vortelle, die ein System vollstandiger Planung gewährt, sind zunehmend weniger imstande, die aus diesem Mangel erwachsenden Nachteile aufzuwiegen.

Die sowjetische Landwirtschaft hat noch einen anderen wunden Punkt, der die Situation noch verschlimmert, namich ihre Doppelstruktur, d.h. die schizophrene Trennung in große mechanisierte Farmen einerseits und private Mikrofundien andererseits.

Diese Struktur war zu Anfang notwendig, um denKonsequenzen einer Kollektivierung, die gegen den Willen der überwiegenden Mehrheit der Bauem durchgeführt worden 1st, wenigstens teilweise zu begegnen und einer fast inexistenten Industrialisierung der Landwirtschaft (Mechanisierung und chemische Düngemittel) Rechnung zu tragen. Dieser Kompromiß mit feudalem Beigeschmack hat sich als ein machtiger Faktor des wirtschaftlichen Konservatis mus erwiesen: in ihm sind zu einem großen Teil die Ursachen tur die wirtschattliche Stagnation zu suchen. Immer hin würde eine "administrative" (d, h, bürokratische) Abschaffung der privaten Parzellen zwar nicht zu einem richtigen Bauemaufstand führen, aber mindestens zu Formen des passiven Widerstands, die sich auf die landwirtschaftlichen Erträge katastrophal auswirken würden. Ubrig bleibt nur noch, das Interesse des Bauern für seine individuelle Parzelle langsam fortschreitend zu überwinden, durch Verbesserung des Einkommens, das er in den kollektiven Landwirtschaftsbetrieben erzielt und damit durch die spürbare Anhebung der Produktivität in den letzteren. Dies war die Politik, die korrekterweise von Breschnew auf wirtschaftlichem Gebiet verfolgt wurde. Aber die wirtschaftlichen Maßnahmen reichen nicht aus, es bedarf grundlegender politischer Veränderungen. Und hier hat Breschnew logischerweise Halt gemacht. ine politische Demokratisierung hätte nämlich auf die Landwirtschaft allein nicht beschränkt werden könner und sie hätte auf die eine oder andere Weise die Macht der sozialen Schicht untergraben, die Breschnew so brillant vertritt: die Bürokratie.

Theoretisch gäbe es natürlich auch noch eine andere Lösung: die Rückkehr zum verallgemeinerten privaten Besitz auf dem Land. Scheinbar können die privaten Parzellen eine wichtige Grundlage dafür darstellen. Eir näherer Blick auf die aktuellen Strukturen der sowietischen Landwirtschalt genugt jedoch, um sich von der Unmöglichkeit dieses Weges der Rückkehr zum Kapitali smus zu überzeugen.

Man kann sich in der Tat in der gegenwärtigen Situation nichts schwieriger vorstellenals eine Aufteilung nicht so sehr der ca. 6000 ha bebaubares Land einer jeden Kolchose (oder der 20,000 ha einer jeden Sowchose), dern der 34 Traktoren, 10 Mäh- und Dreschmaschinen, 16 Lastwagen, ohne zu sprechen von den mechanisierten Ställen, den Hühnerzuchten und all der anderen fixen Anlagen, die sich im Lauf der Jahre der Kollektivierung und besonders während der letzten beiden Jahrzehnte angesammelt haben.