Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die beiden 'Supermächte': eine falsche Theorie

Inprekorr Nr. 45, 13. November 1975 · S. 17-18 · 961 Wörter

Sowjetunion China Kuba und Karibik USA und Kanada

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Die theoretische Wurzel der chinesischen Position bildet die These, wonach die UdSSR eine imperialistische, oder besser sozialimperialistische Macht sei. Letztere Bestimmung wird von den nicht-orthodoxen Maoisten unterstrichen, um die unbestreitbaren Unterschiede zwischen der Politik der UdSSR und des amerikanischen Imperialismus zu kennzeichnen und so die Schwierigkeiten zu umgehen, die eine Gleichsetzung der beiden Mächte in ihren Stellungnahmen und deren Hintergründe mit sich bringt. (Lotta Continua weist z. B. darauf hin bei der Behandlung ihrer unterschiedlichen Positionen zu Angola). Es bleibt jedoch die Tatsache bestehen, daß für die chinesische Führung beide Regime in ihrem Wesen, d. h, ihrer Klassennatur nach identisch sind, Daran ändert auch nichts, daß vor allem die chinesische Propaganda von ihnen mei- stens als den "GrOßmächten' oder "Supermächten" spricht, oder schlimmer noch als den "reichen Ländern" im Gegensatz zu den armen Ländern, den Ländern der ersten Kategorie gegenüber solchen einer zweiten und dritten Kategorie, die sich von den "Supermächten" unterscheiden; d. h. sie setzen völlig unwissenschaftliche Kriterien an die Stelle einer Klassenanalyse. Nach chinesischer Auffassung besteht die Wesensgleichheit beider Mächte darin, daß in der Sowjetunion der Kapitalismus herrsche wie in den USA auch.

Es ist hier nicht möglich, erschöpfend dieses Thema zu behandeln. Die Schwierigkeit liegt jedoch darin, die widersprüchliche Doppelnatur der herrschenden Kaste in der UdSSR zu begreifen. Diese Kaste hat sich über die Masse der Arbeiter und Bauern gestellt, hat die Rätedemokratie zerstört und der arbeitenden Bevölkerung ihre eigene Diktatur aufgezwungen; in der Absicht, ihre Herrschaft und Privilegien zu erhalten, hat sie bisher im allgemeinen im Sinne einer gung auf der ganzen Welt unter, Dennoch ist sie hervorgegangen aus einer nachrevolutionären Uberrangsgesellschaft, ihre Herrschaft gründet sich auf Jie Produktions- und Eigentumsverhältnisse, die vor der Oktoberrevolution geschaffen wurden; sie ist interessiert ne daher 15t kam V dieser Verhältnisse gegen Tendenzen zur Restaurierung des Kapitalismus zu verstehen, vor allem dann, wenn diese nicht nur eine mögliche Gefahr, sondern eine reale Drohung darstellen. Daher auch ihr Interesse, der Expansion des Imperialismus entgegenzuarbeiten und soziale Kräfte und Bewegungen zu unterstützen, die gegen den Imperialismus kämpfen, ebenso wie Länder, in denen die Revolution zur Zerschlagung des kapitalistischen Systems geführt hat.

Der Fall Kuba spricht für sich. Die sowjetische Bürokratie hat nichts unternommen, um den revolutionären Kampf zum Sieg zu führen; die kubanische KP der vorrevolutionären Zeit hat mehrmals Batista unterstützt und sich erst zu einem späteren Zeitpunkt dem Kampf Fidel Castros und seiner Bewegung angeschlossen. Aber als in Kuba ein Arbeiterstaat errichtet wurde, in dem nicht nur die Betriebe der Imperialisten enteignet wurden, sondern auch die der sog. nationalen Bourgeoisie, die UdSSR ein Interesse daran zu verhindern, daß die Vereinigten Staaten Kuba angriffen, um das alte Regime wiederherzustellen und sie hat Kuba lebensnotwendige wirtschaftliche und militärische Hilfe geleistet. Ähnliches kann man am Fall Vietnam beobachten. Die Sowjetunion wollte weder, daß das Genfer Abkommen platzt, noch daß die Revolutionäre die neuen Operationen der Imperialisten und ihrer Marionetten mit der Wiederaufnahme des bewaffneten Kampfes beantworten. Sie hat getan, um Kompromiße zu erzwingen, womit sie die Aufgaben der vietnamesischen Führung besonders in kritischen Momenten sehr erschwert hat (das gilt übrigens auch für China, mindestens ab 1970). Dennoch stand die Sowjetunion im Laufe des Konflikts auf der Seite Vietnams, dem sie -wenn auch verspätet-- eine bedeutende militärische Hilfe gegeben hat. Und Vietnam war jahre-

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lang das Zentrum der Klassenkämpfe auf Weltebene; die eingenommenen Positionen können daher nicht von taktischen Erwägungen, von konjunkturellen oder nebensächlichen Interessen bestimmt gewesen sein, sondern nur von der Klassennatur der beteiligten Kräfte.

Was dann die Natur der sozio-ökonomischen Strukturen betrifft --von deren Analyse man ja ausgehen muß--, so wird die Bestimmung der Sowjetunion als Arbeiterstaat, in dem also trotz der bürokratischen Degenerierung kollektive Produktionsverhältnisse herrschen und keine kapitalistischen, von einem Tatbestand erhärtet, dessen Bedeutung niemand unterschätzen darf. Seit eineinhalb Jahren wird die kapiaußer Diskussion, daß diese Krise grundsätzlich nicht konjunkturellen oder partiellen Faktoren zugechrieben werden kann, oder Disfunktionen, auf die die bürgerlichen Wirtschaftsfachleute und Politiker hinweisen, sondern daß sie aus dem Mechnismus des Systems selber resultiert, aus seinen inneren Widersprüchen, und daß der Umfang und die Tiefe der Krise mit der globalen Krise des Imperialismus im Weltmaßstab zusammenhängt. Die Rezession erfaßt aber nicht China, und dies nicht deswegen, weil die chinesische Wirtschaft entwickelter wäre, als die in den anderen Ländern, oder eine höhere Festigkeit erreicht hätte (im Vergleich zu den entwickelten kapitalistischen Ländern ist eher das Gegenteil der Fall), sondern weil die Revolution dort andere, qualitativ unterschiedene Produktionsverhältnisse geschaffen hat, solche kollektiver Natur. Aber auch die Sowjetunion wird von dieser Krise nicht erschüttert. Wollen wir endlich diese unumstößlichen Tatsachen zur Kenntnis nehmen und ihre strukturellen Gründe begreifen? Oder wollen wir warten, bis wieder irgendein Bettelheim eine neue instrumentelle Interpretation ausfindig macht, die der neuen Situation angepaßt ist :

Als in den 60er Jahren die Polemik entflammte über die sog. Restaurierung des Kapitalismus in der Sowjetseiont, dade des sowjetision sie in den kapitalistischen Weltmarkt eingegliedert hatte, daß sie immer engere Tauschbeziehungen zu den kapitalistischen Ländem entwickelte, sich von den ausländichen Kapitalisten ganze Industrieanlagen bauer ließ, ausländische Kredite aufnahm usw. ben schon damals erklärt, warum dies nicht die entscheidenden Faktoren zu einer Bestimmung der Klassennatur der UdSSR sind. Wie dem auch sei, China ist im Moment dabei, auf breiter Skala dasselbe zu tun. Was meinen die Maoisten dazu, die dogmatischen und die unorthodoxen ? Haben sie etwa vor, gewissen Sekten --wie z.B. einigen amerikanischen Ex-Maoisten zu folgen, die in konsequenter Anwen dung falscher Theorien nun zum Schluß gekommen sind, auch in China sei der Kapitalismus wiederhergestellt 2 «Hauptfeind» UdSSR :