Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Portugal

Die Armee sagt NEIN

Inprekorr Nr. 43, 16. Oktober 1975 · S. 12-18 · 4.071 Wörter

Portugal

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C. MICHALOUX & A. UDRY

Anläßlich seiner Vereidigung als neuer Minister- den Rhythmus der Entscheidungen zu beschleunipräsident Portugals kündigte Pinheiro de Azeve- gen, sich selbst einen Anschein von Festigkeit do mit Selbstsicherheit seine Absicht, die Autori- und Effektivität zu geben. Angesichts der extretät und die Disziplin innerhalb der Armee wieder- men Schwierigkeit, das COPCON als Repressionsherzustellen, an. instrument einzusetzen, gründet die Regierung eine neue Einheit, die AMI (Militärische Intersieben Tage später, erneuerte ventionsgruppe). Gegen die Entwicklung der SUV er mit Besorgnis seinen Aufruf mit folgenden Wor- (Gemeinsam werden wir Soldaten siegen!) beten: " Allein die Disziplin und der Zusammenhalt fiehlt die Regierung die Inhaftierung der Streitkräfte und ihr Bündnis mit den progressi- Militärs und die Entfernung der "Rädelsführer" ven Parteien und den arbeitenden Massen können aus der Armee. Gegen die Demonstrationen der dazu beitragen, unsere Feinde zu isolieren, AFDA (Verband der Invaliden der Streitkräfte) sie dann leicht zu besiegen. • Im Namen des Kamp- setzt sie Elite-Truppen von Amadora ein. fes gegen die Reaktion und der "Verteidigung der will der Ministerpräsident den Prozess Punkt für Punkt steckt die Regierung jedoch Nieder autonomen Organisieruns der Soldaten stoppen derlagen ein. Die Mehrheit der Einheiten, aus der und den Respekt vor der Militärhierarchie wieder- die AMI gebildet werden soll, weigert sich! Die herstellen. zwei verhafteten Militärs werden durch eine Soldaten - und Arbeiterdemonstration befreit! Die

Die Tageszeitung der Sozialistischen Partei, massive Unterstützung für die AFDA macht nach enthüllt den wahren Charakter dieser dem Repressionsversuch einen Sprung nach vorn. "Wir durchleben scliwierige Stunden; die Streitkräfte werden durch die Politik von Das Schlüsselelement des Regierungsprojekts, die innen her zerfressen, vom Soldaten bis zum Armee, weicht zurück, Die Soldatenbewegung, General. Anstatt, daß sie ein Faktor der Ordnung die ein Produkt der gegenseitigen Beziehungen in der Gesellschalt sind, nehmen sie die wider- zwischen dem Autschwung der Kämpfe, der Bewesprüchlichsten Positionen ein, ohne den Bürgern gung der Selbstorganisierung und der Krise in de las notwendige Vertrauen und die notwendige hierarchischen Struktur ist, hat heute die Mobili- Sicherheit zu geben, über die jede Gemein- sierungen der Arbeiter und der anderen Volksmasschaft verfügen wenn sie eine wirksame sen überholt, in den Schatten gestellt, und sich und produktive Arbeit leisten will. " (Editorial vom selbst an die Spitze der Kämpfe gestellt. Die spek- 26. 9.75). takulären Umstände ihrer Entstehung und ihr Weiterbestehen kann einen neuen Aufschwung der Arbei- Die wachsende Krise innerhalb der portugiesisch- terbewegung erleichtern. In einer solchen Situaen Armee verurteilt jedes Projekt einer mehr Hion das en len eine e seichen en anteise deute und mehr provisorisch werdenden VI. Regierung zum Scheitern. Dennoch versuchte sie, in der Lage wäre aus der Krise einen politischen

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Ausweg zu weisen und breite Sektoren der Arbeiterklasse um sich zusammenzuschließen. Hände weg von der SUV

Nach der Demonstration vom 10. September in Porto (siehe Interview mit einem Mitglied des Sekretariats der SUV in dieser Ausgabe der INPRE- KORR) hat der Generalstab die Gefahr sofort erkannt.

Er beschränkte sich nicht darauf, das Problem der rates zu setzen; er ging daran, sich an der Demonstration beteiligt hatten, der Armee herauszuschmeißen, er beschloß, Soldaten einen exemplarischen Schlag zu versetzen. Als man bei einigen Soldaten Flugblätter fand, nahm man dies zum Vorwand, um sie unter Arrest zu setzen. Zu diesem Zweck suchte sich der Generalstab eine Kaserne aus, wo die Mobilisicrung der Soldaten noch ein relativ schwaches Niveau hatte.

Der Mituntoles Gereiten linto und des Fouriers nach der Verhaltung

Figueiredo aus der EPI (Infanterie-Schule von Mafra) versammelten sich die Soldaten. auf dem Hof und skandierten "Befreit unsere Genossen!". "Reaktionäre taus aus den Kasernen!"Da sie nicht wußten, daß ihre zwei Genossen nach Trafaria überführt worden waren (eine Festung in der Nähe von Lissabon) rückten sie aul das Gelangnis der Kaseme vor im sie zu befreien. Die Offiziere, die sich ihnen entgegenzustellen versuchten, wurden ein Opfer der Entschlossenheit der Soldaten. Manu militari wurden sie beiseitegeschoben. Der Kommandant mußte eine Kasernenvollversammlung einberufen; er wurde mit dem Ruf empfangen: " *Faschisten raus aus der Kaserne!"

Die Solidarität mit den zwei gelangengesetzten Soldaten übersprang rasch die Mauer von Mafra. n zahlreichen Kasernen wurden Unterstützungsesolutionen verabschiedet: an den Generalstal schickt, in denen die sofortige Freilassing der Sol- und an den Revolutionsrat wurden Telegramme daten gefordert wurde.

In Moscavide-Sacavem, eine Region , wo Figueiredo ein bekannter antifaschistischer Militant war, wurde von den Arbeiterkommissionen und den Moradores- Komitees, in Zusammenarbeit mit den Soldaten, eine Demonstration organisiert, die vor der EPSM (Dienst- und Nachschub-Schule von Sacavem) mündete. Soldaten der EPSM und Arbeiter forderten die sofortige Freilassung von Pinto und Figueiredo. Der Kommandant der EPSM gab seine Unterstützung für diese Initiative kund. Dennoch ließ er einige Tage später einen Aufruf in den Reihen der Berufsoffiziere zirkulieren und dort unterschreiben, in dem die Auswechselung der radikalisierten Villiz-Offiziere und Miliz-Unteroffiziere gefordert wurde, sowie eine Neustrukturierung des Regiments. Die Soldaten bekamen von diesem Zirkular Kenntnis und forderten eine Vollversammlung, wo sie die Resolution -- vor den Augen des Kommandanten und vor den Augen der Olliziere -- zerrissen. In diesem Augenblick verstand der Kommandant vielleicht, wo die Grenzen der Demagogie liegen. Die SUV hat gesiegt, die SUV wird siegen! Gegenüber der Solidaritätsbewegung und gegenüber der Reaktion der Soldaten von Mafra, unterstützte und rechtfertigte Fabiao, Generalstabschef der Armee, die Entscheidungen des Kommandanten der EPI und damit enthüllte er seine wahren Ziele: die Liquidierung der SUV. Er erklärte: "Die SUV ist eine Organisation, die den Organen, die die MFA in den Militäreinheiten strukturieren, fremd ist. Die Bestratung die der Kommandant der EPI gegenüber zwei Militärs dieser Einheit angeordnet hat, bewegt sich im Rahmen der disziplinarischen fertigt aufgrund der Tatsache, Normen der Armee. Diese Bestra diese Militärs Propaganda machten und Flugblätter innerhalb der Kaserne verteilten, Flugblätter einer Organisation, die den Strukturen der MFA innerhalb der Einheit nicht entsprechen. Der innere Zusammenhalt und die Disziplin der Streitkräfte sind Schlüsselelemente tur die Existenz der Armee und für ihre Famigkeit, im Dienste einer zu intervenieren, wirklich sozialistischen Revolution Die Demonstration von 4 000 Soldaten und 40 000 Arbeitern in Lissabon am 15. September, die auf den Aufruf der SUV hin zustandegekommen ist, viderlegte Fabiao. Die Demonstranten brachten lautstark zum Ausdruck, daß nicht die SUV, sondern die MFA einer wirklichen sozialistischen Revolution feindlich gegenübersteht.

Bei den Parolen dieser Demonstration wurde keinerlei Bezug mehr zur MFA hergestellt. Das Transparent an der Spitze des Zuges, das symbolhaft von Arbeitern, Bauern und Soldaten gemeinsam getragen wurde, trug die Parole: "Arbeiter und Bauern, Soldaten und Matrosen -- vereint werden sie siegen!" Diese Parole ersetzte die übliche "Bündnis zwischen MFA und Volk".

Auf dem Platz Edouard VIl, wo die Demonstration zu einer Kundgebung mündete, forderte ein Sprecher der SUV die Demonstranten auf, sich am folgenden Tag vor den Toren von Trafaria -- 15 km entfernt -- wiedereinzufinden, um die Freilassung der beiden Soldaten von Mafra zu fordem. Eine spontane und einmütige Antwort brandete auf: "Heute noch, sofort!"

Die Redner der SUVforderten dann die Busfahrer der Gesellschaft Carris, die auf der Demonstration anwesend waren, sowie die Fahrer der Militärlastwagen auf, sich vorne einzufinden, um sich ans Steuer der Autobusse zu setzen, die die Demonstranten in einem nahegelegenen Busdepot beschlagnahmen gingen. Somit begaben sich mehrere tausend Demonstranten nach Trafaria, Um 2,30 Uhr mußte Otelo de Carvalho den Befehl zur Befreiung der beiden Soldaten unterzeichnen. Dies wurde von den Demonstranten mit Beifallsklatschen und dem Ruf "Die SUV hat gesiegt, die SUV wird siegen!" aufgenommen.

Dieser erste Sieg sollte tiefgriefende Rückwirkungen haben. Am 1. Öktober diskutierte eine Vollversammlung der Soldaten den Vorschlag, alle reaktionären Offiziere und den Kommand anten der Kasere aus der Armee zu entfernen; ein Gefreiter sollte zum neuen Kommandanten gewählt werden. Die Parole der SUV "Reaktionäre raus aus den Kasernen!", die von deh Soldaten von Mafra am 23. September übernommen worden war, bekam einen konkreteren Inhalt.

Diese Tendenz kam bereits in andeten Kasernen zum Ausdruck, Im RPM (Militärpolizei-Regiment

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PORTUGAL von Lissabon), einer Einheit in der zahlreiche offiziere sehr radikalisiert sind, stimmte eine am 24. September abgehaltene Vollversammlung für eine Resolution, in der sich besonders tolgender Punkt befindet: "Die Versammlung billigt (mit vollständiger Genugtuung den Vorschlag, die reaktionären Offiziere, suchen, eine Spaltung innerhalb der Einheit zu versuclien, rauszuschmeißen".

Auf diese Weise antworteten die revolutionären Offiziere und Soldaten des RPM auf die Anschuldigung des Spaltertums, die von Seiten von Fabiao und Carvalho vorgebracht wurde.

Kriegsversehrte sprerren Regierung ein Am 20. September beschließt der Ministerpräsident, Truppen cinzusetzen, um die Portugiesische Radiound Fernsehstation (RTP), Radio Renascença, Radio Clube Portugues (RCP) und Emissora Nacional (EN) 2u besetzen.

Mir die milles le Bestanger oder deauptwand für die militärische Besetzung der folgende: materiellen forderungen war fe eine gerechteten Behandlung verdienten, kulminierte schlierlich in ler Besetzung der nationalen Sendeeinrichtunger (offizielle Sendestation) und in einem Versuch, die Regierung, die sich zu einer Arbeitssitzung in der Residenz des Ministerpräsidenten versammelt hatte, einzusperren. Infolge dieser Eskalation konnte man den Erklärungen der Wortführer der Bewegung selbst entnehmen, daß die Lähmung des gesamten Lebens der Hauptstadt angepeilt wurde. Die Regierung spielt hier auf den Kampf an, von den Soldaten und Offizieren, die Mitglieder der AFDA sind, ein Verband in dem 30 Kriegsversehrte als Produkt des portugiesischen Kolonialkrieges organisiert sind, gelührt wird. Diese Kriegsversehrten sind erbittert über die vollständig fehlenden bzw. vollständig ungenügenden sozialen Maßnahmen zur Linderung ihres Schicksals. Deshalb haben sie seit dem 13, eine Kampagne für materielle Forderungen begonnen.

Das einzige Mittel, über das diese Schwerverletzten verfügten, besteht darin, zu spektakulären Aktionen zu greifen, um dadurch die Öffentlichkeit zu alarmieren. So blockierten sie mit ihren Rollstühlen die drei Stationen, die den Brückenzoll für die Autobahn über die große Tejo-Brücke erheben, wodurch alle Fahrzeuge kostenlos passieren konnten. Sie wurden dabei von den Angestellten der Stationen, die diese Gebühren erheben, unterstützt. Anschließend besetzten sie "Emissora Nacional". Die Arbeiter dieser Station stellten ihnen Sendezeiten zur Verfügung und integrierten die Stellungnahmen der Kriegsversehrten regelmäßig in die Nachrichtensendungen, Schließlich beschlossen die Kriegsversehrten, den Sao Bento- Persamms und der Regierung. den Sitz der Konstituierenden Während der Versammlung gesamten Dauer ihres Kampfes empfingen sie die Unterstützung von zahlreichen Militäreinheiter und besonders die materielle Hilfe von Seiten der Militärpolizei (Fahrzeuge, Lebensmittel, Kleidung, Unterkünft). Diese Schwerverletzten aus den Kolonialkriegen, zumeist amputiert, "sperrten" also die Regierung "ein" und bedrohten Lissabon mit Lähmung.

In Wirklichkeit befürchteten Pinheiro de Azevedo, Antunes, Fabiao, Zehna usw., daß die von der AFDA eingesetzten Formen der Propaganda auch von anderen Sektoren, die im Kampf stehen, übernommen würden. Bis dahin informierte das Radio -- unter dem Druck der Angestellten der Sendestationen -lie Bevölkerung breit über die verschiedener Kampfe. Mit dem Kampf der AFDA war eine Schwelle überschritten worden: diejenigen, die sich im Kampf befanden, ergriffen direkt das Wort, unterstützt und in Zusammenarbeit mit den Arbeitern der Radiostationen. Das konnte zur Multi- ›liziering der Schlagkraft der Kämpfenden fühihre Isolierung verhindern -- zu einem Zeitpunkt, wo die Regierung die Wiederi:erstellung des sozialen Friedens anstrebt.

nach den Soldaten der AFDA, würden vor Erg, von Matay, von der Suv vor undet- von RIOQ, tausenden von Arbeitern das Wort ergreifen. Diese Dynamik vor allem befürchtete die Regierung als sie von "widerrechtliche: Einsperring" sprach. Die aktive Solidarität der Militarpolizei mit der AFD A eröffnete eine solche Eventualität. Es ist daher kein Zufall, wenn der zweite wesentliche Grund, der von der Regierung für ihr Verhalten angegeben wird, sich auf die Streitkräfte bezicht: "Bei all diesen Ereignissen kann man einen gemeinsamen Nenner finden: die Absicht die Basis der Disziplin und der Ordnung zu unterminieren, besonders in den Streitkräften, die doch die moralische Reserve der Nation darstellen. Ein Land, in dem die Informationsorgane dazu übergehen, zivilisatorischen und moralischen Grundlagen eines viele Jahrhunderte alten sozialen Paktes zu zerstören, hört auf zu existieren.

Diese Erklärungen, die eines De Gaulles würdig wären, müssen -- angesichts der aktuellen sozialen Situation -- im Namen der "sozialistischen Revolution" abgegeben werden. "Der Sozialismus und die soziale Gerechtigkeit, beides unantastbare Pflichten der MFA und der Regierung, können nicht auf der Basis der Anarchie aufgebaut werden. "Die friedliche Koexistenz dieser beiden sich einander widersprechenden Behauptungen sind bezeichnend für die Form, die der Konservatismus der herrschenden Klasse im Rahmen eines revolutionären Aufschwungs annehmen kann.

Besetzung: um die Arbeiter mundtot zu machen oder um sie sprechen zu lassen ? Sofort nach Verkündigung des Befehls zur Besetzung der Radio- und Fernsehstationen formierte sich auf nationaler Ebene der Widerstand innerhalb der Armee.

Im CIAAC (Luftabwehrzentrum von Cascais) weicert sich ein Offizier, den Befehl gegen Radio Renescenca auszuführen. Dem Kommandanten, der ihn darauf aufmerksam macht, daß er zwischen Gehorsam und Gefängnis zu wählen habe, antwortet er: "Ich werde mich den Verteidigungsposten des Volkes, die Radio. Renescença beschützen, anschliessen. " Die Soldaten der CIAAC solidarisierten sich am Nachmittag des 29. September mit den Arbei-

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tern von Radio Renascença. Sie weigerten sich, von der öffentlichen Sicherheitspolizei ablösen zu lassen, oder auch von anderen Truppen "die nicht dieselben politischen Auffassungen wie sie vertreten".

ternigten sie mich dem Sktober un reven ton "revolutionäre Station im Dienste der Arbeiter, der Bauern und der Soldaten". Um wenigstens teilweise ihr Ziel zu erreichen, mußte die Regierung auf Kommando- Truppen aus Amadora zurückgreiten, die dadurch, daß sie den Sender von Bucara kappen, Radio Renescença zum Schweigen bringen. Die Soldaten des CIAAC haben denjenigen eine schöne Lektion erteilt, die -- im Namen der demokratischen Rechte -- die Rückgabe von Radio Renascença an seinen alten Besitzer forderten: an die reaktionäre und salazaristische Kirche!

Die Fallschirmjäger der DGFA (Allgemeine Luftwaffendivision), die zur Besetzung von EN geschickt worden waren, solidarisierten sich gleichfalls mit den Arbeiter der Station, die sich weierten die Regierungszensur über die politischer Kommuniques anzuwenden, sowie über die Erklärungen der Organe der "Volksmacht".

Bei RCP weigern sich das RIOQ, die Militärpolizei, der RTA (Regiment Auto-Zug die Sendungen der Station, die sich dem Zensurdiktat widersetzt, zu unterbrechen. Die Soldaten des RIOQ bekrättigen gegenüber der Drohung, sich durch Polizeikräfte ersetzt zu sehen, in die die Regierung Vertrauen hat (die aber angesichts ihres faschistischen Rufes nur unter Inkaufnahme eines großen Risikos eingesetzt werden können): "Allein andere Soldaten des RIOQ können uns ablösen!"

Bei RTP sichern die Soldaten der EPAM (Militär- Verwaltungsschule) den Arbeitem ihre Unterstützung zu. Aber der Einfluß der KP verhinderte die Einrichtung einer Arbeiterkommission, die einigermaßen demokratisch und regelmäßig funktionieren würde. Die Gewerkschaftsdelegierten ergreifen keinerlei Initiative, um sich mit den Soldaten, die bereit waren, auf die Regierungszensur eine Antwort zu geben, zu verbünden. Es wäre ohne weiteres möglich gewesen, dine Spezialsendung auszustrahlen, die den Delegierten der Arbeiterkommissionen der Informationsmedien und den Soldatendelegierten das Wort erteilt hätte, wie dies bei der RCP der Fall war.

Söhne des Volkes

Auch in Porto entwickelte sich eine Widerstandsbewegung gegen die Regierungsmaßnahmen, obwohl die Regierung keinerlei Besetzungen von Radiostationen der Region beschlossen hatte.

Die Reaktion der Soldaten des Hauptquartiers der Militärregion steht beispielhaft dafür. Die von den Soldaten und den Milizoffizieren ergriffenen Initiativen, die Debatten, die sich zwischen ihnen und den reaktionären Offizieren entwickelten drükken die Radikalisierung und die Politisierung der fortgeschrittensten Sektoren der antimilitaristischen Bewegung aus.

Über das Hauptquartier wird ein Ausgangsverbot verhängt. Die Soldaten erfahren, daß die im "Salao nobre" (Herrensalon) versammelten Offiziere einem Bericht des Kommandanten zuhören, wo dieser die Gründe für dieses Ausgangsverbot daroffiziere beschließen, sich auch in den Die 150 Soldaten, Unteroffiziere und Miliz- "salao nobre" zu begeben, um über den Bericht des Kommandanten, des Majors Maia, zu diskutieren. Kaum sind sie in den Salon eingetreten, schnauzt ein Soldat die Offiziere an: "Wir sind keine Hunde, wir wollen wissen, warum wir Ausgangssperre haben". Der Major antwortet eitel; "Ich weiß nicht warım ! Ich glaube das hängt mit der Situation in Lissabon zusammen... Die Besetzung der Radiostationen ist korrekt. Die Sender stören viele Leute und den sozialen Frieden."

Ein Soldat erhebt sich: "Merkt Euch gut, was er soeben gesagt hat. Weil die Radiosendungen gewisse Leute stören, laßt man sie besetzten, bringt man sie zum Schweigen, bringt man die Stimme der Arbeiter zum Schweigen. Radio Renascença und die anderen Radiostationen haben in der Tat die Proletarier zu Wort kommen lassen. Morgen wird die Armee, weil ein Streik gewisse Leute, vielleicht einen Unternehmer oder einen Kapitalisten, stört, die Fabriken besetzen. Ubermorgen wird man Soldaten verhaften, weil die Besetzungen der "salaos nob res" die reaktionären Offiziere stort." Ein anderer Soldat: "Wir, die Söhne des Volkes, sind hierhergekommen, um nochmals zu bekräftigen, dais wir niemals aut das Volk schießen werden• Die Antwort des Majors Maia: "Ihr seid die Söhne des Volkes! Bin ich dann vielleicht ein Hurensohn?" Dann, indem er sich einem Milizoffizier zuwendet, fahrt er fort: "Ich weiß, daß ihr mich angeklagt habt, ein Privilegierter zu sein.

Der Milizoffizier nimmt die Herausforderung an: "Nicht nur sie; alle Berufs- und Milizoffiziere, sind alle Privilegierte. Das läßt sich anhand von ganz konkreten Dingen zeigen. Wenn man in die Kaserne kommt, müssen die Soldaten salutieren: ım Hot müssen sie zu uns "Mein Herr" sagen, während wir sie duzen. Sie bekommen monatlich 250 Escudos, wir bekommen monatlich mindestens 4 700 Escudos... und Löhne von 10 000 Escudos sind nicht allzu selten. Aber nach den Aussagen meiner Genossen Soldaten, stellen sie uns nicht automatisch alle en bloc auf die andere Seite der Barrikade. Es ist klar, daß wir nicht allein durch "revolutionäre und sozialistische Reden" beweisen können, daß wir auf ihrer Seite stehen. Wir müssen das anhand unserer Taten beweisen und besonders dadurch, daß wir uns jeglicher Art von militärischer Repression gegen den Kampf der Soldaten widersetzen.

Die Diskussion ging in dieser Art und Weise noch einige Zeit weiter. Die Soldaten erklärten feierlich, "damit Maia sich nicht so wie Carvalho täuscht, bekräftigen wir hiermit unsere Weigerung, irgendeine Art von Repressionsmaßnahme gegen die Arbeiter durchzuführen, "Maia, der deprímiert ist, flüchtet sich in den Korridor und lamentiert: "Ich muß mich in die Reserve versetzen lassen; ich kann nicht mehr, das geht über meine Kräfte!"

Ein erster Test

Die sechste Regierung versuchte am 29. September zum ersten Mal in der Praxis die konkreten

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PORTUGAL

Durchführungsbedingungen ihres Projektes zu testen. Dieser erste Test ist danebengegangen, weniger aufgrund der Massenmobilisierung als vielmehr aufgrund der Tatsache, daß die Regierung über das Repressionsinstrument par excellence -- die Armee -nicht verfügen kann; und sie hat kein anderes zu ihrer Verfügung.

Die ergriffenen Maßnahmen haben sogar die Radikalisierung innerhalb der Armee beschleunigt; diese Radikalisierung hat einen qualitativen Schritt nach vorn gemacht: sowohl auf dem Gebiet der Selbstorganisa- WOHIN TREIBT

PORTUGAL?

Rote Hefte 12 Rote Hefte 12, ISP. Verlag

Internationale Sozialistische Publikationen GmbH. D-6000 Frankfurt/Main 1, Koblenzer Straße 43 i. Auflage : 1. - 3.000, Juni 1975 Copyright : ISP: Verlag. Frankfurt

Druck : Movimento, Westberlin 60 Seiten / 3,80 DM

Die Serie ROTE HEFTE wird von der politischen Leitung der GIM (Gruppe Internationale Marxisten), Deutsche Sektion der IV. Internationale, herausgegeben.

tion der Soldaten als auch auf dem Gebiet der Koordinierung Verbindunger Arbeiter. Und das zwischen den Organen der Soldaten und denen ist umso wichtiger, als diese Schlacht (und diese fast vollständige Niederlage) um die Massenmedien geschlagen wurde. Und im Rahmen einer revolutionären Krise sind die Massenmedien ein entscheidender Trumpf. Die Radio- und Fernsehstationen könnten zu einem Instrument der tralisierung einer Offensive der Arbeiter werden, anstatt daß sie ein Instrument zur Zentralisierung der Energien der Konterrevolution werden. Im RIOQ, einem Regiment, das mehrheitlich für das Antunes-Dokument gestimmt hat, diskutiert man in der Vollversammlung heute bereits die Wahl einer "Soldatenkommission".

Im RALIS fand am 30. September eine Delegierten versammlung der Militäreinheiten von Lissabon statt (RALIS, RPM, RAC -- Küstenartillerie-Regiment, Fallschirmjäger, Marinefüsiliere von Alfeite, BRT -- Brigade für Aufklärung und Nachrichtenwesen, RIS -- Infanterie-Regiment von Setubal, DGMG -- allgemeines Magazin für Kriegsmaterial, GDACI -- Gruppe für Aufklärung, Alarm und Einsatzführung, EPT -- Militär-Schule für Nachrichtenwesen, SMA -- Dienst für aeronautische Materialien, die Festung Almadea und die Marine) , um eine Koordinierunger Arbeiter" "zum Schutz der Errungenschaften die Beine zu stellen" (A Capital vom 1,10, 75). Die Regierung hat ihre liebe Müh und Not, die Truppen, die zur AMI zusammengefaßt werden sollen, zusammenzubekommen. Der Kommandant dieser neuen Einheit, der Brigadegeneral Nuno Viriato Tavares de Melo Egidio, besonders als Folterer in Moçambique ausgezeichnet. RIOQ, EPI von Mafra, die Fallschirmjäger und die Marinefüsiliere haben sich bereits geweigert, sich in die AMI integrieren zu lassen. Dagegen beginnt außerhalb der normalen Strukturen der Armee eine Koordination der Einheit der Region von Lissabon erfolgreich zu funktionieren.

Das darf jedoch nicht zum plumpen Optimismus verführen. Zuerst einmal steckt die Strukturierung der SUV in der Region von Lissabon noch in ihren Anfängen. Die einzige Existenzsicherung für sie besteht im Auftauchen von "Soldaten-Kommissionen". Nun ist jedoch diese Tendenz -- obwohl ist -- heute noch weit davon entfernt, eine allgemeine zu sein. Solange die Ausweitung der Soldaten-Kommissionen noch nicht voll verwirklicht ist, gibt es Spaltungsgefahren auf der Linie der beste nach der Entstehung er sur Die ne lan offene Opposition zu dieser zu treten -- ihr eigenes Anhängsel, die ARPE (Revolutionärer Bund der Soldaten der Landarmee). Die UDP bringt der SUV gegenüber mehr oder weniger offene Feindschalt zum Ausdruck. Die Entstehung der Soldatenkommissionen kann auf verschiedenen Wegen zustandekommen (Transformierung der ADU; aus Komitees , die im Kampf gegen die Repression oder auf der Basis von Kämpfen um materielle Forderungen entstanden sind), aber die Entstehung und Ausweitung dieser Kommissionen muß unbedingt Fortschritte machen, will man breite Sektoren dem Einfluß der Militärhierarchie und den vielfältigsten Manövern der Militärhierarchie entziehen.

Die Phasenverschiebung zwischen der tiefgreifenden Radikalisierung innerhalb der Armee und den Gesamtmobilisierungen der arbeitenden Massen ist ein Charakteristikum der aktuellen Konjunktur. Gewisse Gruppen tendieren dazu, abenteuerliche und militaristische Positionen zu entwickeln, indem sie diese konjunkturelle Phasenverschiebuns nicht sehen und indem sie die Existenz der Radikalisierung innerhalb der Armee privilegieren. Die PRP-BR zögert nicht, zu behaupten, "der Aufstand auf der Tagesordnung steht". Dies kombiniert sich mit der Position von gewissen Sektoren der Gon çalves-Anhänger, für die der Kampf gegen die Reaktion vor allem ein militärischer Kampf ist, was die Organisiering der Selbstverteidigung zu einem Nebenaspekt degradiert, der sich vor allem mit der Entwicklung der Organe der "Volksmacht" artikulieren würde. Im bürgerlichen Lager wird diese Niederlage Entscheidungen forcieren, die den Aufbau einer. schlagkräftigen Militäreinheit anvisieren. Diese Truppe darf klein sein, aber sie muß sicher sein. Der einzige Punkt, den die Regierung bisher gemacht hat, besteht darin, daß es ihr gelungen ist, Radio Rehascença zum Schweigen zu bringen, indem sie durch die Truppen von Amadora -- die vom Reaktionär Jaime Neves befehligt werden -- den Sender Bucara besetzen ließ.

Dieser Erfolg zeigt der Regierung den Weg an, den sie weiterverfolgen muß. Der überstürzte Rückzug der Truppen aus Angola -- ein Kontingent

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von 5 000 Soldaten soll in den nächsten Wochen heimkehren -- soll den Aufbau eines Ruckgrats einer solchen Schocktruppe ermöglichen und den offizieren zahlreicher Einheiten wieder Selbstverrauen einflößen. Die Regierung verlügt über 20 000 Mann in Angola; am 16. November, dem Tag an dem Angola unabhängig wird, sollten sie im Prinzip nach Portugal heimgekehrt sein. Diese Truppen könnten zusammen mit denen der Polizei, wo bereits Veränderungen und Umstrukturierungen vorgenommen werden, das Grundgerüst für eine solche konterrevolutionäre Elitetruppe bilden. Innerhalb des Offizierskörpers wird die Verschärfung der Krise des hierarchischen Systems die meisten Offiziere einen rechteren Kristallisationsder Regierung erleichtern Remisse Entscheidungen punkt suchen lassen, Zu diesen Maßnahmen können zivile Mobilisierungen hinzukommen, sowie eine Wiederbelebung der paramilitärischen Aktivitäten der Faschisten im Norden und des Terrorismus in der Region von Lissabon, wo die "Heimkehrer" aus Angola eine Reservearmee liefern.

Konfrontationen auf einem höheren Niveau und von einer sozialen Schärfe, die einen ausgeprageren Charakter als in der Vergangenheit haber wird, kündigen sich bereits heute an. Die Krise innerhalb der Armee deutet bereits heute an, daß die Soldaten auf der Seite der Arbeiter stehen werden.

2. Oktober 1975 P.S.

Am 8.Oktober ging die Hierarchie zur Offensive über An diesem Tag stimmte eine Vollversammlung im "Instruktionszentrum für Lastwagenfahrer in Porto" (CICAP) einstimmig (312 dafür, 0 dagegen, 6 Enthaltungen dafür, sich Säuberungsmassnahmen gegen zwei Leutnants und gegen fünf Soldaten zu widersetzen. Der Generalstab in Lissabon antwortete darauf mit der Auflösung des CICAP. Als die Soldaten Widerstand leisteten, wurden COPCON-Kommandos gegen sie geschickt.

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