Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Polizei-Psychiatrie in der UdSSR

Inprekorr Nr. 4, 15. Juni 1971 · S. 2-4 · 1.202 Wörter

Sowjetunion Stalinismus und Bürokratie

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POLIZEI-PSYCHIATRIE IN DER U d S S R ++++++++++++++++ ++*++++ ++++++++++++++++++++++ •++ Mehrere Mitglieder der demokratischen Opposition in der UdSSR - P. Grigorenko, I. Jachimowitsch, V. Fainberg, N. Gorbonewskaja (1) und viele andere - sind während der letzten Jahre in "psychiatrische Heilanstalten" eingeliefert worden; sie alle sind nach einer Pseudountersuchung für "geisteskrank" erklärt worden: "Grigorenko leidet an einer Geisteskrankheit, die sich in Gestalt einer krankhaften (paranoiden) Entwicklung der Persönlichkeit in Verbindung mit Reformideen äußert. Diese Reformideen haben sich festgesetzt und bestimmen das Verhalten des Patienten; zudem verstärkt sich de r beherrschende Einfluß die ser Ideen periodisch i n Verbindung ilmit verschiedenen äußeren Umständen... Auf Grund seines Geisteszustandes muß Grigorenko zu einer Zwangsbehandlung in eine psychiatrische Spezialklinik eingewiesen werden; denn seine wahnhaften Reformideen haben sich festgesetzt" (Diagnose einer Kommission von "Fachleuten").

Ist Grigorenko ein Paranoiker, so leidet Fainberg an Schizophrenie, denn "er stand im Begriff, eine Organisation aufzubauen, die den Marxismus studieren soll mit dem Ziel, eine neue Theorie der Entwicklung des staatlichen Überbaus im Sozialismus auszuarbeiten", und die "den revolutionären Kampf gegen die Regierung zur Errichtung einer sozialistischen Demokratie" organisieren soll. (Abschließendes Urteil der "Fachleute". Die Angelegenheit ist klar: Alle diejenigen, die die Macht und die Willkür der Bürokratie infrage stellen, können nur Verrückte sein, und zwar besonders gefährliche Verrückte, da man ja ihretwegen psychiatrische Spezialkliniken geschaffen hat.

In diesem Bereich haben Breschnew und vor ihm Chruschtschtow nur eine schon unter Stalin weit verbreitete Praxis fortgesetzt und weiterentwickelt (die "Heilanstalten" von Kasan und Leningrad waren schon in den 30er und 40er Jahren in Betrieb). Gewiß wurden zur Zeit des XX. Parteitags gewisse "Fehldiagnosen" eingestanden und verurteilt, aber die Untersuchungskommission hat sich schnellstens in Luft aufgelöst, und die "Fachleute" der stalinistischen Periode, wie der verbrecherische lunz, der gleichzeitig Oberst des KGB und Psychiater ist, stehen immer noch ihren Mann im Serbskij-Institut, (der Hochburg der Polizei-Psychiatrie, wo - wie P. Grigorenko in seinem Tagebuch berichtet - die Psychiater "in der Uniform des KGB auftreten"...).

WESHALB PSYCHIATRISCHE SPEZIALKLINIKEN ?

Wenn seit dem Beginn der 60er Jahre die Bürokratie die Einlieferung von Mitgliedern der Opposition vervielfacht und eine dementsprechende "Infrastruktur" entwickelt hat - es gibt gegenwärtig etwa ein Dutzend solcher Einrichtungen, und jedes Jahr entsteht mindestens eine neue - so geschieht dies deshalb, weil die Bürokratie angesichts der Entwicklung der Opposition, angesichts ihrer sozialen wie geographischen Ausbreitung die Stärke, die die antibürokratischen Ideen darstellen können, immer mehr fürchtet. Heute weigert sich der größte Teil der Angeklagten, sich schuldig zu bekennen und vor den Richtern Selbstkritik zu üben; die Veröffentlichung von Berichten über die Prozesse im Samisdat (2) stellt eine, zwar noch begrenzte Öffentlichkeit in den Fällen von Unterdrückung seitens der Bürokratie her. Die Worte und die Haltung derer, die sich weigern, sich der Willkür der Bürokratie zu unterwerfen, erlangen über die Prozessberichte des Samisdat beispielhaften Wert. Selbst diese völlig gestellten Prozesse vor den mit Agenten des KGB gefüllten Sälen werden für die Bürokratie immer weniger tragbar und kehren sich in einem gewissen Ausmaß gegen sie selbst.

Erklärt man einen Menschen für "verrückt", so kann das die Anklageschrift ersetzen und einen peinlichen Prozess vermeiden helfen, wie im Fall des IN PREKORR 15.6.71 S. 2

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Biologen Javrès Medwedew.

Findet trotz allem ein Prozess statt, so spielt er sich ohne die Anwesenheit des Angeklagten ab ( der, "krank" wie er ist, es nicht vertrüge, der aufmerksamen Pflege der "Ärzte" entzogen zu sein!); zudem werden die politischen Handlungen der Angeklagten ihrer "Verrücktheit" zugute gerechnet, und schließlich sperrt man einen Menschen in eines dieser psychiatrischen Gefängnisse, um ihn durch völlige Isolierung "unschädlich" zu machen. In den Lagern von Mordowienoder Sibirien besteht eine wirkliche Solidarität unter den politischen Häftlingen, es werden Nachrichten ausgetauscht; dagegen herrscht hinter den Mauern der psychiatrischen Spezialkliniken eine totale Isolierung: der "Kranke" sieht rur die Wärter und die KGB-Psychiater. Alles dient dazu - auf die Gefahr hin, ihn tatsächlich in den Wahnsinn zu treiben - seinen Willen und seine Widerstandskraft zu brechen: er wird nur entlassen, wenn er von seinen politischen Ideen "geheilt" ist. Hier muß darauf hingewiesen werden, daß die meisten internierten Mitglieder der Opposition "Rückfällige" sind, die die früheren Unterdrückungsmaßnahmen nicht beugen konnten (Grigorenko, Gorbonewskaja, Fainberg etc,). Grigorenko, der zum ersten Mai 1963 interniert wurde, weil er auf einer Versammlung der KPASU die von Chruschtschow verfolgte Politik heftig kritisierte, wurde nach der Absetzung Chruschtschows wieder für "normal" erklärt. Aber die Bürokraten stellten sehr schnell fest, daß Grigorenko doch ein "politischer Irrer" war, ein "Unzurechnungsfähiger" dem offiziellen Sprachgebrauch nach, und daß er nicht so sehr gegen Chruschtschow war, sondern gegen die Bürokratie überhaupt.Der KGB-Psychiater Lunz, der schon unter Chruschtschow die Diagnose gestellt hatte, erstellte eine neue, deren Ergebnis vollkommen mit dem Ergebnis der ersten übereinstimmte. Seither ist Grigorenko in der psychiatrischen Spezialklinik von Tschernjachowsk interniert.

DIE OPPOSITION UND DIE PSYCHIATRISCHEN SPEZIALKLINJKEN

Angesichts der Zunahme der Internierungen hat die Opposition in der UdSSR zu wiederholten Malen den Einsatz der Psychiatrie als Mittel der Unterdrükkung angeprangert. Kürzlich ist im Samisdat eine ganze Sammlung erschienen. Der Autor, Bukowski, ist seitdem für geisteskrank erklärt und interniert worden. Die Autoren des Samisdat haben bei ihrer Kampagne die Betonung ganz besonders auf zwei Punkte gelegt:

- den streng polizeilichen Charakter der Diagnosen, die ganz und gar im Dienst der Unterdrückungspolitik der Bürokratie stehen. Als Grigorenko Anfang 1969 in Taschkent verhaftet wurde, stellte man ihn einer Psychitaterkommission gegenüber, die Grigorenko trotz des polizeilichen Drucks einfach nicht für geisteskrark erklären konnte. Der KGB verlangte daraufhin eine zweite Diagnose, die diesmal an einem sicheren Ort stattfand, dem Serbskij-Institut in Moskau: binnen 20 Minuten stellten die "Fachleute des KGB" (Lunz und Kumpane) die "geistige Unzurechnungsfähigkeit" Grigorenkos fest; während des Prozesses wurde eine ergänzende Untersuchung, die von Grigorenkos Anwalt beantragt wurde, abgelehnt, da der Vorsitzende der ersten Kommission sich dem Urteil des KGB angeschlossen hatte! Die Psychiater des Serbskij-Instituts haben außerdem eine gewisse Anzahl von Geisteskrankheiten entdeckt, die sich durch überhaupt kein genau bestimmbares Symptom äußern, (außer vielleicht durch eine unverhohlene Feindschaft gegenüber der Bürokratie!).

- die absolut unmenschlichen in den psychiatrischen Spezialkliniken, wo die Krenken der Willkür der KGB-Ärzte ausgeliefert sind, die jeden nur denkbaren Druck ausüben, einschließlich gewaltsamer medizinischer Behandlungen, wie sie für wirkliche Geisteskranke angewandt werden, um sie "von ihren Vorstellengen zu heilen".

Der Kampf der Opposition in der UdSSR gegen die psychiatrischen Spezialkliniken, diesen besonders widerwärtigen Aspekt der bürokratischen Unterdrükkung, darf nicht isoliert bleiben. Demonstrieren wir deutlich unsere Unterstützung für den Kampf der neuen Opposition gegen die Bürokratie und die KGB-Psychiater!

(1) V. Fainberg und N. Gorbonewskaja haben an der Demonstration auf dem Ro-

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ten Platz im August 1968 teilgenommen, um gegen die Intervention in der Tschechoslowakei zu protestieren. Ohne vor Gericht gestellt zu werden, wurde V. Fainberg in eine Irrenanstalt eingesperrt, wo er sich noch immer befindet. N. Gorbonewskaja, die nach der Demonstration auf Bewähring verurteilt wurde, hat im Samisdat einen Bericht über den Prozeß veröffentlicht. Im Dezember 1969 wurde sie erneut verhaftet und in eine osychiatrische "Spezial"-Klinik eingeliefert.

(2) Samisdat: Im Untergrund zirkulierende "Chronik der Ereignisse" in der UdSSR.

- (DUREL. Aus ROUGE Nr. 115 vom 24.5.71)