Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die Situation in Bolivien

Inprekorr Nr. 4, 15. Juni 1971 · S. 5-8 · 2.016 Wörter

Bolivien, Peru und Anden Jugend und Studenten Gewerkschaften und Streiks

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INTERVIEW MIT H. GONZALES MOSCOSO, SEKRETÄR DER P.0.S. (Sektion der IV. Int.) ++++++++++++++++ ++++++++++++++++++++ Wie charakterisierst Du die aktuelle Situation in Bolivien? Seit Torres an die Macht gekommen ist, ist die Situation gekennzeichnet durch große Instabilität. Der Rücktritt von Ovando demonstrierte offen den Zerfall des bolivianischen Regimes und der einzigen Kraft, die damals in der Lage war, die Interessen der lokalen Bourgeoisie und des Imperialismus zu verteidigen: die Armee oder vielmehr die Partei-Armee, da sie wirklich zugleich die Rolle einer Partei spielt. Nachdem Orando durch seine täglichen Zusammenstöße mit den Arbeitern und den Studenten vollkommen diskreditiert worden war, mußte er ersetzt werden: die Militär-Chefs jedoch, die von der amerikanischen Botschaft beraten wurden, konnten sich nicht auf die Wahl eines Nachfolgers einigen. Durch die Unterstützung, die Torres bei den Studenten und Arbeitern fand, konnte er sich durchsetzen. Offenbar haben sich nun die Militärs wieder um Torres geschart mit dem Slogan "weder Sieger noch Besiegter"... Dies hat in der Tat die Krise innerhalb des Militärs vorangetrieben, das heute in zwei, wenn nicht mehr Fraktionen zerfallen ist: ein rechter Flügel, der vollkommen manipuliert wird durch das US-Außenministerium und dem CIA, sowie durch die brasilianischen Militärs, die in ihrem 3old stehen; auf der anderen Seite ein nationalistischer Flügel, der sich darüber hinaus als revolutionär ausgibt. Letzterer will eine reformistische, bürgerliche Politik führen, mit sekundären Konzessionen an die Massenbewegung und dem vffenen Ziel, diese Bewegung wieder unter Ko trolle zu kriegen. Eines muß klar herausgestellt werden: letzten Endes ist es immer noch die Armee, die Militär-Partei der Bourgeoisie, die trotz der Zersplitterung :, die sie sehr geschwächt hat, die Macht innehat. Man muß also den Versuch des Staatstreiches vom 10. Januar und die jüngsten Ereignisse in der Provinz Santa Cruz im Rahmen der Zersplitterung des Militärs sehen. Gewiß, was den Staatsstreichsversuch vom 10. Januar betrifft, so waren die Dinge ganz offensichtlich die: die Offiziere, die in die Affäre verwickelt waren, ain. alle allgemein bekannt als Handlanger des CIA. Der mißlungene Versuch von Santa Cruz ist insofern interessant, als er bestimmte, äußerst präzise Pläne des Imperialismus aufdeckt. Die Provinz von Santa Cruz umfaßt mehr als ein Drittel der Fläche Boliviens. Im Gegensatz zu den anderen Regionen ist dies ein ebenes, waldiges Gebiet in der direkten Verlängerung von Brasilien. Die wirtschaftliche Aktivicat beruht vor allem auf großen tropischen Plantagen, aber die enormer Rohstofflazer (Mineralien und Erdöl) sind im Wesentlichen big jetzt nicht ausgebeutet worden. Mit der direkten Beteiligung der Militärs und der Agenten des benachbarten brasilianischen Regimes versucht der Imperialismus, die Basen für eine separatistische Bewegung in diese Provinz hineinzutragen, für eine Bewegung, die sich auf die Großgrundbesitzer stützen würde. Dabei geht es nicht um ein kurzfristiges Ziel. Der Plan würde im Falle einer Machtübernahme in La Paz durch die revolutionären Kräfte realisiert. Die Operation vom März, in deren Verlauf einige Militär-Chefs die Provinz-Hauptstadt Santa Cruz besetzt und Demonstrationen von Großgrundbesitzern und Landarbeitern organisiert haben, die an ihre Herren gebunden sind wie Sklaven, sollte Torres warnen und ihn mit der Se zession der Provinz • erpressen... Das Ganze war direkt von Washington und Brasilia aus in Szene gesetzt.

Wie stellt sich Torres zu jenen Gruppen in der Armee, die ihm feindlich gesinnt sind?

Torres ist nicht ein "Genosse", ein Verbündeter der Massen, wie es uns einige Reformisten und vor allem die Kommunistische Partei Boliviens glauben machen wollen. In erster Linie repräsentiert und verteidigt er seine Kaste - die Armee -, um seine Klasse - die Bourgeoisie - zu verteidigen. IN PR KORR 15.6.71 S. 5

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In diesem Sinne hat er seit seiner Machtübernahme ein klares Ziel: die Einheit des Militärs wiederherzustellen, und zwar um seine Person herum. Alle seine Bemühungen, alle seine Maßnahmen gehen in dieser Richtung. Sicherlich ist er angesichts der Mobilisierung der Masse des Proletariats, der Studenten und einiger Bereiche der Landbevölkerung gezwungen, Zugeständnisse zu machen... aber es handelt sich hierbei nur um notwendige taktische Maßnahmen in. Anbetracht der Schwäche seines Regimes. Und er hofft wohl, die Massenbewegung gleichzuschalten, sobald erst die Einheit des Militärs wiederhergestellt ist. Was uns betrifft, so glaube ich, daß Torres sein Ziel nicht" erreichen wird. Die Spaltung innerhalb des Militärs ist zu groß. Die rechten Militärs und die Amerikaner mißtrauen Torres zu sehr, den sie für einen Gefangenen der Arbeiter- und Studenten-Bewegung halten. Die wahrscheinlichste Perspektive ist die, daß ein Staatsstreich von rechts ihn ziemlich schnell wegfegen wird, und daß eine starke Repression folgen wird. Wie "verhält sich die Arbeiterklasse gegenüber Torres und gegenüber solchen Perspektiven?

Eines ist gewiß. Wenn die kämpferischsten fortgeschrittensten Kreise der Arbeiterklasse Torres angesichts der Gefahr eines Staatsstreiches von der äußersten Rechten unterstützen, so tun sie dies mit halbem Herzen und kämpfen in Wirklichkeit für ihre eigene Lösung der bolivianischen Krise, d.h. für eine Arbeiter- und Bauern-Regierung, die sich klar und eindeutig zum Anti-Imperialismus und zum Sozialismus bekennt. Die Ereignisse der letzten Monate in Bolivien zeigendies klar; so sind z.B. anläßlich des Staatsstreiches vom 10. Januar an die 4 000 Arbeiter aus den Bergwerksgebieten nach La Paz gekommen. Sie kame auf Lastwagen, bewaffnet und mit großen Vorräten Dynamit aus den Gruben... Offiziell kamen sie, um die Regierung Torres zu verteidigen. Bei ihrer Ankunft in La Paz begaben sie sich, immer noch bewaffnet, vor das Präsidentenpalais und demonstrierten. Ihre Unterstützung für Torres war von einer ganz besonderen Art. Mehrere Stunden hindurch demonstrierten sie unter Rufen wie "Nieder mit dem Imperialismus" "Es lebe Che! " "Sozialismus ja, Verrat nein" "Es lebe der Guerilla-Kampf", Torres wagte nicht, herauszukommen, wie sie von ihm verlangten. Schließlich hielt er eine äußerst demagogische Rede. Die Bergarbeiter waren damit nicht zufrieden und demonstrierten weiter. Erst nach 24 Stunden, unter dem Druck von einigen ihrer Gewerkschaftsführer und nach einigen "wirtschaftlichen" Konzessionen von Seiten Torres, willigten sie ein, zu ihren Gruben zurückzukehren..• Dies ist ein Beispiel unter vielen anderen dafür, welche Stimmung zur Zeit in der bolivianischen Arbeiterklasse herrscht.

Aber man muß sich ebenso im klaren sein über die Haltung der reformistischen Gewerkschaftsführer oder der Kommunistischen Partei. Sie unterstützen Torres; und ihre ganze Aktivität besteht darin, die Energie der Massenbewegung in Richtung auf eine Unterstützung des Regimes zu manövrieren und zu kanalisieren.

Dies zeigt sich deutlich am Problem der Bewaffnung der Arbeiter, ein Problem von höchster Aktualität, das im Bewußtsein der Arbeiter verankert ist und täglich neu aufgeworfen wird. Die Demonstrationsformen, die ich soeben beschrieben habe, beweisen dies eindeutig.

Jedes Mal weichen die reformistischen Führer der Gewerkschaft oder der KP dieser Frage aus und versuchen, den Willen, sich zu bewaffnen, in andere Bahnen zu lenken, während diese Forderung für die Arbeiter eine enorme Trumpfkarte darstellt, die es ihnen im richtigen Augenblick ermöglichen würde, ihre Lösung durchzusetzen und nicht mehr länger die Rolle des Schiedsrichters zwischen zwei Armeefraktionen zu spielen, eine Rolle, die äußerst gefährlich ist; die man ihnen nicht sehr lange zugestehen würde, wie wir gesehen haben. Und zur Durchführung ihrer Politik verfügen die reformistischen Parteiführer über einen nicht zu unterschätzenden Einfluß und selbst über ein gewisses Prestige; vergessen wir nicht, daß sie vor dieser Zeit unnachgiebig unterdrückt worden sind.

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Man hat viel von der Volksversammlung gesprochen, die nach dem Staatsstreich vom 10. Januar gebildet wurde. Welche Einstellung hat die P.O.R. ihr gegenüber?

Diese Versammlung wurde in der Verwirrung im Augenblick des mißlingenen Staatsstreiches vom 10. Jaruar gebildet. Von der Tendenz her strebte sie ar, ein Arbeiterparlament zu werden, das Gegenschläge gegen die Aktienen der äußersten Rechten organisieren soll. Seit dem letzten Oktober hatten wir die Parole zur Schaffung einer solchen Institution in unserer Propagandaarbeit ausregeben. In der Tat wurde sie von zahlreichen anderen Gruppen der bolivianischen Linken aufgenommen. Angesichts der Entstehung einer Volksversammlung, und nachdem die Gefahr des Staatsstreiches vorbei war, nahm Torres eine extrem defensive Haltung ein; letzten Endes wählte er den Weg, die Versammlung nachträglich zu billiger. Er üternahm eine Reihe der Forderungen der Volksversammlung und gewährte ihr einen legalen offiziellen Status...

Gewerkschaft) die entscheidende Rolle.

Deshalb gibt es irnerhalb der Volksversammlung mehrere Strömungen bezüg- 1ich ihrer Zukunit, bezüglich der Aufgaben, die man ihr geben muß. Die Rechten, d.h. die Reformisten, verteidigen die Idee, daß die Volksversammlung sich in den Dienst von Torres stellen sollte, daß sie seine Politik unterstützen und auf jede Form eigener Macht verzichten sollte. Eine zentristische Strönung zielt darauf hin, der Volksversammlung die Funktion eines bürgerlichen Parlaments zu geben, d.h. die Kontrolle der Exekutive.

Die Linke der Volksversammlung, zu der die P.O.R. gehört, entwickelt die Idee, daß die Volksversammlung ein Organismus sein müsse, der naticnale Probleme und mögliche Lösungen dieser Probleme diskutieron sollte, der aber die Macht den Massenorganisationen (Gewerkschaften und Volksmiliz oder Volksarmee) überlassen sollte.

In der Tat, heute ist die Situation ganz anders; die Volksversammlung ist kaum mehr als eine Art Nationalparlament, in dem die wichtigsten sozialen Gruppen vertreten sind: die Arbeiterklasse verfügt über einen gewissen Prozentsatz an Abgeordneten, ebenso die Bauern und die Mittelklassen. Darüber hinaus verfügt jede Organisation, die an der "Volksführung" teilnahm, das zur Zeit des Staatsstreiches eingerichtet wurde, über zwei Abgeordnete.

Man muß hinzufügen, daß die Volksversammlung nicht kontinuierlich arbeitet, was eine Voraussetzung wäre, um die Volksmassen zu organi.bren. Ihre Aussichten sind also in der gegenwärtigen Situation sehr beschränkt; eine neue politische Krise könnte ihr vielleicht neues Leben geber, aber das ist nicht sicher. Die Genossen von der P.O.R., die Mitglieder der Volksversammlung sind als direkte Abgeordnete der Partei oder irgendein-er Gewerkschaft, machen sich keine Illusionen; sie benützen die Volksversammlung als Sprachrohr, als Tribüne; das ist alles. Wie sehen in der jetztigen Situation die Aktivitäten und Perspektiven der P.O.R. aus?

Die Aktivität der Partei in der jetztigen Situation erstreckt sich auf zwei Bereiche: zum einen geht es darum, sich mit den Massen zu verbünden und darüber hinaus unsere Kräfte zu vermehren und zu stärken, zum anderen, sich innerhalb der Partei auf künftige Zusammenstöße vorzubereiten, wozu wir sie eben analysiert haben und im Hinblick auf die ihr innewohnende Dynamik gezwungen ist Diese beiden Aufgaben gleichzeitig durchzuführen, sie zu kombinieren, ist äußerst schwierig. Unter der Regierung Ovardo arbeitete die Partei völlig im Untergrund und ganz im Hinblick auf bewaffneten Kampf. Seit November letzten Jahres, seitdem Torres an der Macht ist, haben wir unsere legalen Aktivitäten, die sich der Arbeiter- und auch der Bauerngewerkschaften zu wenden, sowie an der Universität, wo wir vorher nur sehr wenig gearbeitet hatten, wiederaufnehmen können.

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Gestützt auf unsere politischen Analysen, auf unser Programm, aber auch dank des Prestiges, das wir - an der Seite der E.L.N. - beim Vorherigen bewaffneten Kampfes erworben haben, konnten wir einige Erfolge verbuchen und uns merklich verstärken.

Wir haben auf der Grundlage unseres Programms mehrere kleine Gewerkschaften von städt. Arbeitern gewonnen. Letzten Dezember wurde unsere Linie auf dem regionalen Gewerkschaftskongreß in La Paz vollständig angenommen. In der Universität haben wir eine wichtige und vollständig neue Anhängerschaft gewonnen, die sich aus den esten studentischen Kadern aller Fakultäten'rekrutiert. Bald werden gezielt auch im Schülerbereich arbeiten.

Unser wachsender Einfluß auf die Massen zeigt sich in der Entwicklung unserer Publikationen. Unsere Zeitung "Combaite" erscheint regelmäßig jeden Monat. Desgleichen geben wir eine monatliche Studentenzeitung heraus, und für die kommenden Wochen ist die Herausgabe eines theoretischen Organs geplant.

Aber letztlich werden wir ganz offensichtlich aus dieser Arbeit nur dann Kapital schlagen können - sonst wird diese Arbeit sinnlos - wenn wir unsere Organisation auf den bewaffneten Kampf vorbereiten. Für uns ist die augenblickliche unsichere Situation nur eine Übergangssituation. Die darauf folgende Repression wird für Bolivien das Signal geben für eine Etappe des bewaffneten Kampfes auf einer bis jetzt noch nicht erreichten Stufe. Dieser bewaffnete Kampf wird sehr unterschiedlich sein und die verschiedenen Sektoren der bolivianischen Bevölkerung miteinbeziehen, von den Bergarbeitern über die Studenten bis zu den landlosen Bauern... Vor allem auf diese Etappe bereiten wir uns vor, unter optimaler Ausnützung der gegenwärtig gegebenen Möglichkeiten. La Paz April 71 (Aus Rouge Nr. 114 vom 17.5.71)