Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

China und die Krise der kapitalistischen Welt

Inprekorr Nr. 35/36, 15. Juni 1975 · S. 52 · 663 Wörter

China

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Die wirtschaftliche Entwicklung Chinas dagegen begann angesichts einer kapitalistischen Welt die nach allen Seiten expandierte. Wenn man z. B. China und Japan vergleicht, ist es gut möglich, daß man wirtschaftliche Wachstumsraten erhält, die für die 50-iger und 60-iger Jahre höher liegen als die Chinas. Die Konsequenz war, die daß das wirtschaftliche Kräfteverhältnis lange Zeit unvorteilhaft für China blieb, genauso wie das Verhältnis auf der Ebene der indusriellen und militärischen Technologien, vor allem im Vergleich mit den USA. In einer Zeit als China schnell voranschritt blieb es weit hinter den fortge• schrittenen kapitalistischen Länder zurück ( und ebenso hinter seinem ex-Alliierten und jetzigen Feind der Sowjetunion)

Heute, während einer langen Phase langsameren Wachsums in der kapitalistischen Welt, behält China seine rapiden Wachstumsraten bei (die sogar höher liegen, ils in den letzten 10 Jahren, wie es scheint), was bevirkt. daß sich die Situation des ständigen Hinterherhinkens verändert und China darangehen kann, den Vorsprung zu verringern. Die besagten Anstrengungen, sich moderne Technologien anzueignen, zeigen in diese Richtung. Das bedeutet, daß das Krätteverhältnis -- der Druck des kapitalistischen Weltmarktes, die militärischen und diplomatischen Zwänge und vor allem die hinterlistigen Zwänge der "Weltnormen", der Bereich dessen, was das durchschnittliche Konsumniveau von landwirtschaftlichen Produkten, von langlebigen Konumgütern und von Dienstleitungen in den entwickelter Ländern genannt wird -- sich für China weniger ungünstig entwickeln könnte. Die unerträglichen langtristigen • Spannungen in einem Land wie China, in dem die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung auf dem Land, in schwierigen Verhältnissen lebt, wo einige hundert Millionen Bauer gerade ein bißchen mehr produzieren als das, was ein paar Millionen ihrer amerikanischen Klassenbrüder hervorbringen, dürfen natürlich nicht unterschätzt werden. Das ist eine sehr schmale Basis für den Aufbau des Sozialismus. Und wie auch immer die chinesischen Führer die augenblickliche Lage einschätzen, so sind sie sich doch der Tatsache des unzulänglichen, notwendigerweise transistorischen Charakters des augenblicklichen Stands der wirtschaftlichen Entwicklung bewußt.

Unter diesem Aspekt, der sich unterscheidet von den kurzfristigen Interessen Chinas als Exporteur, ist das Zurückgehen des kapitalistischen Wachstums eine gute Sache für China, Offensichtlich könnte ein sozialistisches Europa oder Amerika China besser helten; aber das ist eine andere Geschichte...

Damit China die ehrgeizigen und legitimen Ziele, die es sich gesteckt hat -- bzw. die von den Führern gesteckt wurden, aber wahrscheinlich von den Massen unterstützt werden -- ist es notwendig, daß sich die umliegende Welt nicht so schnell entfaltet (oder möglicherweise gar nicht entwickelt).

Diese ganze Diskussion --die sicher spekulativ ist -spielt sich auf einem Hintergrund ab, den die chinesischen Führer nur allzuleicht vergessen. Wirtschaltliche Autarkie, "Sozialismus in einem Land" --und ein Armenhaussozialismus obendrein -- ist mehr denn je unmöglich, Die Erfahrung sowohl von Rußland als auch von China bezeugt das. Auf zwei Ebenen. Unterentwickelte Länder können sich nicht auf ein hochentwickeltes wirtschaftliches Niveau erheben, ohne sich an die Produktionskapazitäten der entwickelten Länder anzulehnen, es sei denn sie nehmen es in Kaut, den Massen große Belastungen und Entbehrungen aufzubürden. Aber "sozialistische" Autarkie ist vor allem deswegen unmöglich, weil die kapitalistische Welt ständig Druck ausübt, was die Altemativen offenlaßt, daß sich der Arbeiterstaat völlig von seiner Umwelt abschottet, was dann eine "Autarkie" der beständigen Armut heißt, oder aber er öffnet sich gegenüber dieser Umwelt, wobei er dann Schwierigkeiten bekommt, zu kontrollieren, was da importiert wird: Maschinen oder ein anderes soziales System. China, das sich wirksam genug geschützt hat, ist sicher weit davon entfemt, obwohl es für seine Importe teuer bezanten mus, aber bisher wurden diese immer nur in Dollars beglichen. Aber was ist mit der Zukunft? Und dann: Ist Degeneration nicht auch Bestandteil des Ubergangs zum "Sozialismus in einem Land" , dessen charakteristisches Kennzeichen ein bürokratisches Regime, das seine eigenen Interessen vertritt, ist? Anmerkungen:

(1) Zitiert nach: "People's Republic of China: An economic assessment" , Joint Economic Committee, Kongreß der USA, 1972, S. 37 Tatsu Kamlara: "The petroleum industry in China" , in " The China Quarterly", Dezember 1974, S. 719 oder