Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Permanente Revolution in Vietnam

· Inprekorr Nr. 34, 29. Mai 1975 · S. 3-7 · 3.517 Wörter

Vietnam und Indochina USA und Kanada Frankreich

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In Südvietnam, wie auch in Kambodscha, wurde unit dieses revolutionären Prozesses war nicht von miteinander verbunden sein. Die Zuein nationaler Befreiungskampf siegreich beendet Im Rahmen dieses Befreiungskampfes mußten die vornherein notwendigerweise der Sozialismus. Erin- Energien einer ganzen Bevölkerung mobilisiert wer- nern wir uns besonders an Algerien, das auch diese den, um einen auf materieller Ebene unendlich viel Dynamik gekannt hat und dem es nicht gelang, die stärkeren Feind zu besiegen. Aber der Vietnamese kapitalistischen Produktionsbedingungen zu zerbreoder der Kambodschaner, der am antiamerikanischen chen. Aber die Analyse der in Vietnam Widerstand teilnahm, war auch Bauer, Arbeiter, In- bereits durchgeführten oder im Gange tellektueller... Um der imperialistischen Agression befindlichen sozialen Veränderungen, wirksam Widerstand entgegensetzen zu können, mußte ebenso wie die durch die PRR ergriffeder Kampf zum "Volkskrieg" und von da aus zum "Klas- nen politischen Maßnahmen, zeigen werden. Nationale Befreiung und Aktualität des sozialistischen soziale Revolution sollten in Indochina Hinüberwachsens der Revolution.

Das Land denen die es bebauen Auf dem Lande, wo zu Beginn des Krieges fast 90% Bauern bedeutete das US-Diem-Regime der Bevölkerung lebten, und wo sich die befreiten die Rückkehr zum alten verhaßten Regime, das ihren Gebiete befanden, sind die im Verlauf des Kampfes Landbesitz bedrohte. " (Vu Can, "Etudes vietnamiendurchgeführten sozialen Veränderungen am tiefsten nes" , Nr. 18/19, Seite 79, Edition Hanoi 1968). Diegewesen. Es ist sehr schwierig, ein Gesamtbild vom se im wahrsten Sinne des Wortes "konterrevolutionäre" augenblicklichen Stand der Agrarfrage zu zeichnen, Agrarpolitik führte zu ersten Aufständen der Dorfbewohdenn es gibt Unterschiede von Region zu Region. Man ner. Der zweite Widerstand begann auf kann dennoch die wirtschaftliche, soziale und poli- dem Lande als ein Klassenkampf gegen tische Breite der durchgeführten Reform erfassen, man die Rückkehr der Großgrundbesitzer. muß zu diesem Zwecke zurückkommen aut die Ur- Das Land sollte zum permanenten Einsachen und Bedingungen für die Bauernaufstände in catz für den amerikanischen Kries und den Jahren 1958 bis 1960. für den revolutionären Krieg werden.

Südvietnam (Nam Bo) wurde beherrscht durch die Großgrundbesitzer. 80% des Landes vor der Augustre- Ende 1965 hatte die FNL 1 650 000 ha kultiviertes volution von 1945 wurde an Halbpächter verpachtet, Land verteilt. In den befreiten Zonen fiel der die 50% ihrer Erte an den Großgrundbesitzer ablie- Pachtzins auf 5%. Ende 1968 waren mehr als 2 Mio fern mußte. In Zentralvietnam (Trung Bo) herrschte eine ha Land verteilt, ungefähr 80% des bebauten Landes mehr zerstückelte Eigentumsform vor. Die Landgüter (1). Nach dem Abkommen von Paris wurde diese waren klein, aber die Ausbeutung der landlosen Bau- Landverteilung weitergeführt, mit 155 260 ha für ern (30% aller Bauern) oder der armen Bauern (65% das Jahr 1973. "Quasi die Gesamtheit aller Großhatten weniger als einen halben Hektar) war brutal. rundbesitzer ist in die Städte geflohen. Mit der Verteilung des Landes durch die FNL ist die Liqui- 1954 hatte der Vietminh in den befreiten Gebieten dierung der feudalen Grundbesitzer als Klasse eine wichtige Agrarreform durchgeführt: 650 000 ha de facto vollendet. " (Zitate und Zahlen von Großgrundbesitzerländereien wurden verteilt (von Nguyen Xuan Lai, aus "Courrier du Vietnam", insgesamt 2, 3 Mio ha), darüberhinaus kommunale März 1975, S. 24/25).

Ländereien. Die Pachtzinsen wurden auf 10% bis 15 % herabgesetzt. Vor allem drängten die Landarbeiter Der amerikanische Imperialismus verstand schnell den Einfluß der Dorfnotabeln beträchtlich zurück die Gefahr, die von diesen Reformen für seine Herrund gewannen Neuland in beträchtlichem Umfang. schaft ausgingen. Thieu erklärte auf der Konferenz von Midway im Juni 1969, daß " die Agrarreform

Der von den Franzosen und Amerikanern an die Macht die zentrale Aufgabe des Staates ist; die Existenz rebrachte Diem lancierte iedoch 1955-56 und 1956- der Nation hängt davon ab. Das Ziel dieser Agrar- ,8 seine eigene " Agrarreform" und versuchte die Er- reform Thieus war die Herausbildung einer "neuen rungenschaften des ersten Widerstandskampfes wieder bäuerlichen Schicht -- den reichen Bauern -in Frage zu stellen, "Für den südvietnamesischen die dem Regime als soziale Basis dienen sollten"

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VIETNAM (ebendort, S. 26), Sicher, offiziell beschränkte nichtsdestoweniger war sie für die Großgrundbesitzer ein gefundenes Fressen! Denn in Wirklichkeit lebten "sie fast alle in den Städten, unter dem Schutz der Armee, nachdem sie durch die Agrarretorm der FNL enteignet worden waren" (ébendort. S. 27). Sie erhielten für Ländereien, deren Besitzer sie nicht mehr waren, den Verkaufslaeisen so te, sich in die argoler Kompradore e was ihnen erbourgeoisie zu integrieren. Das Regime begünstigte diese seine Vasallen, indem es ihnen das Land zurück-und den Bauern wieder wegnahm. So sollte eine Schicht von kapitalistischen Bauern entstehen. Diese "grüne Revolution" à la Saigon sollte durch die Anstrengungen der PRR, sowie durch die wirt- Sehe, die nach de me diar in Geer ke ether- Ne74)n (siehe "precor" Nr. 10 vom 1. Mai der Marionetten waren, zum Scheitern verurteilt Sicher, die Sozialisierung der Landwirtschaft, die in den Jahren 1956 bis 1959 in Nordvietnam stattgefunden hat, fand in Südvietnam insgesamt nicht statt. Aber man fallt ein Urteil über eine Agrarreform aufgrund ihrer sozialen und politischen Konsequenzen: der Bauernaufstand hat eine hemalige herrschende Klasse liqui liert, die Klasse der Großgrundbesitzer Dann verurteilte er eine Agrarpolitik zum Scheitern, die versuchte, den Kapitalismus dadurch in die Landwirtschaft einzuführen, indem sie sich auf die Herausbildung einer Klasse von kapitalistischen Bauern orientierte und konzentrierte. Um dies durchführen zu können, war der Bauer gezwungen, eine revolutionäre Verwaltung in den Dörfern aufzubauen und einen Prozess der Kollektivierung der Arbeit in Gang zu setzen: Schaffung von "Komi- "Produkt @genseitige Hilfe" tees für von pd weiterishrung Plantagernahme

Schaffung von Be- und Entwässerungsanlagen; gewisse Ländereien wurden in Kollektiveigentum umgewandelt oder werden von Kooperativen bearbeitet.

Die Revolution in Südvietnam nach 1954 vertiefte und verbreiterte die Maßnahmen, die der Sozialisierung der Landwirtschaft im Norden vorausgegangen waren. Allein der radikale Charakter dieser Agrarreform erlaubt es uns, zu verstehen, warum der vietnamesische Bauer sich dermaßen an sein Land geklammert hat, trotz der Bombardierungen und der Durchkämmungsaktionen, warum er (mithilfe Kambodschas und der DRV) die Front nähren konnte, warum er, trotz der schrecklichen Verwüstungen durch die US-Intervention und Eskalation, ein Jahr nach dem Pariser Abkommen von 1973, die Reisproduktion in den befreiten Gebieten so steigern konnte, daß heute ein Überschuß erwirtschaftet wird!

Revolution in den Städten

Dem Imperialismus war es gelungen, seine Herrschaft über die wichtigsten Städte Südwietnams bis zum Schluß aufrechtzuerhalten. Die Revolution in den Städten wies aus diesem Grund einen großen Rückstand zur Revolution in den befreiten Gebieten auf. Aber mit der Befreiung der Städte sollte sich diese Situation plötzlich umkehren.

Bin doppelter Prozess hat sich entwickelt: der Zusammenbruch der bürgerlichen Macht und das Auftauchen einer revolutionären Bewegung in den Städten. Der Umfang und die Geschwindigkeit des Zusammen. bruchs der vietnamesischen Bourgeoisie entspricht ihrer organischen Schwäche. Der französische Kolonialismus verhinderte die Herausbildung einer wirklichen starken nationalen Bourgeoisie. Der amerikanische Imperialismus hat nicht investiert und das Land nicht industrialisiert: die französischen Kapitalien blieben vorherrschend. Die Wirtschaft des Saigoner Regimes enthüllte seine Schwäche nach der Unterzeichnung des Pariser Abkommens: was kam, war die Krise (vgl. "Inprecor"Nr. 0 vom 1. Mai 1974). Die vietnamesische Bourgeoisie war im wesentlichen eine Kompradorenbourgeoisie geblieben de geoisie, oft sogar eine Lumpenbour Kornd den pfründen Schwarzmarkt, Schmuggel die sie aus dem amerikanischen Krieg zog, lebte. Der Umfang der auf diese Art und Weise realisierten Profite ist enorm. Nach Tristan Sarong "mußte im vergangenen Jahr der Chef der Provinz von Tay-Ninh jeden Monat die erkleckliche Summe von 100 Mio Piastern(etwa 400 000 DM) an den Chef der III. Militärregion, die neun Provinzen umfaßte, bezahlen, wollte er seinen Posten behalten. Dies gibt einen kleinen Einblick in diese paralelle " (Le Monde vom 9. April 1975). Das

Gewicht der kleinen und mittleren Beitreibe, die mit vietnamesischen Kapitalien betrieben werden, wiegt demgegenüber nur sehr wenig.

Der Verlust des landwirtschaftlichen Grundbesitzes hatte diesen abhängigen Charakter der Saigoner Wirtschaft nur noch verschärft. Mit der Zerstörung des Verwaltungs- und Militärapparates der Marionetten, sowie dem Zusammenbruch der neokolonialen Herrschaft, verliert die vietnamesische Bourgeoisie nicht nur ihre Herrschaftsinstrumente, sondern auch den Großteil ihrer Mittel für die Kapitalakkumulation.

Diese plötzliche Entwurzelung der Bourgeoisie ist umso radikaler als die Befreiung der südvietnamesischen Städte sich nicht auf eine militärische Eroberung beschränkt hat. Vor, während und nach dieser Befreiung haben sich tiefe soziale Gegensätze der snadzschezekümpte als den freun frühe ren Jahren.

Nehmen wir das Beispiel Da Nang, nach der Einwohnerzahl die zweite Stadt Südvietnams. Zwei Tage vor der Befreiung von Da Nang beschrieb ein Journalist der "New York Times" die Situation folgendermaßen: die sich familien, die 1954 aus Nordvietnam in den Süden gegangen sind. .. Die Mehrheit der übrigen Bevölkerung scheint bei dem Gedanken zu bleiben, zufrieden zu sein... Die Lebensmittelversorgung der Stadt funktioniert nornal... die Armen scheinen die Absicht zu haben, ih normales Leben weiterzuführen, unabhängig von der unmittelbar bevorstehenden Ankunft der Kommunisten" ("International Herald Tribune" vom 28.3. 1975). In dieser Beschreibung wird der Klassencharakter des amerikanischen Krieges und des vietnamesischen Widerstandes deutlich. Die Presseagentur der FNL, "Giai Phong" , berichtet ihrerseits über die Etappen der Befreiung von Da Nang

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HANOI...

Der gegenwärtige Wiedervereinigungsprozess zeigt die Aktualität des sozialistischen Hinüberwachsens der Revolution in Südvietnam folgendes: "Unmittelbar vor der Befreiung haben fast 5 000 Thieu-Soldaten aus dem Trainingszentrum von Hoa Cam gemeutert und sind auf die Seite der Revolution ... DA NANG freiung der Stadt, haben mehrere tausend Einwohner das amerikanische Konsulat geplündert und demoliert. Die Leute haben die rot-blauen Fahnen der FNL hervor- Bien en, te man si luci gerungen hatte

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VIETNAM • und die nun zurückstömten" (Giai Phong, zitiert in der französischen Tageszeitung "Libération' vom 3. April 1975). Ebenso spielte es sich in Saigon ab: "Neben dem, was das Radio 'reguläre Einheiten der Befreiungsarmee' nennt, gibt es die lokalen Streitkräfte', das heit die Männer der klandestinen Strukturen, die nun aus dem Untergrund auftauchen, ohne genau ausmachbare Uniformen. Unter ihnen befinden sich auch Frauen. (Jean de la Gueriviere, Le Monde vom 13. Mai 1975). Auflösung des Marionettenapparates, Meutereien innerhalb der Saigoner Armee und massives Überlaufen zur Befreiungsarmee, Vormarsch der Streitkräfte der PRR, Aktionen der klandestinen städtischen Milizen, Aufstandsbewegungen der Bevölkerung, Massendemonstrationen, Rückkehr derjenigen Flüchtlinge, die aus Angst vor den Kämpfen geflohen sind... All dies ist integraler Bestandteil der Befreiung der zweitgrößten Stadt Südvietnams. Aus dieser im wesentlichen revolutionären und weniger militärischen Aktion entsteht eine neue Verwaltung.

Seitdem ist ein doppelter Prozess in Gang gekommen: die systematische Zerstörung des alten neokolonialen Staatsapparates und die Übernahme der Kontrolle der öffentlichen Dienste, der Fabriken, des städtischen Lebens durch die PRR, durch Arbeiterkomitees, durch die Massenorganisationen.

Die erste der "zehn Verordnungen" der PRR, die schon vor der Betreiung von saigon in Kratt traten, besagte: "Das alte Regime, seine Gesetze und seine Verordnunzen müssen abgeschafft werden; die reaktionären Pareien und die anderen politischen Organisationen, die im Dienste des Imperialismus oder seiner Marionetten standen, müssen aufgelöst werden" ("Le Figaro" vom 5. /6. April 1975). Diese "Verordnung" dürfte mit Konsequenz durchgelührt worden sein. Das Ende des Saigonner Regimes bestätigt, wenn es dessen überhaupt noch bedurft hätte, den Willen der PRR diesbezüglich jeglichen Zweifel aus dem Wege zu räumen; die Weigerung; irgendwelche Verhandlungen aufzunehmen, und seien diese auch nur formeller Natur; Die Besetzung des Präsidentenpalastes durch die Panzer der Befreiungsarmee -- all dies illustriert gut diese Entscheidung. Ebenso der Bericht von der Kapitulation des Generals Minh durch die nordvietnamesische Presse: "Während Minh auf die Ankunft des offiziellen Vertreters der revolutionären Macht wartete, sagte er zu einem unserer Offizie- 'Seit heute morgen warten wir ungeduldig, daß ihr endlich zur Zeremonie der Regierungsübernahme erscheint". Der Offizier antwortete: "Die gesamte Macht, von unten nach oben, ist die Revolution. Diese übt die Macht aus durch ihre Offensiven und ihre Volkserhebungen. Die Armee und die Verwaltung sind vollkommen zusammengebrochen. Wir können nicht das "übernehment euch auf der Stelle ergebener Tageszeitung de " (Tageszeitung der nordvietnamesischen Armee, Quan Doi Nhan Dan, zitiert durch "Le Monde" vom 4. /5. Mai 1975). "Militärische Verwaltungskomitees" wurden provisorisch installiert zur Verwaltung der großen Städte -- solange bis "revolutionäre Voikskomitees" in den Stadtvierteln und den städtischen Sektoren gebildet sind.

Die PRR hat die Kontrolle über die öffentlichen Dienste übernommen und das"feindliche" Eigentum der US-Regierung und der Marionetten konfisziert. "Die Produktionsmittel sind Eigentum des Volkes" hat Radio Giai Phong (Befreiung) erklärt. Es scheint nicht so zu sein, daß Nationalisierungsmaßnahmen im eigentlichen Sinne getroffen worden seien und die Ausländer werden aufgefordert, im Lande zu bleiben... "wenn sie die neuen revolutionären Gesetze und die Sitten des Landes respektieren. " Aber das Kapitalen ins Ausland abrieten und zahlreiche die Banken wurden Betriebe wieden hinter der kontrolle der helfer wie- von ihren geflüchteten Besitzern im Stich ehr einen Monat nach der Befreiung Da Nangs dort ähr einen gedreht hat, zeigt eine Versammlung von Arbeitern und Arbeiterinnen, die sich aut einen Aufrut der PRR hin getroffen haben, und die Bildung eines "Arbeiterkomitees", das mithilfe von PRR-Kadern die Kontrolle über die Produktion der Fabrik und die Techniker ausüben soll. • In den Städten Südvietnams wohnen wir augenblicklich einem allgemeinen Prozess der Arbeiterkontrolle bei. Die städtischen Milizen, aus Arbeitern und Studenten bestehend, schützen die Einrichtungen des öffentlichen Dienstes und die Betriebe vor eventuellen Sabotageakten. Die Funktionsweise der Krankenhäuser hat sich grundlegend gewandelt. Von nun an werden die ärmsten der Armen kostenlos behandelt. Die Armen bezahlen lediglich ihre Nahrung, während die Reichen alles bezahlen. Die Journalisten berichten von einer breiten spontanen Diskussionsbewegung in den Stadtvierteln, in den Universitäten und in den Betrieben. Die neuen Kader der revolutionären Verwaltung, im Stadtviertel oder im Dorf, sind Bewohner der Ortschaft oder des Viertels, die aus dem Untergrund oder aus dem Widerstandskampf wieder aufgetaucht sind. Der "Figaro" (frz. konservative Tageszeitung) berichtet von der Durchführung richtiger Massen volkstribunale, von denen Plünderer in aller Öffentlichkeit abgeurteilt werden. (Ausgabe vom 12. Mai 1975).

Saigon ist dabei, seine nationale Identität, die der amerikanische Imperialismus zu zerstören oder zu korrumpieren versucht hat, wiederzufinden. Die zahlrei- Tageszeitung "Sai-Gon -- Giai Phong" (Saigon -- Befreiung folgendes: "Die Wahl der Farbe der Kleidungsstücke, der Länge der Haare und der Dicke des Fingernagellacks rehören in die Sphäre der individuellen Freiheit. Wir leben jedoch in einer befreiten Stadt. Wir müssen uns deshalb von allen Spuren des amerikanischen Imperialismus freimachen, von allem ... was aus uns ein entwurzeltes Volk gemacht hat". ("Le Monde" vom 13. Mai 1975). In dem Film von Roger Pic erklärt ein Kader der FNL gegenüber Studenten, daß es besser sei, weite Hosen zu tragen als engstirnige Ideen zu haben"

«Nationale Eintracht»?

Trotz dieser Veränderungen spricht die PRR weiterhin von "nationaler Eintracht". Bin Vertreter der PRR erklärte uns dies anläßlich einer improvisierten Zusammenkunft mit Militanten der internationalen Solidaritätsbewegung am Tage der Befreiung von Saigon folgendermaßen: "Es gibt mehrere Millionen von Personen, die in der einen oder anderen Weise mit den Amerikanern zusammengearbeitet haben, in der Marionettenarmee, in der Saigoner Verwaltung, in den katholischen Gemeinden oder in den antikommunistischen religiösen Sekten. Die Rache ist ein sehr menschliches Gefühl. Aber "Jagd auf den Kollaborateur machen", hieße die Bevölkerung können, daß Repressalien nur neue Widersprüche schaffen würden, was wiederum nur dem Feind nützen kann. Deswegen sind wir uns sicher, daß wir in der Lage sein werden, eine wirkliche Politik der nationalen Versöhnung

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durchführen zu können. Aber wenn die ehemaligen Kollaborateure des Marionettenregimes ihre schlimmen Machenschaften fortsetzen, nachdem sie die Verzeihung des Volkes erfahren haben, dann werden sie dafür streng zur Rechenschaft gezogen werden. Sicher, das ewig wiederkehrende Thema der nationalen Eintracht bei den vietnamesischen Revolutionären berührt ein grundlegendes Problem, nämlich die Frage der politischen Natur des Regimes, das aus der sozialen Revolution geboren wurde.

In der DRV führte dies dazu, daß in der Front des Vaterlandes angeblich bürgerliche Parteien weiterexistierten , die dann -- in schöner Eintracht -für die Sozialisierung gestimmt haben In allgemeiner Weise weist dieses Thema hin auf eine programmatische Anpassung der Kommunistischen Partei Vietnams an das politische Erbe der stalinistischen III. Internationale der dreißiger Jahre, die wirtschaftliche Rückständigkeit Indochinas --die durch die Kriegsschäden noch größer geworden ist - • an die daraus entstandenen bürokratischen Deformationen des nordvietnamesischen Arbeiterstaates. Dadurch wird die Vorstellung, die die KP Vietnams von der Rolle, die Strukturen vom Typ von "Sowjets" in einem Arbeiterstaat spielen müssen, hat, auch weiterhin eine eng begrenzte und deformierte sein. Aber die Politik der PRR zeigt, daß die Politik der "nationalen Eintracht" nicht die Bildung eines neuen bürgerlichen Staates in Südvietnam zum Ziel hat. Gestem haben sie die katholische Rechtsopposition in den Städten angeprangert (siehe "Inprecor" Nr. 10 und 18 vom 17. Okt. 1974 und vom 31. Jan. 1975). Und die PRR weigerte sich mit den General Minh über die Übergabe seines Regimes zu verhandeln. Heute vollendet sie die Zerstörung des neokolonialen Staates.

Gegenüber den Angehörigen der ehemaligen Marionet- Von Nord nach Süd

Aber am deutlichsten zeigt sich die Natur des gegenwartigen revolutionären Prozesses im Prozess der Wiedervereinigung Vietnams. "Die sozialistische Revolution im Norden gibt der nationalen und demokratischen Revolution im Süden seine historische Orientierung", erklärte Pham Van Dong -- Premierminister der DRV -im Dezember 1972, am Vorabend der Unterzeichnung des Pariser Abkommens ("La Nouvelle Critique" Zeitschrift der KP Frankreichs, Nr. 59). Die Einheit Vietnams zeigte sich gestern im Kampf und sie bestatigt sich heute im Sieg.

Mit der Befreiung der Städte Zentralvietnams nahm die Hilfe der DRV an den Süden einen neuen Charakter an. ... Alles für den Süden! Das ist die neue Parole in Nordvietnam", schrieb der französische Journalist Decornoy. "Die Einwohner Hanois waren gekomnen, um Sängern und Sängerinnen zu lauschen. sind Amateure , kommentiert eine Vietnamese. Und er fügt hinzu: • Und das hat seinen Grund, alle professionellen Ensembles sind in den Süden gegangen'. Hanoi leert sich: von Funktionären, Lehrern, Medizinern und sonstigen Kadern. " ("Le Monde" vom 26. April 1975). Eines Tages wird der Dong, die Währung des Nordens, zur "harten" Währung im Süden geworden sein -- und zwar noch ehe die PRR beschließt, Piaster nicht beizubehalten1 "Die DRV hat sich innerhalb eines Monats buchstäblich ausgeblutet" schrieb vor kurzem der Korrespondent der französischen Presse- "Aufgrund dieser überstürzten Abreisen ist die nordvietnamesische Verwaltung nur noch ein Schatten ihrer selbst... Auf wirtschaftlichem Gebiet wird die Hauptanstrengung gemacht werden... überall in Nordvietnam zeigen sich Industriekomplexe oder kleine Produktionseinheiten solidarisch mit dem suden und sie sind bereit ihm zu helfen". ("Le Monde" vom 9. Mai 1975).

Sicher, bis zur vollständigen Wiedervereinigung wird noch einige Zeit verstreichen. Eine Harmonisierung auf politischem und sozialem Gebiet wird erforderlich sein. Aber dieser Prozess hat bereits begonnen. Und ein Kader des Nordens bemerkte Decornoy gegenüber, daß man nicht "in Kategorien der individuellen Psychotherapie denken dürfe. Es geht nicht darum, die Süd- Die einfachen Soldaten wurden sofort wieder freigelassen, nachdem sie sich ergeben hatten. Die Offiziere fanden sich manchmal in "Umerziehungslagern" wieder, wie 2. B. in Da Nang. Vielleicht werden später noch recht "Persönlichkeiten der revolutionären Regierung angeschlossen. Aber die wesentlichen Kommandoposten (wie die Führung der städtischen Milizen) werden von erprobten Kadern und besonders von ehemaligen politischen Gefangenen eingenommen werden, deren Leber gerettet werden konnte und unter denen man die besten Kader der städtischen Oppositionsbewegung tindet. Die führende Rolle der kommunistischen Partel ist in den Texten Nordvietnams immer betont worden. Zum ersten Mal ist sie nun auch von der PRR feierlich hervorgehoben worden, und zwar während der Siegeskundgebung in Saigon, zu der sich mehr als eine Million Personen eingefunden hatten. Der General Tran Van Tra (Mitglied der KP Vietnams seit 1940) sprach von der Vergangenheit des Kampfes der Bevölkerung von Saigon vor und "nach der Gründung unserer Partei, während der vierzigjährigen Geschichte unserer Partei, und während der großen revolutionären Bewegunhanen" (zitiert nach "Humanite" die unter der Führung der Partei stattgefunden Tageszeitung der frz. KP, Ausgabe vom 8. Mai 1975). Und eine der zwölf Parolen, die vorgesehen sind für das für den 15. /16./17. Mai geplante Siegestest im ganzen Land ist• " Es lebe der Marxismus-Leninismus!"

vietnamesen, die lange Zeit im Dunstkreis der Amerikaner gelebt haben und die durch diese ben beeinflußt worden sind, sich jetzt Fall für Fall vorzunehmen. Was heute zählt ist der allgemeine revolutionäre Elan, von dem diese Leute ergriffen werden. " ("Le Monde" vom 25. April 1975). Parallel dazu wird das politische Regime in Nordvietnam beeinflußt durch die Erfolge der Revolution im Süden: "So kann man erkennen wie sich im tăglichen Leben ein Leichter Wunsch nach Liberalisierung im Norden bemerkbar macht... Das Ziel ist, die beiden Vietnams einander anzugleichen und auf das gleiche Niveau zu heben... Die Verantwortlichen der Revolution werden mit den Hoffnungen und Sehnsüchten all derjenigen -- im Norden wie im Süden -rechnen müssen, die solch große Anstrengungen im Krieg untemommen haben... " (Korrespondent von "Le Monde" vom 9. Mai 1975).

Sicher, die bürokratischen Deformationen der vietnamesischen Revolution sind zu stark in der objektiven Situation verankert, und die programmatische Angleichung der KP Vietnams an diese ist zu tiefgehend als daß sie auf diese Weise überwunden werden könnten. Aber die Aktualität der Wiedervereinigung