Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

CSSR

Düstere wirtschaftliche Aussichten

Inprekorr Nr. 30, 15. Juni 1974 · S. 21-28 · 7.411 Wörter

Tschechoslowakei Stalinismus und Bürokratie Trotzki und Geschichte Sowjetunion

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düstere wirtschaftliche aussichten Dieser Artikel ist übersetzt aus der Zeitung "INFOR- tivitat nicht besonders stark anwächst, im Gegensatz zu MACNI MATERIALY" Nr. 12, Juni 1974, Berlin. dem, was die offizielle Propaganda unaufhörlich hinausposaunt. Die Erhöhung der Produktivität ist Wenn man die Entwicklung der tchekoslowakischen eine Folge der Einführung neuer Investitionen in die Wirtschaft betrachtet, dann kann man gewisse Fakto- Industrie und bedeutet sicher keine Rationalisierung der ren nicht übersehen, die langsam aber sicher auf eine wirtschaftliche Krise hinarbeiten. Die Weltenergiekrise, die sich schon in der westlichen Welt breit gemacht Die Führung der Kommunistischen Partei der Tchekoshatte, führte zur Verschärfung der wirtschaftlichen Situa- lowakei versucht aus dieser Situation einen Ausweg zu tion in der Tchekoslowakei. Denn selbst dann wenn die finden: zweifellos wirddies in Preiserhöhungen zum Aus- Tchekoslowakei nur leicht von den Preiserhöhungen für druck kommen. Dennoch kann man voraussagen, daß Erdöl aul dem Weltmarkt getroffen ist, so machte sich es sich nicht um massive und allgemeine Preiserhöhundiese Krise dennoch bemerkbar. Für ihre Produktion be- gen handeln wird, wie diejenigen, die 1970/71 Arbeitsnötigen die tchekoslowakischen Unternehmen eine Reihe niederlegungen in Polen hervorrieten und diejenigen, die von Rohstoffen und Halbfertigfabrikaten, in der Tchekoslowakei im Juni 1973 beinahe zu Streiks kapitalistischen Ländern importieren müssen. gerührt hätten und die dann aus Angst vor der Reaktior Importe finden in den meisten Fällen auf der Basis von der Bevölkerung gar nicht erst in Anwendung kamen kurziristigen Verträgen statt, die oft von Fall zu Fall neu obwohl die neuen Preislisten schon gedruckt und verteilt das heißt diese Verträge finden worden waren. Dasselbe geschah im April dieses Jahres, unter ungünstigen Bedingungen statt. Die (für Energie ho- als die Führung der KP der Tchekoslowakei aufgrund von hen) Produktionskosten spiegeln sich wieder in den Prei- Berichten der Geheimpolizei über die Stimmung innerhalb sen dieser Importe, in denen die Preiserhöhungen für Erd- der Bevölkerung einsehen mußte, daß sich die Situation öl schon mitinbegriffen sind. Somit entsteht eine für die im Vergleich zum Vorjahr nicht geändert hatte. Die tchekoslowakische Wirtschaft ungünstige Währungskrise. Preiserhöhungen wurden schließlich in Etappen durchgeführt, durch das Zurückschrauben der erhöhten Preise

Einerseits steigen die Herstellungskosten für tchekoslo- aut eine neue Ausgangsbasis (die höher als die alte ist) wakische Produkte, andererseits werden diese Produkte lurch die Ersetzung eines Produkts durch ein anderes, das in die anderen Länder des COMECON zu Preisen expor- von besserer Qualität ist, aber eben auch teuerer ist oder tiert, die aufgrund von langfristigen Verträgen festgesetzt auch durch die Namensänderung eines Produktes, damit sind und die nur sehr schwierig modifiziert werden kön- es "moderner" oder "Nahrhafter" erscheint, was dann nen. Die Verluste, die unsere Wirtschaft aufgrund dieses selbstverständlich in einem neuen Preis zum Ausdruck Preissystems erleidet betragen etwa 11 Milliarden Dollar kommen muß (typisches Beispiel: das Waschmittel TIX..) für die Periode Mitte März 1973 bis März 1974. Was dies für unsere Wirtschaft, die sich chronisch in einer DIE MANIPULATION DER PREISE schwierigen und scheinbar aussichtslosen Situation befindet, ist Klar: Die Schätzungen für die Inflationsrate liegt Mithilfe solcher Preismanipulationen hat die Führung zwischen 2,5% (offizielle Schätzung, der KP in der Vergangenheit die Situation beherrschen plan basiert) und 6% (Schätzung von skeptischen wirt- wollen. Richtig ist, daß die Preise für Grundnahrungsschaftswissenschaftlern). Wenn unsere Wirtschaft die Preis- mittel seit der Einführung des Preisstops im Jahre 1970 erhöhungen des letzten Jahres verkraften konnte -- nicht nicht mehr erhöht worden sind ; aber die Preise für Bauohne die Rückzahlung von langfristig gewährten Krediten materialien sind gestiegen (im April dieses Jahres ist von den unterentwickelten Ländern zu verlangen -- 1974 hat die Tchekoslowakei kei- der Preis für Zement um 100% heraufgesetzt worden). ist dies heute anders. Daraufhin erhöhten sich die Mieten für die neuen Sozialne Devisen, um auf dem kapitalistischen Markt Rohstoffe wohnungen, die die Produktionskosten wiederspiegeln, einzukaufen. Gleichzeitig muß man betonen, daß für den von monatlich 400 Kronen im Jahre 1969/70 auf monat- Fall, daß es zu schlechten Emten kommt (infolge der lich 700 bis 800 Kronen im Jahre 1973. großen Trockenheit), man darüberhinaus eine Lösung wird finden müssen, um Nahrungsmittel einzukaufen, Am Abend des 27. März 1974 kündigte man offiziell was die negative Zahlungsbilanz noch mehr verschär- die Erhöhung der Preise für die städtischen Verkehrsmittel in Prag an, die am 9.5. 74 in Kraft treten sollte.

Das Fernsehen übertrug ein Gespräch zwischen der Fern- Man muß die Krise für die Gründe der tchekoslowakischen sehredakteurin, Ljuba Mestekova und dem Bürgermeister Wirtschaft Beide lobten diese Erhöhung, die so günstig für die Zukunft sei, sie haben lediglich verges- Man muß die Gründe für die Krise der tchekoslowakischen sen einzugestehen, daß sie selbst von dieser Preismodifi- Wirtschaft anderswo als in der Energiekrise suchen, die zierung nicht betroffen sind: wenn sie ihren Dienstwagen die Situation nur leicht beeinflußt hat. Es handelt sich Tatra 603 benutzen, bezahlen sie sicherlich nichts. Im eher um eine Erbschaft aus der Vergangenheit. Die Pro- Prinzip kan man sagen, daß es sich um eine Erhöhung duktionskosten der tchekoslowakischen Industrie sind im- der Preise für die Benutzung der städtischen Verkehrsmitmer sehr hoch gewesen: 1971 kamen auf eine Krone des tel handelt. Selbst wenn man die billigeren Monatskarten nationalen Bruttosozialproduktes 0, 44 Kronen Material- kauft, wird der Preis für den Transport höher liegen als ausgaben . Im Vergleich zu 1970 bedeutet dies eine Er- vor dieser "Modifizierung" - - im günstigsten Fall macht höhung von 6, 4%, während der Plan "nur" eine Erhöhung das 20 Kronen im Monat aus. Dadurch erhöhten sich von 3,3% vorgesehen hatte, Der Anteil der Materialkos- für die Hälfte der Prager die Lebenshaltungskosten um ten in den Produktionspreisen belief sich 1970 auf 65, 1% 3%. Obwohl es sich hier nicht um eine sehr große Erund im Jahre 1971 schon auf 65, 5%. Was für das Jahr höhung handelt, versuchten die offiziellen Kreise alles, 1971 einen Verlust von 5 Milliarden Kronen bedeutet. um zu verhindem, daß man diese Maßnahme als Preis- Gleichzeitig zeigt das Anwachsen des Produktionsfonds -- durchschnittlich 5% pro Jahr -- daß auch die Produk•

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maximal einen Tag), dienten sie ais Warnung.

praktisch nichts von der Anfangsabsicht übrig.

sagtes System die Löhne um etwa 5% zu senken. Der

Die Argumentation zur Rechttertigung der Preiserho- Fall eines Teils der Fabrik CKD-Prag, wo die Einführung des neuen Lohnsystems kürzlich zur Entlassung von etwa 500 Arbeitem führte, war ebenfalls eine Warnung daß es sich dabei nur um einen für die Fabrikdirektoren. Die Idee die Löhne zu senken neuen Kampf gegen die Imperialisten handelt, die bei kann auch bei allzu großen Arbeitskräftemangel nicht uns das Benzin billiger einkaufen wollten. Machen wir in die Realität umgesetzt werden. Man wirbt in der Tat einen Vergleich: für einen Liter Benzin muß der west- schon ausländische Arbeiter an. So Könnten die Textildeutsche Arbeiter ungetahr 6 Minuten arbeiten, wäh- fabriken im Norden Böhmens ohne die polnischen Arbeirend der tchekoslowakische Arbeiter für dieselbe Menge ter nicht funktionieren. Die Polen arbeiten auch in der minderwertigeren Benzins 16 Minuten arbeiten muß. Flugzeugbaufabrik AVIA in Prag, ebenso in den Wäsche- Und das nach einer Preiserhöhung von 65%, so daß er reien und in den chemischen Reinigungen, wo die schon in einer schlechteren Position als der westdeutsche Tcheschen ihnen die nicht-mechanisierte Arbeit über- Arbeiter vor der Preiserhöhung in der BRD war, lassen haben, für niedrige Löhne und unter schlechten Arbeitsbedingungen, Der Gipfel der Ironie besteht da- Die kritische Situation der tchekoslowakischen Zahlungs- rin, daß Polen auf diese Art und Weise einige Kredite, bilanz kann auch am Beispiel des Erdöls illustriert wer- die die Tchekoslowakei ihnen gewährt hat, zurückzahlt. den. Zur Zeit des Abschlusses eines Fünfjahresvertrags mit der Sowjetunion, der am 31, 12. 1975 auslaufen wird, DIE STREIKBEWEGUNG war der Preis für eine Tonne Erdöl auf 32 Devisenrubel festgesetzt worden, was dem Doppelten des Weltmarkt- Die Streikbewegung in der Tchekoslowakei ist heute preises entsprach. In der Tat bezahlt die Tchekoslowa- der Ausdruck der Unzufriedenheit der Arbeiter kei diesen Preis noch heute, obwohl der Preis für eine angesichts dieser Situation. Tonne Erdöl in den letzten vier Jahren von 16 Dollar auf 75 bis 80 Dollar angestiegen ist (ein Devisenrubel Obwohl alle tchekowlowakischen Informationsorgane entspricht ungefähr einem US-Dollar) Jegliche Nachricht über die Streiks verschweigen, gelangten einige Informationen bis ins Ausland.

Die derzeitigen Diskussionen innerhalb des COMECON, Vor Weihnachten 1973 gab es beispielsweise den Streik in denen die Tchekoslowakei darauf besteht. daß die der Lastkraftwagenfahrer und der Beifahrer einer Trans- Preise am 1,1. 1976 unterhalb der Weltmarktpreise portunternehmung (die Details sind noch nicht bekannt). liegen müssen, sind von der Zeitung Krasnaja Zwezda Im Januar 1974 gab es einen dreitägigen Streik der Ange- (Roter Stern) folgendermaßen gelöst worden: sie hat stellten und Arbeiter der Baufirma, die das Slavia-Areal (nach Rude Pravo vom 25. 4.1974) erklärt, daß die Sow- in Prag-Vrsovice baut. Auch dort war der Anlaß der Unzujetunion das Erdöl an die Bruderländer zu Preisen liefern Lohnsystem. Der Streik war ein Erwürde, die zur Zeit der Unterzeichnung des letzten Ab- folg. Die Löhne wurden nicht "modifiziert" das heißt kommens gültig waren. Eine lybische Delegation hat an- sie wurden nicht verringert. Es handelte sich um einen läßlich eines Besuchs in Prag ungefähr dreihundert Dol- spontanen Streik mit Besetzung. Die Arbeiter verlangten lar pro Tonne Erdöl gefordert und verlangten gleichzeitig ohne Erfolg, daß der Streik gemeinsam mit den Gewerkschaftchekoslowakische Investitionen in Lybien. Die Tchekos- ten geführt würde. Am 14. Februar 1974 gab es einen einlowaken mußten ablehnen: ihre Auslandsinvestitionen ha- tägigen Streik in der Eisenbahnbaufirma, die die Unterben schon 175 Milliarden Kronen erreicht. Obwohl die Er- grundbahn von Prag geliefert hatte. Die Zahl der Streikenhonung der Lebenshaltungskosten zu einem relativen Fall den betrug hier, wie bei der Baufirma, etwa 100. Es handelder Lebensqualität führt, muß man erwähnen, daß die te sich diesmal um Lastkraftwagenfahrer, die das Material Einkommen von vielen Industriebranchen in zahlreichen für den Bau der Metro transportieren sollten. Fällen stark angewachsen sind. Es handelt sich hierbei mit Besetzung dauerte einen Tag. hauptsächlich um Einkommen aus dem Sektor des Staats- die Gewerkschaften nicht an der Streikbewegung teil. eigentums oder des Parteiapparates, sowie der landwirt- Bezeichnend ist, daß 70% der Arbeiter Gewerkschaftsmitschaftlichen Produktionsgenossenschaften. Darüberhinaus glieder und 5% Parteimitglieder sind. Der Grund für der sind die Einkommen der Angestellten im tertiären Sek- Streik war die Nichtbezahlung von 5 Arbeitstagen. Das tor rasch angestiegen. In der Tchekoslowakel gibt es er- Ergebnis des Kampfes war die Bezahlung des Lohns für neut Millionäre (z. B. gibt es im Bezirk Prag-10 acht diese tunt Arbeitstage am Ende des Streiks, obwohl der Millionäre, in Nymburk 13 - - es handelt sich um durch Streiktag nicht bezahlt wurde. Der originelle Grund Gleüksfälle gewonnene Summen und unter ihnen gibt es für die Nichtbezahlung dieser fünf Tage wurde einem viele Künstler, Schauspieler, Pop-Sänger, die bereits cine fehlerhaften Komputer zugeschoben. Im März 1974 kleine Minorität bilden. Diese Leute halten nicht viel ging aus einer nichtoffiziellen Intormation hervor, dal davon dicke Bankkonten zu haben, denn sie wissen ihr es zu einem kurzem Proteststreik in einer Eisenverar- Geld nicht sehr gut zusammenzuhalten). Die offizielle beitenden Firma in Ostslowakien; ein Streik, der eben- Summe des Sparaufkommens der Tcheschen (folglich ohne falls aufgrund des neuen Lohnsystems ausbrach. Die Eindie Slowakei) beläuft sich im Jahre 1973 auf 90 Milliar- führung dieses Systems wurde in vielen Betrieben aufgrund den Kronen, Übrigens spricht eine nicht offizielle Ver- von Protesten der Arbeiter zurückgestellt. lautbarung von Warenlagern deren Wert nur 30 Milliar- Und andere Quellen behaupten, Zusammenfassend kann man sagen, daß sich ein nicht daß es in der Tchekoslowakei eine Geldinflation gibt, unbeträchtlicher sozialer Druck Ausdruck verschafft. Aber die 75 Milliarden Kronen entsprechen soll. Angesichts dennoch darf man nicht kurzfristig mit einer Explosion dieser Fakten haben die Gerüchte bezüglich einer wah- oder mit einer Ausweitung der Streikbewegung rechnen. rungsreform und einer Preiserhöhung -- Gerüchte, Die Arbeiter werden im Falle einer wirtschaftlichen Kaunter der Bevölkerung Panikstimmung säten, was dazu tastrophe wahrscheinlicher mit totaler Gleichgültigkeit führte, daß diese ihr Sparguthaben abheben und in Ge- für das Schicksal der politischen Führung reagieren, nach brauchsartikeln anlegen wollten -- durchaus eine rationa- der Devise: "Sie haben nichts für uns getan, mögen sie le Basis. Es ist jedoch wenig wahrscheinlich, daß die zum Teufel gehen!"

Regierung diese Maßnahmen ergreift. Indessen kann man eine neue Aktion der Regierung beobachten: das neue Lohnsystem, der letzte Schrei der sogenannten sozialistischen Rationalisierung. (aus INPRECOR Nr. 2 vom 20. Juni 1974)

Die Regierung hat jedoch damit schon sehr schlechte Erfahrungen gemacht: als sie dieses System im Frühjahr in einem Teil des Skoda-Trusts einführen wollte, gab es einen Streik, der von weiteren Streiks gefolgt wurde. Obwohl alle Streiks unterdrückt wurden (es handelte sich um kurze Streiks, nur ein Teil der Belegschaften nahm an ihnen teil, und diese Streiks dauerten -18-

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SOWJETUNION:

archipel gulag Archipel Gulag legt Zeugnis einer dreifachen Tragik des sta tai verderbenheit den finsteren an kumos ar ab. Die Tragödie der stalinistischen Säuberungen, übertreffen, die rechte Hand Stalins, der der Organisator die Millionen Sowjetbürger getroffen hat, die unschuldig an den Verbrechen waren, deren sie beschuldigt scheint, das einene e massive Säuberung eine sten soll- gewesen zu sein wurden - unter ihnen die Mehrheit der bolschewistischen Kader. Die Tragödie einer Generation rebellischer Intellektueller in der heutigen UdSSR, die aus der Erfahrung mit dem Stalinismus dazu gebracht wurden, Leninismus und Marxismus gleichermaßen in dem Leben des Iwan Denissowitsch" vergleichen lassen, zurückzuweisen und unfähig wurden, die Ursachen bilden zweifellos den wertvollsten Teil des Buches. der stalinistischen Repression, die gegenwärtige Rea• lität in der UdSSR und die Lösungen, welche die Kri- Man erfährt dabei auch Einzelheiten über die von der se dieser Gesellschaft erfordert, zu erfassen, Die per- GPU angewandten Folterungen, um den Angeklagten die sönliche Tragödie eines Schriftstellers von außerge- Geständnisse zu entreissen, obwohl Solschenizyn insgewöhnlicher Begabung, der, weil er außerstande ist, samt die Schlußfolgerung Trotzkis bestätigt, nach der den Ursprung und die Natur des Ubels, das ihm zuge- das Nichtvorhandensein eines dem Stalinismus gegenüber fügt wurde, zu verstehen, zu reaktionären Schlußtol- unabhängigen politischen Standpunktes (das heißt die po die teilweise die Theorien wieder litische Kapitulation der unglücklichen Opfer vor der bü aufnehmen, mit denen Stalin und seine Henker ihre rokratischen Diktatur) die tatsächliche Basis der Geständ- Verbrechen rechtfertigten und die außerdem als Recht- nisse bildete.

fertigung für die Repression dienen, die erneut auf die politischen Oppositionellen in der UdSSR eindringt. Eine der seltenen sensationellen Enthüllungen des Archi pel GULAG besteht darin, daß es Prozesse gegeben hat, die eine DIE STALINISTISCHE WELT DER KONZENTRATIONS- schlechte Wendung genommen haben, in deren Verlauf die Angeklagten ihr Geständnisse wiederriefen und sich als An- Der erste Gegenstand des Archipel GULAG ist die Welt der von der GPU geschaffenen Żwangsarbeitslager, die die stalinistische Politik wandten, die oft fur die Tatsachen, die stalinistische Politik wandten, die ihnen bei den angeblichen Verbrechen" vorgehalten unter Stalin einen Zustrom von Millionen Sklaven erlebte, verantwortlich war: so bei dem Prozeß der verdie man in ihrer ungeheuren Mehrheit - wenn sie nicht antwortlichen Kommunisten der Kleinstadt Kadyj im Dihingerichtet wurden - dorthin deportierte, in offenkun- strikt Iwanow.

diger Verletzung der sowjetischen Gesetze, mithilfe willkürlicher und entsetzlicher Verfahren wie der Folter, Der allgemeine Eindruck, den dieser Hauptteil des Archipel durch die völlige Unterdrückung von durch die sowjeti- GULAG erweckt, ist eine unbedingt Verurteilung einer als sche Vertassung garantierten Rechten, wobei man sich Regierungssystem institutionalisierten Repression, zuweilen auf Gehimdekrete stützte, die ihrerseits die dazu wurde objektiv das Wesen der stalinistischen Säuberungen. Verfassung und das Strafgesetzbuch des Landes verletz- Ein Regime, das sich weder auf die politische Zustimmung ihrer materiellen Bedürfnisse, der arbeitenden Massen stützt, noch auf die Befriedunger muß zu einem Terror, Solschenizyn hat eine Unmasse von Zeugenaussagen auf die Höhe der wichtigsten Staatsinstitution erhoben wird, über die Bedingungen zusammengebracht, unter denen Zuflucht nehmen. Und darin liegt der hervorstechendste die großen stalinistischen Säuberungen stattfanden, E Aspekt der stalinistischen Welt der Konzentrationslager, zeigt vor allem die direkte Verantwortlichkeit tur diese und nicht in dem angeblichen "wirtschaftlichen" Beitrag Verbrechen bei dem Kreis auf, der Stalin umgab, nicht den die Sklavenarbeit zur Industrialisierung der UdssR senur der Berias und Jeschows, sondern auch der Molotows leistet haben soll.

und Kaganowitsche, was das Zurückweichen zahlreicher Würdenträger der Bürokratie erklärt, unmittelbar nach dem Wer auch immer die Wahrheit diese Terrors geleugnet hat XX. Parteitag der K PUdSSR den Plan weiter voranzutrei- - aus Blindheit - oder wer auch immer sie leugnet, ben, die Verbrechen Stalins völlig autzuhellen. nicht das geringste zur "Verteidigung der Sache des Kommunismus" bei, Er deckt die schmutzigen Verbrechen gegen Er enthüllt im einzelnen die Praktik der Verurteilungen und den Kommunismus und gegen die sowjetische Arbeiter- Deportationen nach den verschiedenen Kategorien von klasse, umso schlimmere Verbrechen, weil sie die Sache Burgern, z. B. des gesamten Personals der ostchinesischen des Kommunismus in den Augen eines nicht unbeträchtli- Eisenbahn, aller kommunistischen Koreaflüchtlinge in chen Teils des Weltproletariats diskreditiert haben und der UdSSR, der Mehrzahl der ehemaligen Kämpfer des es auch weiter tun, österreichischen Schutzbunds, der Mehrzahl der ehemaligen Mitglieder der lettischen Roten Garde, die eine so HAT STALIN NICHT NUR DAS FORTGESETZT, WAS bedeutende Rolle beim Sieg der Oktoberrevolution und LENIN UND TROTZKI BEGONNEN HATTEN ? bei der Schaffung der Roten Armee gespielt hatten.

Gäbe es im Archipel GULAG nur die Enthüllung von Stalins

Sicher - wer (im Westen!) "Die Verratene Revolution" gewürzt mit einigen Betrachtungen über das und "Stalins Verbrechen" von L. D. Trotzki lesen konn- Verbrechen leninismus, der im Grunde für die Verbrete oder das Buch, in dem sich die Menschewiken Dallin chen Sten, sverait gegen le Repremion der sommeund Nikolajewski mit den sowjetischen Lagern befassen, wird im Archipel GULAG nichts grundsätzlich Neues er- tischen Bürokratie zu verteidigen, indem man gleichzeifahren. Aber er wird eine Reihe von Ausschmückungen tig seine ideologische Konfusion bedauert, zu würdigen wissen, mit denen der große Schriftsteller

Solschenizyn Gestal ten skizziert hat, die er im Gefäng- Tatsächlich sieht es jedoch anders aus. Solschenizyn benis oder in den Lagern traf: den alten Arbeiterrevolution är müht sich im Archipel GULAG systematisch zu beweisen, Anatolij Iljitsch Fastenko, den Prototyp eines Bürokraten- mithilte von Tatsachen und Zahlen, daß der zur Einrichkarrieristen, Chefingenieur S-ws, den ehemaligen Men- tung gewordene Terror schon mit der Oktoberrevolution schewik, dann Bolschewik und Opfer einer der ersten begonnen hatte. Das ist das zweite zentrale Thema des Monsterprozesse (Vorläufer der künftigen Moskauer Pro- Werkes, das kaum weniger als das erste ausgeführt ist. zesse) M. P. Jakubowitsch, den Minister-Stellvertreter Mit Unterstützung einer Menge von Zeugenaussagen dar-

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gelegt, in der leidenschaftlichen Sprache eines Schriftstellers, dessen Begabung keines Beweises bedarf und der sich Millionen von Lesern mit der Aureole eines Opfers abscheulicher Verfolgungen präsentiert, wird dieses Thema einen starken Eindruck auf die Öffentlichkeit der kapitalistischen Länder wie auf die der bürokratisierten Arbeiterstaaten ausüben, Die dialektische Beziehung Solschenizyns zur Sowjetbürokratie ottenbart sich damit auf einen Schlag als die Dialektik der Konterrevolution. Außerstande, mente von Solschenizyn zu widerlegen, verstärkt der Kreml die Glaubwürdigkeit der Thesen des Schriftstellers, wenn er ihn mit Beleidigungen und Verleumdungen überhäuft, ihn aus dem Lande vertreibt und damit seine Bemühungen erleichtert, den Bolschewismus, den Marxismus und die Arbeiterbewegung in den Kot zu ziehen, Der Kreis Schließt sich, wenn die reaktionäre Ideologie Solschenizyns vom Kreml zum "Beweis" dafür herangezogen wird, die Opposition in der UdSSR sei konterrevolutionär, und alles in allem müsse die Gedankenfreiheit "kontrolliert" bleiben, um "zwei, drei, viele Solschenizyns", mit oder ohne Bega bung, zu vermeiden.

Man braucht ein dickes Buch, um alle Verleumdungen Solschenizyns gegen die Oktoberrevolution zu widerlegen. Wir hoffen, daß dieses Buch von einem militanten revolutionären Marxisten geschrieben wird, Das würde nur einmal mehr bestätigen, wo sich heute die Erben und die Fortsetzer des Boschewismus befinden, Begnügen wir uns im Augenblick mit dem Wesentlichen.

Betrachten wir zuerst die Tatsachen, Hier beginnt der Moralist solschenizyn mit einem gewaltigen Betrug. Er malt mit Vergnügen auf Dutzenden Seiten ei ne detaillierte Beschreibung des roten Terrors hin, Kein Wort über den weißen Terror, der indessen vorausgegangen war und das Zurückschlagen der Boschewiki ausgelöst hatte.

Kein Wort über die Großzügigkeit der Revolutionäre im Oktober, November, Dezember 1917, die die Mehrzahl, wenn nicht alle ihre Gefangenen wie den General Kaledin freiließen, die prompt daraut mit der Enttesselung des Terrors und des Mordes gegen das an der Macht befindliche Proletariat antworteten, Nicht ein Wort über die Tausenden von Kommunisten, Kommissaren und Soldaten, die verräterisch ermordet wurden, über ein mit Feuer und schwert verwüstetes Land, um die Macht der Großgrundbesitzer und Kapitalisten wiederherzustellen. Nicht ein Wort über tatsächliche Attentate gegen die bolschewistischen Führer - keine imaginären Attentate, wie sie den Opfern der Moskauer Prozesse vorgeworfen wurden -, uber den ermordeten Wolodarski, über den Attentatsversuch auf Lenin. Nicht ein Wort über die Intervention der ausländischen Armeen, über die Invasion des Landes auf sieben verschiedenen Fronten. Der "Moralist" und "Nationalist" Solschenizyn sieht reichlich mitgenommen durch eine derartig parteiische Analyse aus. Weiterhin auf der Ebene der Tatsachen: wer zuviel beweisen will, beweist schließlich gar nichts. Bei seinen Bemühungen, eine Parallele zwischen "dem Fehlen von Recht und Gesetzlichkeit" im Lauf der ersten Revolutionsjahre und dem gleichen Mangel unter Stalin zu ziehen, stützt sich Solschenizyn aut eine sammlung von Anklagereden, die der Kommissar für Justiz, der Bolschewik Krylenko, genalten hat, Was aber geht aus diesen Belegen hervor? Daß es unter Lenin und Trotzki wohl schwerlich durch Folterungen entrissene Geständnisse gegeben hat, daß die Angeklagten sich trei verteidigen und nicht ohne Aussicht auf Erfolg verteidigen konnten, daß diese Prozesse keine sf alls Schauprozesse, sondern revolutionäre Prozesse waren, zweifellos auf manchmal elementare und ungenien poche der fall ist, et erienme iweit von dontiovon Stalin organisierten Zerrbildern der Justiz entfernt. Zwei von Solschenizyn herangezogene Prozesse illustrieren vortrefflich diesen fundamentalen Unt erschied zwischen der bolschewistischen Revolution und der stalinistischen Konterrevolution.

-2 Dem Chefingenieur der Wasserwerke Moskaus, W.W. Oldenburger, einem alten unpolitischen Techniker, wird von einer kommunistischen Zelle nachgestellt, die ihn aufgrund seiner unpolitischen Einstellung ablösen will, Sie treibt ihn zum selbstmord, Solschenizyn ergeht sich in Beschuldigungen gegen die verschwörerischen, gemeimerkes man miteaber bis zum endes seines Berichts korrumpierten Kommunisten des besagten Wasserlesen, um zu erfahren, daß der von ihm erwähn te Prozes vom sowjetstaat beabsichtigt war, um Olden kommunistische Zelle, die ihn verfolgt hatte, en Pro- urger zu zen, der mit der Verurteilung der Verfolger endete, ein Prozeß, der aufzeigt, daß die Arbeiter des Wasserwerkes Oldenburger frei in den Sowjet wählen konnten, gegen den einhelligen Druck der kommun istischen Zelle...

Ein Tolstoiianer, entschiedener Gegener des Waffentragens, widmitten im Bürgerkrieg wegen seiner Weigerung aus Gewissensgründen zum Tode verurteilt: hier ist der zweite kennzeichnende Prozeß. Er endet auf noch sensationellere Weise. Die Soldaten, die den zum Tode Verurteilten bewachen, halten den Urteilsspruch mit Recht für ungeheuerlich, organisieren im Freien eine allgemeine Versammlung innerhalb der Kaserne, überbringen dem Stadt-Sowjet eine Eingabe, mit der sie die Aufhebung des Urtells verlangen und gewinnen ihre Sache. Arbeiter, die einen apolitischen Ingenieur in den Sowjet trotz der Opposition einer Zelle von Kommunisten wählen können (im besten Falle Ultra-Sektierer, im schlimmsten tatsächlich Korrumpierte und Karrieristen), Wachsoldaten von Gefangenen, die sich gegen Gerichtsurteile empören, Generalversammlungen organisieren, sich in die großen Staatsangelegenheiten" einmischen, das Leben ihres Gefangenen erzwingen: hier beschreibt Solschenizyn, onne es zu merken, den fundamentalen Unterschied zwischen der der Revolutionsära und der konterrevolutionären Zeit. Er soll uns doch Beispiele aus der stalinistischen Epoche zeigen, die analoge Tatsachen bezeugen, um zu beweisen, daß im Grunde unter Lenin wie unter Stalin alles das gleiche war!

Daß die Sowjetmacht Irrtümer bei der Repression und bei politischen Entscheidungen begangen hat - kein Leninist, der diesen Namen verdient, wird sich heute darauf versicht begangen haaren sie done zellente ese Wie könnten sie sie hatten, die ersten gewesen zu sein, um einen Staat im Auftrage der Ausgebeuteten und Arbeiter aufzubauen. im Ausmaße eines großen Landes, den blutigen und wilden Angritten mächtiger Feinde ausgesetzt, und die es tun mußten, ohne sich auf Präzedenzfalle stützen zu können, auf eine für diese Sache vorbereitete Wissenschaft › Heute wissen wir, daß es falsch war, im Jahre 1921 alle anderen sowjetischen Parteien zu unterdrücken und damit ein Regime einer alleinigen Partei als Einrichtung zu schaffen und die Fraktionen innerhalb tei zu verbieten. Alle diese Maßnahmen, die als vorrübergehend, als Antwort auf unmittelbare Schwierigkeiten ersonnen waren, sind bezeichnend für eine Uberxchätzung der unmittelbaren Gefahren einer wohl doch geschlagenen und zerstreuten Konterrevolution, für eine Unterschätzung der demoralisierenden Folgen für das Bewußtsein und die Aktivität des Proletariats durch ein politisches Klima, das immer mehr durch die administrative Unterdrückung und inner weniger durch die bewußte Teilnahme der Massen charakterisiert wird. Diese Maßnahmen haben die politische Enteignung des Proletariats erleichtert, die Erstickung der inneren Demokratie in der bolschewistischen Partei, die Errichtung der bürokratischen Diktatur. Man konnte damals nicht mit Sicherheit wissen: man weiß es heutzutage, Die IV. Internationale hat daraus alle sich ergebenden programmatischen Schlußfolgerungen gezogen.

Wer aber heute den Stein auf die Bolschewiki wirft, müßte sich genau die damaligen Ersatzlösungen betrachten. Er müßte die schreckliche Verantwortlichkeit der deutschen Sozialdemokratie (d. h, des Menschewismus) hervorheben, die die deutsche Revolution im Blut erstickte 0-

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und damit zuerst Stalin und danach Hitler auf den Plan gebracht hat, Er müßte sich in das Schicksal vertiefen, das die Arbeiter und armen Bauern erwartete, wo sich die Revolution nicht wirkungsvoll und erbarmungslos verteidigt hat, Die Tausende von Opfern des weissen Terrors Horthys in Ungarn - um nur diesen Fall zu zitieren - würden vielmehr zugunsten der Justiz der Bolschewiki Zeugnis ablegen.

DIE BEWUSSTE IDEOLOGIE

Solschenizyn ist in einer noch schwächeren Position, wenn er aus dem Reich der Tatsachen in das der Ideen hinüberwechselt. Die einzige Antwort, die er für die Erklärung des stalinistischen Terrors tindet, besteht darin, dal er "die Ideologie", den gegenwärtigen ideologischen Fanatismus, in den Anklagezustand versetzt: die Inquisitoren, Eroberer, Kolonisatoren, Faschisten, Jakobiner und augenscheinlich Marxisten hätten sich durch den ideologischen Fanatismus in Mörder von Millionen ihrer Zeitgenossen im 20. Jahrhundert verwandelt, Was gelich anfangs bei dieser Aufzählung auffallt, ist ihre erhebliche Unvollständigkeit. Warum hat Solschenizyn den religiösen Fanatismus auf dieser Liste vergessen? Die Religionskriege haben indessen Millionen Opter in der Geschichte verursacht". Und was ist mit dem Nationalismus und der Ideologie der "Vaterlandsverteidigung" in den imperialistischen Ländern, die ganz allein im Ersten Weltkrieg mehr Tote als der ganze stalinistische Terror "verursacht" haben› Sollte dieses Ubersehen darauf beruhen, daß Solschenizyn Anhänger dieser beiden Ideologien ist: die Religion und des Nationalismus? Was danach auffällt, ist ihr außerordentlich oberflächli-. cher Charakter. Warum ruft die gleiche "Ideologie" in bestimmten Epochen einen mörderischen Fanatismus hervor, un in anderen ein sehr lockeres und friedliches Gewäh renlassen? Geschieht das wirklich aus "ideologischen" Gründen ≥ Oder nicht vielmehr, weil sehr handfeste und ganz bestimmte materielle Interessen im Spiel sind? berungen zu Solschenizyn liebt es, die Opfer der stalinistischen Său- "quantifizieren ; indem er sie mit denen der zaristischen oder faschistischen Repression vergleicht. Aber man kann diese "quantifizierenden" Vergleiche ausdehnen. Welche "Ideologie" hat denn die halb-analphabetischen Organisatoren von Bücherverbrennungen in Chile "fanatisiert", die Verlauf weniger Tage 20 000 Personen getötet und 40 000 Gegner eingesperrt haben, was, auf russische Größenordnungen übertragen, 600 000 Ermordeten und 1,2 Millionen Deportierten gleichkommen würde? Innerhalb weniger Tage: Stalin würde vor Neid erblassen, Wurden sie von einem "ideologischen Fanatismus" getrieben, oder vielmehr von dem Wunsch, das Privatkapital und die ewigen Werte der "Unternehmerfreiheit" und der kapitalistischen Ausbeutung zu verteidigen?

Und der berüchtigte "Kreuzzug" , den Franco 1936 zur "Wiedereroberung" seines "in die Hände der Roten" gefallenen Landes organisierte, ein Kreuzzug, der mit dem Mord von über einer Million Spanier durch die "nationalistischen Truppen" abgeschlossen wurde, das heißt, auf russische Größenordnungen übertragen, von neun Millionen Toten, um noch einmal die Vergleiche Solschenizyns nachzumachen? War das wirklich irgendeine "Ideologie", die dies entsetzliche Massaker hervorgerufen hat? War es nicht eher ein Versuch, um jeden Preis, auch mit Strömen von Blut, die Macht der Arbeiter und armen Bauern daran zu hindern, sich auf der iberischen Halbinsel festzusetzen?

Nur durch die Einsichten des Marxismus fügt sich die Aufeinanderfolge von Barbarei und Zivilisation durch die Menschengeschichte hindurch ineinander und wird deutlich. Wenn eine Klasse fest im Sattel sitzt, ihrer selbst und über ihre Zukunft sicher ist, wenn ihre Macht zunimmt und die sozialen Gegensätze sich vorübergenend verringer - dann kann sie sich den Luxus erlauben, nit relativ friedlichen und zivilisierten Mitteln zu regieren (bis zu dem Augenblick, wo ihre Macht rücksichtslos angefochten wird: dann aber kommt das Massaker der Kommunarden durch die Versailler, selbst in dem - mit unserer "barbarischen" Epoche verglichenen so zivilisierten und "friedfertigen" 19. Jahrhundert). Wenn sich eine herrschende Klasse jedoch im Niederrang benndet, wenn inre Macht zerbröckelt, wenn ih legime durch immer schärfere Gegensätze zerrisser wird, dann steigt die Barbarei wieder an die Oberfläche, und die Klassenherrschaft erscheint unter einer mit Blut befleckten Maske.

Unsere Epoche ist eine Epoche des Todeskampfes des kapitalistischen Systems. Solange diese Agonie anhalten wird, werden die Merkmale von Barbarei, blutiger Unterdrückung und Geringschätzung des menschlichen Lebens schärfer hervortreten, In diesem historischen Sinne ist Stalin ein Produkt des Kapitalismus, in gleicher Weise wie Hitler, Auschwitz, Hiroshima, wie die Entlaubungsbombardierungen in Vietnam, und kein Produkt der Sowjet-Gesellschaft oder der Oktoberrevolution. In einem engeren und unmittelbareren Sinne ist der stalinistische Terror ein Produkt des Sieges einer politischen Konterrevolution in der Sowjetunion. Die Tatsache, daß er die ganze Generation von Revolutionären, die beim Oktober an der Spitze standen und den Sowjetstaat schufen, ausrotten mußte, würde schon genügen, um die willkürliche von Solschenizyn aufgestellte Einheit vom Henker und seinen Opfern zurückweisen. Diese politische Konterrevolution vertritt ihrerseits greifbare materielle und soziale Interessen: diejenigen der privilegierten Bürokratenschicht, die - auf der Basis der neuen aus der sozialistischen Revolution hervorgegangenen eigentumsverhältnisse - ihr wirtschaftliches und politisches Führungsmonopol verteidigt, ebenso wie díe enormen Vorteile, die unter den Bedingungen eines langandauernden Mangels daraus entspringen.

Durch das Verwerfen des Marxismus stehen Solschenizyn und seinesgleichen vor der Unmöglichkeit, die Ereignisse, die sie zutiefst aufgewühlt haben, zu erklären. Trotzki pilegte Spinoza zu zitieren: "Nicht lachen, nicht weinen, sondern verstehen" • Solschenizyn lacht bitter, weint viel, aber sein Verständnis bleibt dürftig. DIE MORALISIERENDE POLITIK FÄLLT IN DIE EIGENE FALLE

Die Widersprüche des Solschenizynschen Denkens, den Marxismus verwirft, zeigen sich am deutlichsten, wenn dieser Moralist die elementaren Moralgesetze gegenüber den Marxisten unserer Epoche, vor allem gegeniber Trotzki und den Trotzkisten, aufgibt. Um seine These rechtfertigen zu können, nach der Stalin der Fortsetzer und nicht der Totengräber des Boschewismus wurde, bemunt er sich um den Nachweis, daß alle Bolschewiki Stalin geholfen, vor ihm kapituliert, bei seinen Verbrechen zusammengearbeitet und eine Komplicenrolle in seinen Schein "prozessen" gespielt haben. Dabei geht er von der richtigen Aussage aus, wer von Stalin politisch kapituliert habe, würde folgerichtig dazu geführt, so zu handeln ("weil eine Politik ohne moralisches Fundament unaufhaltsam zum Verber- Lo ver stai landen und beim pere der ce under. Jahre mitwirkten. Er geht so weit zu behaupten, auch Trotzki selbst hätte alles zugestanden, was die GPU von ihm verlangt hätte, wenn er in den Händen Stalins gewesen wäre. Denn auch er hätte keinen "unabhängigen Standpunkt" besessen, keine im Verhältnis zum Stalinismus wirklich autonome Ideologie! Im übrigen hätte er keine Ertahrung mit körperlichen und geistigen Folterungen besessen, die ihn befähigt hätten, der GPU zu widerstehen.

Diese Behauptungen stützen sich auf keinerlei Beweise. Sie stellen nur eine kaum geprüfte und korrigierte Neuauflage der stalinistischen Verleumdungen gegen Trotzki dar.

Wenn man behauptet, keine kommunistische Tendenz besäße hinsichtlich des stalinistischen Terrors eine autonome ideologische Basis und müsse deshalb - vom Schicksal vorbestimmt - vor ihm kapitulieren, dann mißachtet man damit den erbarmungslosen fünfzehnjährigen Kampf -21-

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zuerst der Linken Opposition, dann der Bewegung für die Vierte Internationale gegen die Sowjetbürokratie, ein Kampf, der aut einer theoretisch und politisch kohärenten Grundlage geführt und deren Berechtigung von der Geschichte in vollem Umfang bestätigt wurde. Da mit beleidigt man das Andenken von tausenden trotzkistischen Kämpfern und anderen, die sich geweigert haben zu kaitualieren, die sich geweigert haben, Mitschuldige bei Justiztarcen zu werden, die mit ihrem Leben die Treue zu ihren Grundsätzen bezahlt haben und sich auf einen Mut und eine Charakterstärke ohnegleichen in der Geschichte stützten.

Wer behauptet, L. D. Trotzki habe seine. Befähigung nicht unter Beweis gestellt, daß er persönliche Prüfungen erragen konnte, der vergißt, daß er seinen Kampf gegen den Stalinismus trotz der Ermordung seiner Söhne, seiner Sekretäre und seiner Mitarbeiter durch die GPU weitergeführt hat, daß er diese Opposition unbeirrbar aufrechterhielt, nachdem bereits ein erstes Attentat durch die GPU gegen ihn begangen worden war, in einem Augenblick, wo er dauernd darauf gefaßt war, durch die Agenten Stalins ermordet zu werden.

Wer nachspricht, wie es Solschenizyn tut, die Trotzkisten hätten sich in den Lagern Stalins sektiererisch verhalten und wären außerstande gewesen, lange Hungerstreiks mit einem Programm von Forderungen zu führen, der verunglimpft das Andenken an jene mehr als tausend Helden, den ersten, die wir versucht haben herauszuarbeiten, aber nicht weniger zur Grundlage des Denkens von Sol schenizyn gehörig. Es handelt sich um das Thema, wonach die Arbeiterklasse außerstande ist, den Staat und die Wirtschaft zu verwalten. Dieses Thema - man muß es aussprechen - spiegelt eine den Technokraten und Bürokraten eigene intellektuelle Arroganz wider.

Diese Ideologie wird übrigens am deutlichsten an der Stelle, die sich mit dem Prozeß gegen die angebliche "Industriepartei" (Ende 1930) befaßt. Hier steht, es sei daß die Ingenieure versuchen, den Arbeitsstätten Disziplin aufzuerlegen! Es sei nur folgerichtig, daß diejenigen, die "imstande sind, ihre Aktivität von der Vernunft lei ten zu lassen", an der Spitze der Gesellschaft stünden! Es sei nur folgerichtig, daß die Politik teilweise durch die Forderungen der Technik bestimmt würde.

Dieses ganze technokratische Glaubensbekenntnis und die Ablehnung der direkten Macht der Arbeiter, der Macht der Räte, die darin eingeschlossen ist, war un ›leibt eine der ideologischen Grundlagen des Stalinis. mus. Kein Zufall, daß man es bei Solschenizyn und die zur Zeit des schlimmsten stalinistischen Terrors einen Hungerstreik entfesselten, der achzehn Wochen dauerte, für ein Fünf-Punkte-Programm, das die Rechte. aller politischen Gefangenen verteidigte. Daß Solschenizyn - auf den Spuren Stalins! - alle Spuren des entscheidenden Beitrags des Trotzkismus zum Kampf gegen die Diktatur der Sowjetbürokratie verwischen möche, um jede Kontinuität zwischen der Oktoberrevolution und den gegenwärtigen politischen Aufgaben in der UdSSR zu verhindern, ist seitens eines entschlossenen Gegners des revolutionären Marxismus leicht zu begreifen. Wenn man jedoch die unmoralischen Methoden wahrnimmt, deren er sich zu diesem Zweck bedienen muß, stößt man auf die Sackgasse jeder von angeblich absoluten Moralnormen getragenen Politik, die unabdingbar dazu führt, die eigenen Prinzipien mit den Füssen zu treten. DIE HISTORISCHE RECHTFERTIGUNG DER OKTOBER- REVOLUTION

Soschenizyn bemüht sich, die ganze Realität der UdSSR allein auf die Außerungen des stalinistischen und nachstalinistischen Terrors zurückzuführen. All dies leitete sich aus einer Revolution her, die nicht hätte stattfinden dürfen: "Rußland war nicht reif für die Revolution". Wofür war es dann reif Für die zaristische Barbarei› Für den Hunger, das Elend, den Analphabetismus auf Ewigkeit Indem er die Frase der Legitimität der Oktoerrevolution - und damit der Revolution in allen relativ unterentwickelten Ländern - infrage stellt, laßt Solschenizyn einen weiteren Widerspruch der moralisierenden Politik zum Ausdruck kommen. Darf man also nur allein die durch den Terror ermordeten Toten beweinen? Und was mit den Toten, die von unmenschlichen sozioökonomischen Regimes verursacht worden, mit den Dutzenden Millionen an Hunger gestorbenen in den großen Hungersnöten von Indien und des vorrevolutionären Chinas - sind sie weniger zu bedauern? Sind sie Produkte eines Schicksals, dem man sich ohnmächtig beugen muß?

Das Ergebnis der Oktoberrevolution laßt sich nicht allein auf die Missetaten der Bürokratie und ihrer terroristischen Unterdrückung beschränken, Die Ergebnisse der Oktoberrevolution haben auch dazu geführt, daß ein großes Land im Verlauf einiger Jahrzehnte in die zweite Industriemacht der Welt verwandelt wurde, wo das Analphabetentum vertrieben ist, wo die Anzahl der Arzte und der jährlich neu veröffentlichten Bücher (einschließlich der Übersetzungen!) auf 100 000 Einwohner zu den höchsten Welt zählt, wo die Kindersterblichkeit unter der von Großbritannien liegt. Man kann jedoch die Polizei - und Unterdrückungswillkür in der UdSSR nicht als angeblich unvermeidliches Ergebnis der sozialistischen Oktoberrevolution bekämpfen, und mit Stillschweigen diesen anderen Aspekt der sowjetischen Wirklichkeit zu übergehen, die gerade die materiellen Grundlagen einer echten Sowjetdemokratie in der heutigen Zeit schafft. wenn die Macht der Bürokratie gestürzt wird, Weder Marx noch Lenin oder Trotzki haben jemals geglaubt, daß man den Aufbau einer echten sozialistischen Gesellschaft ohne Klassen in einem einzigen Lande vollenden könnte, und noch dazu in einem ökonomisch unterentwickeltem Lande, Die imperialistische Epoch e wird vor allem durch die doppelte Tatsache charakterisiert, daß die internationale Herrschaft des Kapitals die Entwicklung der rückständigen Länder behindert und deformiert, und daß auch die revolutionären Bewegungen immer mehr dazu tendieren, international zu werden. Solschenizyn beklagt das und fordert die Sowjetführung auf, ein "kommunistisches Sendebewußtsein" aufzugeben, an dem sie schwerlich leidet. Ein Minimum moralischen Gefühls für das Elend der Welt und die sie bedrohenden Katastrophen müßte vielmehr zu der Schlußfolgerung führen, die Anstrengungen zu verdoppeln, um den Sieg der sozialistischen Weltrevolution schneller herbeizuführen, was des weiteren auch zur Beseitigung der Polizeiund Unterdrückungswillkür in den bürokratisierten Arbeiterstaaten, das heißt zum Siege einer politischen Revolution in diesen Ländern beitragen würde. DAS DILEMMA DER INTELLEKTUELLEN OPPOSITION IN DER UDSSR

Der Archipel GULAG ist, wie das Werk eines jeden großen Schrifstellers für die gesellschaftliche Situation in ihrer Gesamtheit wie auch für das Denken einer be- Verbrechen Stalins mit Lenin und Marx gebrochen haben. Man darf die Bedeutung, die Breite dieser Schicht auch innerhalb der sowjetischen Jugend nicht unterschätzen. Schon ihr Vorhandensein bedeutet im übrigen eine neue ins Auge fallende Verurteilung des in der ÜdSSR herrschenden Regimes.

So sieht also eine sogenannte sozialistische Gesellschaft aus, wo es angeblich keine "antagonistische gesellschaftliche Widersprüche" mehr gibt die die einheitlichste Gesellschaft der Welt" seí und wo nacheinander Generationen von nach der Revolution geborenen Intellektuellen sich immer feindlicher gegenüber dem Marxismus entwickeln! Diese Entwicklung kann nur durch einen gegen sie von den Verfälschern des Marxismus geführten "ideologischen Kampf" gestärkt werden, dessen letzte Zuflucht auf dem "Argument" der Unterdrük- ‹ung der Schriften und der Ausweisung, der Verbannung ›der der Internierung von Oppositionellen in Nervenheilanstalten beruht!

Aber welch eine Ironie der Geschichte! - diese geharnischten Gegner des Stalinismus wie Solschenizyn und -22-

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seine Freunde, diese wütenden Feinde des angeblich für den Stalinismus verantwortlichen Leninismus, bleiben doch in weitem Maße Gefangene der stalinistischen Ideologie. Sie bewegen sich zum grosen Tell in dem Reich der Marchen, mit denen Stain seine Verbrechen entschuldigte und rechtfertigte. Das drückt sich nicht nur in den antitrotzkistischen Verleumdungen aus, die direkt aus der Küche des Generalsekretärs stammen, Das zeigt sich vor allem darin, wie die intellektuelle Opposition an die Probleme der Sowjetgesellschaft von heute und ihre Lösung herangeht. in die Augend fallend und weniger deutlich als die bele und weniger deutlich als die beiden ersten, die wir versucht haben, etwas zu untersuchen, aber deswegen nicht weniger konstitutiv für das Denken Sorbeiterhasse ist den Staatend die keit der Arbeiterklasse, den Staat und die schaft selbst zu führen und zu verwalten. Dieses Thema reflektiert zweifellos eine den Technokraten und den Bürokraten eigene intellektuelle Arroganz. Übrigens tritt diese Ideologie Solschenizyns in einer Passage besonders deutlich hervor, die dem Prozess der sogenannten "Industriepartei" (Ende 1930) gewidmet ist. Man liest dort, daß es logisch ist, wenn die Ingenieure versuchen die Arbeitsdisziplin am Arbeitsplatz durchzusetzen. Daß es logisch ist, daß die Politik zum Teil bestimmt wird von den technischen Zwängen, Dieses ganze technokratische Credo und die Ablehnung der direkten Machtausübung durch die Arbeiter, was die Zurückweisung der Sowjetmacht impliziert, war und bleibt eines der ideologischen Fundamente des Stalinismus. Und nicht zufällig findet man dies bei Solschenizyn und seinen Freunden wieder. Was sie mit der Bürokratie gemein haben ist dieselbe Ablehnung der Möglichkeit, daß die Arbeiter selbst die Macht ausüben können, ist dergleiche radikale Bruch mit der Lebens und Denkweise der Arbeiterklasse, mit ihren Hoffnungen und ihren Idealen. In diesem Sinne bleibt Solschenizyn totz allem ein ideologischer Gefange ner der Bürokratie, im Grinde eir Freund eines politisch autoritären Regimes, nur ohne exzessive Repression. Er ist der Vertreter eines aufgeklärten Autoritarismus und nicht der Befürworter ei ner Sowjetdemokratie, die als im Grunde utopisch und schädlich verleumdet wird.

Seine politische Aktion richtet sich nicht auf eine Opposition der Massen aus, sondern auf die individuelle Ablehnung und dem Kreml übersandten "Offenen Briefen".

Wenn man diese gesellschaftliche Funktion Solschenizyns und die daraus sich ableitende politische Ohnmacht begreift, kann man nur die sowohl von den neuen Leninisten in der UdSSR wie von den revolutionären Marxisten in den kapitalistischen Ländern getroffene Wahl gutheissen, nämlich die Bewegung zur Eroberung der demokratischen Rechte in der UdSSR zu unterstützen. Man würde sich völlig über das sozio-politische Kräfteverhältnis in der UdSSR täuschen, wenn man annimmt, wie die Solschenizyns, die von den lebendigen Kräften des Proletariats, das die absolute Mehrheit der aktiven Bevölkerung ausmacht, abgeschnitten sind, könnten ernsthaft die ökonomischen Grundlagen der Gesellschaft bedrohen und eine Bewegung zur Restauration des Kapitalismus einleiten.

Das Wiederentstehen slawophiler, antimarxistischer, gegen die Vemunft und die Arbeiter gerichteter Tendenzen wird immer wieder durch das Bleibgewicht der Unterdrückung und Anpassung, das auf der Gesellschaft lastet, ermutigt: es begünstigt die Verbreitung eines unpolitischen Verhaltens und des politischen und ideologischen Zynismus bei den Massen.

Das beste Gegengift gegen diese reaktionären Ideologien, das einzige, das auf längere Sicht wirksam ist, besteht in einem Wiedererstehen des kritischen politischen Bewußtseins bei den arbeitenden Massen, das sie zum Marxismus zurückführen wird, Alles, was diese Renaissance ermutigt, geht in die Richtung einer Verteidigung und Stärkung der sozio-ökonomischen Grundlagen der UdSSR, Alles jedoch, was die fehlende Differenzierung und die nicht vorhandene öffentliche politische Diskussion aufrechtzuerhalten hilft, kann nur den Haß gegen die Aufklärung und die Feindschaft gegen den Marxismus, der den Anschein einer Staatsreligion besitzt, ermutigen. Die intellektuelle Opposition in der UdSSR setzt sich aus mehreren Flügeln und mehreren Tausenden zusammen, die nur durch den gemeinsamen Kampf gegen die Verbrechen Stalins und für die tatsächliche Wiedereroberung der formal garantierten Bürgerrechte - das heißt für eine Anwendung der Sowjetverfassung - eint. Der linke Flügel dieser Opposition, deren ergreifendstes Symbol der Generalmajor Grigorenko ist, setzt sich aus Uberlebenden der alten Bolschewiki zusammen, militanter Leninisten, die durch ihren beispielhaften Mut den Leninismus in den Augen der Jugend verteidigen und wieder zu Ehren bringen. Welch ein unverhoffter Gewinn für den Kreml, daß er gegen die antisozialistische Ideologie Solschenizyns zu Felde ziehen kann (und doch nicht wagt, seine Bücher in der UdSSR zu verbreiten I). Steht er aber Opositionellen gegenüber, die sich auf Marx und Lenir berufen, hat er eine weitaus undankbarere Aulgabe. Zu einem Zeitpunkt, wo die internationale Bourgeoisie das Interesse auf den Archi pel GULAG konzentrieren möchte, um die Aufmerksamkeit von ihren eigenen Verbrechen abzulenken und die Feinschaft gegen den Kommunismus zu schüren, müssen wir unsere Bemühun- Bere Gefahrten den Folterer zu entreisen unicht Jachimowitsch und nur das Recht allein der Solschenizyns, sondern der marxistischen und leninistischen Oppositionellen zu verteidigen, in der UdSSR frei zu reden, zu diskutieren, zu verottentlichen und sich zu organisieren!

(aus INPRECOR Nr, 0 vom 9. Mai 1974) Ernest Mandel . Pierre Frank

Die Geschichte der Vierten Internationale soeben erschienen!

"Die am Anfang der stalinistischen Entartung 1923 entstandene trotzkistische Bewegung hat sich seitdem allen großen Ereignissen unserer Epoche eingeprägt und damit im Weltmaßstab die Kontinuität des revolutionären Marxismus gesichert.

Bestellungen an ISP-Verlag

D 2000 Hamburg 13 Hochallee 21 200 Seiten, 6 Mark 23-

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Rote Hefte 3 Revolutionäre oder bürgerliche Kritik an der Sowjetunion

Emest Mandel: Solschenizyn oder der unbewältigte Stalinismus

Solschenizyn bemüht sich, die ganze Realität der UdSSR allein auf die Außerungen des stalinistischen und nachstalinistischen Terrors zurückzuführen. All das leitet sich aus einer Revolution her, die nicht hätte stattfinden dürfen : „ Rußland war nicht reif für die Revolution". Wofür war es denn reif? Für die zaristische Barbarei? Für den Hunger, das Elend, den Analphabetismus auf Ewigkeit? Indem er die Frage der Oktoberrevolution - und damit der Revolution in allen unterentwickelten Länder in Frage stellt, läßt Solschenizyn einen weiteren Widerspruch der moralisierenden Politik zum Ausbruch kommen. Darf man denn die durch den Terror ermordeten Toten beweinen? Das Ergebnis der Oktoberrevolution läßt sich nicht allein auf die Missetaten der Bürokratie und ihrer terroristischen Unterdrückung beschränken. .... Roj Medwedjews Kritik am