Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Weshalb dieser Krieg?

Inprekorr Nr. 29, April 1974 · S. 34-35 · 1.124 Wörter

Nahost und Palästina Arabische Welt und Golf Sowjetunion

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Jede Seite verweist auf ihren Scan; vor dem Zitieren bitte dort prüfen.

Wurde Israel das Opfer einer Aggression ? Nein: Die Fabel vom kleinen zionistischen, Staat, der von allen Seiten von den grossen arabischen Staaten bedroht wird, zieht nicht mehr. Von 1948 bis heute setzte sich der zionistische Staat mit Gewalt durch, vertrieb ein ganzes Volk aus seinem Land und griff 1956 wie 1967 die arabischen Völker an. Israel besitzt eine der stärksten Armeen der Welt. Die zionistische Politik liegt dem Konflikt zugrunde.

DIE GRUENDE FUER DEN KRIEG 1) Man ruft nicht ununterbrochen zum Krieg auf, man unterhält nicht eine bedeutende Armee (an Menschen und an Material), die im Zentrum des politischen und, in geringerem Masse, des wirtschaftlichen Lebens des Landes steht, ohne dass der Augenblick kommt, wo diese Armee in Aktion tritt. Dies gilt sowohl für Aegypten und Syrien als auch für Israel. 2) Die im Nahen Osten seit dem Waffenstillstand vom August 1970 schwelende Kriegslage mündete in diesen vierten bewaffneten Konflikt aus, weil ein Friedensabkommen, wie es sich die bürgerlichen arabischen Regierungen erhofften, unmöglich war. Letztere versuchten in diesen Jahren mit Gefälligkeiten und Zugeständnissen den amerikanischen Imperialismus dazu zu bewegen, auf Israel Druck auszuüben, damit es die besetzten Gebiete zurückerstattet. Daraus wurde jedoch nichts. Zudem begann sich die soziale Lage in den arabischen Ländern zu verschlechtern. Arbeiterstreiks und Studentendemonstrationen begannen, die vom Nasserismus erstarrte Front des Klassenkampfes aufzuweichen. Die studentische Avantgarde (v.a. in Aegypten) bezichtigte die Regierung der Kapitulation vor dem Zionismus und der heimlichen Uebereinkunft mit dem Imperialismus. Der militärische Druck, die politische Sackgasse sowie soziale und politische Kämpfe führten zum bewaffneten Konflikt.

WESHALB GERADE ZU DIESEM ZEITPUNKT?

1. Die jährliche UNO-Vollversammlung bietet den arabischen Regierungen einen sehr günstigen diplomatischen Rahmen, Die militärische Offensive hat vor allem zum Ziel, von den kapitalistischen Mächten anerkannt zu werden und Druck auszuüben, damit die Resolution des Sicherheitsrates vom 22. November 1967 anerkannt wird, welche den Rückzug der israelischen Streitkräfte aus den besetzten Gebieten verlangt (Sinai-Halbinsel, Golan-Höhen, Cisjordanien). So wird sich die Vollversammlung der Frage annehmen und Stellung beziehen müssen. was einen Erfolg für die arabischen Regierungen darstellt.

2. Das jüdische Neujahrsfest bot dem ägyptisch-syrischen Generalstab günstige Bedingungen für einen Ueberraschungsangriff, was die Mobilisierung der israelischen Einheiten im Hinterland verlangsamte und der Anfangsphase der arabischen Offensive Zeitgewinn verschaffte.

3. Im Mittelpunkt der bevorstehenden Wahlen in Israel steht das Problem der besetzten Gebiete, d.h. ihrer sozio-ökonomischen Integration in den zionistischen Staat mittels eines Sonderstatuts, das die koloniale Eroberungspolitik rerdecken sont. Der segenwärtigo Krieg blockiert diesen Prozess und wirtt alle zionistischen Investitionspläne über den Haufen. Selbst wenn die Wahlen nach einem militärischen Sieg der Israeli abgehalten werden könnten, wird die Frage nach dem Recht Israels auf die Aneignung dieser Gebiete erneut vor den imperialistischen und den Regierungen der bürokratischen Staaten aufgeworfen.

DIESER KRIEG STELLT DEN ZIONISMUS NICHT IN FRAGE

Sadat hat sich schliesslich erneut dem imperialistischen Lager angeschlossen und sich von der UdSSR distanziert; gleichzeitig liess er jedoch seine Armee durch die russische Regierung ausrüsten. Sadats Aussen- und Regionalpolitik deckt sich nicht mehr mit jener der sowjetischen Führung, wie dies zur Zeit der Nasser-Sadat-Regierung der Fall war. Wie er nützen auch die irakische und die syrische Regierung - vom Harlekin Khadafi ganz zu schweigen - die Meinungsverschiedenheiten innerhalb des imperialistischen Lagers in bezug auf die israelisch-arabische Frage dazu aus, um ihrer Position Geltung zu verschaffen. Zwei Faktoren haben zu einer gewissen Einheit unter der Rechten der arabischen Staaten - und zwar innerhalb des imperialistischen Lagers selbst - geführt: das vom palästinensischen Widerstand verkörperte Gespenst der Revolution verschwand nach seiner militärischen Zerschlagung im September 1970 und der Kampf im Süd-Jemen wurde erstickt, was Saudi- Arabien stärkte.

II. Diese neuen Voraussetzungen machten den Einsatz der stärksten wirtschaftlichen Waffe möglich: des Erdöls. Als sich ein Teil der amerikanischen Bourgeoisie zum Anwalt der Rechte der Araber aufschwang, schlugen die Hoffnungen der arabischen Bourgeoisien über den einzuschlagenden Weg in Ueberzeugung um. So äusserte sich etwa ein Rockefeller offen in diesem Sinne. Die französische Regierung bekräftigte ihre Haltung zugunsten der arabischen Bourgeoisien. Das waren die ersten Risse in den diplomatischen Positionen Israels. Als der französische Aussenminister Jobert am 8. Oktober fragte: "Ist es eine nicht voraussehbare Aggression, wenn jemand versucht, bei sich einzutreten ?", bedeutete dies bereits einen diplomatischen Sieg für die arabischen Bourgeoisien.

Seite 35

II1. Es ist allgemein bekannt, dass die arabischen Regimes nicht die Zerstörung des zionistischen Staates anstreben; die arabischen Bourgeoisien wollen ihr Gesicht wahren vor den Völkern der arabischen Nation, die sie täuschen und ausbeuten. Das politi- POSITION DER

IV. INTERNATIO sche Erwachen dieser Völker wię auch die entstehenden sozialen Kämpfe sind der Ausdruck für das Versagen des arabischen Nationalismus und der führenden phrasendreschenden Offizierscl ique. Dieser Krieg stellt den Zionismus nicht in Frage, er bestreitet nur dessen Recht, die von Israel im Juni 1967 eroberten Gebiete zu besetzen. In dieser Hinsicht bewegt sich dieser Krieg innerhalb der Grenzen jener Interessen, welche der Imperialismus in dieser Gegend vertritt.

DIE FOLGEN DES KRIEGES

Für Israel und für die arabischen Staaten kann diese neue Etappe der Konfrontation schwerwiegende Konsequenzen haben. Ein tiefes Eindringen der zionistischen Armeen in die arabischen Staaten, das von der Zerstörung des arabischen Militärpotentials begleitet wird, könnte das Aufflammen des Volkswiderstandes zur Folge haben und so eine soziale und politische Krise in der gesamten arabischen Welt auslösen. Weder in Tel Aviv, Kairo und Damaskus noch in Washington und Moskau hat jemand ein Interesse an der Entstehung eines arabischen Widerstandes, was einer Ausweitung des palästinensischen Widerstandes, wie er vor September 1970 bestanden hat, gleichkäme.

2/ Wenn es den zionistischen Streitkräften nicht gelingt, sofort einen Sieg zu erringen und ihre vorherigen Positionen zurückzuerobern, könnte das für die zionistische Zukunft verheerende Folgen haben. Der Mythos seiner Unverletzbarkeit wäre dann gebrochen, ist er doch bereits jetzt stark angeschlagen. Durch ein Eindämmen des zionistischen Expansionismus könnten sich in Israel innere Kämpfe ausdehnen, welche die Natur des Regimes selbst in Frage stellen.

3/ Der Imperialismus und di: T'ASSR sowie die Gegner auf dem Schlachtfeld haben Lein interesse an einer schweren Niederlage der einen uder anderen Seite. Die revolutionären Marxisten müssen sich allen Aeusserungen des antiarabischen oder antijüdischen Rassismus widersetzen. Es müssen sämtliche Illusionen über einen pseudorevolutionären Charakter der Offensive der arabischen Armeen zerschlagen werden, obgleich das Recht auf ihrer Seite liegt. Man muss sich bewusst sein, dass diese erneute Konfrontation die Bewusstseinsbildung der arabischen und israelischen Massen über die Natur der Regimes, die sie ausbeuten, beschleunigt. Sie bewirkt auch, dass diese Massen die noch bevorstehenden Kämpfe rascher selbst in die Hände nehmen.

8.10.73 G.V.

NALE ZUR