Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Auch die Tupamaros gehen ins Kino

Inprekorr Nr. 29, April 1974 · S. 69-37 · 2.048 Wörter

Chile Schweiz

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Auch die Tupamaros gehen ins Kino. "Der Film "Der Andererseits haben wir geglaubt, gut daran zu tun, eine in nsichtbare Aufstand" ist ein guter Film, ein ge- Montevideo und Umgebung verankerte Bewegung in die Agrarfreues Dokument über die imperialistische Infiltration in zone auszudehnen, obwohl die geographischen und sozialen die Repressionsorgane unseres Landes und anderer latein- Bedingungen dagegensprachen. Vor allem gab es nur sehr amerikanischer Lander; aber die Episode, von der er aus- wenige Arbeiter und Bauern in der Organisation. Das war geht, die Entfürhung und Tötung des amerikanischen Agen- eine negative Erfahrung. Aber unser Hauptfehler war es, den en Dan Mitrione, reflektiert eine Etappe unseres Kampfes, Kampf so aufzufassen, als ob es sich um eine Auseinanderlie jetzt überholt ist, eine Etappe, in der das Volk abwe- setzung zwischen zwei Militärapparaten handle. Daher dieend war. Der Film ist in dieser Hinsicht eindeutig. se Trennung von den Massen, die im Film von Costa-Gavras deutlich wird. Die Erfüllung der militärischen Aufgaben während ihres Aufenthaltes in der argentischen Hauptstadt ist eine unbedingte Notwendigkeit, wenn man die kapitalisaben die vier Mitglieder des ZK der MNL (nationale Be- tische Gesellschaft zerschlagen will, davon sind wir mehr reiungsbewegung), die wir dort trafen, nicht die Gelegen- denn je zuvor überzeugt, vor allem nach dem Putsch in eit verpaßt, einen in Montevideo verbotenen Film anzu- Chile, aber sie müssen untrennbar mit den politischen Aktiehen, der zahlreiche Uruguayer diesseits des Rio de la Pla- vitäten verknüpft sein und dies in einer Orientierung des Klasa zieht, senkampfes. "

eit der Gefangennahme von Raul Sendic im September DIKTATUR UND FOLTER 972, einer der Gründer der revolutionären Bewegung und u bekanntester Führer, hörte man nichts mehr von den Die Entwicklung der Situation in Uruguay nach der Niederlatupamaros. In weniger als tunt Monaten hatten die Streit- ge der Tupamaros hat deren Voraussagen weithin bestätigt trate der Armee ihnen schwere Niederlagen beigebracht, und erlaubt, ihrer Ansicht nach, jetzt die Wiederaufnahme ils sie die Geheimverstecke, die Waffenarsenale, die des Kampfes auf allen Ebenen, Die Regierung von M. Juan Druckereien, die Krankenhäuser und jene "Volksgefängnis- Maria Bordaberry und die Armee, die gegen die Tupamaros e" entdeckten, wo die Tupamaros ihre Geiseln unterge- ins Feld gezogen waren, um die Demokratie zu verteidigen, racht hatten. Die Armee machte tausende von Gefange- haben unter dem gleichen Vorwand deren letzte Uberreste en unter den Mitgliedern, Sympathisanten und Anhän- zerstört. Das Parlament wurde am 27. Juni 1972 aufgelöst, ern ihrer Organisation, ohne daß die Guerilleros reagiert dann, einige Tage später, die CNT (Nationaler Arbeiter- Tatten, bund). Mehrere hundert politische und gewerkschattliche Führer wurden festgenommen, darunter der General Liber Sereg- Sie hatten ihren Ruf der Unverletzbarkeit dabei eingebüßt, 2 sidentschäftswahlen 1971, Letzterer sitzt immer noch im ehemaliger Kandidat der "Frente Amplio" während de Dieser hatte seine Wurzein in der großartigen Phantasie, lem Erfindungsgeist und manchmal sogar in Eulenspiegelei- Gefängnis. Andere mußten den Weg des Exils gehen, wie in, was oft dazu geführt hatte, daß die Tupamaros ihre M. Wilson Ferreyra Aldunate, Führer der Blanco-Partei (Zennergien in Aktionen vergeudeten, die zwar spektakulär trum) und Hauptgegner des Staatschefs. Politische Versammno autsehenerregend, aber aul sozialer Ebene weniger wirk- lungen sind grundsatzlich verboten. Die Presse ist gekneam waren, und für manche Leute galten sie schon als voll- belt, diejenigen Zeitungen oder Zeitschriften der Opposicommen besiegt. Sie hatten sich jedoch nur zurückgezogen, tion, die sich noch nicht selbst aufgelöst haben oder verboentweder in ihr Schneckenhaus oder in die Gastfreundschaft ten worden sind, stehen am Rande des finanziellen Ruins. er Nachbarländer. "Wenn die Militärs uns auch geschlagen Die Kirche, die von der Regierung der marxistischen Häreaben, so stimmt es doch nicht, daß wir nicht reagiert hät- sie verdächtigt wird, darf itue Stimme nicht mehr erheber en, denn wir haben etliche Schläge zurückgegeben; ein und der Bischof von Salto, der zweitgrößten Diozöse des Lanrell unseres militärischen Arpa tes war intakt geblieben, des, war gezwungen, heimlich nach Argentinien zu flüchten, nd wir hätten uns der Offen ivr de Militärs stellen können. um der Repression zu entgehen, Innerhalb von wenigen Wo- Aber wir wollten die Sache gut und cristhaft machen, die chen hat die Regierung ihre demokratische Fassade abgelegt, wahren Gründe der Niederlage aufspüren, Wir mußten al- dafür hat sie per Dekret verboten, daß man sie als diktatoo die Maschine anhalten, um zu sehen, was nicht funktio- risch bezeichnet. Es ist eine "verschämte", aber nichtsdespierte, totrotz eine grausame Diktatur.

Die Tupamaros haben ihre Selbstkritik sehr überlegt ge- Die Tupamaros für ihren Teil haben davon einen schmerzmacht, indem sie die Erfahrungen anderer revolutionärer lichen Vorgeschmack bekommen, was ihre Vorsicht erklärt. Prganisationen ausnutzten. "Wir haben die Kapazität de Die Mißhandlungen von Seiten der Militärs, die allen Gefan- Repressionskräfte unterschätzt", gestehen die Führer der genen mit nur wenigen Ausnahmen widerführen, übertrafen ruguayischen Bewegung ein. Lange Zeit hatten es die Tupa- alle Vorstellungen. Nach dem Beispiel ihrer brasilianischmaros nur mit einer schlecht vorbereiteten und unschlüssi - en Kollegen haben die Militärs ohne Umschweite tast alle sen Polizei zu tun, über die sie sich leicht hinwegsetzen Gefangenen der Folter unterzogen, mit verschiedenen Mesonnten, wenn es ihnen nicht sogar gelang, diese durch thoden, Einer von ihnen, dessen Namen wir natürlich nicht Repressionsdrohungen, die zu pråzise waren, als daß sie bekanntgeben können, hat eine systematische Untersuchung hätten ignoirert werden können, zu neutralis ieren. "Wir angestellt: aus einer Gruppe von 528 Gefangenen wurden naben nicht strikt genug die Sicherheitsregeln beachtet, 80% heftig geschlagen, ein- bis dreißigmal, im Durchdie die Illegalität erfordert, indem wir zu oft "legale" schnitt fünfmal; 57% wurden in die "Badewanne" getaucht, end "illegale" Aktionen vermischt und dadurch einen Gut- in - bis fünfmal, im Durchschnitt dreimal; 31% haben Elekell jener Vorzüge verscherzt haben, die eine Organisatior troschocks bekommen, ein- bis fünfzehnmal, im Durchpietet, die über streng voneinander abgetrennte Zellen und ichnitt dreimal; 18% sind auf der "Folterbank" gewesen, Sektionen verfügt. Und wenn es auch stimmt, daß wir von olche, die am meisten Widerstand geleistet haben. Weniger Genossen verraten worden sind, die alle Rädchen der Bewe- ›ft sind die Fälle von Aufhängen, Vergewaltigung, Hundegung kannten und weithin zu ihrer Aufdeckung beigetragen ›issen und totalem Essensentzug während einer langen Zeit. der immer noch zuviel wußten und unter der Folter oft wich- naben, bleibt doch die Tatsache bestehen, daß die Mitglie- "Die Folter", schließen die Tupamaros daraus, ist das Sym- ›01 der kommenden Zeiten". Oder vergangener Zeiten? Eige Geheimnisse preisgegeben haben. Jenn die Militärs geben sich nicht mehr mit der Folter zu- -69-

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sie töten ihre Opfer. Die schon lange Liste wurde am 22.8. durch drei Revolutionäre erweitert: Moises Alder, der seine Ausbildung in der ERP erhielt Walter Arteche und Hugo de Lus Santos. "Der Feind ist auf der Lauer", sagte Bordaberry. Die Militärs sind auf der Hut.

Unter diesen Bedingungen, nach einer langen und stillen Etappe der Reorganisierung, hat die MNL ihre Aktivitäten wieder aufgenommen, aber vorsichtig und mit der größtmöglichen Absicherung ihrer Mitglieder. Diese Aktivitäten beschränken sich im Augenblick auf Fabrikbesetzungen, um dort den "Tupamaros-Kurier" zu verteilen, der wieder erscheint, aber Aktionen größeren Ausmaßes sind nicht ausgeschlossen. "Wir machen eine Periode der Konsolidierung durch", bestätigen die in Buenos Aires angetroffenen "Wir sind keine Fanatiker des bewaffneten Kampfes -- die Aktion um der Aktion willen ist uns zu teuer zu stehen gekommen --, aber er ist heute eine offensichtliche Notwendigkeit für eine wachsende Zahl von Uruguayern, den Faschismus verwerfen und nach einem sozialistischem Regime streben.

EIN GÜNSTIGER BODEN

Die Regierung von Montevideo, die von den Ideen Brasilias überzeugt ist, schafft ein günstiges Klima für eine gewaltsame Reaktion des Volkes und übernimmt es, der MNL neue Rekruten zuzuführen. Nachdem sie der Opposition alle Möglichkeiten der freien Meinungsäußerung genommen hat, über den Weg des Parteien-, schafts- und des Zeitungsverbots, hat sie auf wirtschaftlicher und sozialer Ebene Maßnahmen ergriffen, die die Mißstände unter denen die Uruguayer zu leiden haben, cher noch verschlimmern werden. Die offizielle Diagnose verbirgt nichts: Stagnation, Inflation (mehr als 50% im lautendem Jahr, Arbeitslosigkeit (mehr als 10%) Lohnabbau bei Beamten, Arbeitern, Rentnern und Rentenempfängern... Es gibt wirtschaftlichen Stillstand und Armut, und für viele Bewohner des Landes, das man die "Schweiz Amerikas" nannte, ist der einzige Weg die Emigration. In dieser Situation ist der Regierung nichts besseres eingefallen, als die Preise freizugeben, die Gehälter zu blockieren, Verwaltung und die öffentlichen Dienste zu rationalisieren, d. h. Beamte zu entlassen, die Privatunternehmer zu fördern und dem ausländischem Kapital weit die Tore des Landes zu öffnen. Kurz, ein Zurück zum wirtschaftlichem Liberalismus. Das ist ganz das Gegenteil von dem, was die Militärs im Februar versprochen hatten -- in zwei aufsehenerregenden Kommuniquees, die bei den Sozialisten, den Kommunisten und den Christdemokraten der Frente Amplio die beste Aufnahme fanden, Diese konnten ihre Irrtümer feststellen, aber sie machten keine eindeutige Selbstkritik. Das ist es, was die Tupamaros ihnen heute vorwerfen.

"Wir sind" , so sagen sie, "mit den Kommunisten nicht einverstanden was die Einschätzung der Funktion der Armee angeht. Sicher, Wir haben mit den Militärs im Laufe des vergangenen Jahres Gespräche geführt, ein erstes Mal, un einen Waffenstillstand herzustellen, was uns erlaubte, Zeil zu gewinnen. Und ein zweites mal mit den sogenannten nationalistischen Offizieren. Wir schließen die politische Arbeit in der Armee nicht aus, vor allem auf der Ebene der Unteroffiziere und Soldaten, aber wir sehen die Armee als eine Institution des bürgerlichen Staates an, die in letzter Instanz dazu bestimmt ist, den Kapitalismus zu verteidigen. Es gibt in dieser Hinsicht kein besseres Beispiel als Chile. Bei uns sind die Militärs zu einer noch unverbrauchten politischen Reservekraft geworden, derer sich die alten herrschenden Klassen bedienen, um ihr im Sterben liegendes System zu schützen."

Die Einschätzung der KP hat die uruguayische Arbeiterbewegung, die nach der Auflösung des Parlaments am 27,6. 1973 das Land während zwei Wochen lahmgelegt hat, irregefithrt und gespalten. "Dieser Streik hat die Kampfbereitschalt der Arbeitermassen gezeigt, aber auch, nach Ansicht der MNL-Führer, die Abwesenheit einer organisierter revolutionären Avantgarde. Die Kommunisten, die in der CNT-Leitung die Mehrheit hatten, sind der Bewegung nicht gefolgt. Die "Links" gewerkschaften (Textil-, Gumminerarbeitungs- und Reifenindustrie, Bankangestellte) waren an der Spitze des Kampfes, während die von der KP dominierten Organisationen (Transportwesen, • Tiefkühlbranche, Docker), die ersten waren, die die Arbeit wieder aufnahmen. schaftlicher und auf militärischer Ebenc. heer man muerke aut allen Ebenen als möglich: auf Volk ein Programm vorschlagen, das seine Interessen in Betracht zieht und ihm nicht, wie die KP es tut, als Hauptorientierung die Absetzung von Bordaberry angeben, der imind eine Marionette der Ausdrs da ha disint barchi, grundegenommen nur der Ausdruck der mit den Kommunisten zusammenzuarbeiten, wenn sie ein unabhängiges Programm annehmen und in dem Maße, wie sie bereit sind, die Arbeiterklasse zu fuhren, und zwar ausgehend von ihren kampfbereitesten und nicht den zurückgebliebensten Sektoren.

Nach ihrem eklatanten Mißerlolg betinden sich die Tupamaros auf der Suche nach der "richtigen revolutionären Theorie" und dabei sind sie in gewisser Weise zu ihren Urden Zustrom junger Stadter aus den Mittelschichten, strebt die MNL heute danach, an den Arbeiterkämpfen teilzunehmen, die heftiger sind als je zuvor, und stellen gleichzeitig dem uruguayischen Proletariat ihre milita rische Erfahrung zur Verfügung.

Philippe LABREVEUX (aus LE MONDE vom 29,9, 1973) NEU ERSCHEINUNG

Ernest Mandel

Die Aktualität der leninistischen Organisationstheorie

REVOLUTIONÄRE MARXISTISCHE LIGA

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DISKUSSION:

Mandel "Der Spätkapitalismus" (1. Teil) Zur Wertübertragung auf dem Weltmarkt und der Quelle des Extramehrwerts REVOLUTION UND KONTERREVOLUTION IN CHILE Rohstoff - und Kapitalinteressen der USA Wirtschaftspolitik der Unidad Popular Widerstand in Chile - Rolle der MIR Rezensionen

OM 5. Benellagen an Berie Torwe

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