Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Dossier Chile

3 Jahre Unidad Popular

Inprekorr Nr. 28, November/Dezember 1973 · S. 37-39 · 1.304 Wörter

Chile Gewerkschaften und Streiks

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Im September 1970 stellt sich die chile- Lahmlegung des Warenverteilungsnetzes. Ausgehend vor nische Linke zum dritten Mal gemeinsam diesen von ihr selbst geschaffenen Schwierigkeiten, zur Wahl. Mit 36,4% der Stimmen wird stützt sich die chilenische Bourgeoisie auf die reaktio- Allende am 4. September gewählt und er- nären Schichten der Klein- und Mittelbourgeoisie, um langt die Regierungsgewalt Das Programm großangelegte Kampagnen gegen die Regierung zu lander " Unidad Popular (Volkseinheit), die cieren. So wurde die berüchtigte Demonstration der alle reformistischen Kräfte Chiles um- "leeren Kochtöpfe" vom 1. Dezember 1971 organisiert faßt, ist einfach: Sturz des Kapitalismus ›ei der einige tausend Frauen der Bourgeoisie Seite ar -- unter Respektierung der Gesetzlichkeit, Seite mit den bekanntesten faschistischen und rechts- " ohne den Råhmen bürgerlicher Gesetz- extremen Führern auf der Straße demonstrieren. lichkeit zu überschreiten" • DEZEMBER 1971 BIS JULI 1972: "STABI- NOVEMBER 1970 BIS JUNI 1971:DIE AN- LISIEREN UM VORWÄRTSZUSCHREITEN"

WENDUNG DES PROGRAMMS ODER "VORWÄRTSSCHREITEN OHNE

KOMPROMISSE"

Die Unidad Popular hat keine Kontrolle über das Parlament, wo sie in der Minderheit ist, über die Justizgewalt, die Verwaltung und den Repressionsapparat, Unter Aus diesen bedeutenden Mobilisierungen der Rechten diesen Bedingungen beginnt sie, ihr Programm umzu- schließt die KP, daß die UP einen Teil ihrer sozialen setzen, Die Unidad Popular nimmt die Agrarreform der Basis verloren hat. Hauptsächlich unter ihrem Drängen Regierung Frei, welche auf die Schaffung einer mittle- nimmt die UP Verhandlungen mit den Christdemokraten ren Bourgeoisie auf dem Lande abzielte, auf -- mit dem erklärten Ziel, einen Teil der Christund beschleunigt den Rhythmus der Landenteignungen demokraten, der "die kleine und mittlere Bourgeoisie spürbar, Die ersten wichtigen Unternehmen werden von vertritt", auf die Seite der Regierung zu ziehen. der Unidad Popular nationalisiert, die Kupferminen (80% der Kupfervorkommen in Chile) werden am 11. Die KP startet nun eine große Kampagne, in der sie Juli 1971 nationalisiert, Nach dem Wahlsieg Allendes erklärt, daß man den revolutionären Prozeß verlangsamen müsse, um die Errungenschaften zu stabilisieren und das Kleinbürgertum nicht zu verschrecken. Die

MIR, der linke Teil der PS und die revolutionăren Gruppen kritisieren die UP zum ersten Mal öffentlich als Konsequenz der Mobilisierung im ganzen Land, zu in größerem Maße und geben die Parole "ohne Komproden ersten wichtigen Mobilisierungen ausserhalb der UP.

Im Süden werden wichtige Textilunternehmen besetzt und die Bauern enteignen massenhaft die Grundbesitzer ohne die Agrarreform abzuwarten. In den meisten Faller JULI 1972 BIS SEPTEMBER 1972: DER AUFantwortet die UP mit Repression. STIEG DER MOBILISIERUNG

Im April erreicht sie insgesamt 50% der Stimmen bei den Anfang Juli brechen die Christdemokraten die Verhand- Kommunalwahlen, Zu diesem Zeitpunkt herrscht der lungen mit der UP abrupt ab. Als Konsequenz der im Eindruck eines relativen Gleichgewichts zwischen der Zusammenhang mit diesen Verhandlungen verbreiteten UP und der chilenischen Rechten. Illusionen führt dieser Bruch zu einem Rechtsrutsch der rückständigsten Sektoren, die die UP unterstützen und JUNI 1971 BIS DEZEMBER 1971: DIE ERS- zu einer bedeutenden Radikalisierung der fortgeschrittens- TEN ERNSTHAFTEN ANGRIFFE DER BOUR- ten Sektoren, Im Winter 72 (Julí, August) tauchen die GEOISIE

Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten wachsen erheblich an. Die Meisterhand des US-amerikanischen Imperialis- verwaltet, die auf regionaler Ebene zusammengefaßt mus läßt den Kupferkurs um 50% sinken, Die Umorgani- sind, In Concepcion wird von allen revolutionären sation der Produktion auf dem Lande gerät in große Gruppen und allen Teilen der UP außer der KP, die Schwierigkeiten. Die Bourgeoisie und der Imperialismus lauthals das Ultralinkstum und die Abweichlerei verurorganisieren bewußt die Wirtschaftssabotage: Zerstörung teilt, eine Asamblea Popular (Volksversammlung) der Produktionsinstrumente, Hortung, Schwarzmarkt, organisiert.

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DIE KRISE VOM OKTOBER 1972 ›enau vor einem Jahr begann in Chile die große soziale Krise vom Oktober. Diese war ein Teilstück der Offensive der Bourgeoisie gegen die Regierung der UP: Verbindung des Kampfes an der institutionellen Front (Parlament, Justiz...) mit der Front des Terrorismus und der Illegalität (Morde, Sabotage...) und schließlich mit der Mobilisierung der reaktionärsten Schichten des Klein- und Mittelbürgertums. Diese Krise kristallisierte sich um einen Generalstreik der Lastwagenfahrer (kleine Unternehmer), der Händler und gewisser Mittelschichten (Bankangestellte, "freie Berufe").

gegen diese Offensive der Rechten entwickelt sich jedoch ab Oktober eine mächtige Gegenoffensive der Arbeiterklasse. Zu diesem Zeitpunkt treten auch die höheren Kampf - und Organisationsformen des Proletariats in Erscheinung:

-- eine Welle von Fabrikbesetzungen --Schaffung von "Comandos comunales" (Massenorganisationen auf der Basis von Stadtvierteln oder Gemeinden, die Aufgaben der Selbstverteidigung wahrnehmen). DIE ERSTE MILITÄRREGIERUNG

Aber die Regierung Allende war sehr geschwächt uru mußte der Bourgeoisie eine Reihe von Zugeständnissen machen, um sich in einer schwierigen Position des Gleichgewichts zwischen der revolutionären Dynamik und der Wiederherstellung der Macht der Bourgeoisie maisente So gerin gaus zivilisteh und Mi des gebildet, halten. So wurde am 2. in die drei Militärs eintraten, darunter der General Prats, der Oberkommandierende der Armee. DIE WAHLEN VOM MÄRZ

In diesem politischen Rahmen findet dann ab Anfang 1973 der Wahlkampf statt. Zweifellos rechneten nach der Offensive vom Oktober wichtige Teile der Bourgeoisie fest damit, bei dieser Gelegenheit die Kontrolle über den Staatsapparat wieder übernehmen zu können. Während der Wahlkampagne traten immer tiefere poliische Spaltungen in der UP auf (einerseits Kampagne der SP, häufig mit Unterstützung der MIR, für die Nationalisierung der besetzten Betriebe, und auf der anderen Seite die KP, die die These von Verhandlungen mit der Bourgeoisie vertritt).

Aber angesichts der Kampfbereitschaft der Massen endeter die Vorhaben der Bourgeoisie mit einer eklatanten Niederlage und die Regierung der UP konnte nicht nur ihre Positionen aufrechterhalten, sondern sie sogar beträchtlich verstärken.

OFFENSIVE DER RECHTEN UND GEGEN- OFFENSIVE DER ARBEITER

Die Bourgeoisie mußte ihren Kurs ändern und der Konreß der C (Christdemokraten) stellte sich hinter die Positionen des reaktionärsten Flugels, der den vollständigen Bruch mit der UP und ein Zusammengehen mit der Partido Nacional (Nationale Partei) befürwortete.

Im Anschluß daran startet die Bourgeoisie in einer konzertierten Aktión eine dreifache Öffensive gegen die Unidad Popular, 1.) entwickelt sie Kampagnen in der Bevölkerung und rganisiert Demonstrationen von Hausfrauen aus den reichen Vierteln gegen die Knappheit, die sie selbst immer aktiver organisiert. Sie organisiert einen wichtigen Streik in den Kupferminen von El Teniente, den sie fernsteuert. In Wirklichkeit sind die "White Collars" der Mine im Streik und bald kontrollieren die Christdemokraten, die Nationale Partei und die faschistischen Gruppen diese sogenannte "Arbeiter" - Bewegung gegen die Unidad Popular.

2.) greift die Bourgeoisie die Regierung auf den konstitutionellen Wegen an, Am 20. Juni werden zwei Minister abgesetzt: die Justiz erweist sich als willfähriges Instrument in den Händen der Rechten (der Mörder des der UP nahestehenden Generals Schneider wird nach zwei Jahren Gefängnis freigelassen).

3.) begünstigt sie die Aktivitäten der faschistischen Gruppen (Juventudes Nacionales - - Nationale Jugend; Patria y Libertad -- Vaterland und Freiheit), die einen Genossen der MIR ermorden und ein Attentat auf Prats versuchen. Auf diese Offensive antwortet die UP mit einer härteren Linie, aber ohne den Massen Initiativen zur Mobilisierung anzubieten. Die CUT (chilenischer Gewerkschaftsverband) veröffentlicht ein Manifest, das ein Verbot der Presse der Rechten, von Patria y Libertad und die Schließung des Parlaments vorsieht, Auch die Massenmobilisierung entwickelt sich: am 21. Juni rufen alle Organisationen der Linken und der extremen Linken zu einem eintägigen Generalstreik auf, dem sich alle chilenischen Arbeiter anschließen. Es ist der Beweis einer gigantischen Kampfbereitschaft; dieser Streik wirft das Problem der Nationalisierung der Unternehmen und der Planung der Verteilung auf. DIE MILITÄRS AM WERK: die chilenische Militärjunta hat damit begonnen, linksgerichtete Literatur zu verbrennen, vic out organisiert schließlich eine riesige Kundgebung, zu der mehrere hunderttausend Arbeiter kommen; die führenden Leute der UP haben es eilig, die Massen ohne mobilisierende Perspektiven wieder nach Hause zu schicken.

Von diesem Augenblick an muß die Rechte verstehen, daß sie schnell wieder zur Offensive übergehen muß und zwar viel härter. Von nun an entwickeln sich die putschistischen Tendenzen in der Armee.

(aus ROUGE Nr. 220 vom 14. 9. 1973)*

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Erklärung