GÖTTLICHER ZORN' Anfang 1972 hat die israelische Regierung beschlossen, innerhalb des Geheimdienstes eine Spezialabteilung zu schaffen, die sich mit Terrorismus im Ausland beschäftigt. Da die Zionisten die biblische Tradition lieben, bekam die Organisation den Decknamen "Göttlicher Zorn" (Mivtzah Elohim).
Das soll nicht heißen, daß sich der israelische Geheimdienst nicht schon vorher dem Terrorismus außerhalb -54des eigenen Landes hingegeben hätte, sogar wenn man die terroristischen Angriffe, das heißt die normalen Missionen der Fallschirmjäger und anderer Eliteeinheiten nicht mit Terrorismus bezeichnet. Man wird sich noch an die Sprengstoffbriefe und Plastikbomben erinnern, deren Opfer deutsche Wissenschaftler wurden, die in Nassers Diensten Boden-Boden-Raketen entwickeln sollten, sowie die Organisatoren der ersten Fedayin-Einheiten im Gazastreifen.
Der blutige Überfall auf das Hauptquartier der palastinensischen Widerstandsbewegung im Libanon ist das Ergebnis der Durchführung der Operation "Göttlicher Zorn". Nur wenn man mehrere Faktoren berücksichtigt, wird dieser Überfall, verständlich:
--dasgrüne Licht, das Washington dem israelischen Geheimdienst gegeben hat, der von der Hilfe des CIA und gewisser Nachrichtendienste der NATO profitiert. Es scheint, daß die Radikalisierung der palästinensiscken Widerstandsbewegung, besonders innerhalb von El Fatah, Washington bewogen hat, vollständig auf Israel als Gendarm im vorderen Orient zu setzen und seine zeitweilígen Anwandlungen, eine Art "propalästinensischer" Politik zu führen, endgültig über Bord zu werfen. --der Cliquen - und Fraktionskampf innerhalb der israelischen Geheimdienste selbst, der die Rivalität zwischen Dayan und Alon widerspiegelt. Es scheint, daß der Geheimdienstchef Yariv letzteren (von Frau Meir protegierten) nach und nach hat fallen lassen und seine Gunst mehr und mehr dem Einäugigen schenkt. Dennoch ist die systematische Liquidierung der palästinensischen Führer ein Ergebnis der Politik Alons, die auf der Verallgemeinerung der Repression in den besetzten Gebieten fußt, Yariv ist der "Genius" der Operation: als Verantwortlicher für die Zerstörung der ägyptischen Luftwaffe am 5. Juni 1967 und als Chef der "Pazifizierung" von Naplouse, Gaza und Khan Younis, hatte er seine Fähigkeiten unter Beweis gestellt.
Die generalstabsmäßig geplante Kommandoaktion von Beirut war offensichtlich von langer Hand vorbereitet worden. Sie beweist die Wirksamkeit der Unterwanderungstaktik der palästinensischen Kommunikationswege durch den israelischen Geheimdienst. Gleichzeitig enthüllt sie eine Schwäche der palästinensischen Führer: sie beachten nicht einmal die elementaren Regeln der Geheimhaltung(außer Habache). Daher war es leicht, ihren Aufenthaltsort und die Sitze ihrer Hauptquartiere in Erfahrung zu bringen. Hawatmeh z. B. verdankt seine Rettung wahrscheinlich nur einer zufälligen Abwesenheit. Blinder und massiver Terror von Seiten der israelischen Kommandos: 17 Tote, 27 Verwundete, Fedayin- Lager und ganze Militärquartiere zerstört. Die OLP ist zwar nicht enthauptet, aber ernsthaft geschwächt. Die ermordeten Kamal Nasser, Kamal Adwan, Abou Youssef und der schwerverletzte Abou Leila sind Führer, und sicherlich nicht die unwichtigsten. Aber auf wen zielt dieser Terror › Nicht auf die Kommandos des "Schwarzen September", die aufgrund ihrer rigorosen Sicherheitsvorkehrungen ungreifbar sind (auf diesem Gebiet haben diese Anarchisten gewissen Marxisten eini- -5 ges voraus), sondern auf die politischen Köpfe der Widerstandsbewegung. Das Ziel der Operation war kein militarisches, sondern ein politisches: es geht darum, den palästinensischen Widerstand dadurch zu enthaupten, indem man seine Führer liquidiert, unabhängig von ihrer genauen politischen Orientierung oder ihrer konkreten Beteiligung am bewaffneten Kampf. Diese Taktik erinnert an die Art der Repression, die das Thieu-Regime in Südvietnam anwendet.
Die Liste der Opfer, die im Verlauf der zionistischen "Gegen" terror-Kampagne gefallen sind, zeigt deutlich, daß es nicht darum geht, vor allem eine bestimmte marxistische oder revolutionäre Tendenz oder einen bestimmterKopf" der Fedayin-Einheiten zu treffen. Es geht schlicht und einfach darum, jeden Wortführer der Forderungen der Palästinenser als solchen zu treffen. 8. 7.72: GHASSAN KHANAFANI, Theoretiker der FPLP, ermordert durch einen Sprengstoffbrief in Beirut. 25. 7. 72: BASSAM SHARIF, Herausgeber von Al Hadaf, der Nachfolger von Khanafani.
16.10. 72: WAEL ZOVAITER, in Beirut von Kugeln durchsiebt, ein beachtlicher Propagandist, aber kein militarischer Führer.
25.10. 72: MUSTAPHA AWAD ABOU ZAID, Vertreter der in Tripolis (Lybien)
der OPL in Tripolis (Lybien), verliert durch die Explosion eines Sprengstoffpakets sein Augenlicht. 29.11. 72: ADWAN HAMMAD, ein Studenten- und Arbei* terkader, Führer der GUPS (Generalunion palästinensischer Studenten), durch Sprengstoffbrief in Frankfurt schwer verletzt.
8.12.72: MAHMOUD HAMCHARI, in Paris mittels einer Hollenmaschine ermordet.
25.1.73: BASHIR ABOU KHAIR, politischer Vertreter der OLP in Nikosia, wie Hamchari durch eine Hollenmaschine getötet.
Fügen wir hinzu, daß von den letzten Opfern in Beirut Abou Leila die Aktivitäten des "Schwarzen September" scharf verurteilt hatte und daß Nassar und Youssef als gemäßigt galten. Nach einer Zeitung, die über Israel bemerkenswert gut informiert ist("Israel & Palästine", Paris), hätte sich der Gegenterror von Yariv sogar bewußt zum Ziel gesetzt, nicht die "Terroristen" zu liquidieren, sondern die eventuellen akzeptablen Gesprächspartner auf palästinensischer Seite, Die Auswahl der Opfer scheint bis zu einem gewissen Grade für diese Schlußfolgerung zu sprechen.
NATHAN WEINSTOCK (aus ROUGE vom 20. 4. 1973)
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