KANADA: Gesamtkanadischer Kongress der Trotzkisten Vom 20. bis 23. April fand in Toronto der Kongress der League for Socialist Action/Ligue Socialiste Ouvrière, kanadische Sektion der IV. Internationale,statt. Es war der größte Kongress, der jemals von der kanadischen trotzkistischen Bewegung abgehalten wurde, Von den mehr als 300 Teilnehmern waren 53 Delegierte, die von 12 Sektionen in Stadten von Vancouver bis Montreal gekommen waren, 34 waren Ersatzdelegierte. Außerdem wohnten 39 Mitglieder des scheidenden Zentralkomitees als beratende Delegierte dem Kongress bei. Etwa 50 Gäste und Beobachter aus anderen Ländern waren anwesend.
Die League ist dabei, die Kader der künftigen revolutionären Massenpartei zu sammeln, die notwendig ist, um die Kämpfe der kanadischen Arbeiterklasse durch die Eroberung der Staatsmacht, und die sozialistische Transformation der Gesellschaft auf internationaler Ebene, zum Sieg zu führen. Mitgliedet der League sind in allen Bereichen kanadischer Klassenkämpfe aktiv, spielen eine führende Rolle in der Frauenbefreiungsbewegung, der Antikriegsbewegung und der Studentenbewegung, bauen eine linke Tendenz in der New Democratic (labor) Party auf , sowie klassenkämpferische Gewerkschaftsfraktionen DEMOKRATISCHE DISKUSSION
Vor dem Kongress hatte es die längste, die am gründlichsten dokumentierte Diskussionsperiode der Geschichte der kanadischen Sektion gegeben, Im Verlauf von 11 Monaten wurden 58 Ausgaben des englischsprachigen Diskussionsbulletins herausgegeben, Diese enthielten 91 Beiträge -- insgesamt 1665 Druckseiten, etwa die Halfte mit Minderheitsansichten in Opposition zur Linie des Politischen Komitees. Außerdem wurden 16 Ausgaben des französischsprachigen internen Bulletins herausgegeben. Organisierte Minderheiten nahmen voll ihr Recht in Anspruch, die Sektionen der Partei zu bereisen und ihre Standpunkte der Mitgliederschaft darzulegen und hatten die Hälfte der Zeit auf dem Kongress zur Verfügung, um ihren Minderheitsstandpunkt zu erklären.
Für das politische Komitee eröffnete Art Young, der Organisationssekretär, den Kongress mit einem Bericht über die trotzkistische Weltbewegung. Er machte Ausführungen zum Stand der gegenwärtigen Diskussion innerhalb der IV. Internationale, die zur Zeit ihren IV. Weltkongress seit der Wiedervereinigung (den X, seit ihrer Gründung) vorbereitet.
Der politische Bericht, von Dick Fidler für das politische Komitee gehalten, behandelte die Hauptthemen der 57 -6 Seiten umfassenden politischen Resolution " Zur Entwicklung der Klassenkämpfe in Kanada", die von den Mitgliedern mehrere Monate diskutiert worden war. Der Bericht konzentrierte sich auf die Wende in der Weltlage, die durch Nixons Besuche in Moskau und Peking markiert wurde, auf die sich daraus ergebende Entspannung" zwischen dem Imperialismus und den Arbeiterstaaten, und dem Erfolg der Imperialisten und der stalinistischen Bürokraten, die Vietnamesen zu zwingen, wichtige Zugeständnisse zu machen.
Der Berichterstatter betonte, daß es seit 1969 und dem letzten Weltkongress der IV. Internationale für den weltrevolutionären Prozess keinen Durchbruch ähnlich der Entwicklungen in Vietnam, Frankreich und der CSSR im Jahre 1968 gegeben hat. Durch die "Entspannung" hat der Imperialismus"eine Atempause gewonnen". Aber während in einigen Bereichen ernste Rückschritte zu verzeichnen waren., wurden anderswo Fortschritte erzielt. "Es gibt in der gegenwärtigen Situation Elemente tiefgreifender Instabilität, nicht zuletzt das andauernde Dilemma des US- und Weltimperialismus in Südostasien, und --am bedeutendsten -- das weitere Vorwärtsdrängen und die weitere Verschärfung der Klassenkämpfe in den wichtigsten imperialistischen Zentren. "
Die Entspannung, die dadurch verursachte Verbesserung der Atmosphäre der weltpolitischen Krise, die den Vietnamkrieg jahrelang zum Brennpunkt hatte, hat einen gewissen Niedergang der Massenmobilisierungen im studentischen Sektor Kanadas bewirkt, der sowohl Tendenzen zum Opportunismus als auch zum Linksradikalismus verstärkt.
DIE NEUE RADIKALISIERUNG
Was die neue Radikalisierung anbelangt, so waren ihre Hauptkomponenten in Kanada der nationale Kampf in Québec für Selbstbestimmung und politische Unabhăngigkeit, die Massencharakter annehmende Radikalisierung der Frauen, das Wiederauftauchen studentischer Kämpfe und antiimperialistische Bewegungen, Außerdem Bewegungen unter der französisch-sprachigen Bevölkerung der Küstenprovinzen und unter Kanadas 500 000 Ureinwohnern, den Indianern und Eskimos.
Diese Kämpfe, die sich größtenteils außerhalb der Kontrolle und des Einflusses der traditionellen Arbeiterorganisationen entfalten, sind ein wesentliches Element der sich entwickelnden Klassenkämpfe. Die Forderungen die- 2-
ser sich radikalisierender Schichten der Bevölkerung haben wiederholt Anlaß zu massiven Kämpfen gegen den kapitalistischen Staat und seine Institutionen gegeben. In diesen Kämpfen versuchen die revolutionären Marxisten deren Dynamik unabhängig von der Kontrolle durch die Parteien der Bourgeoisie zu entwickeln, indem sie Forderungen formulieren, die diese Kämpfe auf den Weg des antikapitalistischen Kampfes treiben.
Die allgemeine Erhöhung der Kampfkraft der Arbeiterkiasse, die sich in den vergangenen Jahren in einer wachsenden Anzahl von Streiks niederschlug, hat noch nicht zu • .. *: allgemeinen Politisierung der Arbeiterklasse geftir. : teg gar zur Entwicklung einer oppositionellen Gewerkschattstendenz. Die englisch-kanadische Arbeiterklasse 7crbleibt unter der politischen Führung der sozialdemokrat:schen NDP.
KANADISCHER NATIONALISMUS
Eine wichtige Entwicklung der letzten Jahre in Kanada war die Entwicklung des kanadischen Nationalismus, der meist gegen wachsendes Gewicht und Einfluß des US-Kapitals in der kanadischen Wirtschaft gerichtet ist. Diese Welle des Anti-Amerikanismus hatte einen großen Einfluß auf die Linke.
Ein großer Teil der Vorkonferenzdiskussion war der Analys. des Phänomens des englisch-kanadischen Nationalismus and der Frage, wie revolutionäre Sozialisten an ihn herangehen sollten, um antikapitalistisches Bewußtsein zu fördern, vewidmet.
Die Position des Politischen Komitees wurde vor: juin Riddel, dem Exekutivsekretär der LSA/LSO vorgetragen. Sein Bericht, der auf der Resolution "Kanada und die Krise des Weltimperialismus" des politischen Komitees fußte, •estätigte die Gültigkeit der traditionellen leninistischen Position der Opposition gegen den Nationalismus in imperialistischen Unterdrückerstaaten, In imperialistischen Staaten, die keine nationale Unterdrückung erleiden und w. wo es deshalb keine nationalen Aufgaben gibt, kann Nationalismus nur eine reaktionäre Rolle spielen, indem er den Graben zwischen den Klassen verdeckt. Um ihre Verhandlungspositionen in ihrem Konflikt mit dem US-Imperialismus zu stärken, greift die kanadische Bourgeoisie zu nationalistischer Demagogie, um die Arbeiter für die Verteidigung der Lohnkontrollen oder für die Unterstützung der Repression in Québec zu gewinnen, um das sich entwickel:de Klassenbewußtsein zu verformen. Weil im englischen Kanada keine "nationalen" Aufgaben existieren, entspricht sein Nationalismus keinerlei objektiven Bedürtrissen der Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten, and deshalb gibt es für revolutionăre Marxisten keine Basis. den kanadischen Nationalismus zu anterstützer . acr sich mit ihm zu identifizieren. Sir müssen il verer c.i nationalistische Illusionen in der Arbeiterkiasse De kämpfen. Wo Arbeiter ihrersozialen Entrüstung in natiunalistischer Form Ausdruck verleihen, müssen revolutionăre Marxisten ein Klassenkampf-Programm vorschlagen, das jedes antikapitalistische Gefühl und wirkliche Klasseninteresse, das sich hinter diesem Nationalismus verbirgt, herausarbeitet und ihren Kampf gegen die kanadische herrschende Klasse richtet, "gegen den Feind im eigenen iane.
ane Minderheitstendenz. die sich in erster linie un de Frage des kanadischen Nationalismus gebildet hatte, 12rai die Position, daß ein"neuer Nationalismus" aufgetauct.: sei, der eine wesentlich antikapitalistische Stoßrichtung hätte •- ein einzigartiges Phänomen, das sich auf eine volkstümliche Reaktion gegen die "Beherrschung" wichtiger Sektoren der kanadischen Wirtschaft durch das US-Kapital stützen würde. Diese Position wurde von den Delegierten mit 48 zu 5 Stimmen abgelehnt.
EINE WEITERE MINDERHEIT
Time andere Minderheit, die "Revolutionary Communist Tendency" wurde von 8 Delegierten unterstützt. Die RCT, die eine Plattform hatte, die eine ganze Reihe von Diffe renzen mit der Mehrheit des Politischen Komitees zum Ausdruck brachte, präsentierte zu allen wichtigen Punkten der Tagesordnung Gegenberichte. Die RCT wandte ein, daß einige Hauptarbeitsbereiche (Frauenbewegung, Studentenbewegung, nationalistische Bewegung Québecs) im Klassenkampf nur eine "periphäre" Bedeutung hatten und dräng te auf eine unmittelbare aggressive Wendung in Richtung auf die Verankerung in den Gewerkschaften. Insofern reveiutionäre Kader in periphäre Kämpfe wie die Frauenbefreiung intervenierten, sollten sie es als ein im wesentlichen propagandistischer linker Flügel tun. Die League sollte nicht versuchen , Kämpfe um Reformen zu führen. In Bezug auf Québec meinte die RCT, der Kampf für Unabhängigkeit und gegen nationale Unterdrückung könne von der nationalen Bourgeoisie kooptiert werden und Revolutionäre sollten deshalb Unabhängigkeitsforderungen nur insofern unterstützen, als sie gleichzeitig spezif zieren, daß sıe sozialistische Unabhängigkeit meinen. Während die Mehrheit der Auffassung war, daß die Ar beiter Québecs mit der Entwicklung des politischen Klassenbewußtseins dazu neigen, den Kampf gegen nationale Unterdrückung aufzunehmen, wandte die RCT ein, dai nationalistische Forderungen (wie die Verteidigung der französischen Sprache) Klassenforderungen untergeordnet werden müßten. Die RCT meinte, daß der kanadische Nationalismus hauptsächlich auf die Kleinbourgeoisie, beschränkt ist und daß die Arbeiterklasse ihm relativ gieichgültig gegenüberstände.
(stark gekürzt aus INTERCONTINENTAL PRESS
Nr. 19, 21. Mai 1973)
II. Kongreß der LCR
Der II. Kongress der LCR, sympathisierende Organisation der IV. internationale. fand vom 12. -16. April statt. Delegierte aus allen Teilen des Landes nahmen an der