LEKTIONEN AUS DEM UNTERNEHMERSTREIK IM OKTOBER 1972 +++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ Der im vergangenen Oktober von Sektoren der Bourgeoisie ausgerufene politische Streik sowie die dann erfolgte Lösung dieses Konflikts liefern der Arbeiterbewegung und ihrer Avantgarden wichtige Erfahrungen. Eine korrekte Einschätzung dieser Ereignisse ist unbedingt notwendig, wenn man die Machtübernahme anstrebt.
Der Streik machte deutlich, daß die Bourgeoisie in einer tiefen Strukturschwäche steckt. Sie zeigte sich nicht in der Lage, proletarische und bäuerliche Schichten zu mobilisieren, also unfähig, das Land ökonomisch in Griff zu halten. Trotz ihrer scheinbaren Einheit bewiesen die Ereignisse, daß es zwischen den verschiedenen Parteien und Sektoren der Bourgeoisie tiefe Widersprüche gibt, auch wenn sie allesamt dasselbe Ziel haben: das Proletariat zu besiegen, so unterscheiden sie sich doch in den dazu ausgewählten Taktiken. Der härteste Sektor, der von "Patria y Libertad", "Partido Nacional" und einer Minderheit der "Democracia C ristiana" repräsentiert wird, will es auf eine Kraftprobe ankommen lassen, ohne daß es ihm jedoch gelingt, die Gesamtheit der Bourgeoisie mit sich zu ziehen. Andere bürgerliche Sektoren, die in ihrer Mehrheit hinter der D.C. stehen, suchen eine Lösung, die ihnen ohne größere soziale Kosten erlauben soll, die verlorenen Machtinstrumente wieder zu erobern. Sie versuchen, die Regierung im Netz der Verfassung und der Legalität einzufangen. Sie soll sich durch ihre sie whigerit, die wirtschaftlichen Probleme des Landes zu lösen, abnutzen, bis die Bourgeoi- demokratisch" die volle Kontrolle des Staates übernimmt. Diese Linie hat sich durchgesetzt. Trotzdem hat die Bourgeoisie offensichtlich das Problem ihrer Führung nicht definitiv gelöst, und sie drängt ihre Parteien, neue Organisations- und Ausdrucksformen zu fin den.
Die grundlegende und entscheidende Lektion, die wir daraus ziehen können, ist die, daß sich diese geteilte Bourgeoisie mit einem geeinten und kämpferischen Proletariat auseinandersetzen wird, das sich über seine gegenwärtigen Führungen hinweg klar das Problem der Macht stellt und Mechanismen anpaßte oder neu schaffte, um diesem Ziel näher zu kommen, es versuchte in der Aktion Formen der Doppelherrschaft zu errichten, die klar zeigen, daß die Arbeiter entschlossen sind, den Kampf aufzunehmen. Nur durch den Kompromiß und den Rückzug der Regierung und der Parteien der UP ( Unidad Popular) kam diese Bewegung für den Augenblick zum Stillstand. Die Regierung zeigte ihr Mißtrauen und ihre Furcht vor den Massen und mußte akzeptieren, daß die Armee die Schiedsrichterrolle übernahm. Als offensichtlichstes Ergebnis des Eintritts von Militärs in das Regierungskabinett ist der Hegemonieverlust der Arbeiterparteien in der Regierung mit all den politischen Konsequenzen, die daraus resultieren, anzusehen. Die Regierung hat, indem sie die Schiedsrichterrolle des Militärs, also letztlich die direkte Schutzherrschaft der Bourgeoisie akzeptierte, sich selbst zum Schiedrichter gemacht, auf gefährliche Weise über die Klassen gestellt und bonapartistische Merkmale angenommen, was auch die beiden ""Arbeiterminister" aus der Gewerkschaftszentrale CUT nicht mehr ändern.
Mit diesem Ergebnis hat nur die Bourgeoisie gewonnen: sie erreichte, daß ein Kabinett des "sozialen Friedens" aufgestellt wurde, wobei Frieden bedeutet, daß das bürgerliche System erhalten bleibt, und wobei beabsichtigt wird, daß das Proletariat weiterhin marginal bleibt und ruhig in den Fabriken arbeitet und die Produktion erhöht, daß aber nicht sein Bewußtsein steigt und seine Machtorgane an der Basis gefestigt werden.
Regierung und UP betonen ihren friedlichen Weg zum Sozialismus. Aber das Proletariat merkt, daß das nicht sein Weg sein kann. Das kommt deutlich zum Ausdruck in der Entstehung von Machtorganen wie den "Comandos Comunales" , den 'Cordones Proletarios' (Proletarischen Trupps), den t omités Coordinatores Comunales' usw.
Die wichtigste Lektion aus dem Streik war die, daß das Problem der Macht auf die Tagesordnung gesetzt wurde. Die Alternative ist klar: ebtweder entwickelt sich eine Arbeitermacht,
die das Proletariat zur Machtübernahme führt, oder man läßt die Initiative in den Händen der Bourgeoisie und gibt ihr so die besten Bedingungen, um das Proletariat zu schlagen. Das ist glasklar von den Arbeitern, Slumbewohnern und Bauern erkannt worden, die über ihre gegenwärtigen reformistischen Führungen hinausgehen und mit der Schaffung von Organen beginnen, die IHRE Macht ausdrücken. In dieser Perspektive ist eine revolutionäre Führung unabdingbar. Wir können zwar noch nicht von der Existenz einer Avantgardepartei sprechen, aber die Bedingungen für ihre Entstehung sind weitgehend vorhanden. Und die erstrangige Aufgabe für Revolutionäre ist, an ihrer Schaffung beizutragen.
Die politische Situation, wie sie in den Ursachen, im Ablauf und im Ergebnis des Unternehmerstreiks vom Oktober klar zum Ausdruck kommt, stellt den Revolutionären wichtige Aufgaben in der Perspektive einer Entwicklung aller Basisorgane, die auf die Herausformung und Entstehung der Arbeitermacht hinzielen. Dabei ist auszugehen von den konkreten Erfahrungen der Arbeiter, die zu Organen der Doppelherrschaft führen, die nicht nur in der Lage sind, es mit der Gegenoffensive des Kapitals aufzunehmen, sondern auch in ihrem Prozeß den Reformismus überwinden, um die Eroberung der Macht durch die Arbeiter und Bauern zu erreichen. In dieser Perspektive sind unsere unmittelbaren Aufgaben, zu kämpfen für: 1) Die allgemeine Ausweitung der Arbeiterkontrolle, wobei von den bereits geschaffenen und von der Arbeiterklasse anerkannte Organen wie den 'Comites de Vigilancia' auszugehen ist. 2) Die direkte Verwaltung der dem sozialen Sektor der Wirtschaft angehörigen Industrien durch die Arbeiter.
3) Die direkte Verteilung und Kommerzialisierung durch die 'JAP ( Juntas des Abastecimiento y Control de Precios = Versorgungs- und Preiskontrollbehörden) und Expropriation aller Handelsunternehmen.
4) Schaffung und Entwicklung der 'Cordones Proletarios", der "Comités de Defensa' (Verteidigungskomitees), der 'Comités Coordinadores Comunales" usw. Zentralisierte Organisierung dieser Organe mit dem Ziel, die VOLKSVERSAMMLUNG zu schaffen, einem echten Arbeiter Parlament, das die Führung der Gesellschaft in seine Hand nimmt.
5) Schaffung von Volksmilizen auf den wichtigsten Kampffronten der Massen. Eine Art, wie man diese Aufgabe in Angriff nehmen kann, ist, sie in Verbindung mit den 'Comités Coordinadores Comunales' und den 'Comites de Defensa' zu bringen.
6) Die Vertiefung des ANTIIMPERIALISTISCHEN KAMPFES, wobei die entschädigungslose Enteignung der Betriebe mit ausländischem Kapital zu fordern ist. Außerdem muß gefordert werden, daß DIE AUSLANDSSCHULDEN NICHT BEZAHLT WERDEN.
7) Entschädigungslose Enteignung der großen Fabriken der Bourgeoisie. 8) Die Vertiefung der AGRARREFORM durch die Enteignung des Landbesitzes der Bourgeoisie ohne Entschädigung und "'a puertas cerradas" ( = "mit geschlossenen Türen" , d.h. ohne daß es den Besitzern erlaubt wird, Geräte usw. mit sich zu nehmen), ob sie nun 80 ha unter Bewässerung haben oder nicht. Zusammen damit muß man die NATIONALISIERUNG des ganzen Landes fordern und dessen Übergabe zur Nutznießung an die Bauern durch die 'Consejos Comunales Campesinos' ( = Kommunale Bauernräte).
9) Die REVOLUTIONÄRE EINHEITSFRONT als Schritt zur Vereinigung der Revolutionären Linken. An jeder Arbeitsfront müssen spezifische Arbeitsgrundprogramme im Einverständnis der verschiedenen Organisationen erstellt werden.
(Aus REVOLUCION PERMANENTE Nr. 1, Februar 1973)
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