Was die wirtschaftliche Situation angeht, so gibt es große Unterschiede zwischen den drei Perioden. Während die Kämpfe von 1966 in einer Phase rapiden wirtschaftlichen Aufschwungs (nach der Rezession 1963-64) und die von 1969 noch in einer Expansionsphase stattfanden, fallen die Tarifauseinandersetzungen von 1972 mitten in eine wirtschaftliche Rezession. Die augenblickliche Krise in Italien ist, auch wenn in letzter Zeit einige Anzeichen für einen Wiederaufschwung bemerkt wurden, eine Strukturkrise mit all den daraus entstehenden Kontequenzen: es wird zum Beispiel unmöglich sein, in den nächsten Jahren zu den Wachstums raten der 50er oder 60er Jahre zurückzukehren.
Auf internationaler Ebene registrierten zum ersten Mal seit 1945 alle kapitalistischen Länder aine Verlangsamung, wenn auch noch nicht einen Rückgang ihrer industriellen Produktion. Und die Währungskrise, die noch lange keine endgültige Lösung gefunden hat, macht die Zeichen wirtschaftlicher Erholung, die manche Länder im letzten Jahr zeigten, ziemlich unsicher. Jedenfalls sind überall solche Zeichen wirtschaftlicher Erholung von einem klaren Rück• gang der eingesetzten Arbeitskräfte, einer Erhöhung der als Arbeitlose Eingetragenen und siner mangelnden Ausnutzung der Industriekapazitäten begleitet. Das sind offensichtliche Zei chen immer schärfer werdender Widersprüche, die zu neuen, immer explosiveren Spannungen führen. Und schließlich sind wir von einer Lösung der sozialen Krise Italiens und der meisten europäischen Länder weit entfernt. Die Tatsache, daß die Probleme, die zu dieser Krise führten, in keinem Lande gelöst wurden, und daß neve Probleme hinzugekommen sind, die zor allem die ärmsten sozialen Schichten betreffen ( Erhöhung der Arbeitslosigkeit, Sinken Jes Lebensstandards durch die Preiserhöhungen), deutet darauf hin, daß über kurz oder lang neue Explosionen der Unzufriedenheit zu erwarten sind.
Wenn 1966 der Spielraum für die Kapitalisten sehr weit war, wenn 1966 bestimmte Fragen, lia zum ersten Mal auf breitester Ebene gestellt wurden, von den meisten Arbeitern so ver panden wurden, daß zu ihrer Lösung ein gewisser technischer Zeitraum notwendig sei, so jan die sozialen Probleme heute sehr viel schärfer an als damals. Der politische Rahmen, dem die Kämpfe stattfinden, ist ebenfalls ganz anders. Die Mitte-links - Regierung 1966 'ie einfarbig christdemokratische Regierung 1969, die Mitte - rechts - Regierung von 1973 -
so sehen die Regierungen aus, mit denen die Arbeiter sich in diesen drei Phasen auseinanderzusetzen hatten. Offensichtlich ist die jetzige Regierung zumindest auf dem Papier der Arbeiterklasse am wenigsten nahe. Trotzdem bleibt es eine unleugbare Tatsache, daß die günstigste Regierung, die Mitte - links - Regierung von 1966, der Arbeiterklasse den schlech testen Tarifvertrag einbrachte, und das in einer Phase kräftigen ökonomischen Aufschwungs. Diese Bemerkung soll nicht zur Unterschätzung der Gefahr, die die Regierung Andreotti ist führen, sondern soll nur unterstreichen, wie unabhängig harte Kämpfe und mittelmäßige Torifverträge von der jeweiligen Regierung sind.