Erfolgreicher 1-Stunden Streik gegen Rassismus am 21. 2. in Schweden.
Dick Forslund, Leitungsmitglied der schwedischen Bündnisorganisation "Stoppa Rasismen" und der Sozialistischen Partei (schwedische Sektion der Vierten Internationale) schreibt über die Hintergründe und die Vorbereitungen des Streiks. Eine Notiz am Ende des Artikels informiert über das positive Ergebnis. Wir hoffen in Zukunft mehr über positive Beispiele antirassistischen Widerstands informieren zu können - der Red.
DICK FORSLUND n den letzten beiden Monaten wurden sind ausländische Geschäftsinhaber, die al- Schweden und speziell Stockholm von leine in kleinen Cafés oder Läden arbeiten. einer bisher nicht erlebten Welle rassi- • Diese Anschläge werden begleitet von stischer Gewalt erschüttert: einer Serie von Brandstiftungen und Überfäl- • im November gab es sechs Angriffe len überall in Schweden. eines sogenannten "Laser-Mann", der fünf Die Welle rassistischer Gewalt be- Ausländerinnen mit cinem Laserzielgerät herrscht die politische Debatte und Atmobeschoß und verletzte. Ein iranischer Student sphäre. Stockholm befindet sich in einem starb. Der oder die Mörder schossen um zu Schockzustand, Immigrantinnen fürchten töten. um ihr Leben.
• Um den Jahreswechsel herum gab es Überall in Schweden haben sich Meneine Serie von Bombendrohungen gegen schen zu Demonstrationen zur Unterstützung Bahnhöfe und Flughäfen überall in Schwe- der Einwanderinnen versammelt. Es gibt den. Eine Bombe explodierte auf dem Stock- Demonstrationen von 1000, 2000, 100 oder holmer Hauptbahnhof; dabei wurde ein Poli- 500 in einer Stadt nach der anderen, besonzist leicht verletzt. Diese Aktionen standen in ders dort, wo es Angriffe gab. Zusammenhang mit einem Prozeß gegen Auf Initiative des Kurdischen nationalen zwei Mitglieder der VAM ("weißer arischer Verbands (Kurdiska Riksförbundet) haben Widerstand"), deren Freilassung die Terrori- 15 Immigrantinnenorganisationen zu einem sten forderten. einstündigen Streik zwischen 10 und 11 Uhr • Ende Januar gab es in Stockholm und am Freitag den 21. Februar aufgerufen. Uppsala eine Serie von fünf Angriffen inner- Anfang Februar wurde ein Streikkomitee halb von fünf Tagen. Zwei Immigranten, cin gebildet, zu dem auch das landesweite Bünd- Türke und ein Palästinenser, wurden in den nis "Stoppt den Rassismus" (Riksförbundet Kopf geschossen und schwer verletzt. Der Stoppa Rasismen) eingeladen wurde. oder die Täter zielten auf den Kopf und schos- Der Streik wird als "Kundgebung der sen völlig unprovoziert. Besonders bedroht Trauer" bezeichnet. Eins der erklärten Ziele * ist es zu zeigen, was der schwedischen Wirtschaft passiert, wenn die Immigrantinnen nicht mehr arbeiten. Der erste Aufruf des Streikkomitee läßt jedoch die Tür offen für alle schwedischen Organisationen oder Individuen, "ihre Unterstützung auf cine ihnen sinnvoll erscheinende Weise zum Ausdruck zu bringen".
Überblick der aktuellen Situation (1) Der Sozialminister hat seine Unterstützung für den Streik erklärt: "Ich weiß, daß dies für einen Minister unüblich ist. Aber ich denke, es ist eine gute Sache." Er ist Mitglied der liberalen Volkspartei, einer der vier Parteien im bürgerlichen Regicrungsbündnis.(2) Sogar König Gustaf XVI. gab eine Erklärung ab, in der er die Gewalt verurteilt und sagt, daß es unabhängig von ethnischer Gruppe, Sprache oder Hautfarbe "nötig ist, daß wir alle zusammenkommen und das Unrecht in unserer Gesellschaft bekämpfen."
Die Gewerkschaftsführer haben unterschiedliche Positionen; einige sind dafür, andere dagegen. Der schwedische Unternehmerverband (SAF) erklärt, dies sei eine sehr unmoderne Protestform", wagt aber bis jetzt nicht, die Initiative zu verurteilen. Der konservative Ministerpräsident Carl Bildt ist in schwerer Bedrängnis. Zum erstenmai sieht man Spuren von Schweiß auf seiner Stirn. Er wagt es nicht, den Streik offen anzugreifen, denkt aber, "daß er vielleicht nicht so eine gute Idee ist". Verschiedene Aufrufe wurden an ihn gerichtet, cine nationale Trauer auszurufen, im Fernsehen zur Nation zu sprechen, zwei Trauerminuten zu verkünden oder sich klar gegen den Rassismus in der Gesellschaft auszusprechen. Er verharrt jedoch in seiner "wir sind gegen jede Form der Kriminalität"-Haltung. Außerdem wird er wegen seiner Aussage angegriffen, der Rassismus in Schweden sei ein "Problem am Rande der Gesellschaft". In einer beliebten Radiosendung spekulierte er, ob die Serie der letzten fünf Feuerüberfälle in Uppsala/Stockholm "eine Abrechnung in der Unterwelt sein
könnte", : um damit zwischen den Zeilen anzudeuten, die Opfer könnten Kriminelle sein, die von anderen Kriminellen beschossen wurden. Seine Positionen werden immer weniger ernst genommen. Die Legitimität seiner Stellung als Ministerpräsident wird durch die Welle der Kritik in Frage gestellt. Bis jetzt hat jedoch nur die Sozialistische Partei (SP, IV. Internationale) seinen Rücktritt gefordert.
Wachen gegen den Rassismus
In Stockholm verfolgen wir jetzt die Idee, "Wachen gegen den Rassismus" an Orten aufzustellen, an denen Immigrantinnen alleine arbeiten. Wir ergriffen diese Initiative zunächst im Vorort Orminge. Sozialdemokraten, Linkspartei (ex-KP) und SP koordinieren sich im Volkshaus, um täglich unbewaffnete Wachen vor zwei Kiosken aufzustellen. Die Initiative zeigt Wirkung. Sic wurde von Stoppa Rasismen aufgegriffen und auf einen anderen Vorort ausgeweitet; diese Aktion wird vom Stockholmer Lokalradio unterstützt. Heute (3.2.) wollen wir sie weiter ausbreiten und Stoppa Rasismen in Stockholm für die Koordination gewinnen. Dafür haben wir die Unterstützung des ABF (großer sozialdemokratischer "Volksbildungsverband"), der sozialdemokratischchristlichen Vereinigung "Bruderschaft" und des Blindenverbands! Vor dem Hintergrund der Debatten über die Rolle der Polizei ("zu wenig Ressourcen" sagen die einen, "kriminelle Passivität" die anderen) und über die Frage, ob die ImmigrantInnen sich individuell bewaffnen sollten, um ihr Leben zu schützen, gewinnt die Initiative immer mehr Unterstützung. Wir verurteilen diese individuelle Bewaffnung nicht moralisch, aber sagen, daß kollektive Verteidigung die bessere Lösung ist, wenn die Polizei nicht in der Lage ist, die Immigrantinnen zu schützen und den/die Mörder zu finden.
(An dem Streik beteiligten sich Hunderttausende, also auch viele Schwedinnen. Der Erfolg, der sich in verbreiterten Debatten und dem Aufbau und der Stärkung neuer Bündnisse niederschlug sollte auch für uns ein Asporn sein. Der Red.)
Kontakt zum Streikkomitee ("Komitee 21. Februar") über Kurdiska
Riksförbundet, Stockholm (Pressesprecher: Kurdo Bahksi):
Tel: 0046-8-6528585; Fax: 0046-8- 6502120 Kontakt zur SP:
Tel: 0046-8-190894/190902; Fax: 0046- 8-187195 SKANDINAVIEN
Dänemark: