Am 1. April 1990 wäre Oskar Hippe 90 Jahre alt geworden. Als wir Oskar . und gertrud Hippe vor fünf Monaten zum letzten Mal in Westberlin besuchten, sagte er angesichts des schlechten Gesundheitszustandes seiner Frau, daß er ihren Tod nicht lange überleben würde. Wir wollten seine Worte nicht ernst nehmen, redeten ihm und Gertrud Mut zu. Wir hätten nach all den Jahren wissen müssen, daß er — wie Internationale Arbeiterbewegung 1 immer - genauso meinte, wie er es sagte. Am 13. März, nur fünf Wochen nach dem Tod seiner Frau, starb auch Oskar.
Oskar Hippes Leben spiegelt wie kaum ein zweites die Höhen und Tiefen der deutschen Arbeiterbewegung und insbesondere ihres revolutionären Flügels wider. Er wurde als jüngstes von zwölf Kindern einer Arbeiterfamilie in Lützkendorf im Geiseltal geboren. Sein Vater war bei der Eisenbahn im Gleisbau beschäftigt - ein religiöser Anhänger der Monarchie. Seine Mutter, die unter der Brutalität ihres Mannes zu leiden hatte, war eher freisinnig.
Mit dem 14. Lebensjahr endete Oskars Schulzeit. Sein langes Erwerbsleben begann, in dessen Verlauf er wenigstens fünfzehn Berufe ausübte - vom Verladearbeiter in einer Brikettfabrik 1914 bis zum Gewerkschaftssekretär im Charlottenburger FDGB nach dem Zweiten Weltkrieg. Entscheidend für seinen häufigen Orts- und Berufswechsel waren in erster Linie seine politischen Aktivitäten und die Konsequenzen, die sich daraus ergaben.
Die Industrialisierung seiner Heimat zu Beginn des Jahrhunderts prägte Oskars Kindheit. Sozialdemokratische und gewerkschaftliche Einflüsse brachte ciner seiner älteren Brüder, der in Leipzig als Bäcker. arbeitete. ins Elternhaus. Kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs, im Juli 1914, beteiligte sich Oskar erstmals an einer Demonstration, die von der Leipziger SPD gegen die Kriegsgefahr organisiert worden war.
Im April 1916, nachdem er eineinhalb Jahre bei einem Tischlermeister in die Lehre gegangen war, siedelte Oskar zu seiner Schwester Klara nach Berlin über. Dort nahm er eine Arbeit in der Deutschen Waffen- und Munitionsfabrik auf und trat in den Deutschen Metallarbeiterverband ein. Am I. Mai 1916 beteiligte er sich an der berühmt gewordenen Antikriegsdemonstration auf dem Potsdamer Platz, bei der Karl Liebknecht die Arbeiter aufrief, für die Beendigung des Krieges zu kämpfen. und deshalb verhaftet wurde.
Unter dem Einfluß dieser Ereignisse schloß der Sechzehnjährige im Oktober dem Spartakusbund an. ..Von diesem Zeitpunkt an" crinnerte Oskar sich spater. verlegte ich den Schwerpunkt meiner politischen Arbeit in den Spartakusbund, ohne aber die Gewerkschaftsarbeit zu vernachlässigen." In der Tat war er an den großen Aktionen der deutschen Arbeiterklasse seit dieser Zeit bis zum Beginn der faschistischen Diktatur mittel- oder unmittelbar als proletarischer Revolutionär beteiligt.
Kurz vor Kriegsende wurde Oskar Hippe in die kaiserliche Armee eingezogen und im Herbst 1918 nach Belgien abkommandiert, wo er aber schon kurze Zeit später mit anderen Soldaten seiner Einheit desertierte.
Nach der Novemberrevolution kehrte Oskar wieder nach Berlin zurück und beteiligte sich am Aufbau der Anfang 1919 gegründeten KPD. Mit einem Parteiauftrag wurde er in seine Heimat. das Industrierevier um Halle, geschickt. Er beteiligte sich an den bewaffneten Auseinandersetzungen mit der Konterrevolution, wurde deshalb mit anderen Genossen im März 1919 in Halle von Angehörigen des Freikorps Maercker verhaftet und mußte vier Monate hinter Gittern verbringen.
Trotz der Niederlage der Novemberrevolution 1918 blieb die klassenpolitische Situation der Weimarer Republik bis Herbst 1923 für radikale Veränderungen offen. Die erfolgreiche Abwehr des reaktionären Kapp-Putsches durch den Massenstreik im März 1920, die mitteldeutschen Märzkämpfe 1921 und der gescheiterte deutsche Oktober" 1923 an all diesen zentralen Ereignissen war Oskar Hippe aktiv und unter Einsatz seines Lebens beteiligt.
Erneut siedelte Oskar nach Berlin über. Betriebliche Auseinandersetzungen bestimmten die nächsten Jahre seines Lebens. Aus politischen Gründen verlor er seine Arbeitsstelle im Charlottenburger Metallbetrieb Zwietusch. Er hatte dort eine Arbeitsniederlegung am 1. Mai 1925 organisiert und war deshalb entlassen worden. Seitdem wurde er auf der …schwarzen Liste" der Unternehmer geführt.
Bei Zwietusch lernte Oskar seine spätere Frau kennen. Gertrud Mankowski war aktive Gewerkschaftsfunktionärin und Sympathisantin der KPD. Am 12. Oktober 1926 heirateten Oskar und „Trude", der deshalb ebenfalls von der Firmenleitung gekündigt wurde - wegen „Arbeitsmangels"* In der KPD verschärften sich die internen Auseinandersetzungen nach der Oktoberniederlage von 1923 und im Zusammenhang mit den Fraktionskämpfen in der KPdSU. Oskar mischte sich auf Seiten der Linken ein. 1924 trat er in den Rotfrontkämpferbund (RFB) - eine paramilitärische Organisation der KPD ein.
Der Druck Moskaus nach dem X. Parteitag der KPD im Juli 1925 nicht nur zur Absetzung der linken Fischer-Maslow- Führung. sondern leitete auch gleichzeitig die Stalinisierung der damals größten kommunistischen Partei außerhalb der Sowjetunion ein. In der Erklärung zur russischen Frage" vom 1. September 1926 wandten sich 700 KPD-Funktionäre — unter ihnen auch Oskar Hippe — an das ZK und solidarisierten sich mit der Leningrader Opposition lim Kampf] gegen die Bejahung der Möglichkeit des Sozialismus in einem Lande. für die unverminderte Vorwärtstreibung der revolutionären Bewegung in den übrigen Ländern, in engster Verbindung mit dem sozialistischen Aufbau in Rußland bis zum Triumph des Sozialismus durch den Sieg der Weltrevolution". Die Unterzeichner der Erklärung forderten die Aufhebung aller organisatorischen Maßregelungen gegen Oppositionelle und traten für ,wirkliche Parteidemokratie in der Komintern und in der KPdSU und KPD" ein. Für Oskar blieb dies bis zu seinem Tod das zentrale Dokument seines politischen Lebens.
Die zersplitterte Parteilinke konnte sich jedoch nicht mehr gegen den KPD- Apparat durchsetzen. Oskar wurde im Januar 1929 als Linksoppositioneller aus der Partei ausgeschlossen, resignierte jedoch keineswegs. Gemeinsam mit der trotzkistischen" Minderheit des Leninbundes, der 1928 von Hugo Urbahns und anderen Linkskommunisten gegründet worden war, beteiligte er sich ab 1930 am Aufbau der Linken Opposition der KPD (Bolschewiki-Leninisten), der ersten „trotzkistischen" Organisation in Deutschland. Die Linke Opposition (LO) setzte sich bis 1933 für die Reform der KPD und der Komintern ein. Als Mitglied der Reichsleitung (RL) der LO seit 1931 setzte sich Oskar an führender Stelle für die Verteidigung des revolutionären Internationalismus gegen den Stalinismus und den Kampf für die Arbeitereinheitsfront gegen den Faschismus ein. Wie wenig sich Oskar von den großen Schwierigkeiten beeindrucken ließ. denen gerade linksoppositionelle Kommunisten damals gegenüberstanden, belegt eine Konfrontation mit Hermann Remmele, Mitglied des Politbüros und einer der treuesten Parteigänger Stalins in der KPD-Führung. Remmele griff Oskar Hippe mit der Unterstützung anderer auf einer Parteiveranstaltung zur Sowjetunion tätlich an, weil er sich der inhaltlichen Kritik Oskars an seinen Ausführungen nicht gewachsen fühlte.
Von Frühjahr 1931 bis Herbst 1932 war die Einzimmerwohnung der Hippes „Sitzungslokal" der Reichsleitung der LO. Mit Trotzkis Kindern Leo Sedow und Sinaida Wolkow, die damals im Berliner Exil lebten, stand Oskar in engem Kontakt.
Trotzkis Reise nach Kopenhagen Ende November 1932 bot die Gelegenheit zu
cinem informellen tionalen Linken Oskar beteiligte sicl ten Debatte über d Deutschland und di deutschen LO, die, ausstellen sollte, vor voziert worden ware Ein Brief Oskar vom 6. Januar 1933 lige Situation konk auf Grund
Schwäche lastet die auf wenigen Kräfter kurzer Zeit auch in Anderung herbeift Nach vielen Schmei sie endlich Ihre Kop Licht der Welt gebr ten No. der Per[mar erschien. Als Charl haben wir für dies Campagne durchgef Charlottenburger G man übersehen kanı bis jetzt sind 350 worden, das sind 20 malen Zeiten."
Kurze Zeit später wurde Oskar Hippe über 100 Besuchern der LO zum Thema — was nun?" von Po tet. Weil noch nicht apparat von Nazis Oskar nach kurzer leitete die Umstellun legale Arbeit an. Di sich bald danach 1 munisten Deutschla und wegen des po von KPD und Kor gegen die Verhinder für den Aufbau einc stischen Partei und Internationale eintra fergruppen umgestel neue trotzkistische Z Ausland und konnt Deutschland gebraci Hippe notierte dazu graphie: ..Dreihunde ien wir auf diesem W weitem nicht aus. un Freunde zu beliefern. eine Lösung des Prol Hilfe leines Genoss Photographen photog Zeitung im Format 1 mittels eines Vergri wir bei Woolworth fü und unseren Freun gleich mitlieferten, k tung dann ganz norma Am S. Januar 19 Nazis erneut Oskar 1 chen später auch se Trude, die als Kurier sche Widerstandsorg wesen war, ließ sich ter der SA-Leute ni Genossinnen und G Treffen der Interna- Opposition (ILO). an der dort geführe politische Lage in • Spannungen in der wie sich später her- , GPU-Agenten pron.
Hippes an Trotzki hilft uns, die dama reter zu versteheni unserer ungeheuren Arbeit natürlich nur wir hoffen aber in dieser Hinsicht eine hren zu können. zen für die RL hat enhagener Rede ans icht, die in der letzenten] Rev[olution] ottenburger Gruppe e Nr. eine Werbeührt (leider nur die ruppe) und, so weit , mit gutem Erfolg. Zeitungen verkauft 0% mehr als in norim Februar 1933, gemeinsam mit den einer Veranstaltung ,Hitler hat gesiegt lizei und SA verhafder gesamte Polizeibesetzt war, kam Leit wieder frei. Er g der LO auf die il e Organisation, die Iternationale Komnds (IKD) nannte litischen Versagens nintren im Kampf ang des Faschismus r neuen kommunieiner neuen (IV.) t, wurde auf Fünt. Unser Wort. die eitung. erschien im nur illegal nach il werden. Oskar in seiner Autobiot Zeitungen erhielege, sie reichten bei alle Genossen und Wir fanden jedoch ›lems... Mit... n] und ... eines raphierten wir die x18 auf eine Seite: Berungsglases, das r drei Mark kauften len und Genossen onnte man die Zei- |lesen."
34 verhafteten die lippe, wenige Woine Frau Gertrud n für die trotzkistianisation tätig geauch durch die Folht zum Verrat an enossen bewegen. Drei zerschlagene Rückenwirbel und tete das Urteil für Oskar Hippe. Schmerzen bis an ihr Lebensende waren Untersuchungshaft, der Preis für ihre Standhaftigkeit. Repressalien während der Verhöre, der Oskar mußte ebenfalls unter der Folter anschließende Aufenthalt im Zuchthaus leiden. Gestapo und SA versuchten da- Bautzen und die Zeit im Arbeitslager mit, die Namen der Mitglieder der Hohenschönhausen griffen Oskars Ge- Keichsleitung und der Berliner Bezirks- sundheit schwer an. Aber auch die Stalileitung in Erfahrung zu bringen. Auch nisten konnten ihn nicht brechen. Oskar blieb standhaft. Im Juli 1956, fast acht Jahre nach sei- Im November 1934 fand vor der 4. ner Verhaftung. wurde Strafkammer des Kammergerichts Berlin nach Westberlin entlassen. Die trotzkistider Prozeß gegen Oskar Hippe und eif sche Gruppe der Stadt war fast nicht andere Angeklagte statt. Sie wurden be- mehr existent. Politische und organisatoschuldigt, das hochverräterische Unter- rische Differenzen mit der Leitung der nehmen, die Verfassung des Deutschen deutschen Sektion und die nach Ansicht Reiches gewaltsam zu ändern, durch Oskars opportunistische Haltung des In- Verbreiten von Druckschriften ternationalen Sekretariats der IV. Interdurch andere Handlungen vorbereitet zu nationale gegenüber Stalinismus haben und durch dieselbe Handlung zu- führten ihn dazu, sich für einige Zeit dem Internationale Arbeiterbewegung gleich es unternommen zu haben, den 1953 von der Internationale abgespalteorganisatorischen Zusammenhalt nen Internationalen Komitee anzuschlieanderen politischen Part NSDAP aufrecht zu erhalten" In der ÖTV, dem Marxistischen Ar- „Sie mögen uns verurteilen", hielt beitskreis der SPD und in linken Falken- Oskar Hippe den Nazirichtern entgegen, Gruppen leistete Oskar seinen Beitrag .das ändert aber nichts daran, daß dieses zur Aufrechterhaltung einer System stürzen wird, stürzen durch einen schen Linken in der antikommunistisch verlorenen Krieg. Ob wir ihn überleben geprägten Atmosphäre der „Frontstadt" oder nicht, das ist nicht das Wichtigste. Westberlin. Ein 1961 gegen ihn eingeleiwichtig ist. daß früher oder später der tetes Parteiordnungsverfahren der SPD Sozialismus siegen wird und damit ein wurde nie zu Ende geführt. 1968 erklärte Gesellschaftssystem eingeführt Oskar seinen Austritt aus der Partei wewelches allen Menschen dient." Oskar gen der Annahme der Notstandsgesetze. seinen Widerstand Der fast Siebzigjährige engagierte sich in Nazi-Diktatur mit der Haft in Plötzensee der APO und unterstützte ab 1969 die und bis Frühjahr 1936 im Zuchthaus Kommunistische Jugendorganisation Spartacus bei ihrem Bemühen um die Mittlerweile konnte die Gestapo die Schaffung einer revolutionären Organimeisten Widerstandsgruppen der IKD sation. Oskar Hippe zufolge scheiterte zerschlagen. Bis zum Ende der Nazi- diese Gruppe, weil sie nicht begriffen Herrschaft bemühte sich Oskar Hippe [hatte]. daß sie vor einer langen Periode um den Zusammenhalt der Berliner Ge- des Kampfes stand" nossinnen und Genossen. Wegen seiner Auch in den siebziger und achtziger Nichtanpassung an Hitlers ., Volksge- Jahren gab Oskar trotz der gesundheitlimeinschaft war er lange Jahre erwerbs- chen Probleme, die seiner Frau und ihm zu schaffen machten, den Kampf für den Noch vor Kriegsende, im Frühjahr internationalen Sozialismus 1945. versuchten Oskar und die Reste Noch als fast Achtzigjähriger veröffentder Charlottenburger IKD ohne Erfolg. seine Erinnerungen an fast sechzig Jahre in der Arbeiterbewegung" standsgruppen zu initiieren. Die Befrei- unter dem Titel... und unsere Fahn' ist ung von den Nazis kam von außen. rot und stellte sie anschließend in öffent- Nach der Kapitulation der Wehrmacht lichen Veranstaltungen vor. konzentrierte sich Oskar Hippe auf den Herrschaftssysteme. Aufbau der IKD (mit Schwerpunkt in den die dieses Jahrhundert hervorgebracht Gewerkschaften) und beteiligte sich an hat - das Kaiserreich. die Weimarer der von Mitgliedern fast aller linken Or- Republik, die Nazi-Diktatur, die parlaganisationen neu gegründeten Sozialisti- mentarische Demokratie" der BRD und Arbeitsgemeinschaft Neues Be- das stalinistische SED-Regime, haben ginnen". 1947 gelang es ihm, neben der diesen Revolutionär nicht zur politischen Arbeit in Berlin auch einige zwingen können. Weder im Betrieb noch IKD-Gruppen in Halle, Merseburg und in der Gewerkschaft, auch nicht im Knast Weißenfels aufzubauen. und schon gar nicht in einer politischen Im September 1948 nahm der sowjeti- Partei hat Oskar klein beigegeben. Bis sche Geheimdienst MWD Oskar Hippe zuletzt ist er unversöhnt mit der Herrin Halle fest. Ein Militärgericht verur- schaft der Wenigen über die Vielen geteilte ihn sowie die Genossen Walter blieben - ein revolutionärer Arbeiter, Haas (der gemeinsam mit ihm schon von den Beharrlichkeit, Konsequenz, Aufden Nazis hinter Gitter gebracht worden richtigkeit und Kampfeslust in einem war) und Leo Silberstein wegen anti- Leben gegen den Strom auszeichneten sowjetischer Gruppenbildung" und …il- und der trotz aller Schläge das Lachen legaler Propaganda". 25 Jahre Haft lau- nicht verlernt hatte. Heinrich Neuhaus