Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Algerien

Stärkung der revolutionären Marxisten

Inprekorr Nr. 226, April 1990 · S. 38-40 · 1.496 Wörter

Maghreb Frauen Frankreich

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Das folgende Interview gab Salhi Chawki, offizieller Sprecher der Sozialistischen Arbeiterpartei (PST) im Februar.

• Nach dem Sieg der Massenbewegung gegen das Chadli-Regime im Oktober 1988 konnten Parteien legalisiert werden. Kannst Du die wichtigsten nennen?

rung: Mitarbeit in der Einheitsliste; Kritik der osteuropäischen Gesellschaften) auseinanderbrechen wird. Ein Teil der Erneuerer strebt unverhüllt zu einer reformistischen Politik, andere kritisieren dies scharf. Diese Diskussion wird auf dem ordentlichen Kongreß im April offen ausbrechen. Auch die Betonfraktion sammelt ihre Anhängerschaft bereits für diesen Termin, der inzwischen in der gesamten dänischen Linken gro- Bes Interesse weckt. Björn Mertens • Die demokratische Öffnung des Chadli-Regimes ist noch keine wirkliche Demokratie. Der offizielle Status einer Partei muß vom Innenministerium bestätigt werden. Das wird an Bedingungen geknüpft. So darf keine Partei einer internationalen Organisation angehören.

Die meisten legalisierten Parteien stehen rechts wie die Fundamentalisten der FIS (Islamische Rettungsfront), die in Algier einen Teil der rebellischen Jugend von 1988 organisierte. Sie ist gegen die Rechte der Frauen und schlägt eine reaktionäre Sozialpolitik vor. Als Antwort auf eine Demonstration, die gegen Gewalt gegen Frauen protestiert hatte, organisierte sie am 22. Dezember NPREKORR 226

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vergangenen Jahres eine Demonstration mit S0 000 Teilnehmern. Die anderen Parteien sind liberal. Ihr Wirtschaftsprogramm entspricht dem der FIS oder der Regierung. Sic fordern den Verkauf staatlicher Unternehmen an Private oder an ausländische Banken. Sie wollen den algerischen Markt dem Imperialismus öffnen. Einige wie die RCD (Vercinigung für Kultur und Demokratie) oder FFS (Sozialistische Sammlungsfront) vertreten jedoch auch demokratische Forderungen wie die Anerkennung der berberischen Sprache oder die Einberufung eines verfassunggebenden Parlaments. • Wurden auch die linken Parteien legalisiert?

• Ja. Bisher gilt das für zwei. Einmal ist das die stalinistische PAGS (Partei der sozialistischen Avantgarde). Sie unterstutzt die Regierung und will eine „Front der Patrioten" schaffen. Sie haben einige tausend Mitglieder und sind in der Intelligenz besonders einflußreich, haben aber in der Arbeiterklasse und unter den Volksmassen wenig Bedeutung. Durch die jüngste Entwicklung in Osteuropa gerieten sie in eine Krise. Zehn Tage vor dem Sturz von Egon Krenz in der DDR haben sie ihm noch ein Telegramm geschickt, in dem sie ihm zu seiner mutigen Reformpolitik gratulierten.

Generell sind sie durch ihre Vergangenheit belastet. Bis zum Befreiungskrieg waren sie gegen die Unabhängigkeit, und sie nahmen nicht an den radikalen Kämpfen teil. Daneben gibt es die PST. Andere kleinere Gruppen existieren, wurden aber bisher nicht legalisiert.

• Kannst Du das Programm der PST skizzieren?

• Die einzige Lösung der Krise ist die sozialistische Revolution, in Algerien und in anderen | Ländern. Dazu schlagen wir ein Übergangsprogramm vor. Gegen den Imperialismus soll die algerische Industrie aufgebaut werden. Allen Menschen in Algerien sollen Kultur, Brot und Freiheit garantiert werden. Wir sind für den Laizismus des Staates und der Schulen und für die Rechte der Frauen. Wir fordern eine Einheitsfront der Arbeiterklasse und Volks- gegen die neuen Ausleseverfahren massen gegen die bürgerliche Politik protestierten. Danach hatten wir eiund ihr unsoziales Programm. nen wesentlichen Anteil an der Schaffung des neuen Studentenver- • Welches sind die Schwerpunkte bandes, der an fast zehn Universitä- Eurer Arbeit? ten vertreten ist. • Unser wichtigste Ziel ist der Auf- • Du sagtest, Ihr würdet für die bau einer unabhängigen demokrati- Rechte der Frauen kämpfen. Wie schen Massenbewegung. Dafür ar- sicht das in der Praxis aus? beiten wir in verschiedenen Bereichen. • Frauen haben in unserer Gesell- Seit 1977 sind wir in der Studen- schaft keine Rechte. Sie können sich tenbewegung aktiv und waren in der einen Ehemann nicht frei wählen. Führung des großen Streiks von Das hängt von der Zustimmung eines 1987, mit dem 150 000 Studierende Mannes ab, des Vaters, des Bruders Internationale Arbeiterbewegung Aufruf für Schuldenstreichung

Am 8. Juli 1989 hatten 30 000 sind, wenn der Kampf ums bloße Ober- Menschen in Paris für die Annulierung leben die traditionelle Unterdrückung der Schulden der „Dritten Welt" und verschärf. gegen die Apartheid in Südafrika de- Verantwortlich für all diese Tragömonstriert. Die Demonstration, die auf dien ist ein Wirtschaftsimperialismus. Initiative v.a. der französischen Sek- der die Dritte Welt ausblutet und unter tion der IV. Internationale zustandege- der Schuldenlast erdrückt. Mag er auch kommen war, war von einer ganzen unter sich widersprechende Interessen Reihe von Organisationen und Einzel- haben. wenn es um seine Weltherrpersonen unterstützt worden. Aus die- schaft geht, herrscht Einigkeit. ser Bewegung entstand das Collectif Nur die Solidarität der Völker kann Unitaire du 8 Juillet, das einen von seine Macht zerschlagen. dem bekannten französischen Schrift- Diese Solidarität bedeutet keinessteller Gilles Perrault verfaßten interna- wegs eine Unterstützung derjenigen tionalen Aufruf (Bastille-Aufruf"*) Regime, die in ihren eigenen Ländern lancierte. Wir dokumentieren im fol- das Elend vorangetrieben haben und genden den Aufruf. den bereits zahlrei- die Stimme und die Rechte ihrer eigeche Personen aus vielen Ländern unter- nen Völker ersticken. zeichnet haben und der nach dem Wil- Nach den Demonstrationen, die im len der Initiatoren von Millionen von Juli 1989 in Paris während des Gipfel- Menschen aus allen Kontinenten unter- treffens der Sieben stattfanden. rufen zeichnet werden soll. wir zur Einheit aller fortschrinlichen Kräfte in der Welt auf.

Schuldenstreichung wird nicht sasttlle-Aufru alle Probleme lösen, aber sie ist eine ar die schuldenstreichun Vorbedingung für Lösung. die an die der Dritten Welt Wurzel geht. Nicht für sie einzutreten Zu Anfang des 21. Jahrhunderts bedeutet den notleidenden Völkern den bleibı das Glück eine hoffnungsvolle Beistand zu verweigern. Idee. Gemeinsam können und müssen wir Wir leben in einer Welt, in der alle die totale und sofortige Schuldenstrei- Bedingungen für dieses Glück erfüllt chung der Dritten Welt durchsetzen. sind, und doch ist es das Elend. das die Gemeinsam können und müssen wir höchsten Wachstumsraten verzeich- wieder eine Hoffnung entfachen, für die net. Gerechtigkeit und Gleichheit in einer Eine Welt, in der der Hunger jeden gemeinsamen Zukunft liegen. Tag Zehntausende von Kindern umbringt. Revolten auf drei Kontinenten entzündet und jegliche Hoffnung be- Wer diesen Aufruf unterstützt, sollte gräbt. seine Unterschrift einsenden an: Asso- Eine Welt, die das Leben der Frauen ciation Toussaint Louverture. 14 rue de verstümmelt, die stets die ersten Opfer Nanteuil, 75015 Paris. Frankreich.

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oder - wenn sie eine Witwe ist sogar von der ihres Sohnes. Die islamischen Fundamentalisten fordern, sie sollte keinen Beruf ausüben, nicht studieren können, ja sich nicht einmal in der Straße zeigen.

Unser Ziel ist die Befreiung der Frau. Seit 15 Jahren arbeiten wir daran. In der Zeit der Repression (bis 1988) gründeten wir Filmklubs und andere kulturelle Einrichtungen, in denen Frauen überhaupt erst zusammenkommen und ihre Lage diskutieren konnten, wo sich daran gewöhnten, aktiv zu werden. Seit der demokratischen Öffnung gibt es Internationale Arbeiterbewegung Komitees. Am 8. März vorigen Jahres demonstrierten über 5000 gegen die islamisch-fundamentalistische Repression.

Auf dem letzten Kongreß unserer Partei war ein Viertel der Delegierten Frauen - was in einem islamischen Land einiges bedeutet. • Du sprachst davon, Ihr würdet kulturelle Rechte fordern. Was heißt das?

4 In Algerien gibt es neben der arabischen noch die berbische Sprache. Diese aber von einem Drittel der Bevölkerung geprochene Sprache, wird als Amtssprache nicht anerkannt. 1980 wurde die berbische Bewegung für kulturelle Rechte unterdrückt und ihre Führer verhaftet und gefoltert. Darunter waren viele Mitglieder unserer Partei, weshalb die legale Presse von einer trotzkistischen Verschwörung sprach, was völliger Unsinn war. Seit 1988 sind wir an der Bildung der MCB (Berberische Kulturbewegung) beteiligt, die im vergangenen Januar in Algier eine Demonstration mit 60 000 Teilnehmern organisierte.

• Welche Rolle spielt Ihr in der Arbeiterbewegung?

• In Algerien gibt es vier Millionen Lohnabhängige, hauptsächlich großen Fabriken. Die organisierte Arbeiterbewegung ist allerdings schwach. Seit den siebziger Jahren unternahmen wir eine Reihe von Initiativen zum Aufbau der Bewegung. Gegenwärtig beteiligen wir uns am Aufbau von Koordinationen gegen die Bürokratie in der offiziellen Gewerkschaft UGTA. Wir sind auch an Streiks beteiligt wie gegenwärtig an dem der Lehrerschaft.

• Kannst Du etwas über Eure Wir können Versammlungen mit Geschichte, Bedeutung und Pro- mehr als tausend Teilnehmern und bleme sagen? Teilnehmerinnen organisieren. Da wir im Rundfunk sprechen können • Fünfzehn Jahre lang kämpften und in der Presse interviewt werden, wir als GCR (Revolutionäre Kom- erscheinen wir als eine ernsthafte munistische Gruppe), als sympathi- Organisation, die entschieden gegen sierende Organisation der IV. Inter- Imperialismus und die kapitalistische nationale. Wir konnten uns in der Regierung kämpft. Hunderte neuer Massenbewegung der siebziger Mitglieder sind in die Partei einge- Jahre aufbauen. Die folgende Zeit treten. Wir sind in 20 Städten vertredes Niederganges überstanden wir ten. Tausende von Sympathisanten mit propagandistischen Aktivitäten haben den Eintritt beantragt. Uner in legalen kulturellen Einrichtungen theoretische Organ hat eine verwie Film- oder Theaterklubs und kaufte Auflage von 3000. Von der Sommerlagern. Seit der demokrati- ersten Ausgabe unserer künftig wöschen Öffnung stehen wir an der chentlich erscheinenden Zeitung Spitze der Massenbewegung gegen wurden 10 000 Exemplare verkauft. Folter und Unterdrückung. Das Interview führte Hans-Jürgen Schulz