Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Protestaktionen der Jugend gegen Preiserhöhungen

· Inprekorr Nr. 22, 15. Dezember 1972 · S. 19-20 · 859 Wörter

Jugend und Studenten China Philippinen und Südostasien

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Jede Seite verweist auf ihren Scan; vor dem Zitieren bitte dort prüfen.

PROTESTAKTIONEN DER JUGEND GEGEN PREISERHOHUNGEN +++++++ ++++++++++++++++++++++++++++++++++++***++*++*+*++++++ +++ Die seit Monaten anhaltenden Lebensmittelpreiserhöhungen haben die Jugend hier wieder in Bewegung gesetzt. Jugendführer drohten mit Demonstrationen (die in Indonesien illegal sind), wenn die Regierung die Preise der Grundnahrungsmittel nicht wieder senkt. Die derzeitige Auseinandersetzung begann am 21. Nov., als eine Delegation der Jugendorganisation KAPPI einen Appel! an Naro, den Vizeprasidenten des Parlaments, richtete. Sie forderte die Herabsetzung der Reispreise und Strafmaßnahmen gegen drei Geschäftsleute, die sie beschuldigten, den Reismarkt zu manipulieren. Die Delegation war von Buyung Syamsyarbaini, des Prasidenten des KAPPI, angeführt. Er war am Tage zuvor, als das Vorhaben, an Naro zu aßellieren, bekannt wurde, kurze Zeit von der Polizei festgehalten worden.

Mitglieder des KAPPI und des KAPI ( einer anderen Jugendorganisation) haben zwei neue Organisationen zur Bekämpfung der Preiserhöhungen gebildet: die GAL ( Bewegung gegen Hunger) und die KOPPERA ( Kommando für die Rettung der Mägen des Volkes). Am 24. Nov. demonstrierte eine Delegation von 13 Mitgliedern des KOPPERA vor dem BULOG ( Lebensmittelversorgungsbüro), das für die Verteilung des Reises an die Großhändler verantwortlich ist. 6 der Demonstranten wurden im Büro empfangen. Sie übergaben dort eine Petition; während die außen Wartenden Journalisten gegenüber offen äußerten, daß sie wenn nötig Demonstrationen organisieren würden.

Nach offiziellen Angaben der Regierung stieg der Lebenshaltungsindex allein im Monat Oktober um 3, 75 % und erreichte damit den Stand von 682, 52 ( 1966 gleich 100). Aber

Seite 20

der Preis für Reis in Djakarta, der bei 45 Rupien pro Liter im Juni stand (1 Rupie ist ehr gleich 80 Pfennig), erreichte 70 Rupien Ende Oktober. Heute beträgt der Preis 80 Rupien und in Djogjakarta in Zentraljava stehen die Leute Schlange, um für 85 Rupien Reis zu kaufen. Am 14. November veröffentlichte die Tageszeitung "Sinar Harapan' Berichte darüb daß die Menschen von Jeneponto in Südsulawesi ( wo normalerweise ein großer Reisüber schuß produziert wird), an Hunger sterben. Große Teile der Bevölkerung versuchen dort zu überleben, indem sie Mangosamen und Stämme von Bananenstauden essen. Dieser Be. richt wurde von der Regierung verleugnet, aber von einem Abgeordneten von Südsulawet am 22. November bestätigt, der feststellte, daß in Jeneponto 54 000 Personen hungerten und 60 schon verhungert waren.

Die Bewegung bringt ihre Forderungen in einer 'Tritura", d.h. in drei Forderungen zum Ausdruck: 1. -Sofortige Herabsetzung der Reispreise, 2. - Aufhängen von Reisspekulanten, und 3. -sofortige Unterzeichnung eines Gesetzesvorschlags gegen die Korruption. Indes wird die Bewegung leider ziemlich durch antichinesischen Rassismus beschmutzt. Immer wieder wird der Aktzent auf die Rolle von Geschäftsleuten chinesischer Abstammung beim Reisgroß handel gelegt. Solche Gefühle stammen aus der Kolonialzeit, als die holländische Imperialisten die Chinesen als Vermittler in der Wirtschaft einsetzten, um sich eine breite Schicht von Kollaborateuren heranzuziehen. Das Ergebnis ist, daß auch heute noch Unter nehmen chinesischer Eigentümer eine unverhältnismaßig große Rolle auf der mittleren Ebe ne der Wirtschaft spielen.

Seit der Unabhängigkeit versucht die Regierung, "einheimische" Unternehmer gegenüber chinesischen - die als "nichteinheimische" definiert werden, auch wenn ihre Vorfahren sei Jahrhunderten hier leben - zu bevorzugen, offensichtlich nach der Theorie, daß die Aus beutung der Armen richtig ist, wenn sie nur von richtigen" Indonesiern durchgeführt wird Aber die chinesisch-indonesischen Händler haben die Absichten der Regierungspolitik unter laufen, indem sie 'Ali-Baba-Firmen gründeten, die nach außen von einem eigeborenen Indonesier geleitet werden, in Wirklichkeit aber Chinesen gehören ( Ali Baba ist nicht nur eine Figur aus den "Märchen aus 1001 Nacht" , sondern in diesem Fall ein Wortspiel: Ali ein sehr häufiger Vorname, Baba wird ein Indonesier chinesischer Abstammung genannt.) Seit der Konsolidierung der Militärdiktatur 1966 fand eine wachsende Anzahl von Generä len Posten als Alis in Ali-Baba-Firmen. So besteht also die Gefahr, daß, während der anti• chinesische Rassismus jetzt den wahren Grund für die Reiskrise verschleiert, sich die Bewe gung gegen das ganze korrupte Militärregime wenden kann. Die Jugend ihrerseits ist sich der Macht bewußt, die sie unter günstigen Umstanden ausüben kann. Das Wort 'Tritura soll bewußt an die rechte Studentenbewegung von 1966 erinnern, die es für die Forderung nach niedrigeren Preisen, Absetzung des Kabinetts und Zerschlagung der KPI verwendete. Diese Bewegung war damals von den Generalen als wichtige Hilfe für die Stärkung ihrer Macht benutzt worden; aber die jetzige Bewegung fällt in eine Zeit, wo die Verantwortun der Militärs auch für den geringsten Aspekt der Regierungspolitik jedem klar ist. Beim derzeitigen Zustand der Illegalität von Demonstrationen und der Einschüchterung der indonesischen Presse fällt es schwer, daß Ausmaß der Jugendbewegung zu beurteilen. Jede falls ist klar, daß in ihr ein Differenzierungsprozeß schon begonnen hat. Am 28. November unterstützte der Exekutivrat des KAPPI zwar verbal die Forderungen von GAL und KOPERA distanzierte sich aber von ihren Aktionen und kritisierte insbesondere Buyung Syamsyarbail wegen seiner angeblich "undisziplinierten'" Handlungen. Absichtlich oder zufällig ist Buyung bisher daran gehindert worden, dem Exekutivrat zu antworten. Nach Meldungen der Tageszeitung 'ABadi" hat man Buyung, seitdem der von der Polizei am 25. November, eine Tag nach der Protestaktion vor dem BULOG-Büro, vorübergehend zum Verhör mitgenomme wurde, nicht. mehr gesehen oder gehört, und die Polizei leugnet, irgendetwas von seiner Verbleib zu wissen. Aber die Bewegung weitet sich aus. Am 28. November appellierte eine Delegation von vier Studentenräten aus Bandung an Vizepräsidenten Naro, für die Lösung der Reiskrise zu sorgen.

(Adam Tidar, Djakarta. Aus INT*