Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

UdSSR

Diskussion über Trotzki/Moderner Trotzkismus. Ideologie und Praxis

Inprekorr Nr. 212, Februar 1989 · S. 41-43 · 1.502 Wörter

Trotzki und Geschichte IV. Internationale Sowjetunion Stalinismus und Bürokratie

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Diskussion über Ideologie und Praxis"

Trotzki

Der führende Trotzkismus-Spezialist" der Presseagentur Novosti (APN). Am 15.November 1988 fand in Nikolai Wassetzki, erlangte eine zweifelhafte Berühmtheit durch sein Werk Moskau zum ersten Mal seit 60 Jah- „Der gegenwärtige Trotzkismus im Kampf gegen Frieden und Entspanren eine öffentliche Diskussion über nung" (1986), das von sowjetischen Botschaften in aller Welt, v.a. in Ha- Trotzki statt. Der Andrang war dervanna und Managua, verbreitet wurde. Sein Inhalt bestand ausschließlich art groß, daß der vorgesehene Saal aus groben stalinistischen Verleumdungen und Fälschungen. Inzwischen viel zu klein war. Auf dieser Veranhat jedoch der Wind der Glasnost auch APN erreicht. Das Resultat ist der staltung sprachen die Tochter von kürzlich in der Literaturnaja Gaseta erschienene, im folgenden in Auszügen A.A.Joffe, einem sowjetischen Diwiedergegebene Artikel des besagten Nikolai Wassetzki. Er enthält zwar nach plomaten, der 1927 aus Protest gegen wie vor zahlreiche grobe Entstellungen der politischen Positionen und Aktivitäden Ausschluß Trotzkis Selbstmord ten der Trotzkisten"', aber sie werden zum ersten Mal von „offizieller" Seite beging. Nadeshda Joffe mußte ihre in der UdSSR als eine reale Kraft in der Arbeiterbewegung mit einer realen Verwandtschaft mit einem Aufenthalt Basis unter den Lohnabhängigen und den Bauern (!) dargestellt — als eine im GULag bezahlen. .Gebt uns un- Kraft, die sogar für die „kommunistische Bewegung" bündnisfähig sei. sere Geschichte, unsere Geschichte. wie sie gewesen ist, die Wahrheit, nur die Wahrheit", rief Galina Antonow-Owsejenko aus, deren Vater 1938 liquidiert wurde und die von 1937 bis 1953 in Lagern zubrachte. Tatsachen wie die ehrenvolle Aufnahme des Trotzki-Mörders Ramón Mercader in der UdSSR, wurden mit entsetztem Staunen aufgenommen. Zu den Teilnehmern der Veranstaltung gehörte auch Pierre Broué, Direktor des Institut Léon Trotsky in Paris und Verfasser einer küzlich erschienenen monumentalen Trotzki- Biographie (Paris, Fayard). * die „linker" sein wollen als die kom- Unter der politischen Strömungen, munistischen Parteien, nimmt der Trotzkismus nach wie vor einen besonderen Platz ein. Er entstand zu Beginn des 20.Jahrhunderts. Seiner Ideologie und Praxis liegt Trotzkis Theorie der permanenten Revolution" zugrunde, die eine eigenartige Reaktion cines Teils der nichtproletarischen Schichten, vor allem der kleinbürgerlichen städtischen Intelligenz, auf Lenins Theorie der sozialistischen Revolution darstellte. Seitdem erfuhr der Trotzkismus wesentliche Modifikationen.

Der moderne Trotzkismus tritt unter der Flagge der von Trotzki 1938 gegründeten IV. Internationale auf, die sich in mehrere einander befehdende Gruppierungen gespalten hat. [...)

Allen Gruppierungen der IV. Inte vorwiegend Anhänger unter der Kleinbourgeoisie, der städtischen

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Internationale Arbeiterbewegung frieden sind.

Überhaupt ist festzustellen, daß die Trotzkisten dort auftauchen, wo und wenn Arbeiterorganisationen im Kampf gegen die Unternehmer die größten Erfolge erzielen, Siege in Streiks erringen, Lohnerhöhungen sowie Verbesserungen der Arbeitsund Lebensbedingungen durchsetzen. -Sie tauchen in den Betrieben auf, in denen die Organisationen der kommunistischen und sozialistischen Parteien und die revolutionăr gestimmten Gewerkschaften besonders aktiv und kampffähig sind. Um die Aufmerksamkeit auf ihre Konzepte zu lenken, weiten die Trotzkisten das Arsenal ihrer Propagandamittel aus. Neben solchen für sie traditionellen Aktionen wie Demonstrationen, Kundgebungen und öffentlichen Diskussionen wenden sie, selbst im Vergleich zu den 60er und 70er Jahren, neue Methoden an. Dazu gehören die Teilnahme an Wahlkampagnen, Auftritte im Rundfunk und Fernsehen, Vorträge in Bildungseinrichtungen, die Publikation von Artikeln in Zeitungen mit Massenauflagen.

Demselben Ziel dient auch die Taktik der „kritischen Unterstützung* der Kommunisten und in einigen Ländern auch der Sozialisten und breiterer linker Bündnisse und Koalitionen. Ihr Ziel dabei ist oftmals, die Führung dieser Parteien, Bündnisse und Koalitionen den einfachen Mitgliedern gegenüberzustellen, um in die Organisationen der Linken Verwirrung zu tragen, einen Teil der Mitglieder aus ihnen herauszulösen und sie für sich zu gewinnen. [...] Es gibt Trotzkisten, die zum Sozialreformismus neigen. Sie gruppieren sich um das „Vereinigte Sekretariat der IV.Internationale". Deren Credo ist der linksradikale Reformismus, den sie auf ihre eigene Art interpretieren. Sie verneinen nicht die Notwendigkeit, Institutionen der bürgerlichen Demokratie zu nutzen, nehmen an Wahlen teil, setzen sich für Reformen ein, die die Arbeitsund Lebensbedingungen der Werktätigen verbessern können.

Bei der Suche nach neuen Formen der Arbeit müssen die Trotzkisten berücksichtigen, daß eine Abkehr von Trotzkis Theorie der „permanenten Revolution* die Gefahr der Untergrabung der Ideologie und Praxis des Trotzkismus überhaupt mit sich bringt. Sie streben eine Anpassung der trotzkistischen Theorie an die heutigen Gegebenheiten an, beto- Trotzkismus der 20er und 30er Jahre. So gestehen einige Anhänger des ,Vereinigten Sekretariats der IV.Internationale* ein, daß sie sich nicht mehr als Trotzkisten bezeichnen; auch in ihrer Presse gebrauchen sie diesen Begriff zunehmend weniger. Leider studieren die modernen Trotzkisten bei weitem nicht immer die Leistungen Trotzkis als Revolutionär, die ihm das Lob Lenins und die Achtung in der Partei und in der Komintern einbrachten. In der Regel neigen sie dazu, sich auf jene Erfahrungen von ihm zu stützen, die man lieber nicht ans Tageslicht zerren sollte, sondern die besser in Vergessenheit geraten sollten.

So anerkennen die Trotzkisten die I nen dabei aber stets ihr Festhalten am Errungenschaften der sozialistischen

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Länder, stellen aber zgleich ihre sozialistische Natur nach wie vor in Abrede. Sie klammern sich hartnäkkig an den Leitsatz der Theorie der permanenten Revolution", daß der Aufbau des Sozialismus in einem einzelnen Land unmöglich sei. Während aber in den 20er und 30er Jahren, als diese Frage noch nicht endgültig gelöst war, als die Gruppe um Stalin Abweichungen von Lenins Vorstellungen über den Sozialismus zuließ, Trotzki gewisse Gründe für seine Vorstellungen vorbringen konnte, wirken die trotzkistischen Erklärungen über das Nichtbestehen des Sozialismus* in der UdSSR und in anderen Ländern in den 80er Jahren, wo ein sozialistisches Weltsystem besteht, wie ein Anachronismus. Inkonsequent ist auch die Auffassung der Trotzisten über die Umgestaltung in der Sowjetunion. Einerseits begrüßen sie scheinbar die heutigen Veränderungen, obwohl sie sie in ihrem eigenen Sinn interpretieren. Andererseits aber verbreiten sie das alte trotzkistische Gedankengut von einst, insbesondere die These Trotzkis vom „sowjetischen Thermidor"''. also der „Entartung" der Sowjetmacht. Sie meinen, daß der Charakter der Sowjetunion sich gegenüber den 20er und 30er Jahren, als die Bürokratie Terror und Repressalien für die Festigung ihrer Macht nutzte. nicht geändert habe. Daraus schlußfolgern sie: ob die Reformen durchgeführt werden oder nicht, das Regime wird den Werktätigen gegenüber feindselig eingestellt bleiben. Ebenso widersprüchlich äußern sich die Trotzkisten zu Schlüsselfragen der Gegenwart, z.B. die Frage der Abwendung der Gefahr eines thermonuklearen Krieges und der Erhaltung des Weltfriedens. Es könnte scheinen, daß keine einzige der trotzkistischen Gruppen die Bedeutung des Friedenskampfs in Abrede stellt. Doch in der IV Internationale ignoriert man heute ebenso wie am Vorabend des Il. Weltkriegs hartnäckig die Wirksamkeit der Politik der friedlichen Koexistenz für diesen Kampf. Die trotzkistische Presse wiederholt von Zeit zu Zeit : „Eine Arbeiterrevolution ist der einzige Weg zur Erhaltung des Friedens!" eine Losung, die sich wenig von Trotzkis Leitsatz der Krieg ist der Vater der Revolution" unterscheidet. Das einzige Kriterium, von dem sich moderne Trotzkisten beim Versuch der Erneuerung ihrer Positionen leiten lassen, ist und bleibt, ob dies für ihre Strategie und Taktik nützlich ist. Das muß natürlich die Einstellung anderer linker Parteien und Organisationen zu trotzkistischen Gruppen beeinflussen. Die meisten beziehen dem Trotzkismus gegenüber eine Position der „aktiven Neutralität" Das schließt die Möglichkeit zur politischen Zusammenarbeit mit Trotzkisten nicht aus. Es gibt bereits viele Beispiele für eine solche Zusammenarbeit seitens der kommunistischen und sozialistischen Parteien, Antikriegsgruppen und -bewegungen in Ländern Westeuropas, Lateinamerikas und Australiens. Mit trotzkistischen Gruppen werden Wahlbündnisse, politische Bündnisse und manchmal auch Übereinkünfte für längerfristige politische Kampagnen geschlossen.

Darüber, wie effektiv diese Zusammenarbeit ist, soll man von Fall zu Fall urteilen. Unserer Ansicht nach müssen Bündnisse dieser Art entweder gegen oder für etwas sein. Gegen die volksfeindliche Politik des Imperialismus und der Monopole, für Umgestaltungen im Interesse der Werktätigen. Nur eine solche Zusammenarbeit hat Sinn und bringt keiner der beiden Seiten Nachteile. Anmerkung:

11. Am 9. Thermidor (dem 27 Juli) 1794 wurde die Internationale Arbeiterbewegung revolutionäre Jakobinerdiktatur gestürzt; es handelte sich um einen Akr der politischen Reaktion auf der sozialen Gnindlage der bürgerlichen Revolution Analog dazu bezeichnete Trotzki seit 1935 die Stalin sche Reaktion als „sowjetischen Thermidor", d.h. als eine politische (nicht cine soziale) Konterrevolution, die die von der Oktoberrevolution geschaffenen Eigentumsverhältnisse nicht umstürzte, aber die .Macht aus den Händen der revolutionären Avantgarde in die der konservativen Elemente der Bürokratie und der Oberschichten der Arbeiterklasse" legte. Das Jahre 1924 war der Beginn des sowjetischen Thermidors." (vgl. L.Trotzki. Arbeiterstaat, Ther midor und Bonapartismus" [1935], in: Schriften, Bd.1. Hamburg 1988, 5.589f., Zitat S.591). Bis 1935 hatte Trotzki den sowjetischen Thermidor mit einem Sieg der bürgerlichen Konterrevolution, d.h mit der Restauration des Kapitalismus gleichgesetzt. Wenn das so weitergeht, schließen sie mich noch aus der Partei aus!

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