s ist schwierig, die Auswirkung Ganz Schottland gegen E dieser Ergebnisse zu bewerten.
Die SNP steigerte ihren Stimmenanteil von 10% im Jahre 1987 auf 48%, die Kopfsteuer während die Labour Party von 65% auf 36% zurückfiel. Ein Drittel der Labour- Wählerschaft wechselte zur SNP, viele gingen gar nicht zur Wahl. von GORDON MORGAN
Plötzlich fühlt sich die Labour Party in ihren schottischen Hochburgen unsicher.
Bis zu dieser Nachwahl hielt sie 50 der 72 Am 10. November eroberte die Scottish National Party (SNP) in schottischen Wahlkreise, die SNP nur einer Nachwahl den Wahlkreis Glasgow-Govan, in dem die Labour drei. Wenn sich der Trend von Govan Party bei den Wahlen von 1987 vor den anderen Parteien noch fortsetzt, würden alle Labour-Sitze der SNP zufallen. Dieses Ergebnis bedroht einen Vorsprung von 19.500 Stimmen hatte. Ein zentrales Wahldarüber hinaus die Strategie der Labour- kampfthema war die Einführung eines neuen Steuersystems, der Poll Führung, die auf den Sieg bei den näch- Tax, einer Kopfsteuer, die jede(r) Wahlberechtigte zu zahlen hat und sten Unterhauswahlen abzielt. die die Thatcher-Regierung nächstes Jahr in Schottland einführen Labour-Führer Neil Kinnock hat sich dar- will. Die Kampagne gegen diese Steuer hat massive Unterstützung auf versteift, sogenannte Yuppie-Stimmen bekommen und stellt den Höhepunkt von neun Jahren Unzufriedenin Englands Süden zu gewinnen. Zu die- heit und Opposition zur englisch-geprägten Tory-Herrschaft dar. sem Zweck bewegt sich seine Politik nach Das schlechte Abschneiden der zwei bestimmenden britischen Parrechts, in Richtung auf den „New Rea- teien hat die nationale Frage in Schottland erneut ins Rampenlicht lism,, den „neuen Realismus"* gerückt, wobei die brite Unterstützung für eine unabhängige schotti- Insbesondere ist er gegen jeden Versuch, sche Versammlung stärker als jemals zuvor ist. Labour zur Unterstützung außerparlamentarischer oder gesetzwidriger Aktionen zu liegende Annahme ist, daß Labour- land, für den Austritt Schottlands aus der bringen. Er maß Forderungen nach Mas- Stammwähler sichere Stimmen sind: es NATO und eine Kampagne, die Poll Tax senaktionen beim Bergarbeiterstreik, bei gibt keine linke Konkurrenz. nicht zu zahlen. Bei all diesen Themen der Verteidigung der Autonomie kommu- befindet sie sich links von der Labour naler Selbstverwaltung oder der Poll Tax Das Ergebnis der SNP hat das geändert. Party. Tatsächlich geben in der SNP chekeine Bedeutung zu. Die dem zugrunde- Die SNP wirbt für ein atomfreies Schott- malige Politiker der Labour Party den SNODPERS S ADC POLL
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GROSSBRITANNIEN
Ton an; die SNP stellt sich generell als „sozialistische"" Partei dar, besonders im Zentrum Schottlands. Die Labour Party kann sich nicht länger auf die schottischen Wahlkreise verlassen, ohne die sie keine britische Regierung bilden kann. Labour's Niederlage wird untersucht ne Antwort aut Govan ertolgte unver üglich. Mehrere schottische Unterhaus abgeordnete klagten die Labour-Führung an, weil sie schottische Themen ignoriere. Sie forderten in Schottland nachhaltige Kampagnen gegen die Tories. Neil Kinnock setzte zu diesem Debakel einen Ausschuß ein, und die schottische Führung der Labour Party gründete ihrerseits einen eigenen Ausschuß. Es ist zu erwarten, daß diese beiden Ausschüsse zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen werden. Aber eines ist klar: der Hauptgrund für den SNP-Sieg und die Niederlage der Labour Party ist die Poll Tax gewesen. Der Blickfang auf den SNP-Wahlzetteln war: Scottish National Party - No Poll Tax". Kurz vor der Unterhauswahl 1987 wurde - vón der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt - ein Gesetz verabschiedet. Es trägt die Bezeichnung Community Charge Legislation: Scotland [Kommunalsteuergesetzgebung für Schottland]. allgemein bekannt als die Poll Tax. Die Einführung dieser neuen Steuer in Schottland, die die bestehende Grundbesitzsteuer ersetzt, ist ur April 1989 vorgesehen, ein Jahr nac hrer Einführung in Wales und Englanc Während des damaligen Wahlkampfes bekämpften alle Parteien in Schottland diese Steuer, mit Ausnahme der Tories. Bei den letzten Unterhauswahlen erreichten die Tories in Schottland nur 25% der Stimmen und zehn von 72 Sitzen. Weil sie aber die überwältigende Mehrheit der Sitze in England eroberten, bestanden die Konservativen darauf, diese Steuer gegen den Willen von 76% der schottischen Bevölkerung einzuführen. Dies veranlaßte viele in der Labour Party zur Argumentation, daß die Tories kein Mandat hätten, um die Poll Tax einzuführen, und daß Labour deshalb hart dagegen kämpfen solle.
Verheerende Auswirkungen für arme Familien
Die Poll Tax ist eine unabhängig vom Einkommen festgesetzte Steuer auf alle Erwachsenen. Nur die allerärmsten bekommen einen Abschlag gewährt, aber selbst sie müssen ein Minimum von 20% bezahlen, das sind etwa umgerechnet 200 DM pro Kopf. Diese Steuer wird ruinöse Auswirkungen auf die Familien haben, die zudem die verschiedenen Steuererhöhungen zu spüren bekommen. Sehr reiche Familien werden Tausende von Pfund sparen.
Da jedes Individuum zur Zahlung verpflichtet ist, werden umfangreiche Datenbanken eingerichtet, die Namen und Anschrift aller Zahlungspflichtigen enthalten. Jede Adressenänderung muß jetzt der Regierung mitgeteilt werden. Wer sich dem entzieht, muß mit Tausenden von Pfund Geldstrafe rechnen. Jedes Individuum wird eine Personenkennziffer erhalten - es wird also ein nationaler Erkennungsdienst eingeführt. Die Ämter haben Zugriff zu allen Datenbanken, Verschleierungen oder Fälschungen aufzudecken. Derartige Verletzungen der bürgerlichen Freiheiten sind in Britannien in Friedenszeiten ohne Beispiel.
Kopfsteuern haben in Britannien eine unrühmliche Geschichte. Es war eine Poll Tax, die den englischen Bauernaufstand von 1381 auslöste, bei dem mehrere Minister gelyncht wurden, che der Aufstand unterdrückt werden konnte. Die Steuer wurde zurückgenommen. An die Einführung einer derartigen Steuer wurde in den letzten Jahrhunderten in Britannien nicht mehr gedacht. Die Tatsache, daß eine solche Steuer verhältnismäßig hoch und nicht gestaffelt ist, macht sie zu einer cinzigartigen Steuer in der modernen Welt. Ihre einmalig regressive Natur veranlaßte Kirchenführer, sie als „unmoralisch" und „bösartig" anzuklagen.
Die SNP behauptet, die Poll Tax sei gemäß dem Vertrag über die Union mit England im Jahre 1707 illegal. Die Tories haben für ihre Einführung kein Mandat, und 85% der Bevölkerung Schottlands sind gegen diese Steuer. Die politische Bühne scheint für einen Rückzug der Regierung oder für eine Massenkampagne gegen die Poll Tax bereit zu sein. Weil sie die Kommunalparlamente in Schottland kontrolliert und die Mehrheit der Parlamentsabgeordneten stellt, wurde von der Labour Party erwartet, daß sie diesen Kampf führen werde. ihre erste Reaktion jedoch war Untätigkeit und eine Hinhaltetaktik. Den Kommunen wurde keine Hilfestellung gegeben; deshalb richteten cinzelne die Erfassungsämter ein. Kommunalparlamente wurden von Labour sogar aufgefordert, das Gesetz nicht zu brechen, mit anderen Worten eine Aufforderung, die Steuer einzuführen. Angesichts dessen arbeiteten die Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes mit den Erfassungsstellen zusammen. Im September 1987 war die Möglichkeit verspielt, die Steuer auf Verwaltungsebene zu blokkieren. Die Labour Party begann eine „Stop ir"-Kampagne, die vom Schottischen Gewerkschaftsbund (STUC) unterstützt wurde - aber es wurden keine Schritte unternommen, die Steuer tatsächlich aufzuhalten. In der Zwischenzeit entwickelte die SNP eine eigene Kampagne und deutete an, daß sie einen Steuerboykott fordern werde. Das wurde sofort von der Labour-Führung zurückgewiesen. Es wurde sehr schnell klar, daß die Labour Party darauf hoffte, die englische Gesetzgebung im Parlament zu Fall zu bringen, und als dies mißlang, hatte sie keine weitergehende Taktik.
Auf dem Parteitag der schottischen Labour Party im März 1988 wurde die Hauptdebatte um den Steuerboykott geführt. Die Labour-Führer fürchteten, daß sie die Abstimmung verlieren würden, wenn sie einfach zur Zahlung auffordern würden. Unter dem Druck des STUC erstellten sie einen Aktionsplan und beriefen eine Folgekonferenz für den Herbst ein. Örtliche Komitees gegen die Poll Tax entstanden in vielen Distrikten. Flugblätter und veröffentlichte Meinung zugunsten der Poll Tax erforderten eine schnelle Antwort, und eine Kampagne zur Verweigerung der Eintragung ins Steuerregister begann. In manchen Orten existierten zwei Komitees: eins für den Steuerboykott und eins für andere Aktionsformen. Die Strafen für die Verweigerung der Registrierung summieren sich: 50 Pfund beim ersten Mal, 250 Pfund einen Monat später. Diese Strafen werden selbst dann ausgesprochen, wenn die benötigten Unterlagen auf irgendeine Art vom Steueramt beschafft werden können. Es gibt keine Obergrenze für Bußgelder, die schließlich vom Gerichtsvollzieher eingetrieben werden können. Die Zahlungsverweigerung kann im Gefängnis enden. Trotzdem ließen sich 50% der Schotten nicht zum gesetzten Termin registrieren. Die Sprecher der Kampagne meinten, daß die Nichtregistrierung nicht die wirkliche Frage sei; die meisten forderten dazu auf, sich registrieren zu lassen, aber viele weigerten sich weiter.
Die einzige Möglichkeit, die übrig geblicben war, um das Gesetz zu bekämpfen, war eine Boykottkampagne. Auf ihrem Parteitag befürwortete die SNP einen Steuerboykott und forderte 100.000 Schotten auf, nicht zu bezahlen. 14 Labour-Parlamentarier erklärten, daß sie ihre Poll Tax nicht zahlen würden, darun-
ter befanden sich solche, die wie Robin • Cook zum Kinnock-Flügel gehören. Die Kampagne für eine Schottische Nationalversammlung rief dazu auf, Komitees zu gründen, in denen bekannte Schotten mitarbeiten sollten, die sich zum Boykott entschieden hatten.
Tatsächlich sind die Strafen für Steuerboykott geringer als für die Verweigerung der Eintragung ins Steuerregister. Letzteres ist eine Straftat, ersteres nur eine Ordnungswidrigkeit. Die einzige Strafe vor Gericht ist ein 10% iger Aufschlag auf den Betrag zuzüglich Gerichts- und Anwaltskosten. Dies summiert sich bei einer Steuerschuld von 300 Pfund auf etwa 100 Pfund. Etwa 20% der Bevölkerung würden sich trotz der Strafgebühren damit besser stellen als unter dem existierenden System.
Daher riefen die SNP und der linke Labour-Flügel zur „Ich kann zahlen, will aber nicht"-Aktion auf, um Menschen aus diesen 20% zum Boykott zu bewegen. Der ärmste Teil der Bevölkerung kann sowieso nicht bezahlen. Es wird geschätzt, daß die Justizmaschinerie lahmgelegt wird, wenn 20.000 Menschen den Boykott mitmachen — das könnte die Regierung dazu veranlassen, das Gesetz zurückzuziehen.
Allgemeine Unzufriedenheit mit der Tory-Herrschaft
Während der Fortsetzung des schottischen Labour-Parteitages im Herbst 1988 in Govan zeigte sich eine klare Trennungslinie an der Frage, was zu tun sei. Vor dem Parteitag stimmte die schottische Parteiführung mit 16 zu 13 Stimmen gegen den Steuerboykott. Eine Mehrheit unter den Delegierten befürwortete die Boykott- Kampagne, aber die Labour-Führung forderte ein Ende der Boykott-Bewegung mit der Begründung, daß sie das Gesetz nicht brechen dürfen. Die Mehrheit der Gewerkschaften, beherrscht von Londoner Funktionären, unterstützte die Führung und stimmte die Boykott-Resolution nieder. Die Botschaft des Parteitages in Govan war klar: die SNP sagt „Zahlt nicht!" und die Labour Party sagt Zahlt!" Dies wurde von der Bevölkerung von Govan verstanden, die zwei Monate später die SNP wählte.
Es wäre jedoch falsch, die SNP allein wegen ihrer Haltung zur Poll Tax als Gewinnerin der Nachwahl hinzustellen. Es gibt eine tiefgreifende Frustration über die Art, wie die Tories Schottland regieren. Thatcher hat 20% der schottischen Stimmen und nur 15% der schottischen Abgeordneten und trotzdem unbegrenzte Macht über Schottland. Die Regierungspolitik zur kommunalen Selbstverwaltung, Wohnungsfrage und Bildung ändert Gegebenheiten, die als ureigenste schottische Institutionen angesehen werden, und das auch noch auf eine Weise, die die Schotten ablehnen. Die Regierung hat das schottische Grand Committee aufgelöst, ein Forum für schottische Rechtspflege, weil es nicht genügend schottische Tory- Abgeordnete gibt, die darin mitarbeiten können.
Ausländische und englische Multis treffen eigennützige Entscheidungen, ohne daß schottische Parlamentsabgeordnete diese überprüfen können. Die Arbeitslosigkeit liegt deutlich höher als in den meisten Regionen Englands. Die Unterstützung für eine schottische Versammlung in Edinburgh lag über mehrere Jahre hinweg konstant bei 80%. Etwa 30% der Bevölkerung wollen die vollständige Trennung von England, eine Zahl, die sich seit 1987 verdoppelt hat.
Die Labour Party in Schottland unterstützte die Selbstverwaltung in der Mitte der 70er Jahre und forderte eine schottische Versammlung mit weitgehenden wirtschaftlichen Befugnissen. Aber Neil Kinnock ist total gegen eine Trennung und zeigt keinerlei Interesse an einer Selbstverwaltung. Seit den Juni-Wahlen 1987 erwarten die Wählerinnen und Wähler von den 50 schottischen Labour-Abgeordneten in London, daß sie sie vor Thatcher schützen. Kinnock und seine schottischen Anhänger waren gegen außerparlamentarische Aktivitäten, sie haben letztlich versagt; und es ist auch deutlich geworden, daß sie versagt haben, die Tories irgendwie zu stören. Die Abgeordneten wurden allgemein als die 50 Schwächlinge bekannt. Das Ergebnis ist ein Anstieg der SNP-Sympathien von 15% bei den Unterhauswahlen auf jetzt 25% in ganz Schottland.
Viele in der Labour Party und im STUC erkennen die Notwendigkeit, gegen die Konservativen in Schottland schärfer vorzugehen. Sie merken, daß man nur auf diesem Weg die breite Unterstützung für Labour in Schottland erhalten kann. Ihnen ist auch klar, daß dies im Gegensatz. zur Strategie Kinnocks steht, mit der er die englischen Wahlkreise erobern will, aber sie sind bereit, die Konsequenzen zu akzeptieren, nämlich geringere Aussichten für eine Labour-Mehrheit im Parlament. Scottish Labour Action, eine linke nationalistische Gruppe in der Labour Party. argumentiert, daß die Labour Party ihre GROSSBRITANNIEN schottischen Abgeordneten dazu benutzen solle, nach der nächsten Wahl eine schottische Versammlung einzurichten, selbst wenn die Tories ingesamt die Wahlen gewinnen sollten. Sie sprechen sich darüber hinaus für Steuerboykott und Autonomie der schottischen Labour Party aus. Diese Bewegung wird von den Linken in der Labour Party weitgehend unterstützt. ein schottisches Parlament zu entwerfen und dieses einzurichten. Dieser Konvent esches um cine Vertisu ne ti kann ebenfalls als Übergangsparlament handeln. Ein Referendum ist möglich, obwohl es unabhängig von der Zentralregierung organisiert werden müßte. Alle Parteien, außer den Konservativen wollen an diesem Konvent teilnehmen. Die nationale Frage ist in Schottland ins Zentrum des politischen Tagesgeschehens gerückt. Sie wird als die vielleicht einzig wirksame Waffe gegen den Thatcherismus angesehen.
Parlamentarischer Kretinismus
Die Frage, wie die Unabhängigkeit erreicht werden kann und welche Politik von einer Versammlung übernommen werden könnte, ist Gegenstand der Debatte in der Labour Party. Die Linke hat sich weitgehend geöffnet, um die politische Strategie zu diskutieren. Die SNP fordert mittlerweile ein unabhängiges Schottland innerhalb der EG. Eine neuere Umfrage brachte dafür eine Unterstützung von 54%! Diese Lösung wird der Debatte ihren Stempel aufdrücken, falls die Labour Party nicht bald eine Alternative vorstellt.
Die Labour Party wurde durch die Ereignisse in Turbulenzen gestürzt. Sie kann ihren Kopf in den Sand stecken, das Ergebnis in Govan einen Zufallstreffer nennen und zuschauen, wie ihre Anhänger zur SNP wechseln. Alternativ dazu kann sie eine Steuerboykottkampagne und andere außerparlamentarische Aktionen unterstützen, sich selbst für die Errichtung eines schottischen Parlaments einsetzen und den Tories und ihren Anhängern die wirtschaftliche Macht entreißen. Die schottische Labour Party polarisiert sich an diesen Alternativen. Jede davon ist mit einem wesentlichen Risiko verbunden: Govan und die Poll Tax zu ignorieren, kann Labour zur dauerhaften Opposition verdammen und zum Verlust ihrer Basis führen; der andere Weg erfordert offene Diskussionen über die Taktik und einen Bruch mit dem parlamentarischen Kretinismus.
KOLUMBIEN
A Luchar: Nein zum nationalen Dialog
Interview mit MANUEL MANOTAS
OLICİA ULIE
Der kolumbianische Präsident Virgilio Barco hat wenn sie wolle, daß das Parlament ein Gesetz über eine Initiative aufgegriffen, die verschiedene politi- die „Begnadigung" all derer verabschiede, die sich sche Parteien im Juli 1988 gestartet hatten, und seine wieder in das politische Leben eingliedern wollten. „Vorschläge zum Frieden" mit den Guerillabewe- Die Respektierung der Menschenrechte scheint die gungen bekanntgegeben. Im Juli hatten zwei bewaff- sowohl mit der Armee als auch mit der Drogenmafia nete Organisationen, die FARC und die M-19, eine verbundenen paramılıtarıschen Gruppen nicht zu cher positive Meinung zu dieser Initiative zum Aus- betreffen, die immer neue und immer mehr Massadruck gebracht, während die ELN, die zweitwichtig- ker an Gewerkschaftern und Bauern veranstalten. ste Guerillaorganisation (nach den FARC), jeglichen Eric Toussaint hat sich im August 1988 mit Ma- „Dialog" ablehnte, bei dem die Entwaffnung der nuel Manotas, einem Mitglied des Exekutivkomi- Guerillaorganisation zur ersten Bedingung gemacht tees der revolutionären Organisation A Luchar wird. [etwa: „Auf zum Kampf"], unterhalten. Er geht auf Nun verlangt Virgilio Barco von der Guerilla, die recht seltsame nationale Versöhnung und die „ihren Willen zur Aussöhnung und zur Respektie- ganz reale Unterdrückung in Kolumbien ein. rung der elementaren Menschenrechte" zu zeigen, * In welchen Sektoren ist A Luchar ver- grundlegender Sektor des Proletariats, der nationalen Bauernverband ANUC organiankert, und wie ist die Organisation den Latifundisten tagtäglich mit radikalen siert, in der wir einen sehr großen Einfluß strukturiert? Kampfmethoden entgegentritt: Landbe- haben.
setzungen, Selbstverteidigung usw. Sie * A Luchar macht eine sehr bedeutsame sind der Auffassung, daß sie für den So- Wir waren es. die im Mai 1988 die Mär- Arbeit unter den Bauern. Sie sind ein zialismus Kämpfen. Die Bauern sind im sche in der Provinz im Nordosten organi- 32 INPREKORR 211
siert haben. Bei diesen Märschen, zu denen 180.000 bis 200.000 Menschen zusammengekommen sind, wurden sehr politische Forderungen gestellt: Recht auf Leben [gerichtet gegen die allgegenwärtige Gewalt der Repressionskräfte], auf nationale Souveränität, auf anständige Lebensbedingungen. Als sich die Märsche der Hauptstadt näherten, mußte das Präsidialamt mit A Luchar verhandeln. Wir sind auch in über 200 Gemeinden verankert, in denen sich ebenfalls bedeutende Kämpfe abspielen, das, was wir paros cívicos [Bürgerstreiks] nennen, die im allgemeinen auf sehr konkrete Forderungen abzielen — Wasserleitungen, Stra- Benbau, Abwasserkanäle, Gesundheitsversorgung, Bildungswesen — und die oft auf einen physischen und politischen Zusammenstoß mit den Behörden hinauslaufen. Im vergangenen Jahr [1987] haben mehr als 185 paros cívicos stattgefunden. Sie waren zunächst für 24 Stunden oder 48 Stunden geplant und haben im allgemeinen eine Woche gedauert.
Wir haben auch das, was wir als einen Ansatz zu einer Verankerung im Milieu der Industriearbeiter betrachten. Die Schwäche der linken Organisationen in der Industriearbeiterschaft ist ein allgemeines Charakteristikum dieses Landes, in dem traditionel gelbe Gewerkschaften die Hegemonie hatten. Mit der zunehmenden Stärke der CUT beginnen sich die Verhältnisse zu ändern; neben anderen politischen Kräften (Sozialdemokraten, PCC, PCML, andere Gruppen, die mit der M-19 in Verbindung stehen), stehen wir in der CUT eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Auf dem Gründungskongreß der CUT haben wir trotz eines indirekten Abstimmungsmodus über die Föderationen, wodurch wir benachteiligt worden sind, vier von 30 Plätzen im Exekutivkomitee erhalten.
In den Strukturen näher an der Basis, auf Bezirksebene, sind wir in manchen Fällen in den Bezirkskomitees in der Mehrheit. wie etwar in Bolívar, einer Gegend mit bedeutender Stahl- und petrochemischer Industrie, oder an der Atlantikküste. Wir sind auch in der Indianerbewegung aktiv. In Kolumbien leben (bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 30 Millionen Einwohnern) etwa 500.000 Indianer, die sich aufgrund ihrer eigenen Strukturierung als breiter sozialer Block in besonderen Formen zu Wort melden. Diese Bewegung ist sehr aktiv und sehr radikal. Es ist schwierig, unseren Einfluß im studentischen Bereich, in dem es traditionell schwache Strukturen gibt, der aber sehr aktiv ist, quantitativ zu bestimmen. Wir hatten jedoch in der Nationalen Studentenversammlung, die im November 1986 stattfand, 900 von 2500 Delegierten, die direkt von der Basis gewählt worden waren.
* Wie ist die numerische Stärke der Organisation?
* Was nun A Luchar selber angeht, so ist es schwierig, eine genaue Zahl unserer Mitglieder anzugeben. Bei unserem zweiten Kongreß im Juli 1988, auf dem jeder Delegierte 20 Mitglieder repräsentierte, waren wir 450 Delegierte. Aber recht oft, vor allem in ländlichen Gegenden, hatten wir nicht ausreichend finanzielle Mittel, um allen Delegierten die Reise zu bezah- Mitglieder der Organisation ist jede Person, die für deren politische Linie eintritt und in einer ihrer Strukturen mitarbeitet. Wir haben keine strikten Kriterien wie eine klassische Partei (Mitgliedsbeitrag, Verkauf der Parteipresse usw.). Aber wir haben soeben einen freiwilligen - Mitgliedsbeitrag eingeführt, was uns ermöglichen wird, den Grad der Identifikation unserer Mitglieder mit der Organisation einzuschätzen.
In unseren Leitungsstrukturen finden sich die verschiedenen Sektoren wieder, in denen wir verankert sind. Unsere Leitung ist auch unter Berücksichtigung geographischer und politischer Kriterien gewählt worden, im Hinblick auf die Herkunft zur Zeit der Gründung von A Luchar. * Kannst du die Geschichte der Organisation kurz zusammenfassen?
* 1984 unternahm Präsident Belisario Betancur zum ersten Mal eine Initiative zu einem nationalen Dialog, um zu versuchen, die sozialen, militärischen und politischen Konflikte im Lande durch Verhandlungen zu lösen. Die Linke spaltete sich über die Haltung zu diesem Vorschlag: M-19, FARC, PCC, PCML und einige kleine Gruppen akzeptierten den Dialog. Andere Kräfte sahen ihn als künstlich und von vornherein zum Scheitern verurteilt an. Dies war bei der zweitstärksten Kraft der Guerilla, der ELN, der Fall. Die nicht im Untergrund arbeitenden Kräfte, die den Dialog ablehnten, bildeten als Alternative ein Kollektiv für Gewerkschaftsarbeit. Dies waren im wesentlichen Kräfte guevaristischen Ursprungs, eine Abspaltung der Maoisten, die ,,morenistische* PST sowie Kräfte vom revolutionär-syndikalistischen Typ. Diese Grup- KOLUMBIEN pen erzielten rasch eine Übereinkunft zu einer Reihe von Punkten und brachten damit einen Anfang einer politischen Annäherung zustande, der in der Bildung einer Koordinierungskommission zum Ausdruck kam. Sehr schnell wurden wir gewahr, daß unsere anfängliche Koordination politisch-gewerkschaftlicher Art unzureichend war, denn die Konfrontation ging weit über die organisierte Arbeiterbewegung hinaus. Wir setzen die Ausarbeitung von taktischen und programmatischen Positionen fort: nein zum nationa-