Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die kolumbianische Linke

Inprekorr Nr. 211, Januar 1989 · S. 35-37 · 1.575 Wörter

Bolivien, Peru und Anden Gewerkschaften und Streiks

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Parteien und bewaffnete Organisationen * Partido Comunista Columbiano (PCC) — Kolumbianische Kommunistische Partei. Die „offizielle" KP. stärkste Organisation der Linken, hat Verbindungen zu den FARC.

* Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (FARC) — Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens. Alteste Guerillaorganisation Kolumbiens und Lateinamerikas (unter dieser Bezeichnung seit 1966; sie geht zurück auf die ,,unabhängigen Bauernrepubliken, die Anfang der 50er Jahre entstanden); beteiligte sich 1984 am Dialog mit Betancur; 1985 trat ein Teil ihrer Kader an die Öffentlichkeit und gründete die Unión Patriótica (UP), die Patriotische Union, deren Generalsekretär, Jaime Pardo Leal, im Oktober 1987 ermordet wurde. * Partido Comunista Marxista-Leninista (PCML) — Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei. Früher maoistisch, hat alle Beziehungen zu China und Albanien abgebrochen und paßt sich immer mehr der PCC an; sie verfügt weiterhin über eine Massenbasis, hat eine ,Massenfront", die Frente Popular (FP), Volksfront, und Verbindungen zu einer bewaffneten Organisation, der Volksbefreiungsarmee, Ejército Popular de Liberación (EPL). * Ejército de Liberación Nacional (ELN) - Nationale Befreiungsarmee. Guerillaorganisation guevaristischen Ursprungs, wurde 1964 gebildet (bekannte Namen: Fabio Vásquez Castano, Camilo Torres); lehnte die Friedensverhandlungen mit Betancur im Gegensatz zu FARC und M-19 ab; diese Position führte zu einer numerischen politischen Stärkung der ELN nach der Beendigung des Waffenstillstandes, sie ist heute die zweitstärkste Kraft der Guerillabewegung in Kolumbien (in der ersten Hälfte der 80er Jahre war dies M-19). * Coordinadora Guerillera Simon Bolívar - im September 1987 entstandener Zusammenschluß der FARC und der Nationalen Guerillakoordination (CNG), die aus ELN, M-19, EPL und Quintin Lame (indianische Guerillagruppe) bestand, so daß nun alle bewaffneten Organisationen an der Koordinationsstruktur teilnehmen.

* Movimiento 19 de abril (M-19) — Bewegung 19.April. 1974 entstandene bewaffnete Organisation, die zum Teil auf eine Spaltung in der Leitung der FARC zurückgeht; beteiligte sich 1984 am Dialog: ein großer Teil ihrer Leitung fiel 1985 der Repression nach dem Abbruch des Waffenstillstandes zum Opfer. Gewerkschaften * Confederación Sindical de los Trabajadores de Colombia (CSTC) - Gewerkschaftsverband der Arbeiter Kolumbiens. Von der PCC geführt, gegründet 1964, ist dem Weltgewerkschaftsbund (WGB) angeschlossen; etwa 400.000 Mitglieder (nach anderen Angaben Mitte der 70er Jahre rd. 24% aller gewerkschaftlich Organisierten).

* Confederación de los Trabajadores de Colombia (CTC) - Verband der Arbeiter Kolumbiens. Steht der Liberalen Partei nahe, entstanden 1935/36, ist dem Internationalen Bund Freier Gewerkschaften (IBFG) angeschlossen; rd. 200.000 Mitglieder (23%).

* Unión de los Trabajadores de Colombia (UTC) -- Arbeiterunion Kolumbiens. Steht der Konservativen Partei nahe, konfessionell ausgerichtet, ist dem IBFG angeschlossen; rd. 500.000 Mitglieder (35%).

* Central Unitaria de los Trabajadores (CUT) - Einheitszentrale der Arbeiter. Entstand im November 1986, Zusammenschluß von CSTC, unabhängigen Gewerkschaften (movimiento sindical independiente, oft von der revolutionären Linken geleitet, mit starkem Rückhalt vor allem unter den Angestellten, organisierte etwa 12%) sowie UTC und CTC.

gigen Gewerkschaften, die 45% der ko- Wir haben eine Linie der Gewerklumbianischen Gewerkschaftsbewegung schaftsautonomie im Verhältnis zu den ausgemacht haben, und der CSTC vorbe- politischen Parteien, dem Staat, den Kirreitet worden. Zu unserem Gründungs- chen und eine Linie der Gewerkschaftsdekongreß am 15., 16. und 17. November mokratie. Auf dem Kongreß wurden fünf kamen 2000 Delegierte zusammen, sie Kandidatenlisten aufgestellt; zur gewählrepräsentierten nahezu 80% der kolum- ten Leitung gehören Repräsentanten diebianischen Gewerkschaftsbewegung. ser fünf Listen.

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KOLUMBIEN

Wir haben uns dafür entschieden, bei keinem der internationalen oder der lateinamerikanischen Gewerkschaftsverbände einen Aufnahmeantrag zu stellen, jedoch eine aktive Politik der Kontakte zu betreiben.

* Könnt ihr erklären, was der „schmutzige Krieg " ist?

Angelino Carzón. Es handelt sich um eine selektive Repression, von der alle im Lande betroffen sind, die irgendwie fortschrittlich sind, einschließlich Mitglieder der machthabenden Parteien. Unsere Zentrale ist besonders hart betroffen, weil sie uns in 20 Monaten, die die CUT existiert, mehr als 180 Mitglieder ermordet haben; damit sind wir eine der am meisten von der Repression bedrohten Gewerkschaften überhaupt. Allein in der vergangenen Woche sind über 15 Kollegen ermordet worden. Diese Repression wird mit der aktiven oder passiven Komplizenschaft von Armee und Polizei von den paramilitärischen Gruppen ausgeübt. Keine der Untersuchungskommissionen, die nach den Morden, den Fällen von Folterungen und den Entführungen gebildet worden sind, hat je zu etwas geführt. Unsere allerersten Forderungen sind daher die nach Leben, nach Auflösung der paramilitärischen Gruppen, nach einem Ende der fortgesetzten Verletzungen der Menschenrechte. Jede Person, die in diesem Land eine demokratische Position bezieht, wird mit dem Tode bedroht. Wir haben im nationalen politischen Leben eine bedeutende Rolle zu spielen: Wir kämpfen für das Ende des Belagerungszustandes, für das Ende des „schmutzigen Krieges" , echte demokratische Rechte, die Wiederherstellung des Friedens über einen verantwortungsvoll geführten nationalen Dialog, eine neue Verfassung, die die Teilnahme aller an den politischen Entscheidungen des Landes garantiert.

Unser Parlament erlaubt keine derartige Teilnahme: Seine klassenmäßige Zusammensetzung und seine Haltung serviler Unterordnung unter die Exekutive hindern es, eine solche Rolle zu spielen. Deswegen bestehen wir auf demokratischen Mechanismen, die eine Konsultation des Volkes möglich machen (Volksabstimmungen, Einberufung einer verfassunggebenden Versammlung).

* Wie sicht cure Bilanz des vor kurzem initherten „nationalen Dialogs" aus? Angelino Carzón. Ein seltsamer Dialog ist das, in den weder die Regierung noch die Gesamtheit der Kräfte der Guerilla einbezogen sind. Wir sind für die Wiederherstellung des Friedens; und wir haben im übrigen aktiv an der Zusammenkunft in Panama und an der Konferenz vom 19.Juli teilgenommen. Aber die Teilnahme der Regierung, der Guerilla und sämtlicher bedeutender politischer und sozialer Kräfte des Landes am Dialog muß möglich sein. Dieser Dialog muß von einer Reihe von wirtschaftlichen und sozialen Maßnahmen begleitet sein, die die Errichtung einer echten Demokratie möglich machen; gegenwärtig wird über solche Maßnahmen nicht diskutiert. * Mit welchen Problemen werden die Lohnabhängigen konfrontiert?

Palacio Tamayo. Die von der Regierung offiziell zugegebene Inflation beläuft sich auf 30%; daher fordern wir eine Anhebung der Löhne und Gehälter sowie die Einfrierung der Preise für die Produkte des Grundbedarfs. Die Volksschichten leben in diesem Land in einer Lage, in der endemischer Hunger herrscht.

Dieses Elend ist nicht dem Fehlen natürlicher Ressourcen geschuldet: wir leben in einem Land, das an Vorkommen von Steinkohle, Erdöl und verschiedenen Mineralien reich ist. Aber diese Reichtümer werden an die ausländischen multinationalen Konzerne verscherbelt. Die Regierung hat gerade einen Vertrag mit dem nordamerikanischen petrochemischen Konzern Dupont de Nemours unterschrieben. Laut diesem Vertrag mit einer Laufzeit von dreißig Jahren gewährleistet Dupont den gesamten Abbau eines neu erschlossenen Vorkommens, wobei der Staat nur 12% der Gewinne erhalten wird! Wir meinen, Kolumbien muß seine Reichtümer selber nutzen. Die Beschäftigten der Erdölindustrie haben gezeigt, daß sie voll und ganz in der Lage sind, den gesamten Betrieb in diesem Sektor selber in die Hand zu nehmen. Wir verlangen eine Lösung für das Problem der Außenhandelsschuld. Der Schuldendienst absorbiert 40% des Staatshaushaltes; die Regierung, immer auf der Suche nach neuen Auslandskrediten, will sich als gute Schuldnerin zeigen, und das bedeutet für die Lohnabhängigen Inflation, Elend, ständiges Steigen der Preise für alle Dienstleistungen. Lateinamerika ist nicht in der Lage, seine Schulden zu bezahlen, und währenddessen plündern die Multis seine Reichtümer!

Wir wollen das Ende der Herrschaft der Drogenmafia und eine wirkliche Agrarreform, bei der die fruchtbaren Ländereien neu verteilt werden, nicht nur die trockenen Böden oder Wälder. Es gibt eine strukturelle Krise. Es ist unsere Verpflichtung, um eine Lösung für die Probieme der Lohnabhängigen zu finden, nicht nur einfache Lohnforderungen zu stellen, wobei sie allerdings in diesem Land nicht so einfach durchzusetzen sind - hier, wo die Gewerkschaften bloß gedultet sind und wo jedem Streik eine Ankündigung und eine Frist von 45 Tagen vorausgehen muß, an deren Ende dann im allgemeinen ein Verbot der Aktion steht. Eine Zentrale wie unsere, in der eine Million von abhängig Beschäftigten zusammengeschlossen ist, hat keinerlei Zugang zur gedruckten Presse und zu den anderen Informationsmedien. Selbst die bezahlten Anzeigen in den Tageszeitungen werden sehr oft zensiert! * Wie sicht die Antwort der Regierung auf eure Forderungen aus?

Palacio Tamayo. Trotz unserer zahlreichen Aufrufe zu Verhandlungen hat es nie eine Antwort gegeben. Daher haben wir beschlossen, solche Verhandlungen zu erzwingen, um die Interessen der Bosse im Kern zu treffen: für Ende September bereiten wir einen Generalstreik vor. * Ist die Repression nicht ein Hindernis fir die Mobilisierung?

Palacio Tamayo. Zur Zeit werden pro Tag zwei Mitglieder umgebracht. Gegen paros cívicos, an denen sich die gesamte Bevölkerung beteiligt, wird mit harter

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Repression vorgegangen. Aber trotz allem gelingt es nicht, die Mobilisierungen zu verhindern.

* Ist es bei der Vorbereitung des Generalstreiks nicht ein Handicap, daß eine Organisation wie die UNTS in El Salvador fehlt, in der nicht nur die Gewerkschaften, sondern auch die Menschenrechtsverbände, Stadtteilorganisationen, Landwirtschaftsgenossenschaften, Studentenvereinigungen usw. zusammengeschlossen sind?

Bertina Calderón. Ja, in der Tat. Es handelt sich um verschiedene Ebenen von Zusammenschlüssen. Die Gründung der CUT ist bereits ein großer Fortschritt gewesen; es gibt auch politische, soziale und Bauernkoordinationen.

Aber es gilt erst noch, jenen großen Block der fortschrittlichen politischen Organisationen und der sozialen Bewegungen aufzubauen. Wir arbeiten daran, das ist nicht einfach, aber es bläst ein Wind der Einheit. Wir haben begriffen, daß es in dem schmutzigen Krieg keinen Unterschied macht, ob einer zur UP oder zu A Luchar gehört, ob er ein Sozialdemokrat oder fortschrittlicher Liberaler ist. Wir müssen die Einheit festigen, um der Repression entgegenzutreten. Wir hoffen, daß die Vorbereitung des Generalstreiks es möglich machen wird, diese Einheit zu vertiefen. * KOLUMBIEN

Der „schmutzige Krieg"