Postler im Streik von STEVE BELL wurde vornehm als „Phase 1" der Kam- Der Erfolg des eintägigen Streiks veranpagne der Exekutive bezeichnet. Wie sich laßte das Postmanagement, sich gegen die herausstellte erreichte die Phase 2 eine Gewerkschaft zu wenden. Die lokalen von der Exekutive nicht erwartete Form. Manager wurden angewiesen, die etablierten Arbeitsbedingungen anzugreifen, doch die Arbeiter waren nicht bereit, dies zu akzeptieren, so daß es zu weiteren lokalen Streikaktionen kam. Am Abend des 1.September befanden sich einige der größten Postämter, einschließlich Liverpool, Manchester, Coventry, West Lon don und Southend in England sowie Chester, Swansea und Cardiff in Wales, im Ausstand.
Ein nationaler Streik
Innerhalb von zwei Tagen waren praktisch ganz Schottland und der größte Teil Nordwestenglands im Streik. Am 5.September hatten sich über 100.000 Arbeiter und Arbeiterinnen dem Streik angeschlossen, und am 7.September war das gesamte Netzwerk zum Stillstand gekommen. Was wirklich bemerkenswert war, war die Tatsache, daß. obwohl die nationale UCW-Führung jeden lokalen Streik offiziell abgesegnet hatte, sie alle lokal einberufen und geführt wurden - mit anderen Worten, ein nationaler Streik kam durch die Aktionen der lokalen Zweige zustande.
Den Hintergrund für die Auseinandersetzung bilden die Veränderungen, die im Postdienst staatgefunden haben. Der britische Postdienst wurde zuerst vor 350 Jahren errichtet. Im Laufe seiner historischen Entwicklung übernahm er die Telekommunikation, und bis 1969 war er Teil des Öffentlichen Dienstes. Die Thatcher- Regierung teilte ihn 1980 in zwei Bestandteile: einen öffentlichen Postdienst und eine privatisierte Telekommunikationsgesellschaft, British Telecom. 1986 wurde der Postdienst weiter in vier Sektionen aufgeteilt: Briefe. Pakete, Schalterdienste und Giroamt (der Bankservice der Post. der überwiegend auf lohnabhängigen Kunden basiert).
Profitabelster
Postdienst der Welt
Diese Umorganisierung zielte eindeutig auf die Privatisierung von zumindest den letzten drei Abteilungen. Der Postbetrieb
als ganzes ist der profitabelste der Welt, mit einem erklärten Profit vor Steuern von 212,2 Mio. Pfund im letzten Geschäftsjahr (April 1987 bis März 1988). Das Beförderungsvolumen hat sich während der letzten fünf Jahre um 20% erhöht; die Arbeitsproduktivität ist in den letzten sechs Jahren um 25% gestiegen; die Betriebskosten sind um 15% gesenkt worden.
Die Expansion des Dienstes ging mit einem Wachstum der Arbeitskraft einher. 1979 gab es 178.000 ganztägig Beschäftigte und 11.000 Teilzeitbeschäftigte. 1988 sind es 200.000 bzw. 20.000. Zusammen damit gibt es eine deutliche Änderung der Zusammensetzung der Arbeitskraft. Der Anteil von Frauen, Schwarzen und Jugendlichen ist größer geworden. Der Anteil der Arbeiter, die die Erfahrungen der Niederlage des Streiks von 1971 mitgemacht haben, geht rapide zurück.
Es wurden zahlreiche Arbeiter und Arbeiterinnen rekrutiert, die gewerkschaftliche Erfahrungen in den im Niedergang befindlichen Industriezweigen wie Kohl und Stahl erworben haben. Der Anteil der Arbeiter, die angestellt wurden, nachdem sie die Armee verlassen haben, geht zurück, obwohl diese Gruppe in der Vergangenheit stark vertreten war. All diese Veränderungen, verbunden mit langer Arbeitszeit, niedrigen Löhnen und der größtenteils sehr anstrengenden Arbeit, haben zu dem Anwachsen der Streikaktionen geführt. Die dadurch verlorengegangenen Arbeitstage betrugen 1980-81 2044; 1984-85 war diese Zahl auf 62.000 gestiegen und blieb seitdem jedes Jahr auf diesem Stand. 1987-88 gab es fast 200 Streiks, denen etwa ein Fünftel aller in diesem Jahr in Großbritannien verlorenen Arbeitstage entsprach.
Der sich wandelnde Charakter der Industrie und der Arbeitskraft veranlaßte die Regierung, eine Änderung im Management durchzuführen. Alle Reste des Paternalismus des Öffentlichen Dienstes wurden beseitigt, und der Vorsitzender der Postverwaltung ist ein Anhänger Thatchers, der die Privatisierung befürwortet. Es werden Managementmethoden eingeführt, die darauf abzielen, die gewerkschaftliche Organisierung der Arbeitskräfte zu untergraben. Die lokalen Manager werden nach ihrer Haltung gegenüber den Gewerkschaften ebenso beurteilt wie nach ihren administrativen Fähigkeiten. Die Betonung des gesamten Managements liegt auf dem Geschäft und nicht auf der Dienstleistung für die Öffentlichkeit.
Nachdem sich der Streik verschärft hatte. wurde die Bedeutung der Industrie klar. Nach offiziellen Schätzungen kostete der Streik pro Tag 25 Mio. Pfund. In der Wirtschaftspresse wurde schnell festgestellt, daß der Streik einen entscheidenden Einfluß auf die Finanzstatistiken im Oktober haben würde. Die Regierung ließ Andeutungen fallen, daß sie in Betracht zieht, der Post das Monopol für die Briefzustellung zu entziehen — eine Drohung. die für den Streik keine unmittelbaren Folgen hatte.
Alle Bedingungen für einen deutlichen Sieg der Streikenden waren versammelt. Alle Bedingungen bis auf eine. Die UCW- Führung war nicht bereit, den Sieg zu sichern. Als treue Anhänger von Kinnock und Hattersley, den Führern der Labour Party, waren sie nicht bereit, die Macht zu benutzen, die ihnen die Arbeiter gegeben hatten. Zwischen 120.000 und 130.000 Postler befanden sich gegen die Verschlechterung ihrer örtlichen Arbeitsbedingungen im Streik. Anstatt diesen Streik in eine vollständige Lahmlegung des Postbetriebes zu verwandeln, um so die Einführung von regionalen Lohndiffe- GROßBRITANNIEN renzierungen zu verhindern, gelangte die Gewerkschaftsführung zu einem kraftlo-, sen Abkommen.
Abkommen schwächt Streikdynamik
Die UCW-Führer hatten nicht zum nationalen Streik aufgerufen, weil sie hofften, die Postverwaltung dadurch zu einem würdevollen Rückzug zu bewegen. Sie hielten es für erforderlich, der Postverwaltung einen Ausweg zu ermöglichen. Das Abkommen vom 12. September bestand aus einer Formel für weitere Verhandlungen über regionale Lohnzahlungen und einem Rahmen für lokale Streikschlichtungen, was weit davon entfernt war, die Arbeiterinnen und Arbeiter völlig zufriedenzustellen. Das Abkommen nahm den Dampf aus dem Streik, und 24- Stunden nach der Unterzeichnung wurde auf vielen Postämtern wieder gearbeitet. Doch es dauerte eine weitere Woche, bis in den wichtigsten Ämtern die Arbeit wieder aufgenommen wurde. Am 17./18. September wurde an zahlreichen Orten noch gestreikt. Dies allein war ein Anzeichen dafür, daß das Abkommen die Kampfkraft der Arbeiterinnen und Arbeiter nicht vollständig erschöpft hatte. Unter vielen Arbeitern bestand eine reale Empörung über diesen Ausverkauf. In Massenversammlungen wurden Mißtrauensvoten gegen die UCW-Exekutive und den Generalsekretär Alan Tuffin verabschiedet. Von vielleicht größerer Bedeutung für die Zukunft ist die Tatsache, daß lokale und Bezirksleitungen gutorganisierte Streiks führten ohne direkte Beteiligung der Gewerkschaftszentrale. Erst ab 17./18.September verließen Mitglieder der UCW-Exekutive London, um lokale Gruppen zu besuchen. In einer Anzahl bedeutenderer Orte erlangten linke Kräfte eine wirkliche Autorität unter der Masse der Streikenden. Tausende von Arbeitern und Arbeiterinnen, insbesondere jüngere. nahmen zum erstenmal an einer derartigen gewerkschaftlichen Aktivität teil. Zahlreiche Gruppen beteiligten sich an Solidaritätsaktionen, öffentlichen Versammlungen und Streikkomitees. Seit dem Börsenkrach vor einem Jahr hat die britische Arbeiterbewegung angefangen, sich wieder zu sammeln. Thatcher hält immer noch die Initiative in den Händen, aber eine Erholung der Arbeiterbewegung zeichnet sich ab. Der Poststreik ist ein deutliches Indiz dafür.
Was tun MICHAEL REIMAN mit ie historische Debatte in der TROTZ Trotzki? D Sowjetunion entwickelt sich überraschend schnell. Zur Zeit des siebzigsten Jahrestages der Oktoberrevolution, vor etwas mehr als sechs Monaten, konnte man den Die stalinistischen Geschichtsfäl- Eindruck gewinnen, diese Diskussion schungen brechen unter den Bedin- werde auf halbem Wege abgeblockt. gungen von Glasnost rasch zusam- Heute hingegen wird klar, daß diese men. Doch zugleich fördern sogar Debatte zur Überprüfung einer gan- Bürokraten und offizielle Intellek- zen Reihe historischer Fragen führt. tuelle, die die Reformpolitik unterstützen, eine weitere Verbreitung In dieser Debatte treten nicht nur eine von Stalins giftigen Anwürfen auf Fülle politischer Probleme offen auf; einem anderen Gebiet - der Frage es gibt auch eine Konfrontation mit von Trotzkis Rolle im Kampf gegen dem früher vorherrschenden ideologiden Aufstieg der bürokratischen schen System, der Art der Organisa- Diktatur. tion der Gesellschaft und des sowjetischen politischen Systems. Die Ent- Die Rehabilitierung der rechten faltung dieser Debatte spiegelt die Opposition entspricht der langfristi- rasche Entwicklung der Reformpoligen Orientierung und den Interes- tik und ihrer Versuche wider, tiefsen der herrschenden Bürokratie. greifende Anderungen zu erreichen. Sie hat darum kaum Probleme mit der Rehabilitierung Bucharins. In diesem Prozeß der Überlegung und Aber es ist schwierig, die Verdam- des Reifens tritt das Problem Trotzki mung dieser Opfer der Säuberungen und seiner Stellung in der sowjetider dreißiger Jahre aufzuheben, schen und der Weltgeschichte des 20. ohne die Anschuldigungen gegen Jahrhunderts immer wieder auf. Das die linke Opposition ebenso anzu- kann nicht überraschen. Es ist keine zweifeln. zweitrangige Frage. Trotzki hat der Welt durch die herausragende Rolle
So wird eine neue Linie gegen seinen Stempel aufgedrückt, die er Trotzki nötig. Sie besteht darin, daß mit Lenin in der Oktoberrevolution er ebenso totalitär wie Stalin war. sowie bei der Gründung und Leitung Dieses Herangehen hat den Vorteil, der Kommunistischen Internationale Sozialdemokraten und andere Verin ihren frühen Jahren spielte.
treter der „Konvergenz" zwischen Sowjetsystem und westlichem Kapi- Später gewann Trotzki durch seinen talismus anzusprechen. Sie rührt Kampf gegen die sowjetische Parteiauch an eine Seite jener sowjeti- führung in der Zeit nach Lenin Beschen Intellektuellen, die vor dem deutung. Mit der Zeit wurde aus die- Stalinismus zurückschrecken und ser Auseinandersetzung ein Kampf® dazu neigen, das Erbe der russi- gegen Stalin und seine Politik. Im schen Revolution insgesamt abzu- Mittelpunkt dieser Auseinandersetlehnen. Sie baut jedoch neue Hin- zung stand das Parteiregime und das dernisse gegen die Entwirrung des Funktionieren des Staates, die widerideologischen rechtliche Aneignung der Macht stems und der Geschichtsfälschung durch die stalinistische Bürokratie und Stalin selbst, die Repression, der Terror.
Diese Probleme werden in dem folgenden Artikel von Michael Reiman dargestellt, der in Rinascita, dem Ein sozialistischer theoretischen Organ der Italieni- Schriftsteller von schen Kommunistischen Partei bedeutendem Rang (PCI), am 9. Juli 1988 erschien.
Seine Veröffentlichung in einer Pu- Was man auch immer darüber denken blikation der PCI ist bemerkens- mag. wenn wir heute die Ideen Trotzwert, weil die italienischen „Euro- kis analysieren, es bleibt die Tatsakommunisten"' schon seit langem che, daß er in den dreißiger Jahren offen für Bucharin eintreten. der einzige Führer aus der leninistischen Zeit war, der alle Folgen der Stalinschen Unterdrückungspolitik und der politischen Verbrechen aufzeigte. Zudem kann nicht vergessen werden, daß Trotzki in die Geschichte unseres Jahrhunderts als ein sozialistischer Schriftsteller von bedeutendem Rang eingegangen ist. Seine
Werke wurden in allen wichtigen Sprachen veröffentlicht und weit verbreitet und beeinflußten nicht nur wie viele sowjetische Autoren fälschlich annehmen - die Vorstellungen „extremistischer trotzkistischer Gruppen", sondern auch eine breite Strömung sozialistischen Denkens sowie liberale und konservative Überlegungen, besonders im Hinblick auf die interne Entwicklung in der Sowjetunion.
Das Problem Trotzki kann jedoch nicht auf die Bewertung seiner historischen Rolle beschränkt werden. Über lange Jahrzehnte diente der Kampf gegen Trotzki und den „Trotzkismus" dazu, den leisesten eigenständigen Gedanken in der UdSSR und der KPdSU zu ersticken. Mit den Anschuldigungen gegen Trotzki und den .,Trotzkismus" wurden Zehn- oder gar Hunderttausende Menschen aus dem öffentlichen und politischen Leben ausgeschlossen, die meisten von ihnen eingekerkert und dann liquidiert.
Die sowjetischen politischen und polizeilichen Organe griffen brutal in das Leben anderer kommunistischer Parfeien ein. Sie beschuldigten und verseiner politischen und literarischen Arbeit hinwegzugehen. Aber eine wirkliche Diskussion über ihn wird nur möglich sein, wenn sich die Beteiligten der Reichweite und des Ernstes des Themas bewußt sind. Das Problem Trotzki berührt keinesfalls nur die russische Geschichte. Und es kann nicht gelöst werden, wenn nicht erkannt wird, welch entscheidenden Platz es im stalinistischen ideologischen System hat.
Es ist kein Geheimnis, daß gegenwärtig das Verständnis dieses Problems in der UdSSR den oben genannten Kriterien nicht entspricht. An sich dürfte das nicht das Problem sein. Ärgerlich ist etwas anderes. Die Trotzki betreffenden Fragen werden auf Bereiche eingeschränkt, in denen die Forschung selten erlaubt wird und sehr unzureichend geblieben ist, und das, obgleich es nötig ist. andere akute ideologische und historische Themen zu behandeln (etwa einige Rehabilitierungen). Die Folge ist, daß in diesem eingegrenzten Bereich Positionen und Methoden zum Tragen kommen, die in der stalinistischen Vergangenheit wurzeln.
Als erstes muß erkannt werden, daß die gesetzliche Rehabilitierung Trotzkis für die UdSSR keine einfache Sache ist. Wenige Autoren vertreten sie und die meisten von ihnen mit größter Behutsamkeit und oft nur in recht verhüllten Anspielungen. Liegt dies nur