Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die wirtschaftliche Lage Anfang 1988

· Inprekorr Nr. 204/205, Juli/August 1988 · S. 5-23 · 15.682 Wörter

Weltwirtschaft und Krise USA und Kanada Japan und Korea Frankreich

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LAGE ANFANG 1988 von ERNEST MANDEL ie internationale kapitalistische drückt und die Rohstoffe ein Stück weit D Wirtschaft hat im ersten Halb- aus der Spekulation herausgenommen jahr 1986 eine Mini-Rezession hat." Daraus ergab sich ein anhaltendes erlebt.' Von den wichtigen Ländern kam Ungleichgewicht zwischen Angebot und nur Großbritannien ungeschoren davon, Nachfrage nach spekulativen Anlageweraber auch hier flachte das Wachstum der ten, was zu enormen Kurssteigerungen Industrieproduktion ab. Diese Minirezes- führte.

sion hat sich nicht vertieft. Das Jahr 1986 ging mit einem Wiederaufschwung der An der New Yorker Börse stieg der Dow Produktion zu Ende, der sich 1987 wäh- Jones Aktienindex von 800 Anfang 1984 rend des ganzen Jahres fortsetzte, wenn auf 2400 im März 1987. In London auch langsam, zögernd und mit einigen sprang der Financial Times Index von 400 Unterbrechungen. Das geht aus den Zah- Ende 1982 auf 800 Anfang 1986 und über len der Tabelle 1 über die Industriepro- Der Börsenkrach vom 1000 Ende 1987. In Tokyo trug die duktion 1987 hervor. Oktober 1987 kam nicht Hausse den Index von 800 Anfang 1984 wie ein Blitz aus heiterem auf 1000 Anfang 1986, 1400 Ende 1986 und 1900 im März 1987. Trotz wachsen- Himmel; seine gravierend- der Alarmstimmung und einem Einbruch Tabelle 1: Industrieproduktion sten Folgen stehen uns im April 1987 setzte sich der Kursanstieg Ende 1987 im Vergleich zu in den folgenden Monaten fort und stieg Ende 1986 noch bevor. über 2700 im August 1987. Die internationale Nachfrage nach amerikanischen Kanada + 8.8% (a) Aktien, in einem geringerem Maß auch Frankreich + 4.0% (a) BRD, Südkorea, Taiwan, Brasilien und in nach japanischen und englischen, hat in BRD + 2.0% (b) geringerem Ausmass aus anderen impe- dieser Hausse eine Rolle gespielt. Im Italien + 3.6% (c) rialistischen Ländern Europas angezogen. Laufe des ersten Halbjahrs 1987 überstic- Japan + 8.6% (b) Daher rührt das hohe Außenhandelsdefizit gen die ausländischen Aktienkäufe die Spanien + 8.9% (a) der USA, das sich 1987 fortsetzte und Summe von 18 Mrd. Dollar, davon 7,5 Großbritannien +4.9% (b) sogar vergrößerte. Von daher die Dollar- Mrd. aus Japan, 4 Mrd. aus Grossbritan- USA + 5.1% (b) Entwertung und die Flucht des Geldkapi- nien, 1.8 Mrd. aus Frankreich und fast tals aus dem Dollar. Daher auch die ent- eine Mrd. aus Lateinamerika (Financial (a) von November bis November fesselte Spekulation an der Börse, in Im- Times, 21.10.87). (b) von Dezember bis Dezember mobilien und Kunstwerken.?

(C) von Oktober bis Oktober (Quelle: The Economist vom 6.2. und 20.2.88)

Der Börsenkrach vom 18. Oktober 1987 Der Höhenflug des signalisierte die Trendwende. Er kündigte Diese Zahlen verdecken eine ziemlich eine allgemeine Rezession an, die umso Börsenhandels unterschiedliche Wirklichkeit. Es war tiefer ausfallen dürfte, als sie mit Verzönicht leicht, aus der Mini-Rezession her- gerung beginnt.

auszukommen und es ist nicht überall Nach den Maßnahmen zur Deregulierung gleich gelungen. In Japan setzte sie sich des Kapitalmarkts durch die Regierung 1986 fort bis Anfang 1987 (von daher die Thatcher (.,big bang") verdreifachte sich hohe Wachstumsrate zwischen Dezember Was den Börsenkrach das Handelsvolumen von Aktien und 86 und Dezember 87). Drei Quartale auslöste Obligationen an der Londoner Börse (Le 1986/87 hindurch war die Industriepro- Monde 20.10.87). Die Emission neuer duktion in Frankreich und Kanada rück- • Aktien und Obligationen konnte diesem läufig. In der BRD setzte die Mini-Rezes- Die unmittelbaren Ursachen des Börsen- Rhythmus nicht folgen, die Kurse stiegen sion erneut im letzten Quartal 1986 ein. Im krachs liegen im Ausmass der Spekulation an. Das führte zu lächerlich kleinen Ren- Januar 1987 lag die Industrieproduktion im Jahr 1987 oder, was auf das Gleiche diten pro Aktie: weniger als 1.5% in To- 3% tiefer als ein Jahr zuvor. Die USA hinausläuft, im Uberfluss an Geldkapital, kyo, weniger als 2,5% in New York verzeichneten im gleichen Zeitraum einen das nicht in die eigentliche Produktions- das war inflationsbereinigt noch weniger Rückgang von 1%. Die ultrakeynesiani- sphäre investiert worden ist. Diese als in Tokyo. Einmal mehr war eine Kurssche Politik der Reagan-Administration enorme Kapitalmasse schuf eine völlig korrektur unausweichlich. und das enorme Haushaltsdefizit der USA aufgeblähte Nachfrage nach den begrenzt haben die Mini-Rezession 1986 zum Stok- vorhandenen,„realen" Werten; begrenzt Die Bodenspekulation fieberte in Paris. ken gebracht. Dadurch wurde eine wach- vor allem wegen der relativen Überpro- London, New York, Los Angeles und vor sende Menge von Waren aus Japan, der duktion an Rohwaren, die auf die Preise allem Tokyo. Le Monde dokumentierte

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WIRTSCHAFT am Vorabend des Börsenkrachs die Ent- Kapitalüberfluß, doch dieser hat einen tic- hat sich dieser Anteil erhoht auf 53.4% wicklung der Quadratmeterpreise im feren strukturellen Grund: die anhaltende bei Fujisawa, 45% bei Hitachi und 60,5% Stadtteil Shinjuku in Tokyo: sie stiegen Uberakkumulation von Kapital, die die bei Matsushita Electric Industrial.° Verinnerhalb von zwei Jahren von 170.000 „lange depressive Welle" charakterisiert, schiedene Beobachter haben von da auf auf 425.000 FF. Im Stadtteil Ginza liegen die 1974 begonnen hat (wenn nicht schon eine „Desindustrialisierung"' der imperiasie zwischen 600.000 FF und 1.25 Ende der 60er oder in den frühen 70er listischen Länder geschlossen.* Das ist ein Mio. FF, das sind zwischen 200.000 und Jahren). bißchen vorschnell und bedeutet, daß man 600.000 DM pro Quadratmeter. Für eine die eigentliche Natur des Imperialismus

Mietwohnung von 120 Quadratmetern Diese Überakkumulation bedeutet, daß und des Finanzkapitals vergilt. Richtiger werden über 10.000 DM pro Monat ver- das aus den Profiten neu gebildeten Kapi- wäre es, auf den vorübergehenden Chalangt. 10% der Bankkredite fliessen in die tal keine produktiven Investitionsfelder rakter des industriellen Rückzugs und auf Immobilienspekulation (Le Monde. findet, auf denen es durchschnittlichen die US-amerikanischen und britischen 9.10.87. Japan Economic Journal. Profit realisieren könnte, der seinerseits Bemühungen hinzuweisen, sich wieder 10.10.87). Die belgische Zeitung Le Soir heute tiefer liegt als zur Zeit des langen auf den Warenexport und auf die Moderberichtet, daß der Quadratmeterpreis Nachkriegsbooms. Daß dieses Kapital nisierung der Industrie zu orientieren. eines Reisfeldes auf dem Land in Japan nicht produktiv investiert wird, verstärkt (Mit welchem Erfolg dies geschieht, zwanzig mal höher als in Kalifornien zusätzlich die ökonomische Depression hängt von der kapitalistischen Konkurrenz liegt. (insbesondere die hohe Arbeitslosigkeit), ab, wir werden darauf zurückkommen). was wiederum die Überakkumulation von Im Lichte dieser Beurteilung erscheint der strukturelle Eigenschaften Kapital, seine übermässige Liquidität (als Börsenkrach objektiv als der Anfang einer Bankkapitals haben stark zu dieser fieber- Geldkapital oder in halbliquider Form) Umgruppierung im Bürgertum auf Kosten haften Entwicklung beigetragen. Erstens und damit die Spekulation fördert. des Banken- und reinen Finanzsektors, hat die gewaltige Zunahme der Masse der zugunsten des klassischen, auf die Indu- Transaktionen zu einer relativen „Entpro- Der tiefere Grund für die Spekulation strie gerichteten Finanzkapitals. fessionalisierung" zahlreicher Bankkauf- liegt in der Überproduktion von Waren, leute geführt, auf die wir schon verschie- oder, was auf das Gleiche hinausläuft, in Die kapitalistische Kette ist an ihrem dentlich hingewiesen haben. Gleichzeitig der enormen Überkapazität in der Mehr- schwächsten Glied gerissen: der Börse. tragen diese, vor allem die Devisenhänd- zahl der Industriebranchen, die eine wirk- Aber ein Bruch zieht fast automatisch ler, Verantwortung für so riesige Sum- liche Ankurbelung der produktiven Inve- weitere nach sich. Die meistbedrohten men, daß den Besten unter ihnen goldene stitionen verhindert. Die Zahlen für die Kettenglieder sind: Brokerhäuser und Brücken gebaut werden. Christopher USA in Tabelle 2 sind diesbezüglich ein- andere Finanzmakler; geschwächte Ban- Heath avancierte zum bestbezahlten Mann deutig und spektakulär. ken (und nicht die kleinsten); hoch ver- Großbritanniens: bei der Firma Baring schuldete Staaten, nicht nur solche aus der verdiente er 1986 mehr als 8 Mio. DM: Um die Zahlen korrekt zu interpretieren Dritten Welt; die Zahlungsfähigkeit der Peter Stormonth Darling von der Warburg muß man sich in Erinnerung rufen, daß Systeme der sozialen Sicherheit in einigen Bank brachte es auf über 3 Mio. In New 1982 ein Jahr der Rezession war und der Ländern; einige schwer angeschlagene York bekam Michel David Weill bei La- Höhepunkt des vorherigen Konjunkturzy- Multis.

zard Freres im selben Jahr die Kleinigkeit klus in 1979 gelegen hatte. Wir müssen von 150 Mio.DM Entgelt; Michael Mil- also die Zahlen von 1979 vergleichen mit ken von der Fa. Drexel Burnham brachte denen von 1984/85. Die überschüssige es auf über 80 Mio. Daß solche Ungleich- Produktionskapazität ist in der US-Indu- Der Börsenkrach und gewichte von Arbeit und Entgelt das Ri- strie zwischen einem Zyklus und dem seine Folgen siko von Fehlurteilen, schweren Fehlern andern von 25% auf 33% gestiegen, laut und Inkompetenz vergrössern, wundert einer anderen Studie des US-Handelsministeriums um 30 bis 35%. Das erklärt, Indem sich all diese Krisen, die seit letzwarum die massive Plazierung von Geld- tem Oktober vor unseren Augen ablaufen, kapital in Wertpapiere nicht auf professio- gegenseitig verstärken und bedingen, Eine Umgruppierung zu nelle Spekulanten beschränkt blieb. Die wächst das Risiko, daß das ganze internagroßen industriellen Monopoltrusts haben tionale Kreditsystem und das gesamte in- Lasten des Bankkapitals ebenfalls massiv zugeschlagen. Am deut- ternationale Währungssystem zusammenlichsten ist dies in Japan sichtbar. Die kracht. Die Dollarkrise schafft ein System neue Praxis hat den Namen „zaitech" gegenseitiger Abhängigkeit zwischen der Das ideologische und moralische (besser: erhalten. Die Börsentransaktionen der Krise des privaten Sektors und der Krise unmoralische) Klima: ,Bereichert Euch japanischen Industrieunternehmen stiegen der öffentlichen Institutionen, und zwar so schnell wie möglich, um jeden Preis von 3.300 Mrd. Yen 1983 auf rund 17.000 auf der Ebene der kapitalistischen Wirtund mit allen Mitteln", das die neolibe- Mrd. Yen im ersten Halbjahr 1987 (wir schaft als Ganzes. Der Schuldenberg ist rale konservative Offensive in den kapita- nehmen den Mittelwert zwischen Kauf ins Rutschen gekommen. Wie soll man listischen Ländern geschaffen hat, ermu- und Verkauf, wir addieren nicht die einen die Lawine jetzt stoppen?1° Es ist nicht tigt Betrug im großen Maßstab. Die Insi- zu den andern). erstaunlich, daß unmittelbar nach dem deraffären, von denen der Fall Boesky der Börsenkrach die Zwischen-Financiers und bedeutendste war, haben dies deutlich Am meisten haben die kleinen und mittle- die großen Operateure auf dem Sektor der gemacht. S• Betrug stimuliert die Spekula- ren Unternehmen die spekulativen zai- öffentlichen Ubernahmeangebote am meition, die ihrerseits weiter zu betrügeri- tech-Praktiken vorangetrieben. Sie sind sten bedroht sind. So haben einige wichschen, wenn nicht offen kriminellen Me- erhebliche Risiken eingegangen. Aber tige Anlagefirmen von Wall Street (Salothoden animiert. ® Die fieberhafte Börsen- auch die wichtigsten japanischen Multis mon Brothers, Shearson Lehman, Drexel und Immobilienspekulation des Jahres realisieren schon einen guten Teil ihrer Burnham Lambert, Goldman Sachs u.a.) 1987 rührt in erster Linie vom relativen Profite außerhalb der Produktion. 1986 ihre Aktivitäten spürbar eingeschränkt 6 INPREKORR 205/206

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WIRTSCHAFT und massiv Entlassungen vorgenommen. gemacht. Die Gesamtheit der Sparkassen Die Situation und die Schwierigkeiten des Laut Sunday Times vom 29. November ist dabei ins Defizit gerutscht. Dies vor amerikanischen Bankensystems sind uns 1987 soll Shearson Lehman im Oktober allem wegen des Bankrotts von 39 Spar- besser bekannt als die anderer imperiali- 1987 einen Verlust von 70 Mio.Dollar und Kreditkassen in Texas. Das Defizit stischer Länder, die gerne cinen Schleier gemacht haben, LF Rothschild soll 44 wird für das Jahr 1987 auf etwa 4.5 Mrd. der Diskretion, wenn nicht des Geheim- Mio., EF Hutton 90 Mio. Dollar verloren Dollar veranschlagt (NZZ vom 9.12.87). nisses über ihre Geschäfte legen. Über haben (für das ganze Jahr 1987). In Groß- Kurz vor dem Börsenkrach mußte die cinige Länder sind aber doch Informatiobritannien werden die Verluste cines maß- amerikanische Regierung intervenieren. nen durchgesickert. Die Bank of Nova gebenden Börsenmaklers, der Firma War- um die größte Bankenpleite zu verhin- Scotia betrachtet die Schulden der Drittburg, auf über 40 Mio. geschätzt, die von dern, die dem Land seit der Rettungsope- Barclays von Zoete Weld auf über 80 ration der Continental Illinois 1984 Mio. Dollar. drohte. Es ging um die First City Corporation in Houston, Texas. Das kostete die NOt

Das ist nur der sichtbare Teil des Eisber- Federal Deposit Insurance Commission ges. Sowohl Finanzmakler als auch große das Organ, welches die Regierung für den AED SAMAS OPAMERK BINA Banken hatten sich nämlich massiv (und Fall von Bankpleiten zur Garantic der L 658171 unvorsichtig) in der Bereitstellung von Einlagen zur Verfügung hat — eine Mrd. Krediten für die öffentlichen Übernahme- Dollar (Die Zeit vom 18.9.87). Zum er- WAN angebote der tonangebenden „Piraten" sten Mal in seiner Geschichte wird diese СИРЕЙ : (raiders) Icahn, T. Boone Pickens, Sir Institution 1987 im Defizit sein (Le Monde AD PRIVATE James Goldsmith etc. engagiert. Dabei vom 19.1.88). Nicht verhindert wurde verfügen die Finanzmakler natürlich über 1986 der Bankrott der First National Bank viel weniger Eigenmittel als die Banken. & Trust Cy. von Oklahoma (die über Ei- Diese Kredite waren nur durch minder- genmittel im Wert von 1,6 Mrd. Dollar wertige Obligationen (junk bonds) verfügte). Das war die größte Bankenwenig rentablen Firmen gedeckt. Der pleite in den USA seit der Franklin Natio- 31 F Kurs dieser Obligationen ist denn auch nal Bank 1974. Noch schwerwiegender nach dem 19.Oktober buchstäblich zu- als der Bankrott dieser mittelgroßen Ban- alan Octer sammengebrochen. Von den 10 Mrd., die ken ist der ciner tonangebenden amerika- Drexel in solchen Obligationen hat, hat es nischen Bank: die Bank of America, lange dabei 1 Mrd. verloren. Salomon und Zeit die führende Bank auf der Welt, was Goldmann Sachs haben keinen Käufer das Einlagevolumen betrifft, befand sich gefunden für 600 Mio. Dollar junk bonds. in ernsthaften Schwierigkeiten. Sie ver- weltländer, die sie ausstehen hat, als größdankt ihre Rettung massiver Beteiligung tenteils nicht einforderbar und hat darauf- Ernsthaft angeschlagen waren nach dem von japanischem Kapital an einer Kapital- hin für das kaufmännische Jahr Oktober Börsenkrach und den aufeinanderfolgen- erhöhungsoperation. 86 bis Oktober 87 cinen Verlust von 240 den Rückschlägen der langen Depression Mio. Dollar verbucht. In Kanada haben (Agrarkrise, Olpreiszerfall, „schlechte Im allgemeinen haben die amerikanischen bis zum jetzigen Zeitpunkt fünf der sechs Schulden" der Drittweltländer etc.) auch Banken gegenwärtig eine zu geringe Ren- wichtigsten Banken mit Verlust abgezahireiche Banken. 1987 haben in den tabilität und werden von Wall Street nicht schlossen. '1 In Schweden sollen die drei Vereinigten Staaten 200 von ihnen pleite mehr als erstklassige Anlagen betrachtet. Hauptbanken infolge des Börsenkrachs zusammen über 100 Mio. Dollar verloren Tabelle 2: Auslastung der Produktionskapazität verschiedener haben. Die größte Bank von Norwegen Industriebranchen in den USA im vierten Quartal des jeweili- soll beim Krach und nach fehlgeschlagenen Devisenoperationen nahezu 200 Mio.

gen Jahres Verlust gemacht haben. In Australien hat eine der maßgebenden Maklerfirmen, die Industrie insgesamt 67% 66% 66% 59% 75% Western Continental Corp. dichtgemacht. Langlebige Güter 64% 65% 61% 53% 72% In Großbritannien hat die reichste Bank. Nicht langlebige Güter 72% 72% 73% 69% 78% Nahrungsmittelindustrie 71% 70% 69% 69% 73% müssen, daß eine Gesellschaft, die sie kontrolliert, infolge des Börsenkrachs

Kleider, Textilien 73% 73% 75% 71% 80% mehr als 130 Mio.Dollar verloren hat. Möbel 68% 70% 70% 58% 75% Eine weitere wichtige britische Bank, die Chemie 63% 63% 65% 60% 76% Midland Bank, ist nur durch massive In- Eisen und Stahl 63% 60% 63% 42% 78% vestitionen von Kapital aus Hongkong vor Nichtelektr. Maschinen 58% 62% 57% 50% 70% ernsthaften Folgeschäden bewahrt wor- Elektr. und elektronische den: die Hongkong & Shanghai Bank hat Maschinen 65% 68% 65% 60% 73% 14.9% ihres Kapitals aufgekauft. Autos 76% 79% 71% 50% 71% Verluste der Midland Bank belaufen sich Luftfahrtindustrie 63% 55% 48% 51% 71% für das Jahr 1987 nach eigener Einschät- Wissensch. Instrumente 66% 68% 68% 67% 76% zung auf 505 Mio.Pfund Sterling (900 Mio.Dollar). Lloyds weist Quelle: Current Industrial Reports. US Commerce Department? Mio.Pfund Verluste auf, das sind 432 (Business Week vom 7.März 1988 schätzt die überschüssiae Kanazitat Mio.Dollar. in der Automobilindustrie auf 36%).

Australien scheint das Land zu sein. wo

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WIRTSCHAFT der Börsenkrach die schwersten Verluste nur 25% Verluste auf die „schlechten Widrigkeiten zu halten, provozierte sozuüber die eigentlichen Maklerfirmen hin- Kredite" ab. Sollte dieser Prozentsatz auf sagen von selbst den Kurssturz. Die obaus hinterließ. Die drei mächtigsten 50% steigen, würde z.B. die Citicorp die jektive Grundlage der Börsenkurse bildet Trusts des Landes, die Broken Hill, die Halfte ihres Bigenkapitals (equity) verlie- nämlich - cinmal abgesehen von den Bond Corporation und die Adelaide ren. Die Manufacturers Hanover's und Schwankungen durch das Gesetz von Steamship Company haben zusammenge- die Chemical Bank würden ihre gesamten Angebot und Nachfrage - die Kapitalizählt über 500 Mio.Dollar Verlust einge- Eigenmittel verlieren. sierung der erwarteten Dividenden im fahren (Sunday Times vom 20.2.1988). Verhältnis zum mittleren Zinssatz. Wenn Zwar sagt man, diese Verluste gebe es nur Nach der Wochenzeitung The Economist dieser steigt, fällt der Aktienkurs. .auf dem Papier" (obwohl sie verbucht vom 27.2.88 sind die amerikanischen werden in der Bilanz), da sie aus dem Banken noch von zwei weiteren Seiten

Kursverfall von Aktien resultieren, die die bedroht: einerseits durch ein unvorsichti- Den Teufel mit Beelze- Firmen besitzen, aber nicht verkauft ha- ges Engagement in Aktienemissionen, die ben. Das ist aber eine einseitige Sicht der mit junk bonds gedeckt sind, und anderer- bub austreiben Dinge. Denn von dem Moment an, wo die seits durch das, was man im Englischen „Habenseite" dieser Firmen im Bu- „leveraged buy-out" nennt (Aufkauf chungswert sinkt (und dieser Wertverlust einer Gesellschaft, indem deren Aktien in Das Ausmaß des Kurssturzes stand in keiist sehr wohl real), wird auch das Kredit- Schulden verwandelt werden). Am Vor- nem Verhältnis zur Zinssteigerung in den volumen, das sie aufnehmen können, ge- abend einer Rezession neigen viele Titel USA. Er betrug an der Wall Street am ringer und es verringern sich ihre Mög- von aufgekauften Firmen zu Wertverlu- 3. November 28% im Verhältnis zum lichkeiten zu investieren und ihre Bewe- sten. Der „Hebel" (engl.:lever) funktio- Rekordniveau von 1987; in London 33%; gungsfreiheit allgemein. Das zeigte sich niert nicht mehr. So sind z.B. die enor- in Zürich 8%; in Paris 32% (später 40%); auf spektakuläre Weise beim „Makler" men Risikokredite bei der Wells Fargo in Mailand 41,5%; in Australien 41%; in Robert Holmes in Court, der einer der höher als ihr ganzes Aktienkapital. Bei Singapur 41,7%; in Hongkong 45% (The reichsten Männer Australiens war. 12 Der der First Chicago machen sie 72% des Economist vom 7.11.87). Wir wissen heute, daß die Börsendirektionen und die Regierungen in Panik gerieten, was man der Offentlichkeit sorgfältig verschwieg.

,3642H banknote Die Währungsaufsichten haben mehrfach massiv eingegriffen, indem sie an der Wall Street und in Tokyo Kredite einspritzten (d.h. das Geldvolumen vergrö- FUNPLAG Berten), vor allem um zu verhindern, daß DEUTSCHE M sich die Makler und andere Finanzinstitute gezwungen sähen, aus Mangel an °50 Liquidität Aktien um jeden Preis zu verkaufen, aber auch (in den USA) um den DEUTS Zinssatz wieder zu senken.

UNDESBA

Begnügen wir uns damit, Thema das Wallstreet Journal zu zitieren:

VFZIG „An diesem Dienstag, dem 20.Oktober, TSCHE 767 42 H hat die Börse der Vereinigten Staaten und ARK in der Folge alle Finanzmärkte der Welt eine ihrer schwersten Krisen durchgemacht. Erst jetzt werden die Details über Wert seiner drei größten Gesellschaften Eigenkapitals aus, 71% bei der Bank of die Ereignisse jener Woche langsam be- (Bell, Bell Ressources und J.N. Taylor) America, 64% bei der Manufacturers kannt. Während einer gewissen Zeit wurfiel in wenigen Tagen von 5,7 auf 1,2 Hanover's, 57% bei der Bankers Trust, den an jenem Dienstag die Aktien-, Op- Mrd.Dollar. Er sah sich gezwungen, 54% der Chemical Bank, 21% der Citi- tions- und Termingeschäfte praktisch seine Aktien an die Broken Hill zu ver- corp und 20% bei der Chase Manhattan. vollständig gestoppt. Viele erstrangige kaufen; das ist der mächtigste Schwerin- In absoluten Zahlen sind sie besonders Aktien wie IBM und Merck konnten nicht dustrietrust Australiens, und Holmes hatte hoch bei Wells Fargo, Citicorp und Bank mehr gehandelt werden. Die Investoren, versucht, ihn zu übernehmen. Dieser Ver- of America. große und kleine, konnten ihre Aktien kauf brachte ihm einen Verlust von 270 nicht verkaufen, es gab keine Käufer. Die Mio.Dollar (NZZ, 23./24.1.88). Von einem rein technischen Blickwinkel Spezialisten, die sonst den Markt an der aus gesehen, wurde der Börsenkrach be- Börse bestimmen, wurden überschwemmt Über dieser ganzen traurigen Szene schleunigt durch die Hausse der Zinssätze von Verkaufsbefehlen, die nicht ausgeschwebt noch die Drohung der nicht rück- in den USA. Diese resultierte aus dem führt wurden, ihre Vermögen wurden zahlbaren Schulden der Drittweltländer. Louvre-Abkommen der sieben Großen, Die Papiere dieser Schulden werden das mit dem Ziel abgeschlossen wurde, schon jetzt mit Abschreibungen von 50% den Dollarverfall zu bremsen. Dieses Erschreckt durch den Zerfall der Aktiengehandelt. Die Morgan Bank hat der me- faule Manöver, das übrigens absolut ver- kurse, die ihnen als Garantie für Kredite xikanischen Regierung offiziell Schulden- gleichbar ist mit dem Beschluß der Zen- an Makler dienten, weigerten sich getitel des Landes mit einem Rabatt von 35- tralbanken vor dem Börsenkrach 1929, wisse Banken, einigen von ihnen noch 50% verkauft. Die großen amerikani- den Kurs des Pfund Sterling (damals an weitere Kredite zu gewähren. Sie verlangschen Banken schreiben im Moment aber den Goldstandard gebunden) gegen alle ten auch die Zurückzahlung von größeren 8 INPREKORR 205/206

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WIRTSCHAFT

Krediten und brachten so gewisse Makler- Teil des jährlichen Handelsbilanzdefizits der Konkurrenz auf einem stagnierenden firmen in Gefahr. Es gab einige große decken zu können. Markt erklärbar ist. Was die Kapitalisten Finanzinvestoren, die sich von katastro- auf dem ersten Markt gewinnen, riskieren phalen Verlusten bedroht sahen und ange- Man steht also vor einer riesigen Poker- sie auf dem zweiten zu verlieren - und sichts der wachsenden Panik dringend die partie (eigentlich einer Erpressung), wel- umgekehrt. Schließung der New Yorker Börse ver- che auf beiden Seiten ein doppeltes Dilangten. Nur durch die Intervention der lemma aufzeigt. Weil die USA auf den Federal Bank, durch die konzertierte Kursverfall des Dollars setzen (oder dro- Die Tendenz zur Ankündigung von Programmen zum hen, es weiterhin zu tun), erlangen sie Rückkauf von Aktien durch die Unterneh- wieder wirtschaftliche Vorteile, d.h. sie allgemeinen Rezession men sowie durch mysteriöse Bewegungen stimulieren ihren Export und bremsen den verstärkt sich und mögliche Manipulationen von Ter- Import, was übrigens eine Rezession in minverträgen aufgrund eines Börseninde- Japan, der BRD, Südkorea, Brasilien, xes, der selten zur Anwendung gelangt und andernorts verursachen Die Interdependenz der Krisen, die am (Nonsens, E.M.) konnte der Markt vor könnte. Allein, diese Vorteile werden 19.Oktober 1987 sichtbar geworden ist dem totalen Zusammenbruch bewahrt mehr als neutralisiert durch einen mög- Börsenkrise, Krise der Finanzwelt, Erwerden. Die Geschichte dieses Dienstages lichen totalen Dollarverfall, eine finan- schütterung der Banken, Dollarkrise. offenbart die große Schwäche im Finanz- zielle und wirtschaftliche Krise in der ka- Anfälligkeit des internationalen Wähsystem der USA, und wie ein Gespenst pitalistischen Wirtschaft, eine erneute In- rungssystems, Gefahr eines zweiten Börgeht die Möglichkeit um, daß eine solche flation und einen erneuten Rückgang der senkrachs - verstärkt die Tendenzen zu Krise wieder eintreffen könnte. 'Dienstag amerikanischen Exporte. Die amerikani- einer allgemeinen Rezession der kapitaliwar der gefährlichste Tag der letzten 50 sche Wirtschaft würde dann ebenso von stischen Wirtschaft 1988. Mehrere Volks- , hat Felix Rohatyn, ein Mann von einer schweren Rezession getroffen wer- wirtschaftler bestätigen, daß diese Rezes- Lazard Freres et Cie. erklärt. 'Ich glaube. den. Wenn die USA hingegen versuchen, sion in den USA schon begonnen hat, da daß wir nur eine Stunde vom Zusammen- den Dollar durch eine Erhöhung des Zins- seit sieben aufeinanderfolgenden Monaten bruch des Börsenmarktes entfernt satzes zu stabilisieren, würden sie eine die Konjunkturindikatoren einen Abren.** (23.11.87) eigene Rezession beschleunigen, oder schwung anzeigen. So ist der Autoverkauf genauer, alle jetzt schon bestehenden re- bereits um 15% gegenüber 1987 gesunzessiven Tendenzen verstärken. ken. Der Wohnungsbau geht zurück. Die industrielle Produktion ist nur deshalb Die doppelte Bewegung Wenn hingegen die BRD und vor allem noch nicht gesunken, weil ein guter Teil* der kapitalistischen Japan die Notwendigkeit einer ,. Verteidi- auf Lager produziert wird, dessen Begung des Dollarkurses* vertreten - ge- stände im Einzelhandel in beunruhigender Wirtschaft nauer: der Verteidigung der eigenen Wäh- Art steigen; die Verkäufe des letzteren rungsstabilität, was nur durch einen im- sind rückgängig (Business Weck vom mer stärkeren Dollarkauf möglich ist13) 1.1.88).

Indem sie eine konjunkturell gefährliche — führt dies zu einer Anhäufung von Dol- Situation retten wollte. hat die amerikani- larguthaben, die sich immer mehr entwer- Man könnte viele Quellen zitieren, die sche Zentralbank — eigentlich die ameri- ten, was wiederum zu einem gewaltigen diese Diagnose bestätigen. Beschränken Regierung - die strukturelle Kapitalverlust führt (wenn die Japaner die wir uns auf zwei. Der chemalige Wirt- Finanzkrise, mit der sie konfrontiert ist, auf 200 Mrd. geschätzten Guthaben in schaftsberater für die internationalen Openur noch verschärft. Das große Handels- Dollar halten, so sind diese heute in Yen rationen der Citicorp. Harold Van Buren. bilanzdefizit der USA kann ohne einen ausgedrückt 50% weniger wert als vor Cleveland, hebt die perversen Wirkungen massiven und regelmässigen Kapitalzu- einem Jahr). Sollten hingegen diese Län- der US-Politik des billigen Geldes und der fluss ausländischer — vor allem japani- der den Dollar frei fallen lassen, führte niedrigen Zinssätze hervor. Sie ziche eine scher - Finanzinvestoren nicht behoben das beinahe automatisch zu einer Ab- ununterbrochene Folge von Krisen auf werden. Angesichts des Niedergangs des nahme der wirtschaftlichen Konkurrenz- den Devisen- und Finanzmärkten nach Dollarkurses sind die ausländischen Kapi- fähigkeit ihrer Produkte gegenüber denje- sich, womit die Zinssätze schließlich auf talisten nicht gewillt, Kapital in die USA nigen der USA. Sie riskieren einen umfas- ein Niveau getrieben würden, das eine zu verleihen, wenn dort der Zinssatz nicht senden Rückgang der Exporte, der Pro- Rezession auslöst (International Herald höher liegt als in Tokyo, Frankfurt oder duktion, der Einkommen und damit eine Tribune vom 2./3.1.1988). Drei Wochen Zürich, wo er sich für Obligationen zwi- Rezession. Außerdem wäre die Entwer- später veröffentlichte dieselbe Zeitung schen 4 bis 5% bewegt und dies nach Ad- tung ihrer Dollarguthaben noch stärker, einen Artikel unter dem beredten Titel: dition der Inflationsrate, die in den USA wenn es sich um eine kleinere Dollar- ,Wall Street wartet auf die Rezession. über 3% beträgt. Das bedeutet, wenn der masse handeln würde. Viele Okonomen fragen sich nicht ob'. langfristige Nominalzins in den USA un- sondern "wann"." Der Artikel beginnt mit ter 8 bis 9% liegt, droht der ausländische Hinter diesem Dilemma steht die Realität dem folgenden Abschnitt: Warten auf Kapitalzufluss auszubleiben, der nötig der kapitalistischen Wirtschaft, welche die Rezession heißt das Spiel der Wall wäre, um die USA vor einer Situation a la dauernd eine Doppelbewegung Street in diesen vergangenen Tagen. Die Mexiko oder a la Brasilien zu retten: daß diejenige der Waren und des Kapitals (des Ökonomen und Analytiker der Wall Street sie die Zahlung ihrer Auslandsschulden realisierten und kapitalisierten Mehrwerts betrachten diese Rezession als unaus- (es handelt sich hier um kurzfristige Han- nach dem Verkauf der Waren). Die ge- weichlich. Die Frage ist einzig die nach delsschulden, d.h. um Rechnungen eines samte Phase der langfristigen Depression, dem Zeitpunkt ihres Beginns. Einige Be- Teils der laufend importierten Güter und welche wir momentan durchlaufen, wird obachter denken cher an 1989 als an Dienstleistungen) einstellen. Dies, durch einen wachsenden Widerspruch 1988." (IHT, 25.1.1988) die USA nicht mehr über genügend Wäh- zwischen diesen beiden Bewegungen gerungsreserven verfügen, um einen guten kennzeichnet, die durch die Verschärfung Am 17. Dezember 1987 haben 33 der

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WIRTSCHAFT bekanntesten Ökonomen der kapitalisti- ab. Wird er von Tokyo ausgehen? schen Automobilindustrie am Weltmarkt schen Welt, darunter mehrere Neo-Key- stagniert seit 1980, wenn er nicht schon nesianer, eine Erklärung veröffentlicht. In Nicht wenige Indizien deuten darauf hin. leicht zurückgeht. Selbst wenn man diesen dieser schlagen sie den Regierungen der Die japanische Börse ist (angesichts des Zahlen die für japanische, amerikanische wichtigsten kapitalistischen Länder eine immer noch irrational hohen Niveaus der und europäische Firmen im Ausland getäkonzertierte Aktion vor, um eine schwere Aktienkurse mit einem minimalen durch- tigten Fabrikationen hinzufügt. ändert Wirtschaftskrise zu verhindern. Der Ap- schnittlichen Ertrag) sehr anfällig. Der sich nicht viel am Grundmuster. Der Expell ist vorwiegend an die USA gerichtet. bescheidene Kursverfall von nur 10% ver- port von Farbfernsehgeräten aus Japan hat Diesem Land verschreiben die Okonomen mochte die Kurse nicht wie in den USA seinen Höhepunkt 1984 erreicht. Bis 1990 eine Politik ausgesprochener Härte: Sen- und Europa zu korrigieren. Oberdies hat müssen in der durch die ausländische kung der internen Ausgaben im Verhältnis sich das japanische Exportvolumen be- Konkurrenz angeschlagenen Stahlinduzur laufenden Produktion, um das Defizit reits verringert, ausgelöst zugleich durch strie, Kohleindustrie und bei den Werften der Handelsbilanz abzubauen und das den überhöhten japanischen Wechselkurs. 90.000 Arbeitsplätze gestrichen werden Defizit des Staatshaushaltes bis 1992 zu den tiefen Dollarkurs und den wachsen- Calle diese Angaben aus Spécial Japon, beseitigen. den Konkurrenzdruck der Industrien Süd- erschienen in der Wochenzeitung Le Vif koreas, Taiwans und Hongkongs.! l'Express vom 27.11.1987). Die Errich- Sie scheinen jedoch nicht zu beachten, tung japanischer schlüsselfertiger Indudaß eine solche Politik die Arbeitslosig stricanlagen im Ausland ist im Wert von keit in den USA beträchtlich steigern 2.500 Mrd. Yen 1982 auf 600 Mrd. Yen würde und automatisch in kurzer Zeit eine Die japanische 1986 gesunken. Mehr als ein Viertel die- Rezession in den USA nach sich ziehen Wirtschaft wird immer ser Lieferungen gehen in die Länder würde. Die Hypothese, daß sich diese anfälliger Osteuropas, was den wachsenden Widernicht über die übrige kapitalistische Welt stand Japans gegen das amerikanische ausbreiten würde, ist riskant, das ist das Embargo auf einen Teil dieser Lieferunmindeste, was man sagen kann. (Für die Das japanische Bürgertum versucht, die- gen erklärt (The Japan Economic Journal Erklärung dieser Ökonomen s. insbeson- sen Wirtschaftsrückgang sowohl durch vom 8.8.1987). Eine unvermeidliche, dere die Neue Zürcher Zeitung eine Intensivierung der Kapitalexporte aber bereits beunruhigende Folge für den 17.12.1987.) Die einzige Hoffnung, auf (selbst die mittelgroßen Zulieferfirmen Kapitalismus Japans ist die spektakuläre die sich die optimistischen" Ökonomen verlagern ihre Standorte nach Südkorea Verschiebung des Schwerpunkts von der ist daß sich die amerikanische und Taiwan!) als auch durch eine Vergrö- Industrie zu einer „Papierwirtschaft" Wirtschaft eher besser denn schlechter Berung des Binnenmarkts, insbesondere 1987 lag Japan an erster Stelle der kapitaaus der Schlinge ziehen würde. Die Pessi- des Wohnungsmarkts, zu kompensieren. listischen Welt auf dem Gebiet des Kapimisten unter ihnen - selbst Konservative ArbeiterInnen talexports. Aber mehr als 50% dieser - sehen eine schwere Rezession voraus. schlechtesten untergebrachten der imperi- Exporte betreffen den Finanzsektor und alistischen Welt, und unter den am den Immobiliensektor. Gemäss dem Ja- Die Hauptursache der Rezession ist offen- schlechtesten bezahlten. Man schätzt, daß pan Economic Journal vom 16.1.88 sind sichtlich weder der Börsenkrach noch die in der Metallbranche das durchschnittli- die den japanischen Aufschwung stützen- Währungsprobleme. Sie liegt im Un- che Monatsgehalt 30% unter dem der den Wirtschaftszweige vor allem die chegleichgewicht zwischen dem Wachstum BRD und Großbritanniens liegt, noch un- mische Industrie, der Wohnungsbau, die der Produktivität und der progressiven ter dem in Spanien. Dies obwohl die Ar- Werbung und die sog. Freizeitindustrie. Ersetzung von Arbeitskraft durch Maschi- beitsproduktivität viel höher liegt.) Aber nen einerseits, und der relativen Stagna- um die Profite der Unternehmen nicht des Marktes (der Kaufkraft der allzu sehr zu schmälern, wird die Auswei- „EndverbraucherInnen"*) tung des Binnenmarktes vor allem durch Die Risiken der Dies bewirkt den Fall der durchschnittli- steigende Staatsausgaben realisiert, d.h. Schaffung eines chen Profitrate und eine übermässige durch eine unangemessene Aufblähung europäischen Anhäufung von Kapital. Die Hektik der Verschuldung und der Spekulation, deren Binnenmarkts

Ausdruck und Resultat der Börsenkrach Entgegen falschen Vorstellungen ist die ist, verstärken die Widersprüche und die japanische Staatsschuld um einiges graeinem Konjunkturum- vierender als die der USA. Zwischen Der Kursverfall des Dollar hat den Nie- 1973 und 1986 ist sie von 30.9% auf dergang der finanziellen Vorherrschaft 90,9% des Bruttosozialproduktes ange- der Vereinigten Staaten beschleunigt.

Es ist bezeichnend, daß trotz der Börsen- stiegen, während sie in derselben Periode Unter den zehn größten Banken der Welt krise die Übernahmeofferten vor allem in in den USA von 39.9% auf 52.4% wuchs. sind nur noch zwei amerikanische, die Großbritannien und den USA munter wei- D.h. das Budgetdefizit der USA belief größten sind japanische. Die USA sind tergehen. Der Börsenkrach scheint die sich 1986 auf 3,4% des BSP, in Japan hin- eine Schuldnernation geworden, deren Unternehmen sogar darin ermutigt zu gegen auf 4,2% (Bank für Internationalen Außenschuld mit beängstigender Gehaben, denn der Aktienkauf ist heute an Zahlungsausgleich, Basel, Juni 1987). schwindigkeit wächst. Sie beträgt heute der Börse billiger als vor dem 19.Oktober Dieser Umstand erhöht die Anfälligkeit 500 Mrd.Dollar und nimmt jährlich um 87. Man muß betonen, daß die Banken der japanischen Wirtschaft in der gegen- weitere 100 bis 150 Mrd. zu. In diesem trotz des Zerfalls der junk bonds weiterhin wärtigen Konjunkturlage. Hinzu kommt Rhythmus wird sie in wenigen Jahren die große Kredite gewähren. Die Gewinn- eine Stagnation, wenn nicht bereits ein gesamte. Schuld der Dritten Welt übertrefsucht der Banken speist sich aus der ver- klarer Abbau der Vorteile, die die japani- fen. Japan ist zur größten Gläubigernation ringerten eigenen Rentabilität, läßt aber sche Industrie in einer Reihe von wichti- im Weltmaßstab geworden. Hinter diesem eine elementare Vorsicht außer Acht: ein gen Wirtschaftssektoren auf dem Welt- Niedergang der Währungs- und Finanzzweiter Börsenkrach zeichnet sich bereits markt erreicht hat. Der Anteil der japani- vorherrschaft Amerikas zeichnet sich of 10 INPREKORR 205/206

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WIRTSCHAFT fensichtlich ein Niedergang der industriel- strieren perfekt den Wandel im inner-imlen und technologischen Vorherrschaft Tabelle 4: Die sechs weltgröß- perialistischen Kräfteverhältnis: ab. Der Anteil der USA am Weltexport ist ten Halbleiterproduzenten • Unter den zehn wichtigsten Weltfirvon 1981 bis 1986 von 20 auf 13,8% ge- men der Übertragungstechnik, die wahrfallen, während der Anteil der Importe NEC (J) 2,60 Mrd.Dollar scheinlich die größten Wachstumschancen auf dem amerikanischen Binnenmarkt in Hitachi (J) 2,30 Mrd.Dollar in den kommenden Jahren hat, befinden die Höhe geschnellt ist (vgl. Tabelle 3). Toshiba (J) 2,28 Mrd.Dollar sich nur noch zwei amerikanische (vgl. Tabelle 5).

Motorola • Im Rennen um die Nutzung der Su- (US + J) 2,02 Mrd.Dollar praleitfähigkeit", der wissenschaftlichen Tabelle 3: Importe in Prozent Texas Instru- Entdeckung des Jahres 1987, sucht die des US-Binnenmarkts ments (US) 1,80 Mrd.Dollar US-Regierung die amerikanischen Firmen Philips (NL) 1,40 Mrd.Dollar mittels Subventionen und Geheimhal- 1979 1986 tung" an die Weltspitze zu befördern.

Stahl 10,3% 15,9% (J) = Japanisch; (US) = USA; aber die Anstrengungen Japans und Euro- Aluminium 7,8% 22,7% (NL) = Niederlande pas scheinen dahinter nicht zurückzuste- Zink 37,6% 56,7% hen.

Elektron. Teile 14,1% 18,1 • Bei Fernsehern mit hoher Auflösung Informatik 4,6% 18,1% (also Schirmen mit 1125 statt 625 Linien) Werkzeug- folgen sich Japaner und Europäer auf dem Fusse. Die Vereinigten Staaten scheinen maschinen 19,3% 40,0% Tabelle 8: Durchschnittliche überholt, obwohl es hauptsächlich um ih- Textil- Steigerung der Arbeitsproduktimaschinen 32,9% 48,8% vität 1980-1986 • In der Flugzeugindustrie haben alle Autos 13,72% 4.0% Pressionen und Drohungen der Reagan- Schuhe 35,2% 62,5% Japan 5,6% Administration nicht verhindert, daß der Radio 41,6% 63,8TV Großbritannien 4,7% 16 Airbus gegenüber Boeing wacker im Ren- Frankreich 4,0% nen blieb. Es gibt praktisch nur noch zwei Le Monde vom 19.Januar 1988 USA 3,4% wirkliche Großfirmen, eine amerikani- BRD 3,3% sche und eine europäische.

Es steht natürlich nicht zur Diskussion, Italien 3,2% Heißt das, daß man mit der „endgültigen"* daß der amerikanische Imperialismus sich Schaffung des Gemeinsamen Marktes in „desindustrialisieren" ließe, gerade weil Westeuropa 1992 eine neue Welle von es sich um eine imperialistische Bourgeoi- Fusionen curopäischer Firmen erleben sie handelt. Bei Schuhwerk von Importen wird, um den Platz des curopäischen Imabzuhängen ist tragbar. Untragbar hinge- perialismus auf dem Weltmarkt zu stärgen ist, vom Import von Schlüsselbestand- Tabelle 5: Jahresverkauf 1986 ken? Das Klima der Wirtschaftsdeteilen von Atomraketen oder - was auf in Mio.Pfund pression ist dafür kaum günstig. Eher ist das Gleiche hinausläuft — von elektroni- eine Vervielfachung von „räuberischen schen Komponenten abzuhängen, die in A.T.&T. (US) 7.590 Operationen" zu erwarten, sowie die Japan oder Südkorea hergestellt wer- Alcatel (F + US) 5.435 Schaffung mehrerer multinationaler curoden. " Daher hat die US-Regierung gegen Siemens (BRD) 2.530 päischer Finanzgruppen, wobei die Überden Aufkauf der Halbleiterfirma Fairchild Northern Telecom nahmeofferte De Benedettis für die Sodurch die japanische Fujitsu ihr Veto ein- (Kan) 2.460 cieté Générale de Belgique deutlich gelegt. Die amerikanische Firma National Ericsson (S) 2.380 macht, welche Dynamik dabei ausgelöst Semiconductor wird schliesslich Fairchild NEC (J) 2.010 werden kann. Wie in jeder langen depreswieder flott machen. Mehr noch: nach- GTE (US) 1.710 siven Welle, die wir bisher kannten, wird dem sie versucht hatten, mit japanischen die Lage der kapitalistischen Weltwirt- Firmen ein Kartell zur Aufteilung des Philips (NL) 893 schaft dadurch charakterisiert, daß der Weltmarkts (v.a. des amerikanischen GEC (GB) 74617 Niedergang der jeweiligen Führungs- Markts) zu bilden, schlossen sich die US- Fujitsu (J) 744 macht (heute die USA) nicht durch das Hersteller von Microchips im März 1987 Auftauchen einer neuen imperialistischen zu einem Konsortium zusammen, das mit Macht „ausgeglichen"" wird, die die alte Hilfe grosser Regierungs-Subventionen nen. Seit 1982 sind die industriellen Inve- ersetzen könnte. Daher wird der Platz des eine eigene Technologie der Halbleiter- stitionen pro Arbeitsplatz in Japan dreimal Dollar weder vom Yen noch vom Ecu einfertigung entwickeln soll. Aber ihre Aus- höher als in den USA (Futuribles Juli/Au- genommen, von der D-Mark. dem gangslage ist schon recht schwach, wie gust 1987). Der Abstand in der Produkti- Schweizer Franken oder dem holländider Weltverkauf von Chips 1986 zeigte vität vergrössert sich, trotz unbestreitba- schen Gulden ganz zu schweigen. 1 Daher (vgl. Tabelle 4). rer Bemühungen der amerikanischen In- haben alle Appelle an die weltweite Zu-. dustrie in den letzten Jahren. sammenarbeit der Regierungen und Staa- Der Versuch der „Re-Industrialisierung" ten, die bereits die Glaubensbekenntnisse des US-Imperialismus wird namentlich Das mindeste, was man sagen kann, ist, an die ,,Selbstheilungskräfte des Markmit Hilfe der durch die Dollarbaisse er- daß es für die USA nicht leicht sein wird. tes" ersetzen, keine großen Erfolgschanmöglichten Exportoffensive vorangetrie- das verlorene Terrain wiedergutzuma- •cen. ben. Zugrunde liegt ihr jedoch der schrei- chen, gleich ob der Dollar weiter fällt ende Mangel an produktiven Investitio- oder nicht. Vier Spitzenbranchen" illu- Das von Helmut Schmidt und Giscard

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WIRTSCHAFT d'Estaing stammende Projekt einer euro- ihre Reserven empfindlich schmälert. Das katastrophalen Folgen der Entindustrialipäischen Zentralbank wird jetzt von der ist so schmerzhaft, daß selbst Saudi-Ara- sierung und Verarmung. Der Effekt für Regierung der BRD offiziell vorgeschla- bien vorsichtig murmelt, es sei bereit, die kapitalistische Wirtschaft ist besongen. Seine Verwirklichung hängt von der sich vom Dollar zu trennen. Würde es ders pervers: massiver Transfer von Res- Zustimmung Frankreichs ab; es setzt sei- massiv Dollars verkaufen, wäre das für sourcen aus den armen in die reichen Lännerseits die Herstellung eines stabilen Washington cine Katastrophe. Aus politi- der, nicht weniger massive Verminderung Kursverhältnisses zwischen Mark und schen Gründen wird es zu diesem (finan- der Absatzmöglichkeiten der imperia- Franc wenigstens für eine längere Periode ziell vernünftigen) Verhalten nicht kom- listischen Industrien in der Dritten Welt. voraus. Es geht um das Risiko einer mas- men. 19 Es droht auch (noch) nicht die 1965 exportierten die industrialisierten siven Kapitalflucht aus Frankreich in die Gefahr eines Einbruchs im Massenkon- Länder der OECD in sechs halbindustria- Nachbarländer, wenn die Schaffung eines sum oder in der industriellen Produktion. lisierte Länder dreimal mehr Fertigwaren, Gemeinsamen Marktes 1992 nicht von als sie von dort bezogen. 1985 wiesen sie einer völligen Harmonisierung der Steuer- • Die halbindustrialisierten Länder, dagegen ein Handelsdefizit von 18 systeme und auch der Teuerungsrate zwi- im wesentlichen Südkorea, Brasilien, Tai- Mrd. Dollar mit diesen Ländern auf, ein schen Frankreich und der BRD begleitet wan, Mexiko, Singapur, Hongkong. Vor Defizit, das 1986 für die USA sogar auf wird. Davon ist man noch weit entfernt. allem infolge eines kontinuierlichen 40 Mrd. anstieg (während Japan. noch immer einen Überschuß aufweist, der allerdings allmählich verschwindet). Die

Entindustrialisierung und Verarmung ist besonders ausgeprägt in Lateinamerika.

BANK OF ENGLAND Pierre Salama gibt dazu Zahlen in Tabelle TROMISE TO INY THE BEATUR ON DEMAND THE SUM OF 6 an. 20 Nach Angaben der CEPAL (Lateinameri- ONB kanische Wirtschaftskommission) fiel die POUN Pro-Kopf-Produktion von 1980 bis 1986 in Chile um 6,4%, in Mexiko um 12%, in Argentinien um 14,2%, in Venezuela um 19% und in Bolivien um 27%. Diese sozial undifferenzierten Globalziffern müssen hinsichtlich der Senkung der Kauf- ONE POUND kraft der ArbeiterInnen, armen Bauern дов B49N 706593 und Randschichten (Arbeitslose, Subproletariat) noch erhöht werden. Die Kaufkraft der Löhne wurde in Mexiko von 1980 bis 1987 auf die Hälfte reduziert, in Brasilien schwankt die Senkung zwischen 37 und 55%.

Die französische Bourgeoisie strebt vor Wachstums ihrer Exporte in die USA haallem eine neue „Anpassung" des Franc- ben sie 1987 einen Aufschwung der Indu- Nun haben zwar der Fall des Dollar (und Kurses an die D-Mark (d.h. eine neue strieproduktion erlebt. Eine neue Rezes- die sinkenden Zinsen) den Realwert der Franc-Abwertung) an, che sie in dieser sion in den USA müßte ihnen, kombiniert Schulden und des Schuldendienstes ge- Frage irgendwelche Risiken eingeht. mit dem niedrigen Dollarkurs, unver- mindert. Das nützt insoweit, als ein Teil meidlich ebenfalls eine Rezession brin- der Exporterlöse der Drittweltländer aus gen. Der japanische Markt ist nicht groß Ausfuhren nach Europa oder dem Fernen Die USA im Verhältnis genug, um gleichzeitig ersatzweise Ab- Osten stammt - oder ihre Währung vom zu den Ländern der sog. satzgebiet für Südkorea, Taiwan, Brasi- Dollar abgekoppelt ist, was gegenwärtig lien und Mexiko zu sein. nur für Taiwan zutrifft. Aber diese mo- Dritten Welt mentanen werden durch die • Die andern Länder der sog. Dritten wachsende „Dollarisierung" ihrer Wirt- Welt. Diese leiden vor allem unter den schaften neutralisiert oder gar ins Gegen- Um die Wirkungen der amerikanischen Folgen der vom Internationalen Wäh- teil verkehrt. Die internationale kapitali- „Anpassungspolitik" auf die Wirtschaft rungsfonds auferlegten „Anpassungs"- stische Wirtschaft ist in der Tat gegenwärder sog. Drittweltländer zu verstehen, Politik, die die Rückzahlung ihrer Schul- tig in zwei verschiedene Währungszonen muß man drei Kategorien dieser Länder den erleichtern soll. Diese Politik führt zu geteilt: eine, die man innerimperialistisch unterscheiden, ohne dieser Klassifizierung einen absoluten Wert oder wissenschaftliche Bedeutung zuzumessen (Indien bleibt z.B. ein Sonderfall, da sein Binnen- Tabelle 6: 1980 1983 1984 1985 1986 markt immer noch stark abgeschottet ist):

Nettotransfer der Die „Überschuss"-Länder der Ressourcen + 2,2% -5, 1% -4,1% -4,7% -3,0% OPEC, im wesentlichen Saudi-Arabien, Investitionsrate 23,3% 17,4% 17,5% 16,9% 17,4% die Emirate am Golf und Kuwait. Diese

Länder leiden unter der kombinierten In Prozent des Bruttoinlandsprodukts. In absoluten Zahlen wurden zwischen Wirkung der sinkenden Olpreise, die die 1980 und 1986 145 Mrd. Dollar aus Lateinamerika in die imperialistischen Länkommende Rezession noch verschärfen der transferiert.

wird, und des Kursverfalls des Dollar, der 12 INPREKORR 205/206

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WIRTSCHAFT nennen kann (obwohl Taiwan dazugehört), wo der Dollar im Vergleich zu den Tabelle 7: Gesamtschulden der Dritten Welt (in Mrd.Dollar) andern Währungen stark abgewertet ist.

und jene, die man „zur Dritten Welt ge- 1984 1985 1986 1987 1988 hörig" nennen kann, wo sich die nationalen" Währungen unter dem Druck einer Langfristige 714 784 871 930 980 immer stärkeren Inflation auch gegenüber Kurzfristige 163 166 150 155 155 dem Dollar abwerten.

Gesamtschulden 958 1.038 1.120 1.190 1.245 Dazu kommt die dauernde Verschlechterung der terms of trade, d.h. des Verhält- Quelle: Bericht der Weltbank, aus: Neue Zürcher Zeitung vom 19.Januar 1988 nisses zwischen den Preisen der Exportund der Importprodukte, für die Drittweltländer. Sie verlieren dadurch viel Dollar 1987. 1985 und 1987 weist Brasi- Stelle der internationalen Klassensolidarimehr, als sie durch den Kursrückgang des lien erstmals in seiner Geschichte im Be- tät. Dollars und der Zinsen gewinnen: zwi- reich der Ausrüstungsgüter eine ausgeglischen 1284 und 1986 fielen die Rohstoff- chene Bilanz aus (Jornal do Brasil vom Anstatt daß man versucht, die ArbeiterInpreise um ein Viertel. Dazu kommt auch 6.März 1988). nen aller Länder im Kampf für die 35-32 die weiter anhaltende Kapitalflucht der Stunden-Woche zu vereinen, schließt man Besitzenden in den Ländern der Dritten Die neue allgemeine Rezession, die sich sich mit den eigenen Unternehmern gegen Welt, die ihr Vermögen in Dollar oder jetzt abzeichnet, wird vor allem einen die Einstellung von Arbeiterinnen aus starken Währungen anlegen, und die ein neuen Schub Arbeitslosigkeit bringen. anderen Ländern zusammen - und damit bedeutendes Gegengewicht zur Außen- Diese beläuft sich momentan allein in den gegen die ArbeiterInnen. Es ist die Politik schuld der Länder Lateinamerikas bildet. imperialistischen Ländern auf ungefähr 40 des „Exports der Arbeitslosigkeit", deren Millionen Menschen.21 Bei der nächsten verheerende Folgen die internationale Krise könnten es leicht 45 Millionen oder Arbeiterklasse bereits in den Jahren 1929mehr werden. Mit dem Zerfall der Kauf- 1939 kennenlernte. Vor allem die Ge- Verschlechterung der kraft und dem drohenden Abbau der so- werkschaftsbürokraten der USA sind die- Termes of Trade zialen Sicherheit ist die Furcht vor der ser Versuchung weitgehend erlegen. Arbeitslosigkeit heute in vielen imperiali- Die objektive Grundlage für diese Reak- Trotz der grossen Opfer, die der Bevölkerung in der Dritten Welt auferlegt wurden, und der Desindustrialisierung, die TRESE BYER mit Ausnahme der halbindustrialisierten THE UNHIED SINUS OFAVERICA Länder — nur zum Teil, denn auch in Brasilien und vor allem in Mexiko verlang- TOR ALL DEBTS, PUBLIC AND PRIVATE TRIS NOTE IS LEGAL TENDER L 65817131F samte sich das Tempo der Industrialisicrung — hier stattgefunden hat, steigt die WANHINGTON, D.C. 12 Verschuldung der Dritten Welt" immer c. 12 mehr an (siehe Tabelle 7). Die politischen L

Auswirkungen des Schuldendienstes und der Schuldeneintreibung

Umschuldung. die der IWF durchsetzt, L 65817131F sind für die Wirtschaften der halbindustrialisierten Länder genauso pervers wie 12 dacheine sendler Odage Sondey tel fassen für die der imperialistischen Länder. Da meineren f ONE DOLLAROSA die Exportoffensive in erster Linie durch Lohndrückerei erreicht wird, erst recht unter der Fuchtel der Inflation, schrumpft der Inlandmarkt im gleichen Maß, wie die Exporte zunchmen. Daher kommt es auch stischen Ländern der hauptsächliche Ge- tion - und das vorläufige Echo in gewisin diesen Ländern zu wachsenden und genstand der gewerkschaftlichen Strategie sen Schichten der Arbeiterklasse - liegt anhaltenden Überkapazitäten. geworden. Während aber der Widerstand in den enormen Lohnunterschieden zwigegen die direkten und indirekten An- schen den ArbeiterInnen der imperialisti- So ist auf dem brasilianischen Kapitalgü- griffe wächst und hier und da zu erfolgrei- schen und der halbindustrialisierten Läntersektor (Ausrüstungsgüter) die Produk- chen Kämpfen führt, (sicher auch unter der. Bei den gegenwärtigen Wechselkurtionsauslastung von 64,1% im Jahr 1982 dem Einfluß der vorübergehenden Kon- sen liegt das Verhältnis bei 1 zu 10 (das auf 54,9% im Jahr 1984 gesunken, und junkturverbesserung), gibt es starke Ge- Verhältnis ist bei der Kaufkraft etwas stieg 1987 bloß auf 62,9%. Die Neube- gensätze in der Strategie gegen den Ar- weniger krass, aber der Unterschied ist stellungen am Jahresende sanken in festen beitsplatzabbau oder die Drohung damit. immer noch groß). Man glaubt also, die Cruzeiros von 127 Mrd. in 1982 auf 103 Die einen konzentrieren sich ganz auf eine Kapitalisten würden ,,die nationale Indu- Mrd. 1987. Wir stellen fest, daß im sel- radikale Verkürzung der Wochenarbeits- strie" verraten, wenn sie Produktionsstätben Zeitraum der Import von Ausrü- zeit.2 Die anderen geben den Versuchun- ten in Billiglohnländer verlegen (was alstungsgütern spektakulär zurückgegangen gen des Protektionismus nach. Dieser ist lerdings weniger oft stattfindet, als man ist. nämlich von 1.637 Mio. Dollar 1981 bloss eine - keineswegs neue — Variante glaubt), und die Import-Händler sündigund 912 Mio. Dollar 1982 auf 598 Mio. der Klassenkollaboration und tritt an die ten gegen das „nationale Interesse"". Die

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WIRTSCHAFT kapitalistische Antwort läßt nicht auf sich warten: Vereinigen wir unsere Kräfte zur Lohnsenkung in unserem eigenen Land und zur Beschränkung der Auslandsimporte (erhöhen wir also die Kosten der Konsumgüter, was darauf hinausläuft, die Reallöhne noch mehr zu senken).

Protektionsmus und Gewerkschaften

Wenn sie dieser Argumentation folgen, 100 lassen sich die Gewerkschaften auf einen Teufelskreis ein: schrittweise Lohnsenkungen — in den USA ist der Wochenarbeitslohn von 201 Dollar 1973 auf 167 • Dollar 1987 gesenkt worden; duale Gesellschaft" — in Frankreich hat cin Fünftel der ArbeiterInnen keine Arbeit: Vermehrung von prekären Arbeitsverhältnissen, die nicht oder nur teilgeschützt sind; ständiger Abbau von Arbeitsplätzen. Diese Abwärtsspirale die Ideologie der „notwendigen Opfer zur enormen Verschuldung können weder der kommt erst bei den weltweit tiefsten Löh- Erhaltung der Arbeitsplätze" müssen da- Warenabsatz, noch die Expansion der nen der halbindustrialisierten Länder zum her entschieden abgelehnt werden. Ihnen Unternehmen, noch die Finanzierung der Stehen, d.h. bei kaum mehr als einem muß die koordinierte Aktion der Arbeiter- öffentlichen Ausgaben gesichert wer- Dollar in der Stunde in Mexiko und Brasi- Innen aller Länder für die radikale Herab- den. 23 Zwar gibt es heute Liquiditätsüberlien (für Brasilien wird sogar ein mittlerer Wochenarbeitszeit schüsse. Die angehäufte Schuld steht in Stundenlohn von 0,75 Dollar behauptet). Lohnverzicht und die gemeinsame Aktion einem Mißverhältnis zum Bedarf einer Für Südkorea wird er auf 2,5 Dollars ge- der Gewerkschaften zur Anhebung der "normalen** Kapitalakkumulation. Es schätzt: für die indische Textilindustrie Hungerlöhne in den halbindustrialisierten wird daher zur Zerstörung „fiktiven" auf 1 Dollar. (Aber in nicht gewerkschaft- Ländern entgegengesetzt werden. Das Kapitals — eines Teils der ,,Papierwirtlich organisierten Branchen Indiens trifft Argument der nationalistischen Bourgeoi- schaft"* (durch Bankrott und geheime oder man auf Stundenlöhne von 0,4 Dollar). In sie in diesen Ländern, die Industrialisie- offene Vereinbarungen) - kommen. jedem Land kann man ein „Konkurrenz"- rung würde dadurch behindert, ist ebenso Aber ein beträchtlicher Teil davon wird Land als Bezugspunkt nehmen, wo die unakzeptabel wie das protektionistische bestehen bleiben, auch beim Ausbruch der Löhne noch tiefer liegen, und damit Argument in den imperialistischen Län- nächsten Rezession. Druck für weitere Lohnsenkungen und dern. Höhere Löhne in den halbindustria- Folglich wird eine „Normalisierung" der entsprechende Protektion lisierten Ländern hemmen die Industriali- produktiven Akkumulation äusserst Das ist vom Standpunkt der Arbeiterinter- sierung nicht, sondern regen sie im Ge- schwierig bis unmöglich sein. Die Rüessen um so falscher, als diese Politik ar- genteil an, weil der innere Markt größer stungsindustrie wird mehr denn je die beitsplatzvernichtend ist. Wenn sie näm- wird und ein fortschrittlicheres Modell Funktion der Ersatzanlage zur Erneuelich die Profite halten hilft oder steigert, der wirtschaftlichen Entwicklung möglich rung der kranken kapitalistischen Wirtbeschränkt sie gleichzeitig die Absatz- schaft übernehmen, trotz aller west-östlimöglichkeiten, da niedrige Löhne auch chen Abrüstungsverträge. Der Anstieg weniger Verkauf mit sich bringen. Es gibt Die enormen Ungleichgewichte, die zum der Profitrate, auf der die Schulden ebenaber anhaltendes kapitalistisches Wachs- Börsenkrach geführt haben und zur dritten falls lasten, wird langsam und ungenütum nur dann, wenn die Profite sowohl allgemeinen Rezession seit Beginn der gend bleiben. Es wird zu keiner neuen hoch sind als auch die Absatzmöglichkei- siebziger Jahre führen werden, haben expansiven Phase der internationalen katen steigen, was bei einer protektionisti- neue Grundwidersprüche im kapitalisti- pitalistischen Wirtschaft wie jene der Peschen Politik nicht der Fall ist. Der Be- schen Systems der spätkapitalistischen riode 1948-1968/73 kommen, mindestens weis: in allen Ländern, wo die Gewerk- Epoche sichtbar werden lassen, wie sie solang, wie kein spektakulärer Aufschaften eine Lohnsenkungspolitik ge- vor allem in einer „langen depressiven schwung der Mehrwertrate in der Folge schluckt haben, „um die Arbeitsplätze zu auftreten. Diese Widersprüche einer katastrophalen Niederlage der Arerhalten** , sind diese in der Industrie den- zeigten sich übrigens bereits in der vor- beiterklasse und der antiimperialistischen noch abgebaut worden. hergehenden Expansionsphase und haben Bewegungen in einer Reihe von Schlüssie in gewissem Sinn mit erzeugt. Allein selländern zu erwarten ist. Und so etwas die Dollar-Verschuldung ist in naher Zukunft außer Sichtweite.

Die Selbstreinigungs- heute sicher auf 8.000 bis 8.500 Mrd. Dolkräfte des Marktes sind lar, oder 45 bis 50 DM gefolgt von zwölf Der Schuldenberg ist zu einem Großteil Nullen - eine Zahl, die man sich nur ein Berg privater Schulden. Er widerspiein Verruf gekommen schwer vorstellen kann, aber unauflöslich gelt das verallgemeinerte Phänomen der mit dem Überleben des Systems verknüpft privatisierten Geldschöpfung und der Die protektionistischen Sirenenklänge und ist. Ohne die ständige Produktion einer „zentralisierten" Kontrolle über das Ka- 14 INPREKORR 205/206

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WIRTSCHAFT

THa lar liegt darin, Yen und Mark zusammen zu cotwerten. Das

Bürgertum von Hongkong wender diese Methode mit Erfolg

NUR ON DE an. Deshalb läft sich die Geldpolitik Japans und Europas

OF ENGLAND besser in der Formel zusammenfassen: - Verteidigung der eigenen Währung!", als in der Formel: .. Veneidigung des Dollar'". Bestimmend für diese Politik is das Kräftever- OUN hältnis zwischen dem Bankensektor und dem industriellen ADTHE SIMO Scktor innerhalb des Bürgertums dieser Länder

ONE 14. Die Textilexporte Japans in die USA sind zwischen 19%5 und 1987 von 700 auf 450 Mio. Yards im Quadrat (-0.84 m2) gesunken, während diejenigen der Volksrepublik

China, von Taiwan und Südkorea beträchtlich gestiegen sind (vgl. Far Eastern Economic Review vom 25.2.88).

15. Die vorsichtige aber reale Tendenz zur Wiederaufro stung Japans wird immer deutlicher. Gemäfl dem Japin

Economic Journal vom 27.Februar 1988 haben Japan und die USA einen Vertrag zur Herstellung besonders hoch ent wickelter konventioneller Waffensysteme geschlossen, von denen das Jagdflugzeug FSX das bezcichnenite Beispiel 13506148307 ist. Es brauchte starken amerikanischen Druck, damit Japan die Entwicklung nicht allein @bernahm. Henry Kissinger schrieb, es sei nach seiner Meinung unvermeidlich, dall Ja- 100 pan (wieder) „eine wichtige Militärmache" wird. Er versi- B49N 706593 chert, dan Japan bereits 2% seines Bruttosozialprodukts für Rüstung ausgibe. ungeachtet der verfassungsmässigen Grenze von 1 Prozent.

16. Der Sprung nach vorn in der nominalen Arbeitsproduktivität Großbritanniens ist die Folge des Niedergangs der britischen Löhne im Vergleich zu denen anderer imperialistischer Machte. Laut Die Zeit vom 1 Januar 1988 cotsprachen die relativen Kosten pro Arbeitsstunde (incl. Nchenko- Anmerkungen: sten) Mitte 1987 in Großbritannien einem Indexwert von 53 pital in den kapitalistischen Ländern. Eine 1. vgl. dazu die Zahlen in Inprekorr Nr gegenüber 100 in der BRD, der Schweiz (und Spanient). Folge dieses Phänomens ist die Umkehr 2. Die Zeit hat diesen Zusammenhang so definiert: ..Kunst während dieser Index in den USA 76, in Japan 75, in Italien des Verhältnisses zwischen privatem Ka- ist Kapital* 72 und in Frankreich 68 betrug. Der Wert des Produktes 3. Dazu gehören auch Gold und Platin, deren Kurse 1987 einer Arbeitsstunde entsprach demgegenüber einem Index pitalbesitz und den offiziellen Devisenre- niedrig blieben, da das Angebot im Vergleich zur Nachfrage wert (bei 100 für die BRD) von 54 in Grossbritannien, 55 in serven. 1968 hielten die Zentralbanken boch war. Spanien. 90 in den USA. 83 in Japan, 75 in Frankreich und der zehn wichtigsten imperialistischen 4. Der Umfang der täglichen Transaktionen auf den Devi- 70 in Italien. senmärkten der vier wichtigsten Finanzplätze New York. 17. GEC hat seither mit der britischen Firma Plessey fusio Länder fünfmal mehr Devisenreserven als Tokyo, London und Zürich erreicht die fantastische Summe niert. Ihr Umsatz beträgt jetzt gemeinsam 1.420 Mio:Pfund. die Privatkapitalisten. 1986 besaßen die von 300 Mrd. Dollar pro Tag: d.h. abzüglich der Ferien- womit sie den Platz 8 in der Weltrangliste cinnehmen und Feiertage etwa 60.000 bis 65.000 Mrd. Dollar pro Jahr. 18. Nach dem 57, Jahresbericht der Bank für Internationa Privatkapitalisten zehnmal mehr liquides Das jährliche Volumen des Welthandels beträgt dem gegen- len Zahlungsausgleich (BIZ, Basel vom 15.6.87) machte oder halbliquides Kapital (2,400 über nur" 2.000 Mrd.Dollar (Neue Zürcher Zeitung vom 1986 das Gold zum Marktpreis" bercits 42% der Wah Mrd.Dollar), als die zehn Zentralbanken 7. und 8.November 1987). Diese Transaktionen beruhen rungsreserven aller kapitalistischen Länder aus, der Eeu also zu über 90% auf „freiem"* Kapital, d.h. vor allem Spe 3%. die Sonderzichungsrechte 1.5%. Spezialreserven des mit ihren Reserven, ohne Berücksichti- kulationsgeldern IWF 2%, die D-Mark 0,5%, andere curopäische Devisen gung des Goldes.24 Die Schwächung oder 5. Nachdem Boesky sich mit einer hohen Geldstrafe aus der 0,5%, der Yen 1% und der Rest von ca. 50% waren Iol sogar Lähmung der Nationalstaaten. Affäre ziehen konnte, die ihm trotzdem noch einige hundert lars. Millionen Dollar „unrechtmässigen" Gewinn liess, wurde 19. Die Guthaben dieser Länder werden auf ctwa 200 Mrd. selbst der USA. widerspiegelt diese Situa- er zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Für das gleiche Ver- Dollar geschätzt, von denen sie 25-30% eingebull haber tion ebenso wie der Aufschwung der Mul- gehen wurde Dennis Levine von der Drexel-Burnham-Lam- sollen (ausgedrückt in durchschnittlichen Wechselkursen tis, die sich jedem Zugriff eines National- bert zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. mit harten Währungen"). Saudi-Arabiens laufende Ein- 6. In Tokyo werden Verbrecher angestellt, um die kleinen nahmen an Petrodollars" sind von 100 Mrd.Dollar 1980) staates entziehen. Der Niedergang der Land- und Hausbesitzer einzuschüchtern, wenn diese zo- auf ca.28 Mrd. Dollar 1988 gefallen, was immer noch be „interventionistischen" Ideologie wie- gern, ihren Besitz an Spekulanten zu verkaufen (Le Monde trächtlich ist. vom 9.Oktober 1987). 20. Pierre Salama, L'impasse des politiques d'adjusemenis derum war bloss ein Ausdruck dieser 7. Wir verdanken diese Zahlen W.I. Mohareb aus Boston le des economies latino-americaines. Document neuen Situation. Sie beruhte indessen auf (USA). GREITD, Paris 1987, einer frappierenden Illusion: daß der 8. Frédéric Burgière, Japon in extenso. Nr.6. Dezember 21. Die wirkliche Arbeitslosenzahl wird in Japan und in dei 1987. wiedergegeben in: Problemes Economiques vom USA stark untertrieben, vor allem durch allerlei statistische Markt das nötige Gleichgewicht (für das 3. Februar 1988. Tricks. Laut der amerikanischen Wochenschrift The Natio : Kapital und im Interesse des Kapitals) 9. Die These der Desindustrialisierung" der groflen impe. schwankt die effektive Arbeitslosenrate in den USA um d wiederherstellen würde und daß sich rialistischen Mächte wird von vielen Autorinnen vertreten. 10%. Zu erwähnen ist v.a. Kees von der Pijl. The Making of an 22. Unserer Meinung nach ist die Forderung nach sofortige ebenso automatisch die Prosperität wieder Atlantic Ruling Class, London 1984. Einführung der 32-Stunden-Woche (4x8) beim heutigci einstellen würde, wenn auch mit etwas 10. vgl. den Artikel Währungskrise und imperialistische Umfang der Arbeitslosigkeit realistischer als die nach 3: Konkurrenz" in Inprecor (franz.) Nr.245 vom 22.6.87. Stunden, wenn man wirklich entscheidend mehr Arbeits Verspätung. 11. Die kanadischen Banken hatten sich unvorsichtigerweise plätze erzwingen will. auf die Privatisierungsoperation von British Petrol eingelas- 23. In den USA betragen die Konsumentenschulden 20% Nach dem 19.Oktober (nach dem Börsen- sen. die M. Thatcher kurz vor dem Börsenkrach eingeleitet der in den Haushalten verfügbaren Einkommen. In Großbrihatte. Sic riskierten dabei grolle Verluste, weil die von ihnen tannien war bereits 1985 cines von drei ausgegebenen Prunkrach) glaubt man nicht mehr so sehr an zu 330 Pence fest gezeichneten Aktien an der Börse nur 250- den geliehen. Dieser Anteil wuchs 1986 und 1987 beträchtden Markt. Vielmehr ruft man wieder 260 Pence erzielten. Sie übten dann starken Druck auf die lich. In der BRD ist ein Haushalt von zweien verschuldet. nach einem „wirksamen" Eingreifen der Bank von England aus, daß sie für die Verluste geradestehe. im Durchschnitt mit 10.000 DM pro Haushalt. Vier Milliowas diese auch tat …....Je nachdem, ob Ihr mächtig seid oder nen Haushalte sind mit den Rückzahlungen im Verzug. oder Regierungen. Die Zeichen stehen wieder armselig. " Die kleinen Aktienkäuferinnen können sich jetzt dazu gar nicht in der Lage. Ihre Schulden betragen 20 Mrd. auf „Neo-Keynesianismus" auf interna- über diese weise Feststellung des grossen Marxisten La Mark (Quellen: Neu Zarcher Zeinung vom 23. und tionaler Ebene. Aber zum Unglück der Fontaine Gedanken machen, sie werden daraus mindestens 24.11.87: Sunday Timer vom 12.1.1986, Der Spiegel vom einen moralischen Gewinn zichen, wenn nicht sogar einen Dezember 1986). Zwischen 1975 und 1986 stieg die Brutto- Ideologen ist keine Abstimmung unter den finanziellen. Der liberale antistaatliche Fanatismus findet verschuldung der Unternehmen in den USA von 37% des konkurrierenden Nationalstaaten, die zu- seine Grenze dort. wo die Interessen der Mächtigen auf dem Bruttosozialproduktes auf 45%, von 94% auf 1025 in Ja- Spiel stehen. pan. von 63% auf 71% in der BRD. im gleichen Zeitraum dem gegenüber dem Privatkapital zuse- 12. In den USA hat die berühmt-berüchtigte Cowboy-Fami- stieg die Bruttoverschuldung der Haushalte von 50% des hends schwächer werden, möglich. Es lie Hunt - sie wurde berühmt durch ihren Versuch, das Bruttosozialproduktes auf 65% in den USA, von 33% auf existiert weder ein Weltstaat noch eine Weltmonopol für Silber zu ergattern — nach dem Börsen- 47% in Japan, und von 42% auf 55% in der BRD (BIZ. Bakrach ihre Rennpferde verkaufen müssen, um einen Teil ih- sel. Juni 1987).

letzte „Kreditinstanz" im kapitalistischen rer Schulden zu tilgen, die sich auf mehr als eine Milliarde 24, BIZ, zit, nach Le Monde vom 6.1.1988. Von daher der System. Auf ihm lastet somit ein neuer Dollar belaufen sollen. steigende Druck auf die Remonetarisicrung"" des Goldes. 13. Eine Möglichkeit der Verteidigung der japanischen und bzw. auf die Rückkehr zum Goldstandard. den die amerika: tödlicher Fluch. westdeutschen Exporte gegenüber dem Kursverfall des Dol- nische Regierung plötzlich zu unterstützen beginnt.

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FRANKREICH

Wahl-Turbulenzen von DANIEL BENSAID die Frustration über den Niedergang des französischen Imperialismus. Alles was in der alten Tradition der französischen Rechten seit der Résistance verdrängt und verboten war, ist jetzt wieder hochgekommen. Die Tabus sind aufgehoben, ihre Überschreitung erlaubt; es ist symptoma- Spektakulärer Wahlerfolg für die Front National, Niedergang der tisch, daß der Aufschwung der Front Nagaullistischen Partei, großer Wahlsieg für Mitterrand, Erdrutsch der tional mit dem letzten Kolonialkrieg zu- KP — die insgesamt vier Wahlgänge zu den Präsidentschafts- und sammenfällt, in den Frankreich verwik- Parlamentswahlen in den vergangenen zwei Monaten in Frankreich kelt ist, dem in Neu-Kaledonien. Der haben enthüllt, daß die politische Landschaft, die Rechts-Linksfranzösische Imperialismus hat nicht mehr die wirtschaftliche Stärke, ist nicht mehr Polarisierung, ordentlich erschüttert ist. Noch haben die Rechten die internationale Wirtschaftsmacht, die sich diesmal der sozialliberalen Koalition — dem Schmusekurs der die Rolle spielen könnte, die seinem Ap- „Offnung", den Mitterrand angeboten hat - verweigert. Das letzte petit und Ehrgeiz auf militärischem und Wort darüber ist allem Anschein nach nicht gesprochen. diplomatischem Gebiet entspricht. Im folgenden geben wir Auszüge aus einem Interview mit Daniel Die Schaffung eines curopäischen Binnen- Bensaid, Mitglied des Politischen Büros der LCR, wider, das Jeder hat den Wahlerfolg der Front National betont, die 14,39% Stimmen. die sie erhalten hat; auch daß der Wähleranhang aus den unteren Schichten des Volkes kam, Durchbrüche besonders in den Städten und Regionen erzielt wurden, wo die KP traditionell ihre Hochburgen hat. In diesen Wahlen gab es jedoch darüber hinaus noch eine weitere Entwicklung: die Stärkung der FN auf der Wahlebene war begleitet von der erklärten Absicht der FN. ihren Wählereinfluß in einen wachsenden gesellschaftlichen Einfluß umzumünzen. Das zeigte sich in der Demonstration der FN am 1.Mai, an der immerhin mehrere tausend Menschen teilgenommen haben. Es wird sich im kommenden Jahr auch niederschlagen in der Absicht der FN. in etwa zwanzig Rathäusern die Mehrheit zu bekommen. Das kann ihr auch gelingen. Der nächstliegende. und in gewissem Sinne symbolische Fall ist Marseille, die zweitgrößte Stadt Frankreichs. Hier hat die FN 28% der Stimmen bekommen und sie hat wirkliche Chancen, das Bürgermeisteramt an sich zu reißen. Daneben gibt es aber auch eine Reihe bedeutender Städte, in denen die FN heute die stärkste Partei auf der Rechten ist und also die anderen Parteien der Rechten unter Druck setzen kann, daß sie ein offenes oder verstecktes Bündnis mit ihr eingehen.

Die Ursachen für diese Entwicklung sind lang und breit beschrieben worden: die anhaltende Krise, die Arbeitslosigkeit. der gesellschaftliche Frust, die Verunsicherung, manchmal auch Verzweiflung bestimmter gesellschaftlicher Schichten. Wenn man dieses Phänomen aber wirklich ernst nehmen will, muß man alle Faktoren berücksichtigen. Es hat gesellschaftliche Wurzeln. das ist wahr: es gibt aber auch politische Gründe dafür, vor allem markts 1992 verschärft diese politische Identitätskrise. Ich glaube, daß das Phänomen Le Pen kein vorübergehendes ist. Die notwendige Antwort darauf kann sich nicht auf die Verteidigung der demokratischen Institutionen beschränken, auch wenn dies wichtig ist. Man muß klar und deutlich sagen, daß die Sozialistische Partei mit dem Feuer spielt, wenn sie versucht, den Aufschwung Le Pens als Instrument zu benutzen, um die Rechte zu spalten und die sog. zivilisierte Rechte" abzusondern, mit der sie bereit wäre, eine Mitte-Links-Koalition einzugehen. Das gilt in etwas abgewandelter Form auch für die KP. die trotz des Aufschwungs von Le Pen an einer sektiererischen, spalterischen Politik festhält, wie man es wieder an der Zersplitterung der Kräfte der Arbeiterbewegung am 1.Mai sehen konnte. Für uns ist dies eins der politischen Probleme in den kommenden Jahren. ... Neben diesen wirtschaftlichen und politischen Faktoren spielt vor allem eine Rolle, daß die Linksregierung jede Hoffnung auf einen Wandel und eine gemeinsame Antwort auf die Krise eigenhändig begraben hat. Das zeigt sich heute daran, daß Le Pen sich aufspielen kann als jemand, der „Werte" verteidigt, auch wenn sein Wahlkampf völlig hohl war und diese Werte für uns völlig negativ besetzt sind; aber er tritt auf als jemand, der eine klare Position hat.

Auf gesellschaftlicher Ebene gibt es einen gewissen Zusammenhang zu einem Identitätsverlust der Arbeiterklasse. Die KP hat jahrelang diese Identität verkörpert. diesen Stolz und die Würde, ein Arbeiter zu sein. Es war das Gefühl, daß man zu einer Gemeinschaft gehörte, zur Welt der Arbeit, der ArbeiterInnen, der Arbeiterklasse: das war ein Wert an sich, er gab den Menschen, die dazu gehörten, einen Halt. das Gefühl. etwas wert zu sein,

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Rechte zu haben. Mit dem gegenwärtigen Niedergang der KP geht diese Identität verloren. Hinzu kommen die Umwälzungen durch die Krise und den Beitritt zum curopäischen Binnenmarkt. Die Reaktion darauf ist eine Hinwendung zu den traditionellen nationalen Werten. etwas was der Bourgeoisie im übrigen Probleme bereiten wird. Denn es ist riskant, sich in dieses Abenteuer Europa zu begeben. wenn zugleich der Nationalismus zunimmt; das führt zu zahlreichen Widersprüchen und Krisen. In jedem Fall widerspiegelt sich im Aufstieg Le Pens auch diese trügerische, mythische und imaginäre Rekonstruktion einer Identität und Solidarität, die durch den Niedergang der KP zerstört wurde. ...

Der Wahlniedergang der KP birgt die Gefahr cines kumulativen Effekts auf allen Ebenen des Apparates. Man kann sich schwer vorstellen, daß die KP. wenn sie erst einmal im politischen Leben auf ein reduziertes Maß zurechtgestutzt ist, noch lange eine solch absolute Hegemonie über die CGT aufrechterhalten kann, die immer noch die stärkste Gewerkschaft ist. Beim gegenwärtigen Wahlsystem riskiert sie auch, wenn ihr die Sozialistische Partei nicht gerade Wahlgeschenke macht. daß sie im Parlament keine Fraktion mehr bilden kann. denn dazu braucht man 30 Abgeordnete: ebenso läuft sie Gefahr. ihre Vertretung in den Rathäusern einzubüßen. die sie seit langem kontrolliert. Ein Teil des Apparats, seiner materiellen und sozialen Basis, bricht wie ein Kartenhaus zusammen.

Hinzuzufügen ist, daß sich in den letzten Wochen die ausdrückliche Kritik der sowjetischen Organe an die Adresse der KP häufen. Ich will den Ereignissen nicht vorgreifen, aber darin kann sich ankündigen. daß die Sowjetunion die KP fallen läßt. Was an ihre Stelle treten soll, bleibt offen. Offensichtlich haben die Sowjets in der europäischen Politik heute ein Interesse. ihre Beziehungen zur Sozialdemokratie oder zur Euro-Linken im Europa- Parlament auszubauen, auch Beziehungen zu kleinen Kommunistischen Parteien zu unterhalten; diese wären aber im wesentlichen Pressuregroups an der Peripherie einer weitgehend hegemonialen Sozialdemokratie.

Was die Kandidatur Juquins betrifft, muß man sagen, daß sie das politische Feld nicht optimal besetzt hat. Politisch und auch in Wählerstimmen gerechnet hätte damit mehr gemacht werden können.... Dennoch bedauern wir nicht, uns in dieser Kampagne engagiert zu haben. Das Wahlergebnis war zwar enttäuschend, aber dennoch ehrenwert. teilweise. in cinigen Sektoren oder Regionen sogar gut. Um diese Kandidatur herum konnte cine Einheitsströmung aufgebaut werden, die eine ganze Reihe von Fragen aufgeworfen hat. die in der neuen politischen Situation, in der wir uns befinden, eine zentrale Rolle spielen werden. Diese Strömung hat sich vom „Realismus" der Linksregierung, der Politik des Managements" distanziert, gleichgültig ob dies nun die Force de Frappe, das Wahlrecht für Ausländer, Schlüsselforderungen wie die 35-Stunden- Woche bei vollem Lohnausgleich oder die Solidarität mit dem Unabhängigkeitskampf des kanakischen Volkes betrifft. Dal cine solche Strömung einen Ausdruck auf Wahlebene finden konnte. hat seinen Niederschlag auch in der politischen Aktion nach den Wahlen am 1.Mai gefunden: die Strömung, die Pierre Juquin bei den Wahlen unterstützt hat, hat am 1.Mai auch die Initiative für eine gemeinsame Mobilisierung gegen Le Pen und für bestimmte Forderungen organisiert. Sie hat die Initiative zu einer Demonstration gegen die Massaker des französischen Kolonialismus in Neu-Kaledonien ergriffen. Ich glaube, das ist cin Beweis dafür, daß die Themen und Forderungen, die in der Kampagne Juquins ihren Ausdruck gefunden haben, heute die Grundlage bilden - zumindest Schlüsselclemente - für eine neue, kämpferische, radikale und von den traditionellen Parteien unabhängige Bewegung. die sich von der klassischen reformistischen Politik der Mehrheitsparteien in der Arbeiterklasse abwendet. Das spielt in den Komitees heute überall eine wichtige Rolle. ... Zu den Parlamentswahlen haben die Komitees beschlossen, einige Kandidaten aufzustellen, aber keine Absprachen mit der SP zu treffen und sich auch nicht als linkes Mäntelchen für die Unterstützung der Präsidentschaftsmehrheit einspannen zu lassen. Dieser erste politische Test hat schon gereicht, die unterschiedlichen und zentrifugalen Tendenzen in der Kampagne Juquin an den Tag zu bringen und die Strömung zu sprengen. Die Rénovateurs haben gezögert. Zuerst waren sie versucht, eigene Kandidaten aufzustellen; schließlich haben sie beschlossen, in den Komitees dafür zu werben, daß keine Kandidaten aufgestellt werden, mit mehreren Argumenten.

Einige von ihnen hatten einen realen Hintergrund: materielle und finanzielle Schwierigkeiten, so schnell eine Kampagne zu führen; die Aussicht auf einen mehr als mittelmäßigen Erfolg, der wahrscheinlich noch unter dem Juquins bei den Präsidentschaftswahlen liegen würde - FRANKREICH angesichts der kurzen Wahlkampagne und des vorhersehbaren Wahlaufschwungs der * SP. usw. Das wichtigste Argument der Rénovateurs aber war, daß sie ihr Hauptaugenmerk und ihre größten Hoffnungen auf die neue Welle der Opposition richten. die es in der Kommunistischen Partei heute gibt, die internen Erneuerer". Es gab bereits mehrere Appelle, die unterzeichnet wurden. Der Gärungsprozeß in der KP wird sichtbar, wenn er auch noch nicht explosiv ist. Er ist stark genug. damit die Rénovateurs ihre Priorität ändernund sich nun wieder der Opposition innerhalb der KP zuwenden; das bedeutet gleichzeitig, daß sie auf Distanz gehen zu Pierre Juquin und den Komitees, die die Kampagne geführt haben, aber auch zur Ligue. Das alles kann sehr konjunkturell sein, kann sich sehr schnell wieder ändern, aber im Augenblick sicht es cher so aus, daß die Rénovateurs auf Distanz gehen, um in einer besseren Position zu sein gegenüber der inneren Opposition in der KP. Auf der anderen Seite haben andere Kräfte in der Kampagne, vor allem in der PSU. erkennen lassen, daß sie den Sirenenklängen der SP nachgeben, den Willen der SP zur Öffnung" testen wollen, indem sie deren Angebot zum Dialog und zur Öffnung beim Wort nehmen und Kandidaten auf SP-Listen aufstellen in den Wahlbezirken, die von der SP vernachlässigt werden. ...

Das Abschneiden der Grünen war eine Überraschung, auch für uns; es bestatigt die Existenz einer stabilen grünen Wählerschaft. Die Gründe dafür lassen sich in einer allgemeinen Tendenz zur Auflösung des Monopols auf die Kontrolle durch die traditionellen Parteien finden. Wenn wir in Frankreich ein richtiges Verhältniswahlrecht hätten, dann wäre diese Tendenz viel stärker, das steht außer Zweifel. Was Lutte Ouvrière betrifft, muß man sagen, daß sie gut abgeschnitten hat, wenn auch mit einer reichlich sektiererischen Kampagne, die aber das Image einer radikalen Kampagne hatte, der radikalen Ablehnung der traditionellen Politik, dieses Politikastertums, der Manöver von SP und KP. Sie offenbart eine radikale Protestwählerschaft im Volk, die sich in den Aussagen LOs wiederfand. ... Es war kein Ausnahmefall, daß Wähler, die sich ursprünglich für die Kandidatur Juquins interessiert hatten, in den letzten Tagen zu LO überschwenkten, weil diese ein klareres Profil abgab, ohne politischen Ehrgeiz, aber ein Bild der Aufrichtigkeit und unverdrossenen Verteidigung der Interessen der Arbeiter. Damit werden wir uns in Zukunft auseinanderzusetzen haben.

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FRANKREICH

CHANCEN FÜR

EINE • Seit einiger Zeit spricht man in Frankreich vom Niedergang des Landes. Die unterschiedlichsten politischen Richtungen debattieren darüber. Was İst Deine Meinung dazu?

• Der „Niedergang Frankreichs" — das REPOLITISIERUNG

DER

ARBEITER- BEWEGUNG

INTERVIEW MIT ALAIN KRIVINE ist eine sehr allgemeine Formulierung. Seit geraumer Zeit besteht in Frankreich eine Periode politischer Instabilität mit einer Führungskrise sowohl des Bürgertums als auch der Arbeiterbewegung. Die Linke ist stark gespalten, die Rechte ebenso. Auf der Rechten gibt es die gaullistische Partei (RPR) mit ihren einzelnen- Gruppierungen, die unterschiedlich verankert sind und verschiedene Positionen vertreten, sowie die UDF, ein Bündnis liberaler Parteien. Die Rechte ist umso mehr gespalten, als es ihr nicht gelungen ist, nach dem Vorbild Thatchers der Arbeiterbewegung eine bedeutsame Niederlage zuzufügen, obwohl sich die Arbeiterbewegung in einer recht schwierigen Situation befindet. Es gibt somit eine bedeutende Krise hinsichtlich der politischen Stabilität, die umso mehr spürbar ist, als auch die politischen Institutionen betroffen sind, die 1958 geschaffen wurden, um der Rechten politische Vorteile zu verschaffen.

Was den Niedergang Frankreichs betrifft, so denke ich, daß man konkret über die Konsequenzen der Wirtschaftskrise und die sich verschärfende Konkurrenz sprechen muß, sowie über die Versuche einer Modernisierung der wirtschaftlichen Infrastruktur, die heute wesentlich schwächer ist als bei den Konkurrenten, z.B. in Italien oder der BRD. Nach wie vor ist diese Infrastruktur in Frankreich weithin ziemlich archaisch, und es gibt wenig wirklich konkurrenzfähige Industriebranchen. Die Unternehmer sprechen selbst von einem großen Rückstand und sehen sich gezwungen — vor allem da der gemeinsame europäische Binnenmarkt vor der Tür steht — in sehr kurzer Zeit umfassende Umstrukturierungs- und Modernisierungsmaßnahmen vorzunehmen, mit all den bekannten Folgen für die Arbeitenden. Dabei handelt es sich um ein Unternehmertum, das so wenig Vertrauen in seine politische Führungen hat, daß es seit vielen Jahren kaum mehr investiert. Das war nicht nur unter der sozialistischen Regierung der Fall, sondern bereits während der Regierungszeit Giscard d'Estaings (1974-81). Es hat seine Profite vorwiegend in Spekulationsgeschäfte gesteckt, mit dem Ergebnis, daß sich die französische Wirtschaft nun in einer überaus schwierigen Situation befindet, nicht nur gegenüber den japanischen, sondern auch gegenüber den europäischen Kon-

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kurrenten. Das erklärt, weshalb aus Teilen des Unternehmerlagers die Klage über den Niedergang ertönt.

• Du sprichst von politischer Krise. Aber in den 80er Jahren gab es in Frankreich wenig Streiks und soziale Auseinandersetzungen. Die französische Gesellschaft durchlebte eine ziemlich ruhige Periode.

• Ja, Frankreich wurde zu einem relativ ruhigen Land. Wir müssen verstehen, daß es eine doppelte Krise gibt: die Krise der Glaubwürdigkeit der bürgerlichen Parteien, aber insbesondere die Krise der traditionellen Führungen der Arbeiterbewegung. Die französische Arbeiterbewegung ist insofern einzigartig, als sie in weniger als zwanzig Jahren zwei wesentliche widersprüchliche Erfahrungen gemacht hat: der politisch gescheiterte Generalstreik von 1968 und der Wahlsieg der Linken 1981. Eine ganze Generation der Arbeiterbewegung hat diese beiden gegensätzlichen Formen des Kampfes und ihr Scheitern kennengelernt - Generalstreik und Wahlen. Dies hat zu einem Klima tiefer Demoralisierung, der Skepsis und der Demobilisierung geführt: ob parlamentarische oder außerparlamentarische Aktion — alles nur Mißerfolge! Es ist schon ein starkes politisches Bewußtsein und ein starker politischer Wille erforderlich, um angesichts dieser Mißerfolge zu sagen: wir brauchen einen dritten, antikapitalistischen Weg.

So etwas beginnt sich zwar zu entwickeln, aber in den frühen 70er Jahren begann auch ein Verfall der französischen Arbeiterbewegung. Das zeigt sich im Niedergang der KP und in ihrer heutigen historischen Krise. Ebenso im starken Rückgang der Mitgliederzahlen der Gewerkschaften, der zur Folge hat. daß heute über 80 % der Lohnabhängigen in Frankreich nicht gewerkschaftlich organisiert sind. Und es zeigt sich auf der Ebene der gesellschaftlichen Mobilisierungen, in der Unfähigkeit, Forderungen und Kampfformen vorzuschlagen und voranzutreiben, die die Massen organisieren. Es entstand eine große Skepsis hinsichtlich kollektiven Handelns und der Klassensolidarität. Gleichzeitig entwickelte sich die neoliberale Offensive, die auch von den Gewerkschaftsführungen vorangetrieben wurde, die Anpassung und „Realismus" predigten. Sie hat die Arbeiterbewegung tief geprägt. Erst jetzt, ungefähr seit einem Jahr, zeigen sich die ersten Anzeichen eines Umgruppierungsprozesses, so z.B. mit der Kandidatur von Juquin, die dabei allerdings nur ein Element ist. Diese Anzeichen sind natürlich Ausdruck tieferer Ursachen.

Als die Wirtschaftskrise vor gut zehn Jahren ausbrach, haben sich ihre Auswirkungen natürlich nicht sofort bemerkbar gemacht. Zuerst waren nur einige Branchen betroffen, doch seit etwa zwei Jahren ist die Krise überall spürbar. Hinzu kommt die harte Politik der Regierung Chiracs, eine der brutalsten und reaktionärsten Regierungen, die es in Frankreich je gab. Ein Teil der Arbeiterklasse ist nicht bereit, dies hinzunehmen, und will Kämpfen. Außerdem konnte sich Le Pens Front National (FN) in der politischen Landschaft etablieren. Es gibt somit eine Reihe von Faktoren, die heute zugunsten einer gewissen Repolitisierung und Mobilisierung wirken. Doch insgesamt gab es nach dem Aufruhr des Mai 68 scit Anfang Mitte der 70er Jahre eine Umkehrung der Entwicklungstendenzen, die alles in allem für die Arbeiterbewegung ungünstig war. Die Erfahrung mit einer Regierung der Linken hat dies deutlich bestätigt. Der Sieg der Linken war noch Ausdruck des Willens zur Veränderung, doch die Folge waren sehr hart, der Verfallsprozeß wurde noch beschleunigt. • Du sprichst von den harten Angriffen der Regierung Chirac. Es wird jedoch oft die gegenteilige Meinung vertreten, in Frankreich herrsche der „weiche" Konsens, also die Besitzstandswahrung und das Durchwusteln; Erfolge „harter" Politik, so beim gescheiterten Schulgesetz oder beim Gesetz. gegen die AusländerInnen, seien bislang ausgeblieben?

Natürlich gab es keine umfassende Niederlage der Arbeiterbewegung, und die Regierung wollte und konnte die Linke nicht frontal angreifen, ohne entsprechende Gegenreaktionen hervorzurufen - aber sie brauchte es auch nicht. Das geplante Schulgesetz betraf ja das Verhältnis von Bourgeoisie und Arbeiterbewegung nur indirekt, und die Forderungen der streikenden Eisenbahnarbeiter waren nicht in erster Linie Lohnforderungen, sondern Forderungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen, die leichter durchgehen. Es gab jedoch keine bedeutenden Kämpfe gegen die Sparpolitik, die Lohnforderungen in den Mittelpunkt gestellt hätten. Heute gibt es solche Kämpfe, die äußerst hart geführt werden. Im Bereich der industriellen Umstrukturierung hat die Regierung viele harte Maßnahmen ergriffen, die zwar in kleinen Schritten, aber konsequent durchgesetzt wurden und bei denen sie Erfolge erzielt hat. So wurden verschiedene Gesetze über die Flexibilisierung der Arbeit, die Arbeitsbedin- FRANKREICH gungen, auch die Stillegung ganzer Industriezwcige wie Textil. Werften oder die• Stahlindustrie durchgesetzt. Es gab harte Auseinandersetzungen und Kämpfe in einigen Branchen, z.B. der große Stahlarbeiterstreik vor einigen Jahren, die verloren gingen. Im Hinblick auf die Ziele, die sie sich gesetzt hat, war sie einigermaßen erfolgreich, wobei ihr der neue Realismus" der Gewerkschaften und die Politik der Linken an der Regierung dabei natürlich schr geholfen haben.

• Wie steht es um die Reallöhne? Sind sie gesunken und wenn ja, wie stark? • Die Statistiker streiten darüber. Wenn man aber den Gewerkschaften glauben darf, so sind sie gesunken - allerdings relativ wenig. in der Größenordnung von 1-2 %, nach Branchen jedoch ziemlich unterschiedlich.

• So haben also die Arbeitslosen bislang für die Krise gezahlt?

Vor allem sie. Die genauen Zahlen sind unbekannt. Die offiziellen Zahlen gehen von 2,4 Mio. aus, die Gewerkschaften sprechen von über 3 Mio. Auch hier wurden soziale Errungenschaften abgebaut. Früher erhielten die Arbeitslosen 80-90 % ihres früheren Einkommens, aber inzwischen ist es zu massiven Kürzungen gekommen. Heute kann man davon ausgehen, daß etwa die Hälfte der Arbeitslosen überhaupt keine "nterstützung mehr erhält. Gleichzeitig giot es eine massive Ausweitung der ungesicherter Arbeitsverhältnisse. Millionen on Mer schen arbeiten ohne Arbeitsve ag. Die meisten Unternehmen stellen n emanden mehr ein. Die kleinen Jobs, die Gelegenheitsarbeiten, die Teilzeitarbeit greifen immer mehr um sich. Manche sprechen schon von einer dualen Wirtschaft - ich halte das für übertrieben. Es stimmt aber, daß ein bedeutender Teil der Lohnempfänger sich in prekären Arbeitsverhältnissen verdingen muß, und daraus resulticren mannigfaltige Probleme wegen der dadurch hervorgerufenen Spaltung der Lohnabhängigen.

Kommen wir zur Krise der KP. Welches sind die wichtigsten ( ünde für jene Krise, die Du vorhin : „historische" bezeichnet hast?

Für diese Krise gibt es ko. Funkturelle und tieferliegende, also istorische Gründe. Die konjunkturellen Gründe liegen vor allem im Niedergang des Stim menanteils der KP bei den Wahlen. Die KP hat innerhalb von sieber jahren etwa die Hälfte ihrer Wähler verloren, d.h.

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FRANKREICH zwischen 2 und 2.5 Mio. Stimmen. Das hat mit den Europawahlen 1979 angefangen und sich dann fortgesetzt. Früher hat die KP deutlich über 20% der Stimmen Jugend gefunden. Mit ihrer Agitation zu Südafrika konnte sie zwar ein bißchen in der Jugend rekrutieren, aber insgesamt handelt es sich nun um eine Partei älterer FNURCUl erhalten. Da es sich um eine sehr elektoralistische Partei handelt, in der die Erziehung der Mitglieder stark auf die Wahlen ausgerichtet ist, berührt sie eine Wahlnicderlage stärker als z.B. ein sabotierter Streik. Das ist für diese Partei typisch: die KP hat den Mai 68 verraten, und es hat danach nicht den Ansatz einer Spaltung gegeben. Es gab nur einige Diskussionen. Aber wenn die KP eine Wahl verliert. dann kommt dies beinahe schon einer Spaltung gleich. Die Wahlniederlagen waren also der Auslöser. Die Mitglieder forderten eine Neubestimmung der politischen Linie, da die bisherige Linie zum Stimmenverlust geführt habe. Wenn es aber schon so weit ist, dann geschicht das für eine stalinistische Partei Typische: sobald ein Punkt in Frage gestellt wird, werden alle möglichen Sachen in Frage gestellt. Genau dies ist geschehen: je nach ihrem Bewußtseinsniveau haben die Mitglieder die Parteigeschichte durchforstet und überall Fehler und Verirrungen gefunden. Einige halten die Linksunion und das Gemeinsame Programm (mit der PS) für den Ursprung des Ubels, andere gehen bis in die 20er Jahre zurück und kritisieren die Stalinisierung der Partei, wieder andere halten sogar die Spaltung von Tours 1920 (aus der die KP hervorging) für den Geburtsfehler. Alles ist offen, alles ist möglich.

Der Hintergrund des Niedergangs liegt in der Gesamtheit der geschichtlichen Erfahrungen, die die Mitglieder gemacht haben, angefangen bei der Linksunion, die viele von ihnen schlecht verdaut haben, weil sie den Eindruck hatten, von der PS „eingesackt" worden zu sein, bis zur internationalen Politik. der KP. z.B. ihre Unterstützung für Jaruzelski, Afghanistan usW.

Juquin hat in seinem Buch Fratenellement libre seine Kritik mit einer Abrechnung der Rolle der KP im Mai 1968 begonnen. Eine ganze Reihe von Kapitulationen und Irrtümern der Partei, die sich im Laufe der Zeit angehäuft haben, führen nun zu kritischen Überlegungen und Diskussionen unter den Mitgliedern. Darin liegen die eigentlichen Wurzeln der Krise. • So viel ich weiß, spielte der Mai 68 in der Krise der KP eine herausragende Rolle, denn er bewirkte, daß ihr seit geraumer Zeit die Jugend wegbleibt? Es stimmt. sie hat kaum Zugang zur Menschen, die darüber hinaus die Veränderungen, die sich in der Arbeiterklasse vollzogen haben, nicht begriffen hat. Ich meine die Entwicklung der neuen Schichten der Arbeiterklasse, der Techniker und Ingenieure. Die KP ist immer von einer sehr beschränkten Analyse der Arbeiterklasse ausgegangen, von einer Arbeiterklasse. die durch den Untergang ganzer Industriebranchen geschwächt worden ist. Die KP hatte ihre stärkste Verankerung immer in den traditionellen Arbeiterbastionen, bei den klassischen Facharbeitern. Die wichtigsten Veränderungen in der Zusammensetzung der Arbeiterklasse hat sie nicht wirklich wahrgenommen und es versäumt, diese neuen Schichten zu organisieren. Die PS konnte sich dort festsetzen und die KP fernhalten.

Heute hat die Krise einen Grad erreicht. wo nicht nur einzelne, sondern wo Mitglieder zu Hunderten die Partei verlassen. Die Notwendigkeit, Widerstand zu leisten gegen die Wirtschaftskrise, die Politik der Rechten, den Aufstieg Le Pens usw., haben sie dazu geführt, sich zusammenzuschließen und gemeinsam zu handeln. Elemente cines Programms auszuarbeiten, ja sogar an den Aufbau einer neuen Organisation zu denken. Meiner Ansicht nach sind die Erneuerer" nur die Spitze des Eisbergs dieser Krise der KP. denn sie organisieren nur eine Minderheit der Opposition, die die Partei verlassen hat. Wir müssen uns auf noch größere Absetzbewegungen und Diskussionen einstellen. Neu ist allerdings, daß diese Erneuerer", die etwa 5000 Mitglieder organisieren, sehr fähige Köpfe in ihren Reihen zählen. Es handelt sich bei ihnen nicht um junge Leute oder Parteimitglieder, die erst seit kurzem dabei sind. Im allgemeinen sind sie zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt und haben eine fünfzehn-, zwanzig-. ja dreißigjährige Parteimitgliedschaft hinter sich. Es handelt sich um Kader. Sie stehen auch für etwas, das für die KP. als sie noch eine große Partei war, besonders typisch war. Die KP hat ihre politische und gesellschaftliche Kraft immer aus der Kombination dreier Faktoren gezogen: aus ihrer Verankerung in der größten Gewerkschaft, der CGT - und bei den Erneuerern" gibt es Gewerkschaftskader zu hunderten - aus ihrer Verankerung in den Gemeinderäten, noch heute verfügt die KP über 19.000 davon — die Erneuerer" haben bereits 82 Bürgermeister und hunderte von gewählten Vertretern in den Gemeinden. Die dritte Kraftquelle der KP war immer der Parteiapparat. Bei jeder Krise gelang es dem homogenen Apparat bisher, sie beizulegen oder zu lösen. Doch heute droht dieser Apparat auseinanderzufallen. Und bei den „Erneuerern" gibt es sehr viele Leute, die aus dem Apparat kommen, Leute aus den Föderationen oder aus dem ZK sowie aus dem Gewerkschaftsapparat. Sie sind im kleinen, was die KP im großen war: daraus ergibt sich ein wahrer Reichtum von Fähigkeiten und Kenntnissen. • Unter ihnen befinden sich auch sehr viele Intellektuelle. Vor 30 Jahren galt

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(2000000000900 die KP als die Partei der Linksintellektuellen.

• Unter den Erneuerern" gibt es eine Reihe bedeutsamer Intellektueller, etwa George Labica, Patrick Tort oder Michel Cardoze. Aber schon vor dieser Krise hatte die KP bereits einen Großteil der Intellektuellen verloren, die früher ihre Anhänger waren und entweder zu den Bürgerlichen oder zur PS gingen. Es blieben aber die meisten marxistischen Intellektuellen, vor allem jene, die stark von Althusser beeinflußt waren.

• Viele Intellektuelle in Frankreich sind aber nach rechts abgewandert. Vor einiger Zeit war der Marxismus noch Bezugspunkt ihres Denkens gewesen. Sartre sprach sogar einmal vom Marxismus als dem „Horizont, der in unserer Zeit nicht überschritten werden" könne.

• Ja, es gab eine bedeutende Entwicklung unter den sogenannten Linksintellektuellen, die jahrelang eine Art Avantgarderolle gespielt haben, indem sie über Appelle, Petitionen usw. die Verratspolitik der offiziellen Linken kritisierten und ein Gegengewicht organisierten, so z.B. während der Kolonialkriege. Die Abwanderung nach rechts ist auf jene Faktoren zurückzuführen, von denen ich oben gesprochen habe, also die Niederlage von 1968, die schlecht verdaut wurde, und die internationalen Entwicklungen. So hatten beispielsweise die portugiesische Revolution, der Sturz Francos und die Revolution in Indochina Hoffnungen geweckt. die dann in Verzweiflung umschlugen. Das Pol-Pot-Regime, der Einmarsch in Afghanistan usw. haben für viele Intellektuelle zum Verlust des politischen Kompasses geführt, mit der Folge, daß sie den Kampf gegen den „Totalitarismus" aufgenommen haben. Viele von ihnen sind mit den .Neuen Philosophen" weit nach rechts abgedriftet.

Für eine(n) Deutsche(n) ist dieser „Gulag-Effekt" schwer zu verstehen. Natürlich hat es immer wieder Intellektuelle gegeben, die von revolutionären Positionen ins Lager des Reformismus übergegangen oder zu Liberalen geworden sind. Aber ein Frontenwechsel wie in Frankreich nach 1968 ist bislang eigentlich kaum vorgekommen.

• Das denke ich auch. Für die von stalinistischen Positionen ausgehenden Intellektuellen war das Erscheinen des Buches von Solschenizyn Der Archipel Gulag tatsächlich etwas, was ihre sämtlichen Grundorientierungen in Frage gestellt hat, als wären die dort beschriebenen Verhältnisse zum erstenmal aufgedeckt worden. Das Buch konnte seine Wirkung eben nur entfalten, weil es auf dem Hintergrund einer Reihe von Niederlagen der Arbeiterbewegung auf nationaler wie internationaler Ebene gelesen wurde. Das was allgemein als „Marxismus" verstanden wurde - ein über die Theorie und Praxis der KP extrem deformierter Marxismus - war nicht mehr in der Lage, glaubwürdige Erklärungen und Antworten auf die aufgeworfenen Fragestellungen zu geben. • Sprechen wir nun von den Entwick- FRANKREICH lungen im rechten Lager. In wenigen Jahren ist die Front National (FN) von Le Pen von einem kleinen Grüppchen zu einer bedeutenden Bewegung und Organisation angewachsen. Ist dies nicht Anlaf zu großen Befürchtungen?

• Beim Aufstieg Le Pens ist vor allem der Zeitpunkt zu beachten, an dem der Aufstieg begann. 1981 kamen zwei Faktoren zusammen: die Linke kommt an die Regierung, und die Wirtschaftskrise führt zu steigenden Arbeitslosenzahlen. Die Linke war unfähig, das Problem der Arbeitslosigkeit zu lösen, und deswegen passterte, was wir bereits aus der Geschichte kennen: in der allgemeinen Verwirrung gelang es Le Pen, den bestehenden rassistischen Bodensatz zu aktivieren und zu organisieren. Dieser existiert in Frankreich schon seit langem, besonders die Kolonialkriege hatten das ihre zu seiner Entstehung beigetragen. Dabei handelt es sich vor allem um einen gegen die Araber gerichteten Rassismus. Le Pen ist es damit gelungen, bedeutende Teile des einfachen Volkes um sich zu scharen. In den Stadtteilen mit starkem Ausländeranteil erhält er den höchsten Stimmzahlen. Wir haben es hier mit einem klassischen Phänomen zu tun, denn die Leute, die Le Pen nachlaufen, tun dies vor allem aufgrund seiner Vorschläge zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit (Ausländer raus!"), aber auch wegen seiner Demagogie gegen die ..Politiker da oben". Sie verfängt deswegen weil die offizielle Politik tatsächlich au- Berordentlich diskreditiert ist. Seit Pétain (Chef des Vichy-Regimes) haben wir so ziemlich alle möglichen Regierungskombinationen gehabt, die alle in den Augen der einfachen Leute" mehr oder weniger gescheitert sind. Hier liegi der Manövrierspielraum eines faschistischen Demagogen. Ich denke, daß diese Bewegung sich längere Zeit haltenwird denn eine glaubwürdige Lösung des Problems der Arbeitslosigkeit ist nicht in Sicht.

• Bewegungen des Faschismus oder des „Nationalpopulismus* hat es in Frankreich in jeder Depressionsphase der letzten hundert Jahre gegeben. Bei Le Pen aber handelt es sich zum erstenmal um eine städtische Bewegung. Die poujadistische Bewegung in den 50er Jahren hingegen war ein klassischer Mittelstandsextremismus von Bauern, Kleingewerbetreibenden und Händlern.

Die beiden Bewegungen sind ganz und gar verschieden. Der Poujadismus war kein Faschismus. Es gab zwar faschisie

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FRANKREICH rende Elemente, aber es war eine korporatistische Bewegung der extremen Rechten auf dem Lande, die vor allem die kleinen Handwerker und Händler organisierte, die durch den vom Staat geführtenkapitalistischen Modernisierungsprozel an den Rand gedrückt worden waren. Der Poujadismus war also ein Phänomender Mittelschichten, nicht der einfachen Leute". Die Bewegung Le Pens ähnelt sehr viel mehr einer klassischen faschistischen Bewegung, denn es handelt sich um die untersten Schichten in den Städten, dort wo sich auch die .Gastarbeiter" befinden. In der Bretagne, wo es nur wenige Ausländerinnen gibt, erhält der Bretone Le Pen - auch in den großen Stadten nur wenige Stimmen.

Anne Tristan, die „als Maulwurf" in der Art von Günter Wallraff ein halbes Jahr als Sekretärin bei der FN in Marseille gearbeitet hat, zeigt in ihrem Buch, das unter dem Titel Von innen auch auf deutsch erschienen ist, daß die cigentliche Organisation von Le Pen ziemlich schwach ist. Sie besteht hauptsächlich aus alten Nostalgikern des Alge rienkriegs und anderen alten Faschisten. Aber es besteht eine diffuse Unzufriedenheit in den Wohngebieten und Sozialwohnungen vor allem im Norden der Stadt, die man malaise sociale nennt. Die FN organisiert Tanzabende, zu denen viele Leute hinkommen, über Politik wird kaum geredet, man fühlt sich irgendwie wohl, und bei der nächsten Wahl kriegt die FN ihre Stimmen.

• So etwas hat früher die KP als ihre Aufgabe angesehen, wozu sie sich heute immer weniger in der Lage sicht. In diesen fürchterlichen Wohnsiedlungen, wo man sich verloren fühlt, vor allem wenn man ohne Arbeit ist, von der Sozialhilfe lebt oder allein steht, hat die KP früher gesellige Veranstaltungen durchgeführt und sich mit einem Netz von Kontaktpersonen um viele soziale Belange gekümmert. Le Pen organisiert heute etwas Vergleichbares.

• Welches sind Deiner Meinung nach die Aufgaben der Arbeiterbewegung im Kampf gegen die FN?

• Das Problem muß an der Wurzel angepackt werden, und die Wurzel ist die Arbeitslosigkeit. Wir können uns nicht mehr auf Parolen wie Nieder mit dem Faschismus* oder ..Die Faschisten kommen nicht durch* beschränken. besonders weil die Mehrheit dieser Leute sich ganz. und gar nicht als Faschisten versteht. sondern ganz normal" sein will. Außerdem müssen wir verstärkt Anstrengungen unternehmen, uns in den Vierteln zu verankern, wo Le Pen vertreten ist, um die Menschen dort gegen die FN zu organisieren. Wir müssen dort auf Dauer präsent werden und diesen verarmten Schichten in geduldiger Aufklärungsarbeit zeigen, daß Le Pen kein Programm hat, was ihnen zum Vorteil gereichen könnte. Allerdings handelt es sich hier für die kleinen Organisationen der extremen Linken um cin außerordentlich schwieriges Problem. denn sie sind oft zu schwach, um in großen Trabantenstädten jenes gesellschaftliche Leben organisieren zu können. Eigentlich haben nur die KP und die PS die Kräfte, so etwas in großem Maßstab zu tun, wir leider noch nicht. Nur dort, cao

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JAHRE

WE SHALL FIGHT, M A I

WE SHALL WIN,